UND SO FÄNGT DIE GESCHICHTE AN
Es gibt eine
Landschaft, die jeder in seiner Sehnsucht gespeichert hat. Stopp! Sagen wir es
besser so: Viele, die aus einer Stadt kommen, vielleicht aus einer lärmenden
Großstadt, in der das Grün der Natur zugunsten gewaltiger Betonklötze zurückgedrängt
worden ist, sehnen sich nach dieser Landschaft. Das Land ihrer Sehnsucht
besteht aus sanften Hügeln. Hügeln über Hügeln - Weiden über Weiden. Und auf
den Weiden grasen Kühe oder Pferde. Die Kühe liegen träge im Schatten großer
Eichen und wiederkäuen das, was sie gefressen haben. Die Pferde galoppieren
über sattgrünen Rasen oder stehen still, wie hingemalt, in ihren Koppeln.
Das sind die
Bilder unserer Sehnsucht mit dem Titel „Landleben“. Alles beginnt schon links
und rechts der Autobahn, die uns von unserer Stadt weg führt. Weit weg führt.
Wir fahren Richtung Süden. Und unsere Sehnsucht wird größer und größer. Wiesen,
Felder und Weiden so weit das Auge reicht. Unendliche Rapsfelder mit ihrem
grellen Gelb. Manchmal lädt auch ein See zum Baden ein. Aber wir fahren weiter.
Doch plötzlich
melden sich der Hunger, der Durst und die Blase. Wir biegen ab von der Autobahn
und suchen einen Gasthof mit freundlicher Bedienung, guten Pommes mit Mayo und
einem saftigen Steak für Papa. Wir fahren durch Dörfer, vorbei an verlassenen
Bauernhöfen. Es gibt keinen Gasthof weit und breit. Schließlich landen wir vor
einem gewaltigen Gehöft mit einem freundlichen Schild am Eingang. „Sau-Gut““
steht darauf. Aber was hat das zu bedeuten? An einem Zaun hängen mehrere gelbe
Schilder mit dem Hinweis „Betreten verboten“.
Wir sitzen in
unserem Auto und überdenken unsere Lage.
„Hier bekommen wir
nichts zu essen,“ fasst Papa unser aller Meinung zusammen.
„Außerdem finde
ich es hier unheimlich,“ gesteht der achtjährige Moritz, den seine Mutter zu
seinem Ärger manchmal liebevoll Mummel nennt.
Gleich hinter lang
gestreckten Stallungen des großen Hofs beginnt ein dichter Wald. Wie eine grüne
undurchdringliche Wand steht er da. So, als wolle er sein inneres Leben für sich behalten. Wir steigen trotzdem aus.
Ein mörderischer Gestank empfängt uns, der das gesamte Gelände umweht. Ganz
schnell sind wir wieder im Auto, fahren zurück zur Autobahn. Und weiter geht es
nach Süden. Das Ziel ist Tirol. Papa freut sich schon auf den echten Tiroler
Schinkenspeck.
Unseren Hunger und
Durst haben wir dann schließlich in einer überfüllten Autobahn-Raststätte
gestillt. Papa bekam sein Schweineschnitzel, Mama ihren üblichen „Mir- reicht-
ein-Salat“ und ich, Moritz, meine Pommes. Mit viel Mayo, versteht sich.
„Warum hat das vor
dem großen Bauernhof so furchtbar gestunken?“ habe ich Papa beim Essen gefragt.
„Das war ein
Schweine-Mastbetrieb. Solche Mastbetriebe gibt es, weil alle Menschen satt
werden wollen.“
Mama unterbricht
ihr Salatessen und schaut Papa böse an: “Erzähl dem Jungen nicht so einen
Unsinn.“
Da lacht Papa und
isst mit Genuss sein Schweineschnitzel zu Ende. Aber Mama hat plötzlich ihr
bekanntes Flackern in den Augen. Panik ist angesagt: „Habe ich den Herd
ausgemacht? Nein, ich habe den Herd nicht ausgemacht. Oder? Und die
Terrassentür? Habe ich die zugemacht. Oder?“
Darauf Papa:
„Kannst du dir nicht mal eine andere Schreckensgeschichte einfallen lassen?“
„SAU-GUT“
Der Bauer Olli
Ringelpütz lacht laut auf. Das wirkt schon ein wenig merkwürdig. Denn
Ringelpütz sitzt allein am Frühstückstisch in seiner modern eingerichteten
Küche. Und noch einmal lacht er laut auf. während er die örtliche Heimatzeitung
„Neue Nachrichten“ zusammenfaltet und beiseite legt. Er genehmigt sich eine
weitere große Tasse extra starken schwarzen Kaffee.
Spätestens hier
hätte seine Frau protestiert: „Olli, dein Magen! Denk an deinen Magen…“
Aber Uschi ist
weit weg. Mit ihren Landfrauen auf einem Ausflug in die Lüneburger Heide. Also,
kann er jetzt mal so richtig die Sau raus lassen, denkt Olli: Kaffee trinken,
so viel er will. Und am Abend von seinem selbst gebrannten Apfelkorn saufen, so
viel wie…
Mal sehen, was der
Tag noch so bringt. Jetzt will Olli erst einmal die Fliege erschlagen, die ihn
schon die ganze Zeit belästigt. Die Fliege sitzt auf seinem rechten Knie und
putzt sich in aller Ruhe ihre Flügel. Olli hebt sachte die „Neuen Nachrichten“,
peilt die Fliege an, schlägt zu und - Mist, daneben!
Die Fliege ist
weg. Aber Olli hält immer noch die Heimatzeitung in seinen Händen. Dabei fällt
ihm wieder ein, was er gerade gelesen hat, und warum er darüber so laut lachen
musste. Er grinst. Und das sieht aus wie Schadenfreude. Was Olli gelesen hatte,
war ein Bericht mit der Überschrift „Unwillkommene Gäste“:
„In dem Villenvorort
'Kleingroßsucht' ist gestern ein Geburtstagsfest am helllichten Tag durch ein
Rudel Wildschweine gestört worden. Während die 35 Personen zählende Gästeschar sich gerade auf der etwas abseits
liegenden Terrasse tanzend amüsierte, drangen die Wildschweine bis zu dem
Buffet vor. Das Buffet war unter einemZelt aufgebaut, was die Tiere nicht davon
abhielt, sämtliche Salate durchzuwühlen.
Als einige
Partygäste schließlich die Eindringlinge bemerkten und die dreisten Tiere durch
lautes Schreien verjagen wollten, reagierten die Wildschweine überhaupt nicht
darauf. Erst, als alle Delikatessen von ihnen aufgefressen worden waren, zogen
sie sich gemächlich in den naheliegenden Wald zurück.
