Tuesday, June 26, 2018

Mathilde Teil 1


UND SO FÄNGT DIE GESCHICHTE AN

Es gibt eine Landschaft, die jeder in seiner Sehnsucht gespeichert hat. Stopp! Sagen wir es besser so: Viele, die aus einer Stadt kommen, vielleicht aus einer lärmenden Großstadt, in der das Grün der Natur zugunsten gewaltiger Betonklötze zurückgedrängt worden ist, sehnen sich nach dieser Landschaft. Das Land ihrer Sehnsucht besteht aus sanften Hügeln. Hügeln über Hügeln - Weiden über Weiden. Und auf den Weiden grasen Kühe oder Pferde. Die Kühe liegen träge im Schatten großer Eichen und wiederkäuen das, was sie gefressen haben. Die Pferde galoppieren über sattgrünen Rasen oder stehen still, wie hingemalt, in ihren Koppeln.
Das sind die Bilder unserer Sehnsucht mit dem Titel „Landleben“. Alles beginnt schon links und rechts der Autobahn, die uns von unserer Stadt weg führt. Weit weg führt. Wir fahren Richtung Süden. Und unsere Sehnsucht wird größer und größer. Wiesen, Felder und Weiden so weit das Auge reicht. Unendliche Rapsfelder mit ihrem grellen Gelb. Manchmal lädt auch ein See zum Baden ein. Aber wir fahren weiter.
Doch plötzlich melden sich der Hunger, der Durst und die Blase. Wir biegen ab von der Autobahn und suchen einen Gasthof mit freundlicher Bedienung, guten Pommes mit Mayo und einem saftigen Steak für Papa. Wir fahren durch Dörfer, vorbei an verlassenen Bauernhöfen. Es gibt keinen Gasthof weit und breit. Schließlich landen wir vor einem gewaltigen Gehöft mit einem freundlichen Schild am Eingang. „Sau-Gut““ steht darauf. Aber was hat das zu bedeuten? An einem Zaun hängen mehrere gelbe Schilder mit dem Hinweis „Betreten verboten“.
Wir sitzen in unserem Auto und überdenken unsere Lage.
„Hier bekommen wir nichts zu essen,“ fasst Papa unser aller Meinung zusammen.
„Außerdem finde ich es hier unheimlich,“ gesteht der achtjährige Moritz, den seine Mutter zu seinem Ärger manchmal liebevoll Mummel nennt.
Gleich hinter lang gestreckten Stallungen des großen Hofs beginnt ein dichter Wald. Wie eine grüne undurchdringliche Wand steht er da. So, als wolle er sein inneres Leben  für sich behalten. Wir steigen trotzdem aus. Ein mörderischer Gestank empfängt uns, der das gesamte Gelände umweht. Ganz schnell sind wir wieder im Auto, fahren zurück zur Autobahn. Und weiter geht es nach Süden. Das Ziel ist Tirol. Papa freut sich schon auf den echten Tiroler Schinkenspeck.
Unseren Hunger und Durst haben wir dann schließlich in einer überfüllten Autobahn-Raststätte gestillt. Papa bekam sein Schweineschnitzel, Mama ihren üblichen „Mir- reicht- ein-Salat“ und ich, Moritz, meine Pommes. Mit viel Mayo, versteht sich.
„Warum hat das vor dem großen Bauernhof so furchtbar gestunken?“ habe ich Papa  beim Essen gefragt.
„Das war ein Schweine-Mastbetrieb. Solche Mastbetriebe gibt es, weil alle Menschen satt werden wollen.“
Mama unterbricht ihr Salatessen und schaut Papa böse an: “Erzähl dem Jungen nicht so einen Unsinn.“
Da lacht Papa und isst mit Genuss sein Schweineschnitzel zu Ende. Aber Mama hat plötzlich ihr bekanntes Flackern in den Augen. Panik ist angesagt: „Habe ich den Herd ausgemacht? Nein, ich habe den Herd nicht ausgemacht. Oder? Und die Terrassentür? Habe ich die zugemacht. Oder?“
Darauf Papa: „Kannst du dir nicht mal eine andere Schreckensgeschichte einfallen lassen?“




„SAU-GUT“

Der Bauer Olli Ringelpütz lacht laut auf. Das wirkt schon ein wenig merkwürdig. Denn Ringelpütz sitzt allein am Frühstückstisch in seiner modern eingerichteten Küche. Und noch einmal lacht er laut auf. während er die örtliche Heimatzeitung „Neue Nachrichten“ zusammenfaltet und beiseite legt. Er genehmigt sich eine weitere große Tasse extra starken schwarzen Kaffee.
Spätestens hier hätte seine Frau protestiert: „Olli, dein Magen! Denk an deinen Magen…“
Aber Uschi ist weit weg. Mit ihren Landfrauen auf einem Ausflug in die Lüneburger Heide. Also, kann er jetzt mal so richtig die Sau raus lassen, denkt Olli: Kaffee trinken, so viel er will. Und am Abend von seinem selbst gebrannten Apfelkorn saufen, so viel wie…
Mal sehen, was der Tag noch so bringt. Jetzt will Olli erst einmal die Fliege erschlagen, die ihn schon die ganze Zeit belästigt. Die Fliege sitzt auf seinem rechten Knie und putzt sich in aller Ruhe ihre Flügel. Olli hebt sachte die „Neuen Nachrichten“, peilt die Fliege an, schlägt zu und - Mist, daneben!
Die Fliege ist weg. Aber Olli hält immer noch die Heimatzeitung in seinen Händen. Dabei fällt ihm wieder ein, was er gerade gelesen hat, und warum er darüber so laut lachen musste. Er grinst. Und das sieht aus wie Schadenfreude. Was Olli gelesen hatte, war ein Bericht mit der Überschrift „Unwillkommene Gäste“:

„In dem Villenvorort 'Kleingroßsucht' ist gestern ein Geburtstagsfest am helllichten Tag durch ein Rudel Wildschweine gestört worden. Während die 35 Personen zählende  Gästeschar sich gerade auf der etwas abseits liegenden Terrasse tanzend amüsierte, drangen die Wildschweine bis zu dem Buffet vor. Das Buffet war unter einemZelt aufgebaut, was die Tiere nicht davon abhielt, sämtliche Salate durchzuwühlen.
Als einige Partygäste schließlich die Eindringlinge bemerkten und die dreisten Tiere durch lautes Schreien verjagen wollten, reagierten die Wildschweine überhaupt nicht darauf. Erst, als alle Delikatessen von ihnen aufgefressen worden waren, zogen sie sich gemächlich in den naheliegenden Wald zurück.
Ein Partydienst aus der angrenzenden Stadt lieferte nach Stunden ein neues Buffet, das vorsichtshalber im Haus angerichtet worden ist.“

