Sunday, July 22, 2018


Mathilde Teil 5



DIE „FAULE SAU“

Zurück zu den Wildschweinen muss Mathilde die vielen Erlebnisse erst einmal verdauen. Das war schon eine verrückte Reise in ihre Vergangenheit: Der arme Kahn, der sich hinkend davon geschlichen hatte. Der verlassene Hof ohne Mastschweine. Die merkwürdigen Höcker-Tiere, die verloren auf dem Gelände von Ringelpütz neuem Zuhause grasten. Und überall hatten sich kein Zweibeiner blicken lassen. Schließlich dieses eigenartige Gebilde aus Strohballen mit diesem blöden Spruch MATHILDE, KOMM ZURÜCK! Der kaum noch zu entziffern war. Alles wirbelt wild durcheinander in ihrem Kopf herum.
Trotzdem oder vielleicht gerade wegen all dieser Merkwürdigkeiten hätte die neugierige Mathilde zu gern noch gewusst, was aus Ringelpütz geworden ist. Zum Glück hat sie es nicht erfahren. Womöglich hätte sie dann nicht nur Mitleid mit Kahn, sondern am Ende auch mit Ringelpütz bekommen.
Dabei hatte alles so gut angefangen, als Uschi aus ihrem freiwilligen Exil im Sauerland wieder zurück zu Olli gekommen war. Uschi, die sich immer geschämt hatte, dass ihr Mann sein Geld mit einer Schweinemästerei verdiente, bekam nun alles erfüllt, was sie sich gewünscht hatte. Olli kaufte ihr fünf Ponys. Olli sorgte dafür, dass auf dem Hof mehrere Katzen herum strichen. Biester die Kahn zunehmend reizten, weil er nicht wusste, welche er zuerst jagen sollte. Weshalb er oft wie ein angestochenes Schwein kreuz und quer über den Hof und durch die Gegend raste.
Für die Ponys hatte Ringelpütz einen kleinen Parcours gebastelt, über den die Pferde hopsen mussten. Leider aber entließ er Saubermanns alten, erfahrenen Gärtner, der Olli und Uschi eine Woche nach der Übernahme auf den Kopf zusagte, dass sie Null Ahnung von Bioanbau hätten. Was ja auch stimmte. Er entließ auch zwei junge Gärtnerinnen. Darauf bestand Uschi.
Dafür übernahm er von einem Pleite gegangenen Zirkus die meisten Tiere. Neben den Kamelen und Dromedaren und Lamas auch einen Esel, einen zahnlosen Löwe, zwei Affen und drei alte Pferde. Die waren so alt, dass sie innerhalb eines Vierteljahres hintereinander starben. Uschi war es recht. Denn mit dem Gnadenhof hatte sie schneller abgeschlossen als gedacht, nachdem ihr bewusst geworden war: Das bedeutet auch Arbeit. Stall ausmisten, die Pferde striegeln und so weiter.
Bei den Ponys war das was anderes. Die kleinen Mädchen, die den Hof fast regelmäßig besuchten, um zu reiten, pflegten die Ponys freiwillig. Das gefiel Uschi.
Die Kamele und die Eselin durfte Olli behalten, weil er Uschi den Floh ins Ohr gesetzt hatte, dass sie bald wie eins Cleopatra in Esels- und Kamelmilch baden könnte. Auch das gefiel ihr. Aber nur bis ihr das IA-Geschreie der Eselin auf den Wecker ging. Also wurde das Tier einer befreundeten Familie geschenkt. An eine Familie, die ihrer Tochter damit einen Geburtstagswunsch erfüllte. Die Affen mit ihrem ängstlichem Gekreische in ihrem viel zu engen Käfig landeten in einem Zoo.
Ach ja, Olli Ringelpütz hat sich seine Zukunft auf einem Biohof ganz anders vorgestellt. Zwar träumt er weiter von ertragreichen Obstplantagen, die er anlegen würde und auch von Biogemüse. Wenn Olli als ehemaliger Schweinemäster an Fleisch denkt, dann wird ihm schlecht. Und so kommt es jetzt oft vor, dass er bis spät in die Nacht vor dem noch glimmenden Kamin sitzt, vertieft in Bücher über Gartenbau ohne Gift, ohne Chemie. Zu seinen Füßen sein treuer Hund Kahn, der, je älter er wird, immer lauter furzt.