Ein Partydienst
aus der angrenzenden Stadt lieferte nach Stunden ein neues Buffet, das
vorsichtshalber im Haus angerichtet worden ist.“
Bauer Olli
Ringelpütz schneidet sich noch eine dicke Scheibe Bio-Salami ab. Eine Wurst,
die er direkt von seinem Nachbar, dem Öko-Landwirt Saubermann, bezieht. Die
Scheibe zerlegt Olli mit einem Küchenmesser in kleine Würfel. Und während er
zufrieden seine Beine unter dem Tisch ganz lang ausstreckt, zieht er den
morgendlichen Rotz aus seiner Nase in den Rachen und spült alles mit einem
kräftigen Schluck Kaffee hinunter. Danach isst er die Salamiwürfel mit Genuss
und Bedacht.
Wenn Uschi, seine
Frau, ihn jetzt so erleben würde - was für ein Spruch käme dann unweigerlich: Olli, du bist und bleibst ein
Dreckschwein.
Übrigens
„Schwein“... jetzt muss er sich dringend um seinen Schweinemastbetrieb kümmern.
Das heißt für Olli: morgendlicher Kontrollgang. Funktioniert die automatische
Futteranlage? Reicht das Futter für die
nächsten Tage? In zwei Wochen sind die Schweine schlachtreif, werden abgeholt
und zu einem Schlachthof in Norditalien gebracht. Was die Italiener wohl mit
deutschen Schweinen anfangen?
Doch das Denken,
beschließt Olli Ringelpütz, soll man anderen überlassen. Und damit geht er in den Riesenstall, in dem seine Schweine ihr
kurzes Dasein fristen dürfen. Ein geübter Blick über die dichtgedrängte
Schweineschar: Alle leben noch. Gut so. Dann aber nichts wie raus hier! Den
Gestank kann Ringelpütz nicht vertragen.
Jetzt noch einen
Spaziergang um das Gelände. Mit Kahn, Ollis treuem Hund, eine lustige Mischung
aus einer Labradorhündin und einem
Weimeraner.
„Du siehst aus wie
ein Schnellzug auf falschen Rädern“, sagt Olli zu Kahn, wenn er ihn ärgern
will. Aber Kahn fasst das als Kompliment auf und springt so hoch, dass er mit seiner Schnauze
Ollis Nasenspitze berührt.
DER ÜBERLÄUFER
„Bin ich jetzt
auch ein Wildschwein?“ quietscht das
fremde fast ausgereifte Ferkel.
„Du bist ein
Dreckschwein, mehr nicht,“ knurrt Knurri, der Keiler. Dann scheucht er den Neuling in seinem Rudel
aus der Suhle, um sich selber darin wohlig grunzend zu wälzen. Das Schlammloch gehört ihm und seiner
Familie. Basta! Hirsche oder Rehe meiden
deshalb den Tümpel, wenn Knurri sein Bad nimmt. Denn mit Knurri ist nicht zu
spaßen.
Uns es ist ja mal
wieder höchste Zeit für eine Dreck-Reinigung. Denn in Knurris Fell haben sich
allerlei Tiere häuslich einquartiert.
Tierchen, die Knurri gewaltig quälten: Läuse, Zecken…
Mathilde, so hat
sich der Neuling selber vorgestellt, steht staunend vor dem Schlammloch
und sieht Knurris wildem Treiben erstaunt
zu. Mathilde ist ja nur widerwillig in den
Schlamm gestiegen. Weil sie sich mit ihrer rosaroten Haut geschämt und geahnt hatte, dass eine
Tarnung wohl nicht verkehrt wäre, wenn man sie vielleicht suchen sollte. Denn
sie ist ja leicht zu erkennen mit ihrem großen, runden, dunklen Fleck auf der
rechten Hinterbacke, der aussieht wie ein großes Herz und ihrem fast schwarzen
Ringelschwanz. Beide Male haben sie von Anfang an von ihren durchweg
hellhäutigen Artgenossen im Schweinemastbetrieb unterschieden.
„Du darfst Knurri
nicht stören,“ sagt ein schon ziemlich großer Frischling zu Mathilde. Sein Fell
hat noch die Streifen. mit denen die Wildschwein-Kinder auf die Welt kommen.
Trotzdem wirft er sich vor dem Neuling in Positur, als habe er hier im tiefen
Wald bereits das Sagen.
Gern hätte
Mathilde ihm jetzt erzählt, warum sie auf den Namen Mathilde hört. Aber das ist eine so verzwickte
Geschichte, die der kleine
Aufschneider wahrscheinlich sowieso nicht verstehen würde. Denn die
Verständigung zwischen einem Hausschwein
und einem Wildschwein ist nämlich gar nicht so einfach. Das hat Mathilde
sofort gemerkt. Also grunzt sie nur etwas Unverständliches und verzieht sich in
die sonnige Lichtung, auf der das Rudel
seiner Lieblingsbeschäftigung nachgeht: dem Fressen.
Plötzlich merkt
Mathilde, dass auch sie einen Heißhunger hat. Das letzte Futter hatte sie gestern Abend bekommen. Automatisch. Wieder den gleichen Brei, den
sie und die vielen anderen Schweine
Woche für Woche erhielten. Der so dick und träge macht, dass man danach
nur noch die Kraft hat, sich seinen winzigen Platz für die Nachtruhe zu
erkämpfen.
Jetzt aber steht
Mathilde mitten im großen Wald, hat Hunger - und keine vollautomatische Anlage
spuckt das Futter einfach so aus. Hoppla, meldet sich da in ihr nicht so etwas wie Sehnsucht nach der
alten Bequemlichkeit? Aber war es nicht ihr freier Entschluss gewesen zu
fliehen. Aus ihrem engen Stall mit all den vielen anderen Schweinen. Die alle
hier lebten, um ein einen bestimmten Zweck zu erfüllen. Welchen? Mathilde ahnte ihn, wusste ihn aber
nicht. Bis der wilde Keiler Knurri hier im tiefen Wald hatte es ihr endlich
erklärt hatte: „Du wirst eines Tages getötet und zerhackt. In Stücke
zerschnitten oder zu Wurst verarbeitet. Und anschließend wirst du verkauft und
verspeist.
„ Von wem?“ hatte
Mathilde gefragt.