Bauer Olli Ringelpütz schneidet sich noch eine dicke Scheibe Bio-Salami ab. Eine Wurst, die er direkt von seinem Nachbar, dem Öko-Landwirt Saubermann, bezieht. Die Scheibe zerlegt Olli mit einem Küchenmesser in kleine Würfel. Und während er zufrieden seine Beine unter dem Tisch ganz lang ausstreckt, zieht er den morgendlichen Rotz aus seiner Nase in den Rachen und spült alles mit einem kräftigen Schluck Kaffee hinunter. Danach isst er die Salamiwürfel mit Genuss und Bedacht.
Wenn Uschi, seine Frau, ihn jetzt so erleben würde - was für ein Spruch käme dann  unweigerlich: Olli, du bist und bleibst ein Dreckschwein. 
Übrigens „Schwein“... jetzt muss er sich dringend um seinen Schweinemastbetrieb kümmern. Das heißt für Olli: morgendlicher Kontrollgang. Funktioniert die automatische Futteranlage?  Reicht das Futter für die nächsten Tage? In zwei Wochen sind die Schweine schlachtreif, werden abgeholt und zu einem Schlachthof in Norditalien gebracht. Was die Italiener wohl mit deutschen Schweinen anfangen?
Doch das Denken, beschließt Olli Ringelpütz, soll man anderen überlassen. Und damit geht er  in den Riesenstall, in dem seine Schweine ihr kurzes Dasein fristen dürfen. Ein geübter Blick über die dichtgedrängte Schweineschar: Alle leben noch. Gut so. Dann aber nichts wie raus hier! Den Gestank kann Ringelpütz nicht vertragen. 
Jetzt noch einen Spaziergang um das Gelände. Mit Kahn, Ollis treuem Hund, eine lustige Mischung aus einer Labradorhündin und einem  Weimeraner.
„Du siehst aus wie ein Schnellzug auf falschen Rädern“, sagt Olli zu Kahn, wenn er ihn ärgern will. Aber Kahn fasst das als Kompliment auf und  springt so hoch, dass er mit seiner Schnauze Ollis Nasenspitze berührt.



DER ÜBERLÄUFER
„Bin ich jetzt auch ein Wildschwein?“  quietscht das fremde fast ausgereifte Ferkel.
„Du bist ein Dreckschwein, mehr nicht,“ knurrt Knurri, der Keiler.  Dann scheucht er den Neuling in seinem Rudel aus der Suhle, um sich selber darin wohlig grunzend zu wälzen.  Das Schlammloch gehört ihm und seiner Familie. Basta! Hirsche oder Rehe  meiden deshalb den Tümpel, wenn  Knurri  sein Bad nimmt. Denn mit Knurri ist nicht zu spaßen. 
Uns es ist ja mal wieder höchste Zeit für eine Dreck-Reinigung. Denn in Knurris Fell haben sich allerlei Tiere häuslich einquartiert.  Tierchen, die Knurri gewaltig quälten: Läuse, Zecken…
Mathilde, so hat sich der Neuling selber vorgestellt, steht staunend vor dem Schlammloch und  sieht Knurris wildem Treiben erstaunt zu. Mathilde ist ja nur widerwillig in den  Schlamm gestiegen. Weil sie sich mit ihrer rosaroten  Haut geschämt und geahnt hatte, dass eine Tarnung wohl nicht verkehrt wäre, wenn man sie vielleicht suchen sollte. Denn sie ist ja leicht zu erkennen mit ihrem großen, runden, dunklen Fleck auf der rechten Hinterbacke, der aussieht wie ein großes Herz und ihrem fast schwarzen Ringelschwanz. Beide Male haben sie von Anfang an von ihren durchweg hellhäutigen Artgenossen im Schweinemastbetrieb unterschieden.
„Du darfst Knurri nicht stören,“ sagt ein schon ziemlich großer Frischling zu Mathilde. Sein Fell hat noch die Streifen. mit denen die Wildschwein-Kinder auf die Welt kommen. Trotzdem wirft er sich vor dem Neuling in Positur, als habe er hier im tiefen Wald bereits das Sagen.
Gern hätte Mathilde ihm jetzt erzählt, warum sie auf den Namen Mathilde hört.  Aber das ist eine so  verzwickte  Geschichte,  die der kleine Aufschneider wahrscheinlich sowieso nicht verstehen würde. Denn die Verständigung zwischen einem Hausschwein  und einem Wildschwein ist nämlich gar nicht so einfach. Das hat Mathilde sofort gemerkt. Also grunzt sie nur etwas Unverständliches und verzieht sich in die sonnige Lichtung, auf der das Rudel  seiner Lieblingsbeschäftigung nachgeht: dem Fressen.
Plötzlich merkt Mathilde, dass auch sie einen Heißhunger hat. Das letzte Futter  hatte sie gestern  Abend bekommen.  Automatisch. Wieder den gleichen Brei, den sie und die vielen anderen Schweine  Woche für Woche erhielten. Der so dick und träge macht, dass man danach nur noch die Kraft hat, sich seinen winzigen Platz für die Nachtruhe zu erkämpfen.
Jetzt aber steht Mathilde mitten im großen Wald, hat Hunger - und keine vollautomatische Anlage spuckt das Futter einfach so aus. Hoppla, meldet sich da in  ihr nicht so etwas wie Sehnsucht nach der alten Bequemlichkeit? Aber war es nicht ihr freier Entschluss gewesen zu fliehen. Aus ihrem engen Stall mit all den vielen anderen Schweinen. Die alle hier lebten, um ein einen bestimmten Zweck zu erfüllen.   Welchen? Mathilde ahnte ihn, wusste ihn aber nicht. Bis der wilde Keiler Knurri hier im tiefen Wald hatte es ihr endlich erklärt hatte: „Du wirst eines Tages getötet und zerhackt. In Stücke zerschnitten oder zu Wurst verarbeitet. Und anschließend wirst du verkauft und verspeist.
„ Von wem?“ hatte Mathilde gefragt.
„Na, von denen, die dich füttern,“
„Und woher weißt du das alles?“
„Ich habe die Zweibeiner beim Grillen belauscht. Sie haben uns gelobt. Nein, unser Fleisch haben sie gelobt.“
Anfangs wollte Mathilde die Geschichte, die der Keiler ihr erzählt hat, noch nicht so recht glauben. Warum muss man so viele Schweine töten?  Damit die Zweibeiner satt werden?  Und während in ihrem Kopf  die Gedanken durcheinander wirbeln, wühlt sie auch sie mit ihrer Schnauze nach Nahrung im Waldboden.
Aber erst nach einer Weile wird ihr klar, was sie da tut: Sie sucht sich selber das Futter, das sie braucht, um satt zu werden. Keine automatische Futteranlage mehr, kein schnell satt machender Brei. Und was sie hier findet, das sind Eicheln und Bucheckern.
„Schmeckt nicht übel, was?“
Der kleine Gernegroß weicht nicht von ihrer Seite. Er zeigt ihr sogar, wo sie die meisten Bucheckern finden kann. Nämlich unter den Buchen. Bucheckern sind die Früchte der Buchen. Und Eicheln sind die Früchte der Eichen. Aber noch ist Mathilde ganz und gar unwissend. Wie soll sie auch eine Eiche von einer Buche unterscheiden können, wenn sie heute zum ersten Mal in ihrem Leben Bäume sieht?
Jedenfalls ist sie am Abend satt. Am anderen Tag aber erlebt sie eine böse Überraschung. Ihre rosige Rüsselschnauze ist entzündet. Das Wühlen im Waldboden war für den Neuling wohl doch ein bisschen zu viel gewesen.