Und Uschi?
Wie schon erzählt, war sie eines Tages mit ihren zwei neuen Koffern zu Olli zurückgekehrt. Das Wiedersehen wurde ausgiebig gefeiert. Olli vermied es, Uschi zu fragen, was sie in dem Wie-heißt-dieser-Ort-doch-gleich getrieben hatte. Ehrlich gesagt, will er es auch gar nicht wissen. Nach dem Motto: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.
Und selbst für Uschi scheint diese kurze Vergangenheit ohne Olli abgehakt. Und so vergehen die Wochen. Der einstige Biohof verwandelt sich immer mehr in einen Ponyhof. Uschi aber verwandelt sich erschreckend schnell von einer begeisterungsfähigen Ehefrau in eine faule Sau, wie Olli es drastisch fluchend für sich zu formulieren pflegt. Die Pferdeställe werden nicht ausgemistet, die Katzen leben nur von Feldmäusen oder Abfällen. Und Olli hat viel mehr Arbeit als früher mit seinen Schweinen, die automatisch gefüttert wurden. Abends ist er jetzt müde, todmüde. Uschi dagegen hockt vor dem Fernseher. Stundenlang. Meistens geht das schon nachmittags los. Vor allem, wenn die Serie „Der heiße Campingplatz“ vom Vortag wiederholt wird. Und abends wird weiter geglotzt. Nun die neuesten Folge von „Der heiße Campingplatz“.
Olli findet die Serie saublöd, auch wenn Saubermann darin eine der Hauptrollen spielt. Als Campingwart erlebt Saubermann darin die wildesten Abenteuer. Mal stellt er einen Dieb. Mal klärt er einen Mord auf. Und manchmal ist er in ein gefährliches Techtelmechtel verstrickt.
Wenn Uschi so was gefällt, soll sie den Mist eben sehen, Das hat Olli anfangs gedacht. Doch seitdem sie ihm in den Ohren liegt mit Sätzen wie „Das muss ich dem Siggi Saubermann doch mal schreiben, dass es sich so nicht benehmen kann“ hat Olli gemerkt, dass da etwas schief läuft. Uschi kann die Wirklichkeit und das Geschehen im Fernsehen nicht mehr auseinander halten. Es kommt vor, dass sie mit Saubermann, der in der Serie „Der Erich“ heißt, vom Fernsehsessel aus spricht. Aber „Der Erich“ natürlich nicht mit ihr.
Ringelpütz findet Uschis Realitätsverlust bedenklich, ja, geradezu unheimlich. Er   überlegt, ob er Saubermann einfach mal einladen soll, zu Uschi und sich. Vielleicht kapiert Uschi dann, dass Saubermann nur in der Serie „Der Erich“ ist.
Aber schließlich verwirft Olli den Gedanken. Denn Saubermann soll nicht sehen, wie sein ehemaliger Biohof unter Ringelpütz langsam vor die Hunde geht. Dass kein Biogemüse mehr angebaut wird. Der schöne Kräutergarten fast verdorrt ist. Mit dem Kräutergarten hatte Ringelpütz besonders große Pläne: Lavendel, Estragon, Salbei und viele andere Küchenkräuter wollte er im großen Stil anpflanzen, und frisch an die Supermärkte liefern. Nichts ist daraus geworden. Und Uschis Hühner? Ein Kapitel für sich ist das. Ringelpütz muss sie füttern und die Eier einsammeln.