„Na, von denen,
die dich füttern,“
„Und woher weißt
du das alles?“
„Ich habe die
Zweibeiner beim Grillen belauscht. Sie haben uns gelobt. Nein, unser Fleisch
haben sie gelobt.“
Anfangs wollte
Mathilde die Geschichte, die der Keiler ihr erzählt hat, noch nicht so recht
glauben. Warum muss man so viele Schweine töten? Damit die Zweibeiner satt werden? Und während in ihrem Kopf die Gedanken durcheinander wirbeln, wühlt sie
auch sie mit ihrer Schnauze nach Nahrung im Waldboden.
Aber erst nach
einer Weile wird ihr klar, was sie da tut: Sie sucht sich selber das Futter,
das sie braucht, um satt zu werden. Keine automatische Futteranlage mehr, kein
schnell satt machender Brei. Und was sie hier findet, das sind Eicheln und
Bucheckern.
„Schmeckt nicht
übel, was?“
Der kleine
Gernegroß weicht nicht von ihrer Seite. Er zeigt ihr sogar, wo sie die meisten
Bucheckern finden kann. Nämlich unter den Buchen. Bucheckern sind die Früchte
der Buchen. Und Eicheln sind die Früchte der Eichen. Aber noch ist Mathilde
ganz und gar unwissend. Wie soll sie auch eine Eiche von einer Buche
unterscheiden können, wenn sie heute zum ersten Mal in ihrem Leben Bäume sieht?
Jedenfalls ist sie
am Abend satt. Am anderen Tag aber erlebt sie eine böse Überraschung. Ihre
rosige Rüsselschnauze ist entzündet. Das Wühlen im Waldboden war für den
Neuling wohl doch ein bisschen zu viel gewesen.
MATHILDES TRAUM
Die Sonne wandert
immer mehr Richtung Horizont. Oder ist es nicht umgekehrt? Die Bäume stehen wie
eine schwarze Wand gegen den im Abendlicht glühenden Himmel. Mathilde ist müde
von der Nahrungssuche. Und wohl auch von der Aufregung der letzten 24 Stunden.
Was hat sie nicht alles erlebt! Mitten in der Nacht hat dieser wilde Keiler Knurri
wie ein Geist in dem Schweinemastbetrieb gestanden und alle Schweine
aufgefordert, ihm zu folgen. Zu folgen in die Freiheit. Aber kein Schwein hatte
den Mumm dazu gehabt. Die meisten Tiere wollten um diese Zeit weiterschlafen.
Einige hatten einfach Angst vor dem wilden Artgenossen mit den seitlich aus dem
Maul stehenden Hauern. Nur Mathilde verspürte plötzlich einen unbändigen Drang,
den Schritt in eine ungewisse Zukunft zu wagen. Gleich danach hat sie sich gefragt: War es wirklich
Mut gewesen oder einfach nur ihre Neugier, was sie da draußen erwarten würde?
All das geht ihr jetzt durch ihren Schädel. Aber gleichzeitig ist sie müde. So
unendlich müde,dass sie sich da wo sie steht, auf den Waldboden fallen lässt –
in ein weiches Bett aus Moos und Flechten.
Und während sie
schon der Schlaf zu umfangen beginnt, kann sie gerade noch wahrnehmen, wie ihre
neue Familie immer unruhiger wird. Mit lautem Knurren und Grunzen versammelt
sie sich. Um schließlich wie eine Räuberbande loszuziehen. Sind denn
Wildschweine nicht ebenfalls müde? Eine Antwort auf diese Frage gibt es nicht
mehr, denn Mathilde ist eingeschlafen und träumt...
Nun gehen Träume
so ihre eigenen Wege. Es gibt schöne und schreckliche Träume. Zumindest glaubt
man das, wenn man wieder aufgewacht ist und sich an seinen Traum erinnert. Aber
eigentlich setzt sich ein Traum aus vielen Erinnerungen zusammen. Aus
Erinnerungen an wirkliche Ereignisse, die man erlebt hat. Nur, dass dann die
Ereignisse im Traum alle durcheinander gewirbelt werden.
Man muss sich das
wie ein Kaleidoskop vorstellen: Fast jeder kennt ja diese kleinen Röhren aus Pappe, in denen bunte Glasstückchen hin
und her purzeln, so dass immer wieder neue Bilder entstehen. Die Glasstückchen
sind unsere wirklichen Erlebnisse. Und die daraus entstehenden Bilder in dem
Kaleidoskop sind unsere Träume.
So war es auch bei
Mathilde. Während sie einsam im nächtlichen Wald schlief, träumte sie, sie läge
wieder in einem Stall. Helle Sonnenstrahlen drängelten sich durch die
Stallfenster. Das war wohl die Erinnerung an einem dieser wenigen Sommertage in
Mathildes kurzer Kindheit. Mathilde, die da noch nicht Mathilde hieß, teilte
sich mit ihren fünf Geschwistern einen eingezäunten Platz in einer großen
Scheune. Dort, im trockenen Stroh, erlebten die Ferkelchen die ersten Tage
ihres Daseins neben ihrer Mutter, die
zufrieden grunzte, wenn die Kleinen nach ihren Zitzen suchten. Von dieser
wunderbaren Zeit wollte Mathilde nicht aufhören zu träumen. Deshalb wurde
dieser Traum auch immer länger. Fast eine ganze Nacht lang.
Erst gegen Morgen,
als der Tag sich mit dem ersten Konzert der Singvögel zurück meldete, träumte
Mathilde einen zweiten Traums. In dem kamen plötzlich viele Kinder in den Stall
gestürmt, um sich die Sau mit ihren Nachwuchs anzusehen.
„Oh, das da ganz
links ist ja sooo süß!“ schrie eines der Mädchen in Mathildes Traum. Es schrie
so laut, dass die Sau und ihre Kinder zusammenzuckten. Hieß das jetzt Gefahr?
Das Ferkelchen mit dem herzförmigen Fleck auf der Hinterbacke jedenfalls suchte
sofort Schutz, indem es sich ganz nahe an die Mutter drängelte.
„Darf ich das
Schweinchen mal auf den Arm nehmen?“ Das Mädchen mit der lauten Stimme hatte
trotz der Bitte in seiner Stimme etwas Forderndes. Mathilde regte sich
schrecklich auf in ihrem Traum, als sie unsanft hochgehoben wurde. Sie
strampelte und quiekte im Schlaf auf dem Waldboden. Erst als sie die angenehme Körperwärme eines
der Mädchen spürte, beruhigte sie sich wieder.
Sie fühlte sich wohl. Ihr war, als wäre sie ganz in der Nähe ihrer
Mutter.