MATHILDES TRAUM

Die Sonne wandert immer mehr Richtung Horizont. Oder ist es nicht umgekehrt? Die Bäume stehen wie eine schwarze Wand gegen den im Abendlicht glühenden Himmel. Mathilde ist müde von der Nahrungssuche. Und wohl auch von der Aufregung der letzten 24 Stunden. Was hat sie nicht alles erlebt! Mitten in der Nacht hat dieser wilde Keiler Knurri wie ein Geist in dem Schweinemastbetrieb gestanden und alle Schweine aufgefordert, ihm zu folgen. Zu folgen in die Freiheit. Aber kein Schwein hatte den Mumm dazu gehabt. Die meisten Tiere wollten um diese Zeit weiterschlafen. Einige hatten einfach Angst vor dem wilden Artgenossen mit den seitlich aus dem Maul stehenden Hauern. Nur Mathilde verspürte plötzlich einen unbändigen Drang, den Schritt in eine ungewisse Zukunft zu wagen. Gleich  danach hat sie sich gefragt: War es wirklich Mut gewesen oder einfach nur ihre Neugier, was sie da draußen erwarten würde? All das geht ihr jetzt durch ihren Schädel. Aber gleichzeitig ist sie müde. So unendlich müde,dass sie sich da wo sie steht, auf den Waldboden fallen lässt – in ein weiches Bett aus Moos und Flechten.
Und während sie schon der Schlaf zu umfangen beginnt, kann sie gerade noch wahrnehmen, wie ihre neue Familie immer unruhiger wird. Mit lautem Knurren und Grunzen versammelt sie sich. Um schließlich wie eine Räuberbande loszuziehen. Sind denn Wildschweine nicht ebenfalls müde? Eine Antwort auf diese Frage gibt es nicht mehr, denn Mathilde ist eingeschlafen und träumt...
Nun gehen Träume so ihre eigenen Wege. Es gibt schöne und schreckliche Träume. Zumindest glaubt man das, wenn man wieder aufgewacht ist und sich an seinen Traum erinnert. Aber eigentlich setzt sich ein Traum aus vielen Erinnerungen zusammen. Aus Erinnerungen an wirkliche Ereignisse, die man erlebt hat. Nur, dass dann die Ereignisse im Traum alle durcheinander gewirbelt werden.
Man muss sich das wie ein Kaleidoskop vorstellen: Fast jeder kennt ja diese kleinen Röhren  aus Pappe, in denen bunte Glasstückchen hin und her purzeln, so dass immer wieder neue Bilder entstehen. Die Glasstückchen sind unsere wirklichen Erlebnisse. Und die daraus entstehenden Bilder in dem Kaleidoskop sind unsere Träume. 
So war es auch bei Mathilde. Während sie einsam im nächtlichen Wald schlief, träumte sie, sie läge wieder in einem Stall. Helle Sonnenstrahlen drängelten sich durch die Stallfenster. Das war wohl die Erinnerung an einem dieser wenigen Sommertage in Mathildes kurzer Kindheit. Mathilde, die da noch nicht Mathilde hieß, teilte sich mit ihren fünf Geschwistern einen eingezäunten Platz in einer großen Scheune. Dort, im trockenen Stroh, erlebten die Ferkelchen die ersten Tage ihres Daseins  neben ihrer Mutter, die zufrieden grunzte, wenn die Kleinen nach ihren Zitzen suchten. Von dieser wunderbaren Zeit wollte Mathilde nicht aufhören zu träumen. Deshalb wurde dieser Traum auch immer länger. Fast eine ganze Nacht lang.
Erst gegen Morgen, als der Tag sich mit dem ersten Konzert der Singvögel zurück meldete, träumte Mathilde einen zweiten Traums. In dem kamen plötzlich viele Kinder in den Stall gestürmt, um sich die Sau mit ihren Nachwuchs anzusehen.
„Oh, das da ganz links ist ja sooo süß!“ schrie eines der Mädchen in Mathildes Traum. Es schrie so laut, dass die Sau und ihre Kinder zusammenzuckten. Hieß das jetzt Gefahr? Das Ferkelchen mit dem herzförmigen Fleck auf der Hinterbacke jedenfalls suchte sofort Schutz, indem es sich ganz nahe an die Mutter drängelte.
„Darf ich das Schweinchen mal auf den Arm nehmen?“ Das Mädchen mit der lauten Stimme hatte trotz der Bitte in seiner Stimme etwas Forderndes. Mathilde regte sich schrecklich auf in ihrem Traum, als sie unsanft hochgehoben wurde. Sie strampelte und quiekte im Schlaf auf dem Waldboden.  Erst als sie die angenehme Körperwärme eines der Mädchen spürte, beruhigte sie sich wieder.  Sie fühlte sich wohl. Ihr war, als wäre sie ganz in der Nähe ihrer Mutter.
Die Schülerin, in deren Armen sie lag, hatte nun ein leise, weiche Stimme: „Was bist du für ein süßes Kleines …..Ich lass dich nie wieder los...., mein Liebling... Süüüß! Und wie es mich anguckt! Wie meine Tante Mathilde...“