Hinzu kommt: Der Hof wirft keinen Gewinn ab. Noch schlimmer: Er frisst auch Olli Reserven auf. Sachte schmilzt das Geld, das Olli durch den Verkauf seines Schweinemastbetrieb auf die hohe Kante gelegt hat. Oft ist seine Verzweiflung so groß, dass er am liebsten in den Wald laufen und Mathilde fragen möchte: „Was würdest du an meiner Stelle tun?“
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DER SELTSAME GAST

Nun ist die Lage der Tiere im geschrumpften Wald noch bedrohlicher geworden. Gleich hinter der Neubausiedlung haben die Zweibeiner einen hohen Drahtzaun errichtet, der hunderte von Metern lang und für die Wildschweine unüberwindlich ist. Für sie bedeutet das: Ein langer Gang auf der einen Seite des Zaunes und wiederum ein langer Gang auf der anderen Seite, um wegen Nahrungssuche in die Siedlungen der Zweibeiner eindringen zu können.
Mathilde durchschaut zuerst die Gefahr. die auf sie alle zukommen wird, wenn die Menschen diesen Drahtzaun noch länger bauen, vielleicht um den ganzen Wald herum, dann sitzen alle Tiere in der Falle. Dann gibt es kein Entfliehen mehr. Dann ade, Freiheit!
Aber noch wird an dem Zaun nicht weitergebaut. Und wie das so ist - übrigens bei Mensch und Tier gleichermaßen - man gewöhnt sich an den gegebenen Zustand. In diesem Fall an den vorhandenen Zaun. Und die Gefahr, dass er weiter gebaut werden könnte, ist erst einmal vergessen.
Außerdem haben die Wildschweine noch ganz andere Sorgen. Die Rotte, die früher fest zusammen gehalten hatte, zerfällt immer mehr in zwei Lager. Der eine Teil vertraut Mathilde. Der andere folgt den Lockrufen Herkis, der immer kühner in die  menschlichen Siedlungen vordringt, um bequemer an Nahrung zu gelangen.
Mathilde sieht diese Entwicklung mit Sorge, weiß aber nicht, wie sie Herki und seine Anhänger stoppen soll. Wieder verkriecht sie sich in ihre Selbstzweifel: Kann sie als geborenes Hausschwein, das von den Zweibeinern zu einem Mastschwein verurteilt worden ist, diese Truppe von Wildschweinen, die als Gemeinschaft immer mehr auseinander driftet, überhaupt führen? Und wohin führen? Jedes Mal, wenn sie an dem Zaun entlang streift, fürchtet sie, was passieren könnte. Aber nein, das will sie sich gar nicht erst vorstellen! Die ganze Rotte eingesperrt in einem Gehege. Und sie, Mathilde, zwischen den Wildschweinen als Exotin. Die Leute stehen am Zaun, lachen und lästern: Guckt mal, da ist ein Hausschwein, das glaubt, es sei ein Wildschwein! Nein, so weit soll es nicht kommen. Es muss doch, verdammt noch mal, einen Ausweg geben.
Wieder einmal hat der Herbst die Laubbäume farbenfroh geschmückt. Aber schon bald wird es mit der vergänglichen Pracht vorbei sein. Kahl und schutzlos müssen die Tiere dann den kalten Tagen und Nächten trotzen.
An einem späten, bereits dunklen Nachmittag, beschließt Herki mit seiner kleinen Truppe von Wildschweinen den Garten aufsuchten, in dem die wohlschmeckenden reifen Esskastanien zuhauf im schon vergilbten Grase liegen. Mathilde hat  eine Weile überlegt, ob sie sich mit den restlichen Wildschweinen dieser schon traditionellen Expedition anzuschließen soll. Aber etwas wie eine Ahnung oder innere Warnung hat sie davon abgehalten Obwohl ihre Neugier beinahe gesiegt hätte: Würde die Terrassentür wieder offen stehen für einen Erkundungsgang durch das Haus? Würde es dort noch das bequeme Sofa und den große Fernseher geben?
Aber gleichzeitig hat sie sich vorgestellt, wie lange die Wildschweine jetzt laufen müssen, um in die alte Siedlung der Zweibeiner, in der sich der Garten mit den köstlichen Esskastanien befindet, gelangen zu können. Der Zaun hat ja den direkten Weg dorthin für immer versperrt. Deshalb ist das Unternehmen zu gefährlich, glaubt Mathilde. Ihre Bedenken behält sie aber für sich. Wer will, könne ja mit Herki losziehen. Sie aber sei zu müde für das Abenteuer. Und so zieht Herki schließlich mit seinem Trupp, hauptsächlich junger Keiler, allein los.