Die Schülerin, in
deren Armen sie lag, hatte nun ein leise, weiche Stimme: „Was bist du für ein
süßes Kleines …..Ich lass dich nie wieder los...., mein Liebling... Süüüß! Und
wie es mich anguckt! Wie meine Tante Mathilde...“
Mathilde möchte
immer weiter träumen. Aber sie muss aufwachen. Der frische Tag unterbricht ihre
Traumwelt. Im Unterholz knackt es, ein Kuckuck meldet sich in der Ferne,
Wildtauben gurren sich auf einer hohen Fichte an, ein Reh beobachtet scheu
Mathilde – den Neuling in seinem Revier. Mathildes Traum ist zu Ende. Was aber
hatte sich damals in Wirklichkeit abgespielt? Und warum heißt sie seitdem
Mathilde? Das hat ihr der Traum noch nicht erzählt.
Es war nämlich so:
Die Lehrerin Isolde Meyer mit Y hatte eines Tages den Biobauer Saubermann
angerufen und gefragt, ob sie mit ihrer Klasse eine Biologiestunde in seinem
Schweinestall abhalten dürfe. Saubermann ist sofort einverstanden gewesen. Ein
bisschen Reklame für seinen Biohof kann ja nicht schaden, hatte er gedacht. Und so war die ganze Klasse von Frau Meyer
mit Y in den Stall gestürmt, genau, wie Mathilde es geträumt hatte.
Doch damals war
der Biologieunterricht dort im Stall auf einmal außer Kontrolle geraten. Die
Mädchen hatten sich in die Ferkelchen verguckt, und hätten jeweils eins davon
am liebsten mit nach Hause genommen. Als Kuscheltier. Die Jungen dagegen hatten
Biobauer Saubermann gefragt, wie lange man solch ein Spanferkel eigentlich
grillen müsse. Und Frau Meyer versuchte derweil einen Vortrag über das
Hausschwein einst und jetzt zu halten.
„Das Schwein gehört zur Nahrungskette der
Menschen...“,sagte sie gerade. Doch kein Schüler folgte ihren Ausführungen.
Erst als sie für die nächste Woche eine Klassenarbeit zu diesem Thema androhte,
kehrte kurzfristig Ruhe zurück in den Stall. Dann aber fing eine Schülerin
wieder an, von dem „süüüüüßen“ Ferkelchen
mit den langen Wimpern und dem dunklen Fleck zu schwärmen, das sie
unbedingt auf den Arm nehmen musste – und nun gabs kein Halten mehr. Der
Biologieunterricht verwandelte sich endgültig in eine Kuschelzoo-Stunde.
Saubermann hob mit geübten Griff das Ferkelchen von der Sau weg, legte es der
Schülerin auf den Arm - und die schrie: „Süüüß... Das guckt ja wie meine Tante
Mathilde..“
Und das wurde zum
Schlachtruf mit dem vor allem die Jungen die Mädchen ärgerten: „Süüüß... ! Die
guckt ja wie meine Tante Mathilde!“
Es wurde zum
Schlachtruf in der Klasse, auf dem Pausenhof, in den Gängen der Schule. Erst in
den Ferien verlor sich der Satz durch andere Erlebnisse.
Aber was seltsam
war: Der Biobauer Saubermann gewöhnte sich daran, das Ferkel mit dem großen
dunklen herzfömigen Fleck auf der einen Backe „Mathilde“ zu nennen. Und das
Ferkelchen beschloss , immer wenn der Name ertönte, ihn mit sich selbst in
Verbindung zu bringen. Hörte es „Mathilde“, kam es sofort neugierig angerannt.
Und ahnte auch nichts Böses, als Biobauer Saubermann „Mathilde“ eines Tages an
den Schweinezüchter Ringelpütz weiter gab. Schuld daran war Ollis Uschi, die,
„wenn Fleisch überhaupt“, nur „Öko-Fleisch“ essen wollte.
„Dein Mastschweine
sind doch eher was für Supermärkte,“ hatte sie gemäkelt. Um Uschi eine Freude
zu bereiten, hatte er ihr Mathilde zum zweijährigen Hochzeitstag mit Schleifchen um den Schweinehals
geschenkt. Uschi war gerührt aber ebenso schnell wieder gelangweilt, weil ja
Hausschweine gefüttert werden müssen. Dafür hatte Ollis Angetraute angeblich
keine Zeit. So war Mathilde von einem Tag auf den anderen in Ollis
Mastschwein-Hölle gelandet...
Ja, so war das
gewesen. Aber wo ist sie jetzt? Gerade
hatte sie noch zufrieden in den Armen eines Menschenkindes gelegen und
geglaubt, etwas wie „süüüß“ zu hören,
als die ganze Horde Wildschweine
zufrieden grunzend im fahlen Morgenlicht in den Wald zurückkehrt und sich neben
Mathilde zum Schlafen niederlegt. Ängstlich versucht sie noch einmal in ihre
Traumwelt zu flüchten, bis ein Eichelhäher aufgeregt und laut krächzend ganz in
ihrer Nähe sich auf eine Birke nieder lässt. Der Vogel, den die Menschen auch
den Waldpolizisten nennen. Vielleicht betrachtet er Mathilde als Eindringling
in seinem Revier. Was ja auch stimmt.
Mathilde überlegt,
was ihre neue Familie in der Nacht wohl angestellt haben könnte – und bekommt
einen gewaltigen Schreck, als ihr bewusst wird, dass sie wohl die ganze Nacht
allein gewesen ist, während sie hier geschlafen und geträumt hat.
MATHILDES FLUCHT
WIRD ENTDECKT
Olli Ringelpütz
geht mit seinem Hund Kahn über das Gelände. Endlich über s e i n
Gelände. Denn vorgestern hat er die letzte Rate für den Mastbetrieb
überwiesen. Neben dem Hof ist er jetzt Herr über mehrere Äcker, die er aber
nicht bestellt. Weil er von Ackerbau -
und in Wahrheit auch von Viehzucht -
überhaupt keine Ahnung hat.
Olli hatte ein
paar Semester Betriebswirtschaft studiert und war eines Tages in einer großen
überregionalen Zeitung auf eine Anzeige gestoßen, die ihn nicht mehr losließ:
„Bauernhof mit
gutgehendem Schweinemastbetrieb umgehend zu verkaufen. Todesfall...“
Olli fuhr aufs
Land, sah sich das Ganze an, fragte seine Freundin Uschi: „Machst du da mit?“
Und Uschi wollte: Pferde, Ponyreiten, Hunde, Katzen. Vor allem Katzen. In
Uschis Kopf entstand ein Landleben, das sie in der Großstadt immer vermisst
hatte. Doch dann, als sie den Schweinemastbetrieb sah und roch, wollte sie
wieder nicht. Olli aber rechnete ihr vor, dass man von der Schweinezucht ganz
gut leben könne und die Bank ihm großzügig Kredite einräumen würde. Uschi
maulte zwar weiter, rückte aber schließlich mit zwei vollen Koffern bei Olli
auf dem Hof an.