Mathilde möchte immer weiter träumen. Aber sie muss aufwachen. Der frische Tag unterbricht ihre Traumwelt. Im Unterholz knackt es, ein Kuckuck meldet sich in der Ferne, Wildtauben gurren sich auf einer hohen Fichte an, ein Reh beobachtet scheu Mathilde – den Neuling in seinem Revier. Mathildes Traum ist zu Ende. Was aber hatte sich damals in Wirklichkeit abgespielt? Und warum heißt sie seitdem Mathilde? Das hat ihr der Traum noch nicht erzählt.
Es war nämlich so: Die Lehrerin Isolde Meyer mit Y hatte eines Tages den Biobauer Saubermann angerufen und gefragt, ob sie mit ihrer Klasse eine Biologiestunde in seinem Schweinestall abhalten dürfe. Saubermann ist sofort einverstanden gewesen. Ein bisschen Reklame für seinen Biohof kann ja nicht schaden, hatte er gedacht.  Und so war die ganze Klasse von Frau Meyer mit Y in den Stall gestürmt, genau, wie Mathilde es geträumt hatte.
Doch damals war der Biologieunterricht dort im Stall auf einmal außer Kontrolle geraten. Die Mädchen hatten sich in die Ferkelchen verguckt, und hätten jeweils eins davon am liebsten mit nach Hause genommen. Als Kuscheltier. Die Jungen dagegen hatten Biobauer Saubermann gefragt, wie lange man solch ein Spanferkel eigentlich grillen müsse. Und Frau Meyer versuchte derweil einen Vortrag über das Hausschwein einst und jetzt zu halten.
 „Das Schwein gehört zur Nahrungskette der Menschen...“,sagte sie gerade. Doch kein Schüler folgte ihren Ausführungen. Erst als sie für die nächste Woche eine Klassenarbeit zu diesem Thema androhte, kehrte kurzfristig Ruhe zurück in den Stall. Dann aber fing eine Schülerin wieder an, von dem „süüüüüßen“ Ferkelchen  mit den langen Wimpern und dem dunklen Fleck zu schwärmen, das sie unbedingt auf den Arm nehmen musste – und nun gabs kein Halten mehr. Der Biologieunterricht verwandelte sich endgültig in eine Kuschelzoo-Stunde. Saubermann hob mit geübten Griff das Ferkelchen von der Sau weg, legte es der Schülerin auf den Arm - und die schrie: „Süüüß... Das guckt ja wie meine Tante Mathilde..“
Und das wurde zum Schlachtruf mit dem vor allem die Jungen die Mädchen ärgerten: „Süüüß... ! Die guckt ja wie meine Tante Mathilde!“
Es wurde zum Schlachtruf in der Klasse, auf dem Pausenhof, in den Gängen der Schule. Erst in den Ferien verlor sich der Satz durch andere Erlebnisse.
Aber was seltsam war: Der Biobauer Saubermann gewöhnte sich daran, das Ferkel mit dem großen dunklen herzfömigen Fleck auf der einen Backe „Mathilde“ zu nennen. Und das Ferkelchen beschloss , immer wenn der Name ertönte, ihn mit sich selbst in Verbindung zu bringen. Hörte es „Mathilde“, kam es sofort neugierig angerannt. Und ahnte auch nichts Böses, als Biobauer Saubermann „Mathilde“ eines Tages an den Schweinezüchter Ringelpütz weiter gab. Schuld daran war Ollis Uschi, die, „wenn Fleisch überhaupt“, nur „Öko-Fleisch“ essen wollte.
„Dein Mastschweine sind doch eher was für Supermärkte,“ hatte sie gemäkelt. Um Uschi eine Freude zu bereiten, hatte er ihr Mathilde zum zweijährigen Hochzeitstag   mit Schleifchen um den Schweinehals geschenkt. Uschi war gerührt aber ebenso schnell wieder gelangweilt, weil ja Hausschweine gefüttert werden müssen. Dafür hatte Ollis Angetraute angeblich keine Zeit. So war Mathilde von einem Tag auf den anderen in Ollis Mastschwein-Hölle gelandet...
Ja, so war das gewesen. Aber wo ist sie jetzt?  Gerade hatte sie noch zufrieden in den Armen eines Menschenkindes gelegen und geglaubt, etwas wie „süüüß“  zu hören, als die  ganze Horde Wildschweine zufrieden grunzend im fahlen Morgenlicht in den Wald zurückkehrt und sich neben Mathilde zum Schlafen niederlegt. Ängstlich versucht sie noch einmal in ihre Traumwelt zu flüchten, bis ein Eichelhäher aufgeregt und laut krächzend ganz in ihrer Nähe sich auf eine Birke nieder lässt. Der Vogel, den die Menschen auch den Waldpolizisten nennen. Vielleicht betrachtet er Mathilde als Eindringling in seinem Revier. Was ja auch stimmt.
Mathilde überlegt, was ihre neue Familie in der Nacht wohl angestellt haben könnte – und bekommt einen gewaltigen Schreck, als ihr bewusst wird, dass sie wohl die ganze Nacht allein gewesen ist, während sie hier geschlafen und geträumt hat.