Mathilde fühlt sich tatsächlich müde, außergewöhnlich müde. Zwischen ein paar Jungtannen findet sie eine Kuhle. Sie legt sich hinein und merkt widerum, dass sie zwar müde ist, aber nicht einschlafen kann. Sie denkt, dass sie träumt und träumt, dass sie denkt. Und dabei spürt sie den unwiderstehlichen Drang zu laufen. Mathilde läuft und läuft - durch Zeit und Raum - bis sie dort angekommen ist, wo sie hin will...

Es ist früher Nachmittag. Eine junge Frau betritt das Restaurant.
„Wir öffnen erst in einer Stunde“, ruft eine Männerstimme aus der Küche. Aber die etwa Zwanzigjährige bleibt, als habe sie nichts gehört, und sieht sich neugierig die Inneneinrichtung an. Bestaunt die längst ausgedienten Weinfässer, die nun als Dekoration die Wände schmücken. Aneinandergereiht liegen sie oberhalb der Tische auf Holzregalen. Alles hat wohl den Wunsch, ein italienischer Landgasthof sein zu wollen. An den Wänden viele gerahmte Fotos. Italienische Landschaften. Auf einem der Bilder posiert ein junger Mann mit freiem Oberkörper lächelnd vor einem alten Bauernhaus. Das Mädchen erkennt ihn wieder.
Auf jedem der zwölf Tische steht eine Flasche Rotwein. Der Hauswein. Eine Theke ist gefüllt mit Vorspeisen, die hinter einer Glaswand, verlockend dekoriert, auf die abendlichen Gäste warten. Die junge Frau beschließt, sich hier wohl zu fühlen. Sie setzt sich an den nächstbesten Tisch und wartet. Aber nicht lange, und schon schießt der Besitzer aus der Küche.
„Ich sage doch, wir öffnen erst...“
Weiter kommt Curzio nicht. Die junge Frau, die auch noch ein Mädchen sein könnte, steht auf, geht auf ihn zu und liest in seinem erstaunten Blick, dass er sie erkannt hat.
Ja, sie ist es. Nur ein bisschen verrückter sieht sie heute aus. Sie trägt eine Strumpfhose mit unterschiedlichen Mustern an jedem Bein. Links geringelt, rechts mit Mohnblumen bedruckt. Und ihr farbenfroher Pullover in lila und türkis ist mindestens zwei Nummern zu groß, so dass ihre zarte Figur beinahe darin verschwindet.
Curzio hat ein gutes Gedächtnis: „Schau, schau, meine kleine Tramperin, die plötzlich wie vom Erdboden verschluckt war.“
Das Mädchen geht auf seinen Vorwurf nicht näher ein und gibt ihm die Hand: „Aber jetzt bin ich ja hier.“
„Dein Name? Lass mich raten...Ma... Ma... Mareike?“
„Gu!...wenn du willst.“
Beide schweigen. Keiner weiß so richtig, wie das Gespräch weitergehen soll.
„Gemütlich ist es hier bei dir.“
„Findest du? Manche Gäste sagen auch: Heute gehen wir in Curzios Kitschbude mit dem guten Essen.“
„ Fährst du keine Schweine mehr in die Schlachthöfe?“
„Schon lange nicht mehr. Seit damals, als wir den Unfall hatten.“
„Wir?“
„Na, du warst doch mit im Wagen.“
„Richtig.“
„Wie hast du mich gefunden?“
Eine Frage, die sie nicht beantworten kann und will. Also, eine Gegenfrage : „Bist du das auf dem Bild?“
„Ja, damals war ich siebzehn. Es hängt hier, weil ich manchmal Heimweh habe.