Und bald danach
wurde sogar geheiratet. Ohne Familien beiderseits. Ollis Eltern, Juristen im
Staatsdienst, waren sauer: Ihr Olli und ein Schweinemastbetrieb – nein! So
hatten sie sich die Karriere ihres Sohnes nicht vorgestellt. Uschis Eltern sind Veganer, lehnen also selbst Milch, Eier und Käse ab.
Sie weigern sich, den Hof mit der „brutalen Schweinezucht“ überhaupt zu
betreten. Warum probiere es Olli nicht mal mit Gemüseanbau? Oder ihre Uschi mit
einem Streichelzoo?
Die Idee mit dem
Streichelzoo hat sich in Uschi festgehakt: „Wie wäre es mit einem Ponyhof? So wie
in den Filmen? ... mit dieser Heidi...“
Welche Heidi?
Olli erinnert sich nur an eine Heidi auf
der Alm. Heidi und ihr Großvater und hohe Berge und Ziegen und Wiesen. Aber wo
waren da Ponys?
„Quatsch!“ Uschi
hat manchmal eine sehr hohe Stimmlage. „Ich meine doch die andere Heidi. Die
vom Immenhof.“
Ollis Gesicht
verrät: Ich verstehe gar nichts. Und stellt seine Ohren, wenn er „Ponyhof“
hört, seitdem immer auf Durchzug und geht mit Kahn, seinem Hund, spazieren.
Vergisst dabei aber nie, den halb aufgepumpten Fußball mitzunehmen. Denn Kahn
ist für Olli der beste Hundetorwart weit und breit. Wenn Olli einen scharfen
Schuss halbhoch auf den Hund abfeuert,
dann schraubt sich Kahn förmlich nach oben, packt das sackige Leder mit der
Schnauze und landet wohlbehalten mit seinen vier Beinen auf der Erde.
Aber das ist noch
nicht alles. Anschließend kommt Kahn zu Olli, legt ihm den Ball vor die Füße,
läuft zurück in sein nicht vorhandenes Tor und wartet auf den nächsten Schuss.
Dabei lauert er mit seinen Hundeaugen auf jede Bewegung von Olli. Denn auch ein
guter Hundetorwart muss ahnen, wohin
sein Gegner den Ball schießen könnte. Dieses Spiel kann für Kahn stundenlang so
weiter gehen. Bis es Olli mit einem scharfen „Jetzt reicht's aber!“ beendet.
Und so treiben
beide auch heute wieder einmal ihr Spiel
bei einem ausgedehnten Spaziergang. Während Olli nebenbei noch das
Gelände um seinen Hof kontrolliert. muss. Denn Vorsicht ist geboten. Der Feind
lauert nicht nur im dichten Wald. Es sind nicht allein Fuchs und Marder, die
sich gern an Uschis kleiner Hühnerschar vergreifen. Inzwischen kommen auch als
harmlose Spaziergänger verkleidete Demonstranten, die große Plakate an Ollis
Zaun heften, auf denen, zum Beispiel, geschrieben steht: „Das ist hier ein
Tierquäler-Betrieb“.
Selbst im Internet
hat Olli schon wenig Schmeichelhaftes über seinen Betrieb lesen müssen. „ Der
Schweinegott wird sich eines Tages an Olli Ringelpütz rächen“. Oder: „ Denkt immer daran, Schweine leiden
wie Menschen.“
So ein Quatsch!
Olli zeigt Uschi diesen Internet-Dreck erst gar nicht. Die regt sich bloß
wieder auf und liegt ihm mit ihrer Ponyfarm in den Ohren.
Jetzt hat ihm Kahn
gerade den schlaffen Ball wieder vor die Füße gelegt. Mit seiner feuchten
Schnauze schubst er an Ollis Beinen herum. Nun schieß schon! Und Olli, ganz in
Gedanken, kickt das Leder weit von sich weg in eine stachlige Hecke direkt am
Zaun. Kahn ist klug genug, den Ball aus diesem für ihn gefährlichen Gestrüpp
nicht herauszuholen. Aber er bellt. Ganz laut und aufgeregt. So, als wolle er
Olli etwas Wichtiges zeigen.
Vielleicht wieder
ein Kaninchen, denkt Olli gelangweilt.
Doch als er seinem
Hund bis zur Hecke folgt, sieht er etwas, das ihm plötzlich hellwach werden
lässt: Ein Loch. Säuberlich zwischen Ästen und Erdreich gegraben. Und groß
genug, dass sich sogar ein Mensch durch die wild wuchernde Brombeerhecke
schlängeln könnte.
Ollis Gedanken
kreisen eventuelle Täter ein. Vielleicht hat hier ein Fuchs herum gebuddelt.
Oder ein Dachs. Aber dafür ist das Loch zu groß. Also, tatsächlich Menschen?
Doch wer klaut heute noch ein Schwein, wenn der Kilopreis für Schweinefleisch
im Keller ist?
Trotzdem
beschließt Olli, die Polizei einzuschalten. Bevor er aber auf dem Revier
anruft, sollte er aber erst einmal seinen Schweinebestand überprüfen. Damit er
nicht falschen Alarm auslöst.
Mühsam holt er
Kahns Spielzeug, den schlaffen Ball, aus der Dornenhecke. Dabei wundert er sich
zwar über die paar grauen Haare, die an den Zweigen hängen und auf dem Boden
liegen. Aber die können auch von Kahn stammen, denkt er.
Im Stall wird dann
die Schweineschar überprüft. Kein Schwein fehlt. Glaubt Olli! Aber dann, als
er, nur so zum Spaß, „Mathilde“ ruft – da drängelt sich keine Mathilde
schubsend und grunzend zwischen den dicht an dicht drängeltem Mastschweinen zu
ihm durch.
Er ruft lauter:
„Mathilde!“
Nichts! Es kommt
keine Mathilde.
DIE NACHT DER JÄGER
Heute ist ein
regnerischer Tag. Das heißt: Das Wetter kann sich nicht entscheiden. Die Luft
ist voll kalter Nässe. Aber der Waldboden und die Seen haben noch die
Sommerwärme gespeichert. Das satte Grün verwandelt sich unmerklich ins
Gelbbraune. Und der Nebel hängt lange, bis in den Mittag hinein, über den
Wiesen. Es ist September.