MATHILDES FLUCHT WIRD ENTDECKT

Olli Ringelpütz geht mit seinem Hund Kahn über das Gelände. Endlich über  s e i n  Gelände. Denn vorgestern hat er die letzte Rate für den Mastbetrieb überwiesen. Neben dem Hof ist er jetzt Herr über mehrere Äcker, die er aber nicht bestellt. Weil er von Ackerbau -  und in Wahrheit auch von Viehzucht -  überhaupt keine Ahnung hat.
Olli hatte ein paar Semester Betriebswirtschaft studiert und war eines Tages in einer großen überregionalen Zeitung auf eine Anzeige gestoßen, die ihn nicht mehr losließ:
„Bauernhof mit gutgehendem Schweinemastbetrieb umgehend zu verkaufen. Todesfall...“
Olli fuhr aufs Land, sah sich das Ganze an, fragte seine Freundin Uschi: „Machst du da mit?“ Und Uschi wollte: Pferde, Ponyreiten, Hunde, Katzen. Vor allem Katzen. In Uschis Kopf entstand ein Landleben, das sie in der Großstadt immer vermisst hatte. Doch dann, als sie den Schweinemastbetrieb sah und roch, wollte sie wieder nicht. Olli aber rechnete ihr vor, dass man von der Schweinezucht ganz gut leben könne und die Bank ihm großzügig Kredite einräumen würde. Uschi maulte zwar weiter, rückte aber schließlich mit zwei vollen Koffern bei Olli auf dem Hof an.
Und bald danach wurde sogar geheiratet. Ohne Familien beiderseits. Ollis Eltern, Juristen im Staatsdienst, waren sauer: Ihr Olli und ein Schweinemastbetrieb – nein! So hatten sie sich die Karriere ihres Sohnes nicht vorgestellt.  Uschis Eltern sind Veganer,  lehnen also selbst Milch, Eier und Käse ab. Sie weigern sich, den Hof mit der „brutalen Schweinezucht“ überhaupt zu betreten. Warum probiere es Olli nicht mal mit Gemüseanbau? Oder ihre Uschi mit einem Streichelzoo?
Die Idee mit dem Streichelzoo hat sich in Uschi festgehakt: „Wie wäre es mit einem Ponyhof? So wie in den Filmen? ... mit dieser Heidi...“
Welche Heidi? Olli  erinnert sich nur an eine Heidi auf der Alm. Heidi und ihr Großvater und hohe Berge und Ziegen und Wiesen. Aber wo waren da Ponys?
„Quatsch!“ Uschi hat manchmal eine sehr hohe Stimmlage. „Ich meine doch die andere Heidi. Die vom Immenhof.“
Ollis Gesicht verrät: Ich verstehe gar nichts. Und stellt seine Ohren, wenn er „Ponyhof“ hört, seitdem immer auf Durchzug und geht mit Kahn, seinem Hund, spazieren. Vergisst dabei aber nie, den halb aufgepumpten Fußball mitzunehmen. Denn Kahn ist für Olli der beste Hundetorwart weit und breit. Wenn Olli einen scharfen Schuss halbhoch auf  den Hund abfeuert, dann schraubt sich Kahn förmlich nach oben, packt das sackige Leder mit der Schnauze und landet wohlbehalten mit seinen vier Beinen auf der Erde.
Aber das ist noch nicht alles. Anschließend kommt Kahn zu Olli, legt ihm den Ball vor die Füße, läuft zurück in sein nicht vorhandenes Tor und wartet auf den nächsten Schuss. Dabei lauert er mit seinen Hundeaugen auf jede Bewegung von Olli. Denn auch ein guter Hundetorwart muss ahnen,  wohin sein Gegner den Ball schießen könnte. Dieses Spiel kann für Kahn stundenlang so weiter gehen. Bis es Olli mit einem scharfen „Jetzt reicht's aber!“ beendet.
Und so treiben beide auch heute wieder einmal ihr Spiel  bei einem ausgedehnten Spaziergang. Während Olli nebenbei noch das Gelände um seinen Hof kontrolliert. muss. Denn Vorsicht ist geboten. Der Feind lauert nicht nur im dichten Wald. Es sind nicht allein Fuchs und Marder, die sich gern an Uschis kleiner Hühnerschar vergreifen. Inzwischen kommen auch als harmlose Spaziergänger verkleidete Demonstranten, die große Plakate an Ollis Zaun heften, auf denen, zum Beispiel, geschrieben steht: „Das ist hier ein Tierquäler-Betrieb“.
Selbst im Internet hat Olli schon wenig Schmeichelhaftes über seinen Betrieb lesen müssen. „ Der Schweinegott wird sich eines Tages an Olli Ringelpütz rächen“.  Oder: „ Denkt immer daran, Schweine leiden wie Menschen.“
So ein Quatsch! Olli zeigt Uschi diesen Internet-Dreck erst gar nicht. Die regt sich bloß wieder auf und liegt ihm mit ihrer Ponyfarm in den Ohren.
Jetzt hat ihm Kahn gerade den schlaffen Ball wieder vor die Füße gelegt. Mit seiner feuchten Schnauze schubst er an Ollis Beinen herum. Nun schieß schon! Und Olli, ganz in Gedanken, kickt das Leder weit von sich weg in eine stachlige Hecke direkt am Zaun. Kahn ist klug genug, den Ball aus diesem für ihn gefährlichen Gestrüpp nicht herauszuholen. Aber er bellt. Ganz laut und aufgeregt. So, als wolle er Olli etwas Wichtiges zeigen.
Vielleicht wieder ein Kaninchen, denkt Olli gelangweilt.
Doch als er seinem Hund bis zur Hecke folgt, sieht er etwas, das ihm plötzlich hellwach werden lässt: Ein Loch. Säuberlich zwischen Ästen und Erdreich gegraben. Und groß genug, dass sich sogar ein Mensch durch die wild wuchernde Brombeerhecke schlängeln könnte.
Ollis Gedanken kreisen eventuelle Täter ein. Vielleicht hat hier ein Fuchs herum gebuddelt. Oder ein Dachs. Aber dafür ist das Loch zu groß. Also, tatsächlich Menschen? Doch wer klaut heute noch ein Schwein, wenn der Kilopreis für Schweinefleisch im Keller ist?
Trotzdem beschließt Olli, die Polizei einzuschalten. Bevor er aber auf dem Revier anruft, sollte er aber erst einmal seinen Schweinebestand überprüfen. Damit er nicht falschen Alarm auslöst.
Mühsam holt er Kahns Spielzeug, den schlaffen Ball, aus der Dornenhecke. Dabei wundert er sich zwar über die paar grauen Haare, die an den Zweigen hängen und auf dem Boden liegen. Aber die können auch von Kahn stammen, denkt er.
Im Stall wird dann die Schweineschar überprüft. Kein Schwein fehlt. Glaubt Olli! Aber dann, als er, nur so zum Spaß, „Mathilde“ ruft – da drängelt sich keine Mathilde schubsend und grunzend zwischen den dicht an dicht drängeltem Mastschweinen zu ihm durch.
Er ruft lauter: „Mathilde!“
Nichts! Es kommt keine Mathilde.