„Nach Apulien, ich weiß.“
„Das hast du behalten?“
„Warum nicht. Und was bedeutet „Bastian contrario“ der Name für dein Restaurant?“
„Das ist eine zu lange Geschichte.“
„Ich habe Zeit.“
„Aber ich nicht. Komm mit in die Küche. Heute Abend gibt's frische Artischocken. Und die muss ich noch...“
In der Küche steht eine ältere Frau am Herd, die wie eine Dame aussieht. Die Tramperin schätzt sie auf Mitte siebzig. Ihre Fingernägel sind lang und dunkelrot lackiert. Die sicher schon ergrauten Haare sind weißblond gefärbt und kunstvoll hochgesteckt. Ihr Make up ist dezent aber perfekt. An einem Handgelenk klirren goldene Armbänder. Curzio stellt sie als seine „Mammma“ vor, die Mareike gleich zum Salat waschen verdonnert: „Eine schöne Beschäftigung, um sich zu unterhalten.“
Der Tramperin ist es recht, denn sie will von den beiden so viel wie möglich über Apulien erfahren. Während Mama und Sohn kochen und braten und Mareike den Salat putzt und zerrupft, erzählen die Beiden von ihrer Sehnsucht nach Apulien. Jeder hat seine eigenen Geschichten. Und so fallen sie sich immer wieder gegenseitig ins Wort. Sie erzählen manchmal leise traurig, dann wieder voll lauter Begeisterung. Aber so, dass Sohn und Mutter Heimweh und Mareike noch mehr Sehnsucht nach Apulien bekommen.
Spät am Abend - die letzten Gäste haben vor fünf Minuten das Lokal - verlassen, schauen sich Mareike und Curzio Fotos an, mit denen die Wände in der Garderobe geradezu tapeziert sind. Es sind ganz persönliche Fotos.
„Das ist unser Haus in Apulien, Mareike.“
„Gehört es euch immer noch?“
„Natürlich. Das sind unsere Olivenbäume. Und das ist Papa. Aber er lebt nicht mehr. Du hast vorhin gefragt, warum mein Restaurant „Bastian contrario“ heißt. Das hat was mit Papa zu tun. Er nannte sich so. Ich bin ein Bastian contrario, sagte er immer wieder. Das bedeutet, er war was Besonderes. Er hatte seine eigene Meinung von den täglichen Dingen. Papa heulte nie mit den Wölfen. Er war, wenn es für ihn sein musste... eben konträr. Manche im Ort nannten ihn auch einen Nörgler, einen Besserwisser. Aber das hat ihn nicht gestört.“
„Und mit dem Namen für dein Lokal hast du ihm ein Denkmal gesetzt.“
Mareike sieht Curzio direkt in die Augen. Das verwirrt ihn. Was soll er von diesem Mädchen halten, das nach seinem Unfall auf der Autobahn so eigenartig verschwunden war, obwohl er sie für eine Aussage bei der Polizei dringend gebraucht hätte. Jetzt steht sie in seinem Restaurant und benimmt sich, als wäre alles in Butter. Soll er misstrauisch sein oder sich freuen?
Er entschließt sich für eine dritte Variante. Er spielt den Geheimnisvollen: „Ich bin auch so ein Bastian contrario, Mareike. Das habe ich von Papa geerbt“
Die junge Frau lächelt. Geheimnisvoll! Und Curzio fällt auf, dass ihm ihre Augen, die von langen hellen Wimpern fast verdeckt sind, gefallen.
Mareike reißt ihn aus seiner Betrachtung. Sie interessiert sich weiter für die Foto.
„Und die Burg hier, gehört die euch auch?“
„Nein, die gehört unserem Kaiser.“
„Ihr habt einen Kaiser?“
„Wir hatten einen Kaiser. Er ist schon neunhundert Jahre tot.“
„Ach so!“
„Friedrich der Zweite war das. Ein Staufer.“
„Interessant...Gibt es in Apulien auch Gegenden in denen keine Menschen leben?“
„Ja! Warum fragst du?“
Mareike lacht und antwortet nicht.
Tage später erinnert sich Curzio an ihren überstürzten Abschied. Es geschah alles ganz schnell. So, als müsse sie unbedingt noch die letzte Straßenbahn oder den Bus erreichen. Hatte sie noch „bis bald“... gesagt?

Mathilde wird brutal geweckt, als mehrere Wildschweine über sie hinweg trampeln. Sie rempeln sich gegenseitig an, quietschen und grunzen. Ganz eindeutig: Hier ist Panik ausgebrochen. Mathilde will aufstehen und sehen, was los ist. Dabei wird sie von zwei jungen Keilern überrannt, die wohl auf der Flucht sind. Aber weshalb?