Öko-Landwirt
Saubermann hat seinen Nachbarn Ringelpütz angerufen und gefragt, ob Olli nicht mit zur Jagd kommen wolle. Denn
Saubermann ist nicht nur Gemüsebauer, sondern auch Jäger und Heger. Auf das Wort „Heger“ legt er einen besonderen
Wert.
„Ich knalle nicht
einfach Tiere ab, was böse Zungen so gern über die Jäger verbreiten“ belehrt
er. „Ich sorge dafür, dass der Bestand artgerecht erhalten bleibt. Deshalb
werden die Wildtiere im strengen Winter auch von mir gefüttert.“ Punkt!
Saubermann lässt sich bei diesem Thema auf keine Diskussion ein.
Jetzt aber ist
Jagdzeit für männliches Rotwild, und Saubermann putzt und ölt seine beiden
Flinten. In den kommenden Nächten wird er auf seinem Hochsitz hocken und
hoffen, dass ihm ein kapitaler Hirsch ins Visier kommt. Und weil das sehr
einsam werden kann, hat er gefragt, ob
Olli Ringelpütz nicht vielleicht auch so was wie Jagdfieber spüre...
Olli hat sich
geprüft. Ergebnis: Null! Kein Jagdfieber.
Das hat er
Saubermann auch mitgeteilt. Aber der Biobauer lockte mit der alten
Bauernweisheit: Der Appetit kommt beim Essen. Also hat Olli schließlich
zugesagt und sich gleichzeitig schaudernd vorgestellt, wie er nachts frierend
neben Saubermann im Wald sitzt, während Uschi zufrieden in ihrem warmen Bett
schlummert. Aber was tut man nicht alles für einen guten Nachbarn.
Und so wie sich
Olli das „Jagdfieber“ ausgemalt hatte, kommt es dann auch: In seiner dünnen
Joppe friert er erbärmlich. Die Nacht ist saukalt, und seine Gummistiefel sind
das falsche Schuhwerk für einen kühlen, nächtlichen Ausflug. Überhaupt, was hat
er mit der ganzen Jägerei am Hut? Er weiß doch nicht einmal, wie ein Gewehr
funktioniert. Saubermanns Gefasel vom Jagen und Hegen versteht er sowieso
nicht. Seine Schweinezucht ist vollautomatisch. Das reicht ihm. Mehr Landleben
muss nicht sein.
Während ihm all
das durch den Kopf geht, wird die Nacht immer dunkler und die Flasche mit dem
hochprozentigen Biokorn immer leerer. Olli hält sich an der Flasche fest.
Saubermann an seiner Flinte und dem Feldstecher. Olli sieht fast nichts,
Saubermann so gut wie alles, denn er hat ein Nachtsichtgerät. Olli spürt eine
Verkrampfung in seinen Füßen auf dem engen hölzernen Hochsitz. Außerdem gerät
der Turm leicht ins Wanken, wenn einer der beiden Männer seine Position ändert.
Olli denkt an Uschi im warmen Bett und nimmt noch einen Schluck aus der Flasche.
Wie spät ist es?
Es geht auf vier Uhr zu. Verdammt, immer noch so dunkel. Ich muss mal pinkeln,
denkt Olli.
Schon graut der
Morgen, und Saubermann flüstert verschwörerisch: „Gleich ist Büchsenlicht.“
Büchsenlicht? Olli
versteht nur Bahnhof. Er weiß nicht, dass eine Büchse auch ein Gewehr ist. Ein
Kauz lockt mit seinem „Kiwitt-Kiwitt“ in der Stille. Olli fällt seine
Großmutter ein. Hatte sie ihm nicht erzählt, dass der Kauz „Komm mit-Komm mit“
ruft und damit anzeigt, dass jemand stirbt?
So ein Quatsch! Aber
Ollis Oma glaubte ja auch an Hexen und wäre am liebsten selber gern eine
gewesen. Oder war sie nicht auch eine Hexe mit ihren langen, bunten Gewändern,
den unzähligen Armreifen, den Räucherstäbchen und dem Steine-Auflegen? Mit ihrem ganzen übersinnlichen Quark: Ich sehe
was, was du nicht siehst...
Jetzt reicht es
aber: Ollis Blase drückt, die Füße sind fast taub, kein Schuss ist gefallen,
und seine Großmutter war eine Hexe. Das ist zu viel für eine Nacht ohne Schlaf.
„Ich muss mal“,
flüstert er Saubermann ins Ohr.
„Nicht jetzt,“
flüstert Saubermann zurück, „gleich kommt er.“
„Wer kommt?“
Vielleicht fragt
Olli eine Spur zu laut, denn unter dem Hochsitz knackt es im Unterholz. Und
wieder ruft dieser Kauz sein komisches „Kiwitt-Kiwitt“.
Einerseits ist das
ein bisschen unheimlich, andererseits überwiegt aber bei Olli das menschliche
Bedürfnis. Und schon ist er auf der Leiter und klettert nach unten.
Saubermann zischt
ihm flüsternd „ verdammter Vollidiot“ hinterher. Doch Olli ist mit sich im
Reinen: Nie wieder Jagd! Die letzten beiden Sprossen der Leiter verfehlt er und
landet unsanft auf dem Waldboden. Er rappelt sich hoch. Nichts
passiert!
Während er dem
Strahl seiner sich leerenden Blase hinterher lauscht, knackt es erneut
bedrohlich – nun aber direkt neben ihm. Der Hirsch, denkt Olli Ringelpütz.
Saubermann sitzt oben auf den Hochsitz und wartet auf den Hirsch. Und mir hier
unten läuft der Hirsch direkt in die Arme.
Das ist schon
verrückt.
Als er aber in die
Richtung späht, aus der das Knacken der Zweige kommt, sieht er etwas, das ihn
fast umhaut. Ist es der Hochprozentige von Saubermann, oder ist es der Sturz
von der Leiter was ihn benebelt hat?
„Mathilde, du
hier?“ fragt Olli verblüfft.
Und Mathilde
antwortet: „ Ringelpütz, du hier?“
Olli: „Ich musste mal...“
Mathilde: „Du da
oben mit Saubermann... was hat das zu bedeuten?“
„Wir jagen...“
„Was?