 DIE NACHT DER JÄGER

Heute ist ein regnerischer Tag. Das heißt: Das Wetter kann sich nicht entscheiden. Die Luft ist voll kalter Nässe. Aber der Waldboden und die Seen haben noch die Sommerwärme gespeichert. Das satte Grün verwandelt sich unmerklich ins Gelbbraune. Und der Nebel hängt lange, bis in den Mittag hinein, über den Wiesen. Es ist September.
Öko-Landwirt Saubermann hat seinen Nachbarn Ringelpütz angerufen und gefragt, ob  Olli nicht mit zur Jagd kommen wolle. Denn Saubermann ist nicht nur Gemüsebauer, sondern auch Jäger und Heger.  Auf das Wort „Heger“ legt er einen besonderen Wert.
„Ich knalle nicht einfach Tiere ab, was böse Zungen so gern über die Jäger verbreiten“ belehrt er. „Ich sorge dafür, dass der Bestand artgerecht erhalten bleibt. Deshalb werden die Wildtiere im strengen Winter auch von mir gefüttert.“ Punkt! Saubermann lässt sich bei diesem Thema auf keine Diskussion ein.
Jetzt aber ist Jagdzeit für männliches Rotwild, und Saubermann putzt und ölt seine beiden Flinten. In den kommenden Nächten wird er auf seinem Hochsitz hocken und hoffen, dass ihm ein kapitaler Hirsch ins Visier kommt. Und weil das sehr einsam  werden kann, hat er gefragt, ob Olli Ringelpütz nicht vielleicht auch so was wie Jagdfieber spüre...
Olli hat sich geprüft. Ergebnis: Null! Kein Jagdfieber.
Das hat er Saubermann auch mitgeteilt. Aber der Biobauer lockte mit der alten Bauernweisheit: Der Appetit kommt beim Essen. Also hat Olli schließlich zugesagt und sich gleichzeitig schaudernd vorgestellt, wie er nachts frierend neben Saubermann im Wald sitzt, während Uschi zufrieden in ihrem warmen Bett schlummert. Aber was tut man nicht alles für einen guten Nachbarn.
Und so wie sich Olli das „Jagdfieber“ ausgemalt hatte, kommt es dann auch: In seiner dünnen Joppe friert er erbärmlich. Die Nacht ist saukalt, und seine Gummistiefel sind das falsche Schuhwerk für einen kühlen, nächtlichen Ausflug. Überhaupt, was hat er mit der ganzen Jägerei am Hut? Er weiß doch nicht einmal, wie ein Gewehr funktioniert. Saubermanns Gefasel vom Jagen und Hegen versteht er sowieso nicht. Seine Schweinezucht ist vollautomatisch. Das reicht ihm. Mehr Landleben muss nicht sein. 
Während ihm all das durch den Kopf geht, wird die Nacht immer dunkler und die Flasche mit dem hochprozentigen Biokorn immer leerer. Olli hält sich an der Flasche fest. Saubermann an seiner Flinte und dem Feldstecher. Olli sieht fast nichts, Saubermann so gut wie alles, denn er hat ein Nachtsichtgerät. Olli spürt eine Verkrampfung in seinen Füßen auf dem engen hölzernen Hochsitz. Außerdem gerät der Turm leicht ins Wanken, wenn einer der beiden Männer seine Position ändert. Olli denkt an Uschi im warmen Bett und nimmt noch einen Schluck aus der Flasche.
Wie spät ist es? Es geht auf vier Uhr zu. Verdammt, immer noch so dunkel. Ich muss mal pinkeln, denkt Olli.
Schon graut der Morgen, und Saubermann flüstert verschwörerisch: „Gleich ist Büchsenlicht.“
Büchsenlicht? Olli versteht nur Bahnhof. Er weiß nicht, dass eine Büchse auch ein Gewehr ist. Ein Kauz lockt mit seinem „Kiwitt-Kiwitt“ in der Stille. Olli fällt seine Großmutter ein. Hatte sie ihm nicht erzählt, dass der Kauz „Komm mit-Komm mit“ ruft und damit anzeigt, dass jemand stirbt?
So ein Quatsch! Aber Ollis Oma glaubte ja auch an Hexen und wäre am liebsten selber gern eine gewesen. Oder war sie nicht auch eine Hexe mit ihren langen, bunten Gewändern, den unzähligen Armreifen, den Räucherstäbchen und dem Steine-Auflegen? Mit  ihrem ganzen übersinnlichen Quark: Ich sehe was, was du nicht siehst...
Jetzt reicht es aber: Ollis Blase drückt, die Füße sind fast taub, kein Schuss ist gefallen, und seine Großmutter war eine Hexe. Das ist zu viel für eine Nacht ohne Schlaf.
„Ich muss mal“, flüstert er Saubermann ins Ohr.
„Nicht jetzt,“ flüstert Saubermann zurück, „gleich kommt er.“
„Wer kommt?“
Vielleicht fragt Olli eine Spur zu laut, denn unter dem Hochsitz knackt es im Unterholz. Und wieder ruft dieser Kauz sein komisches „Kiwitt-Kiwitt“.
Einerseits ist das ein bisschen unheimlich, andererseits überwiegt aber bei Olli das menschliche Bedürfnis. Und schon ist er auf der Leiter und klettert nach unten.
Saubermann zischt ihm flüsternd „ verdammter Vollidiot“ hinterher. Doch Olli ist mit sich im Reinen: Nie wieder Jagd! Die letzten beiden Sprossen der Leiter verfehlt er und landet  unsanft auf  dem Waldboden. Er rappelt sich hoch. Nichts passiert!
Während er dem Strahl seiner sich leerenden Blase hinterher lauscht, knackt es erneut bedrohlich – nun aber direkt neben ihm. Der Hirsch, denkt Olli Ringelpütz. Saubermann sitzt oben auf den Hochsitz und wartet auf den Hirsch. Und mir hier unten läuft der Hirsch direkt in die Arme.
Das ist schon verrückt.
Als er aber in die Richtung späht, aus der das Knacken der Zweige kommt, sieht er etwas, das ihn fast umhaut. Ist es der Hochprozentige von Saubermann, oder ist es der Sturz von der Leiter was ihn benebelt hat?
„Mathilde, du hier?“ fragt Olli verblüfft.
Und Mathilde antwortet: „ Ringelpütz, du hier?“
Olli: „Ich musste mal...“
Mathilde: „Du da oben mit Saubermann... was hat das zu bedeuten?“
„Wir jagen...“
 „Was?  Wen?“
Olli etwas gefasster, beinahe angeberisch: „Den Hirsch! Und was uns so noch vor die Flinte kommt.“
Mathilde: „Und mich würdest du auch bedenkenlos erschießen?“
Ringelpütz überlegt und lauscht in den dunklen Wald. Als käme von dort die Antwort auf Mathildes Frage.
„Na, ich warte: Würdest du mich auch erschießen?“
Ringelpütz windet sich. Sein eigenes Schwein direkt vor ihm. Nachts im dichten Wald. Vielleicht will es ihn anfallen. Er hört sich sagen, dass er Mathilde natürlich nicht erschießen würde.
„Aber du gehörst auch nicht hierher, Mathilde.“
„Wo gehöre ich hin? Zurück in einen deiner engen Ställe? Auf den Laster Richtung Schlachthof?“
„Woher weißt du...?“
Aus der Höhe kommt die ärgerliche Stimme von Saubermann: „Mit wem sprichst du, Olli? Oder führst du Selbstgespräche?“
„Ich bin gleich wieder da,“ ruft Olli nach oben und leise fragt er Mathilde:  „Kommst du zu mir zurück? Über den Stall und so können wir doch reden.“
„Eine dämliche Frage, Olli. Natürlich komme ich nicht mehr zu dir zurück.“
Ringelpütz hat das Gefühl, Mathilde lacht ihn aus, bis sie plötzlich, von der Dunkelheit verschluckt im dichten Gebüsch verschwunden ist. Während er sich die steile Leiter hoch hangelt, dreht er sich noch einmal um. Sieht er richtig? Lauert da unten ein Rudel Wildschweine, das ihm höhnisch hinterher guckt?
Oben angekommen, nimmt er sofort einen großen Schluck aus der „Wärmflasche“, so wie Saubermann seine Schnapspulle nennt. Und noch einen Schluck. Und noch einen...Bis Saubermann sagt: „Jetzt reicht es aber.“
Erst gegen Mittag wacht Olli am nächsten Tag auf. Sein Kopf dröhnt. Saubermanns Selbstgebrannter scheint nicht von großer Qualität zu sein. Aber was war das letzte  Nacht? Ein schlechter Traum?
Uschi scheucht ihn aus dem Bett: „Aufstehen, Olli! Deine Schweine wollen dich sehen.“
In seinem abklingenden Rausch glaubt er: Mathilde steht vor der Tür und will ihn sprechen. Ist das noch normal? Aber verrückt ist er, Olli Ringelpütz, doch auch nicht. Was dann? Olli spürt, dass er nicht mehr derselbe ist, der er noch gestern gewesen war.
Auch Mathilde, die am späten Morgen mitten im Wildschweine-Rudel erwacht, will nicht glauben, was sie in der vergangenen Nacht erlebt hat: Sie hat sich mit Ringelpütz unterhalten. Mit einem Ringelpütz, der sich aber überhaupt nicht in ihrer Nähe befand? Sondern in dem Wald, in dem Saubermann seine Jagd hat? Gut einen Kilometer entfernt? Und trotzdem kann sich Mathilde an jedes Wort dieser sonderbaren Unterhaltung erinnern?
 Ich drehe noch durch, denkt Mathilde, oder ich habe die Schweinepest. Oder ich kann tatsächlich die Gedanken von Menschen hören, verstehen und meine Gedanken auf sie übertragen.
Aber dann bin ich ja ein besonderes Schwein!



ERICH-KÄSTNER-STRASSE Nr. 17 – EIN PARADIES

Das Grundstück ist über dreitausend Quadratmeter groß. Der Garten dahinter reicht fast bis an den Wald. Ein kleiner See trennt das Anwesen von der freien Natur und einem Park, der als Hundeauslaufgebiet genutzt wird. Der Kinderspielplatz wird von Müttern und Vätern gemieden, weil im Sandkasten spielen und Hundekot nicht zusammen passen.
Der große Garten hinter dem einfachen Giebelhaus aus den Zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ist ein Paradies. Besonders für Wildschweine. Denn mitten auf der Wiese steht eine prächtige Edelkastanie. Gesund und wuchtig ragt sie in den Himmel. Jedes Jahr liefern sie reichlich Früchte. Wohlschmeckende Maronen mit einem süßen Kern. Genau solche, wie man sie auch auf dem Weihnachtsmarkt geröstet kaufen kann.
Und jedes Jahr fallen die Kastanien in das feuchte Gras und warten darauf, aufgelesen und verspeist zu werden. Aber die Menschen, die hier wohnen, denken nicht daran sie aufzusammeln. Sie kaufen die Maronen lieber auf dem Weihnachtsmarkt oder schön verpackt in einem teuren Lebensmittelladen. Für die Wildschweine jedoch ist es nun endlich mal wieder so weit. Denn Knurri der alte Keiler hat beschlossen: Heute ist die Nacht des großen Fressens.
In bunter Formation verlässt die Rotte den schützenden Wald: Vorneweg Knurri mit seinen Furcht einflößenden Hauern. Dann eine Bache mit ihren sechs Frischlingen, die erst eine Woche alt sind. Und dahinter die übrige Truppe, acht an der Zahl, in ihrer Mitte Mathilde, flankiert von zwei jungen Keilern. Sozusagen als Sichtschutz. Knurri hat sich das klug überlegt: Es soll ja nicht irgend ein später Spaziergänger  gleich stutzig werden, weil ein ganz normales Hausschwein hier mitten in einer Rotte von Wildschweinen durch die Gegend läuft.
Zunächst müssen mehrere stark befahrene Straßen überquert werden. Knurri kennt den Weg, ist umsichtig und wartet, bis kein Auto kommt. Dann aber, tempo, tempo, über den Asphalt. Und weiter geht es. Eine Kurve rechts herum, am dunkel gestrichenen Jägerzaun vorbei, den man nachts nur erahnen, kaum sehen kann. Vor allem Wildschweine sind mit ihrem Sehvermögen in der Dunkelheit nämlich sehr eingeschränkt. Aber was sie nicht sehen, können sie um so besser riechen. Zum Beispiel, das morsche Gatter mit der Lücke, die noch immer nicht repariert worden ist. Genau diese Lücke ist der Eingang in das Fress-Paradies. Und schon ist die ganze Meute am Ziel und stürzt sich auf die Kastanien.
Allein Mathilde steht etwas unschlüssig zwischen den wohlig schmatzenden Wildschweinen, die sich benehmen, als seien sie hier daheim. Schließlich frisst auch sie ein paar Kastanien. Nicht schlecht! Aber plötzlich erwacht ihre Neugier. Was passiert in dem Haus?  Dort huscht ein Lichtstrahl hin und her, der sie irritiert sie und zugleich magisch anzieht.
Schließlich siegt die Neugier über die Lust am großen Fressen. Vorsichtig nähert sie sich der Villa. Autsch! Beinahe wäre sie beim hochkraxeln zur Terrasse auf dem Bauch gelandet. Die Stufen hat sie ganz instinktiv genommen. Obwohl sie noch nie Treppen gestiegen ist. Und alles hätte auch geklappt, wenn da nicht diese glatten Fliesen gewesen wären, auf denen ihre Zehen aus Horn keinen Halt gefunden haben. Viel hätte nicht gefehlt, und sie wäre auf die Schnauze gefallen.
Mathilde hat weibliche Zweibeiner beobachtet und bewundert, die mit hohen Absätzen herum stolzieren. Wieso können die mit ihren hohen Absätzen Treppen steigen, ohne auf dem Boden zu landen? Es ist sicher alles nur Übung. Und sie wird auch üben, beschließt Mathilde.
So unauffällig wie möglich nähert sie sich jetzt der Terrassentür.
Sie ist offen, weit offen!  Ist das eine Falle?
Mathilde, deren Instinkt für wirkliche Gefahren noch nicht sehr ausgeprägt ist, steht vor einer großen Entscheidung: Soll sie sich in das Haus wagen? Oder besser ganz schnell zurück zu dem fressenden Rudel flitzen und die Anderen warnen. Das flackernde Licht, die offene Tür – da stimmt doch irgend etwas nicht. Vielleicht sollten sie alle das Fressparadies schnellstens verlassen?
Mathilde steht eine ganz Weile auf der Terrasse und überlegt. Und überlegt...