Wen?“
Olli etwas
gefasster, beinahe angeberisch: „Den Hirsch! Und was uns so noch vor die Flinte
kommt.“
Mathilde: „Und
mich würdest du auch bedenkenlos erschießen?“
Ringelpütz
überlegt und lauscht in den dunklen Wald. Als käme von dort die Antwort auf
Mathildes Frage.
„Na, ich warte:
Würdest du mich auch erschießen?“
Ringelpütz windet
sich. Sein eigenes Schwein direkt vor ihm. Nachts im dichten Wald. Vielleicht
will es ihn anfallen. Er hört sich sagen, dass er Mathilde natürlich nicht
erschießen würde.
„Aber du gehörst
auch nicht hierher, Mathilde.“
„Wo gehöre ich
hin? Zurück in einen deiner engen Ställe? Auf den Laster Richtung Schlachthof?“
„Woher weißt du...?“
Aus der Höhe kommt
die ärgerliche Stimme von Saubermann: „Mit wem sprichst du, Olli? Oder führst
du Selbstgespräche?“
„Ich bin gleich
wieder da,“ ruft Olli nach oben und leise fragt er Mathilde: „Kommst du zu mir zurück? Über den Stall und
so können wir doch reden.“
„Eine dämliche
Frage, Olli. Natürlich komme ich nicht mehr zu dir zurück.“
Ringelpütz hat das
Gefühl, Mathilde lacht ihn aus, bis sie plötzlich, von der Dunkelheit
verschluckt im dichten Gebüsch verschwunden ist. Während er sich die steile Leiter
hoch hangelt, dreht er sich noch einmal um. Sieht er richtig? Lauert da unten
ein Rudel Wildschweine, das ihm höhnisch hinterher guckt?
Oben angekommen,
nimmt er sofort einen großen Schluck aus der „Wärmflasche“, so wie Saubermann
seine Schnapspulle nennt. Und noch einen Schluck. Und noch einen...Bis
Saubermann sagt: „Jetzt reicht es aber.“
Erst gegen Mittag
wacht Olli am nächsten Tag auf. Sein Kopf dröhnt. Saubermanns Selbstgebrannter
scheint nicht von großer Qualität zu sein. Aber was war das letzte Nacht? Ein schlechter Traum?
Uschi scheucht ihn
aus dem Bett: „Aufstehen, Olli! Deine Schweine wollen dich sehen.“
In seinem
abklingenden Rausch glaubt er: Mathilde steht vor der Tür und will ihn
sprechen. Ist das noch normal? Aber verrückt ist er, Olli Ringelpütz, doch auch
nicht. Was dann? Olli spürt, dass er nicht mehr derselbe ist, der er noch
gestern gewesen war.
Auch Mathilde, die
am späten Morgen mitten im Wildschweine-Rudel erwacht, will nicht glauben, was
sie in der vergangenen Nacht erlebt hat: Sie hat sich mit Ringelpütz
unterhalten. Mit einem Ringelpütz, der sich aber überhaupt nicht in ihrer Nähe
befand? Sondern in dem Wald, in dem Saubermann seine Jagd hat? Gut einen
Kilometer entfernt? Und trotzdem kann sich Mathilde an jedes Wort dieser sonderbaren
Unterhaltung erinnern?
Ich drehe noch durch, denkt Mathilde, oder ich
habe die Schweinepest. Oder ich kann tatsächlich die Gedanken von Menschen
hören, verstehen und meine Gedanken auf sie übertragen.
Aber dann bin ich
ja ein besonderes Schwein!
ERICH-KÄSTNER-STRASSE
Nr. 17 – EIN PARADIES
Das Grundstück ist
über dreitausend Quadratmeter groß. Der Garten dahinter reicht fast bis an den
Wald. Ein kleiner See trennt das Anwesen von der freien Natur und einem Park,
der als Hundeauslaufgebiet genutzt wird. Der Kinderspielplatz wird von Müttern
und Vätern gemieden, weil im Sandkasten spielen und Hundekot nicht zusammen
passen.
Der große Garten
hinter dem einfachen Giebelhaus aus den Zwanziger Jahren des vorigen
Jahrhunderts ist ein Paradies. Besonders für Wildschweine. Denn mitten auf der
Wiese steht eine prächtige Edelkastanie. Gesund und wuchtig ragt sie in den
Himmel. Jedes Jahr liefern sie reichlich Früchte. Wohlschmeckende Maronen mit
einem süßen Kern. Genau solche, wie man sie auch auf dem Weihnachtsmarkt
geröstet kaufen kann.
Und jedes Jahr
fallen die Kastanien in das feuchte Gras und warten darauf, aufgelesen und
verspeist zu werden. Aber die Menschen, die hier wohnen, denken nicht daran sie
aufzusammeln. Sie kaufen die Maronen lieber auf dem Weihnachtsmarkt oder schön
verpackt in einem teuren Lebensmittelladen. Für die Wildschweine jedoch ist es
nun endlich mal wieder so weit. Denn Knurri der alte Keiler hat beschlossen:
Heute ist die Nacht des großen Fressens.
In bunter
Formation verlässt die Rotte den schützenden Wald: Vorneweg Knurri mit seinen
Furcht einflößenden Hauern. Dann eine Bache mit ihren sechs Frischlingen, die
erst eine Woche alt sind. Und dahinter die übrige Truppe, acht an der Zahl, in
ihrer Mitte Mathilde, flankiert von zwei jungen Keilern. Sozusagen als
Sichtschutz. Knurri hat sich das klug überlegt: Es soll ja nicht irgend ein
später Spaziergänger gleich stutzig
werden, weil ein ganz normales Hausschwein hier mitten in einer Rotte von Wildschweinen
durch die Gegend läuft.
Zunächst müssen
mehrere stark befahrene Straßen überquert werden. Knurri kennt den Weg, ist
umsichtig und wartet, bis kein Auto kommt. Dann aber, tempo, tempo, über den
Asphalt. Und weiter geht es. Eine Kurve rechts herum, am dunkel gestrichenen
Jägerzaun vorbei, den man nachts nur erahnen, kaum sehen kann. Vor allem
Wildschweine sind mit ihrem Sehvermögen in der Dunkelheit nämlich sehr
eingeschränkt. Aber was sie nicht sehen, können sie um so besser riechen. Zum
Beispiel, das morsche Gatter mit der Lücke, die noch immer nicht repariert
worden ist. Genau diese Lücke ist der Eingang in das Fress-Paradies. Und schon
ist die ganze Meute am Ziel und stürzt sich auf die Kastanien.