Dieser Augenblick kommt ihr wie eine Ewigkeit vor. Aber später wird sie sich an jene Nacht erinnern und wissen, dass sie anschließend das Richtige getan hat. Sie ist in das Haus gegangen und in die Welt der Menschen eingedrungen.
Deshalb also geht Mathilde nun mutig in das Wohnzimmer. Und dabei bekommt sie mit, dass sich das hin- und herwandern der  Lichtkegel im Haus als ungefährliches Trugbild entpuppt. Denn jedesmal, wenn ein Auto auf der Straße hinter dem Garten um die Ecke biegt, spiegeln sich die Scheinwerfer auf den großen Scheiben der Terrassentüren. Mathilde ist stolz, dass sie dieses Naturschauspiel so schnell durchschaut hat.
Trotzdem noch vorsichtig erkundet sie weiter das Haus. Was nicht einfach ist, weil das glatte Parkett für jeden Paarhufer, eine Tiergattung, zu der auch Mathilde gehört, so seine Tücken hat. Immer wieder rutscht sie aus. Schlittert nach links, schlittert nach rechts. Bis sie endlich festen Halt unter ihren vier Hornfüßen spürt. Ein riesiger Teppich ist ihre Rettung. Ein Teppich, auf dem eine ebenso riesige Sitzgruppe steht. Mit einer Fläche, die unendlich viel größer ist, als der winzige Platz, den sie im Mastbetrieb von Olli Ringelpütz hatte.
Mit ihrer rechten Vorderpfote tastet Mathilde das Polster ab. Nicht unangenehm! Mathilde wird kühner: Volle Breitseite hoch zum Sofa und sich seitwärts darauf abrollen: Sehr angenehm!  Mathilde liegt auf dem Rücken, wälzt sich nach allen Seiten und fühlt sich sauwohl
Gleichzeitig wird ihr bewusst, dass dies hier nicht ihr Zuhause sein kann. Hier wohnen Menschen. Was würden die sagen, wenn sie in ihrem Wohnzimmer eine wildfremde Sau sähen, die sich auf ihrer kostbaren Sitzgruppe herum wälzt?
Aber keine Bange, unsere Familie, die sonst hier wohnt, sitzt ja schon weit weg in ihrem Ferienhaus in Südtirol und schmiedet Pläne.
Papa: „Morgen wird gewandert. Ich freue mich darauf.“
Mama: „ Wandern? Hoffentlich nicht den ganzen Tag.“
Junior: „Heute esse ich nur Gummibärchen. Egal, ob ich morgen Bauchschmerzen haben werde oder nicht.“
Doch davon weiß Mathilde natürlich nichts. Sie schließt die Augen und genießt das weiche Sofa. Erst, als eine heftige Windböe die Terrassentür zuschlägt und ein paar alte  Zeitungen wild durch der Raum wirbeln, wird sie wieder hellwach. Sie wälzt sich hinunter auf den Teppich und verfängt sich in den großen, herumliegenden und fliegenden Seiten und will mit der Schnauze die Zeitungen beiseite schieben – als ihre Augen an einer großflächigen Anzeige hängen bleiben. Genau gesagt, auf dem Foto  von einem jungen Schwein. Durchbohrt von einem Spieß. Unter dem ein Feuer lodert.
Mathilde glaubt nicht, was sie sieht. Bis sie den Text dazu liest: „Spanferkel – ein Genuss! Fertig zubereitet für nur 99.- Euro...“
Mathilde steht starr in dem weiträumigen Wohnzimmer. Mit zwei Tatsachen muss sie jetzt fertig werden. Erstens: Knurri, der alte Keiler, hat ihr die Wahrheit gesagt.  Menschen töten Schweine, um sie zu verspeisen. Zweitens: Ich, das Schwein Mathilde, kann lesen, was Menschen schreiben. Jetzt bleibt nur noch die Frage: Gibt es noch mehr Schweine, die diese Gaben haben? Oder bin ich das einzige Schwein, das...?  
Ein neuer, noch stärkerer Windstoß reißt sie aus ihren Gedanken und die Terrassentür wild auf und zu. Und in das Heulen einer neuen Windböe plötzlich ein Quieken und Grunzen: „Ach, hier bist du, Mathilde! Wir haben dich gesucht. Rückzug, ein Sturm zieht auf.“
Mathildes besonders fürsorglicher Jungkeiler steht auf der Schwelle: „Nun komm schon! Alle warten auf dich. Wir müssen zurück in den Wald.“

Die Fortsetzung folgt

Rettet mein Schwein!


Rettet mein Schwein!

Ich heiße Pauline und bin 12 Jahre alt.

Wer will mit mir Mathilde retten? Mathilde ist ein Schwein, ein armes Schwein. Denn Mathilde lebt mit vielen, viel zu vielen, Schweinen in einem Schweinemastbetrieb.

Scheiß-Leben, früher Tod, aus Mathilde werden Kottelets, Würstchen und so weiter – Ihr wisst schon.

Ich habe mir gedacht: Warum kommt da nicht plötzlich ein Held, ein Ritter, ein Außerirdisches oder so was ähnliches – und der befreit Mathilde?

Könnte so was passieren? Nee, denn meinem Opa Otto ist was ganz anderes eingefallen. Wollt Ihr wissen was?

Fangt an die verrückte Geschichte zu lesen. Und wenn sie euch gefällt, erzähle sie auch weiter.