Allein Mathilde
steht etwas unschlüssig zwischen den wohlig schmatzenden Wildschweinen, die
sich benehmen, als seien sie hier daheim. Schließlich frisst auch sie ein paar
Kastanien. Nicht schlecht! Aber plötzlich erwacht ihre Neugier. Was passiert in
dem Haus? Dort huscht ein Lichtstrahl
hin und her, der sie irritiert sie und zugleich magisch anzieht.
Schließlich siegt
die Neugier über die Lust am großen Fressen. Vorsichtig nähert sie sich der
Villa. Autsch! Beinahe wäre sie beim hochkraxeln zur Terrasse auf dem Bauch
gelandet. Die Stufen hat sie ganz instinktiv genommen. Obwohl sie noch nie
Treppen gestiegen ist. Und alles hätte auch geklappt, wenn da nicht diese
glatten Fliesen gewesen wären, auf denen ihre Zehen aus Horn keinen Halt
gefunden haben. Viel hätte nicht gefehlt, und sie wäre auf die Schnauze
gefallen.
Mathilde hat
weibliche Zweibeiner beobachtet und bewundert, die mit hohen Absätzen herum
stolzieren. Wieso können die mit ihren hohen Absätzen Treppen steigen, ohne auf
dem Boden zu landen? Es ist sicher alles nur Übung. Und sie wird auch üben,
beschließt Mathilde.
So unauffällig wie
möglich nähert sie sich jetzt der Terrassentür.
Sie ist offen,
weit offen! Ist das eine Falle?
Mathilde, deren
Instinkt für wirkliche Gefahren noch nicht sehr ausgeprägt ist, steht vor einer
großen Entscheidung: Soll sie sich in das Haus wagen? Oder besser ganz schnell
zurück zu dem fressenden Rudel flitzen und die Anderen warnen. Das flackernde
Licht, die offene Tür – da stimmt doch irgend etwas nicht. Vielleicht sollten
sie alle das Fressparadies schnellstens verlassen?
Mathilde steht
eine ganz Weile auf der Terrasse und überlegt. Und überlegt...
Dieser Augenblick
kommt ihr wie eine Ewigkeit vor. Aber später wird sie sich an jene Nacht
erinnern und wissen, dass sie anschließend das Richtige getan hat. Sie ist in
das Haus gegangen und in die Welt der Menschen eingedrungen.
Deshalb also geht
Mathilde nun mutig in das Wohnzimmer. Und dabei bekommt sie mit, dass sich das
hin- und herwandern der Lichtkegel im
Haus als ungefährliches Trugbild entpuppt. Denn jedesmal, wenn ein Auto auf der
Straße hinter dem Garten um die Ecke biegt, spiegeln sich die Scheinwerfer auf
den großen Scheiben der Terrassentüren. Mathilde ist stolz, dass sie dieses
Naturschauspiel so schnell durchschaut hat.
Trotzdem noch
vorsichtig erkundet sie weiter das Haus. Was nicht einfach ist, weil das glatte
Parkett für jeden Paarhufer, eine Tiergattung, zu der auch Mathilde gehört, so
seine Tücken hat. Immer wieder rutscht sie aus. Schlittert nach links,
schlittert nach rechts. Bis sie endlich festen Halt unter ihren vier Hornfüßen
spürt. Ein riesiger Teppich ist ihre Rettung. Ein Teppich, auf dem eine ebenso
riesige Sitzgruppe steht. Mit einer Fläche, die unendlich viel größer ist, als
der winzige Platz, den sie im Mastbetrieb von Olli Ringelpütz hatte.
Mit ihrer rechten
Vorderpfote tastet Mathilde das Polster ab. Nicht unangenehm! Mathilde wird
kühner: Volle Breitseite hoch zum Sofa und sich seitwärts darauf abrollen: Sehr
angenehm! Mathilde liegt auf dem Rücken,
wälzt sich nach allen Seiten und fühlt sich sauwohl
Gleichzeitig wird
ihr bewusst, dass dies hier nicht ihr Zuhause sein kann. Hier wohnen Menschen.
Was würden die sagen, wenn sie in ihrem Wohnzimmer eine wildfremde Sau sähen,
die sich auf ihrer kostbaren Sitzgruppe herum wälzt?
Aber keine Bange,
unsere Familie, die sonst hier wohnt, sitzt ja schon weit weg in ihrem
Ferienhaus in Südtirol und schmiedet Pläne.
Papa: „Morgen wird
gewandert. Ich freue mich darauf.“
Mama: „ Wandern?
Hoffentlich nicht den ganzen Tag.“
Junior: „Heute
esse ich nur Gummibärchen. Egal, ob ich morgen Bauchschmerzen haben werde oder
nicht.“
Doch davon weiß
Mathilde natürlich nichts. Sie schließt die Augen und genießt das weiche Sofa.
Erst, als eine heftige Windböe die Terrassentür zuschlägt und ein paar
alte Zeitungen wild durch der Raum
wirbeln, wird sie wieder hellwach. Sie wälzt sich hinunter auf den Teppich und
verfängt sich in den großen, herumliegenden und fliegenden Seiten und will mit
der Schnauze die Zeitungen beiseite schieben – als ihre Augen an einer
großflächigen Anzeige hängen bleiben. Genau gesagt, auf dem Foto von einem jungen Schwein. Durchbohrt von
einem Spieß. Unter dem ein Feuer lodert.
Mathilde glaubt
nicht, was sie sieht. Bis sie den Text dazu liest: „Spanferkel – ein Genuss!
Fertig zubereitet für nur 99.- Euro...“
Mathilde steht
starr in dem weiträumigen Wohnzimmer. Mit zwei Tatsachen muss sie jetzt fertig
werden. Erstens: Knurri, der alte Keiler, hat ihr die Wahrheit gesagt. Menschen töten Schweine, um sie zu
verspeisen. Zweitens: Ich, das Schwein Mathilde, kann lesen, was Menschen schreiben.
Jetzt bleibt nur noch die Frage: Gibt es noch mehr Schweine, die diese Gaben
haben? Oder bin ich das einzige Schwein, das...?
Ein neuer, noch
stärkerer Windstoß reißt sie aus ihren Gedanken und die Terrassentür wild auf
und zu. Und in das Heulen einer neuen Windböe plötzlich ein Quieken und
Grunzen: „Ach, hier bist du, Mathilde! Wir haben dich gesucht. Rückzug, ein
Sturm zieht auf.“
Mathildes
besonders fürsorglicher Jungkeiler steht auf der Schwelle: „Nun komm schon!
Alle warten auf dich. Wir müssen zurück in den Wald.“
Die Fortsetzung folgt
Die Fortsetzung folgt
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