Mathilde rappelt sich wieder hoch, sucht Boris, der gewöhnlich nicht weit von ihr seine Schlafkuhle hat. Boris? Wo ist Boris? Boris ist nicht da. Mathilde kann nicht wissen, dass er hundert Meter weiter die jungen Keiler, die am ganzen Leib zittern, zu beruhigen versucht. Was ist passiert? Nur mit Mühe können sich Mathilde und Boris ein paar Stunden später aus den ängstlichen Schilderungen der Herki-Truppe zusammenreimen, was sich auf dem Ausflug abgespielt hat.
Herki und die jungen Keiler, die ihn unbedingt bei seiner Esskastanien-Expedition begleiten wollten, waren in einen Hinterhalt der Zweibeiner geraten. Offenbar wurden sie in dem Garten mit dem Kastanienbaum regelrecht erwartet. Und Schuld daran waren Herki und seine Getreuen selbst, die nach dem Eindringen in die Siedlung eine Schneise der Verwüstung hinterließen. Zuerst hatten sie alle erreichbaren Mülltonnen vor und hinter den Häusern umgeworfen. Aber das hatte ihnen noch nicht gereicht. Bald schepperten auch die Scherben von umgekippten und zerbrochenen Blumenschalen über die Terrassen. Kleine Gewächshäuser, in denen einige Hausbesitzer liebevoll exotische Pflanzen wie Zitronenbäumchen züchteten, waren einfach platt gemacht worden. Eine Rausch an Zerstörungslust muss das gewesen sein, in den die Herki-Truppe sich gesteigert hatte.
Ein alter Mann, der seinen Blumen zur Hilfe kommen wollte und die Tür zum Garten todesmutig geöffnet hatte, sah sich in der Dunkelheit plötzlich von Wesen umringt, deren Augen wie kleine Lichter leuchteten. Der Alte glaubte nicht an Geister. Er, früher selbst Jäger, wusste sofort, wer die Übeltäter waren. Er wusste auch, was zu tun war. Die Uhr zeigte zwar schon gegen zehn Uhr abends, aber sein alter Jagdfreund Saubermann würde sicher noch ans Telefon gehen. Und tatsächlich, Saubermann meldete sich. Nicht nur das: Gelangweilt von einer Drehpause, organisierte er noch vor Mitternacht eine nicht genehmigte Gegenoffensive mit einigen Jagdfreunden.
Es war nicht schwer, Herki und die wild gewordenen Wildschweine in dem Garten mit dem Kastanienbaum zu stellen. Man schoss, nicht immer gezielt, aber einige Schweine bekamen schon was aufs Fell. Herki erwischte es ganz böse. Eine Ladung landete in sein rechtes Hinterlauf und zertrümmerte den Knochen. Vor Schmerzen winselnd versteckte er sich vor den Überfall der Zweibeiner hinter eine Hecke. Plötzlich aber Ruhe! Keine Schüsse mehr. Die Wildschweine waren in alle Himmelsrichtungen geflohen. Nur Herki blieb zurück. In seinem Versteck. Die Jäger zogen so leise ab, als hätte die Nacht sie verschluckt. Aber Herki wagte sich trotzdem nicht aus seiner Zuflucht
Im Lokalteil der örtlichen Zeitung stand zwei Tage später über Herkis Ausflug: „ Im Villenvorort Kleingroßsucht haben Wildschweine eine Spur der Verwüstung  hinterlassen. Es stellt sich die Frage: Wie lange sollen wir diese Tiere noch im Wald dulden? In unserem Wald, der sich zu einem beliebten Naherholungsgebiet entwickelt hat?“



DIE ENTSCHEIDUNG

Das Bedauern der Rotte über das Verschwinden Herkis und seinem von allen  vermuteten Abgang in den „Wildschwein-Himmel“ hält sich in Grenzen. Zu oft schon hat er mit seiner Tollkühnheit sein Schicksal und das der anderen Wildschweine herausgefordert. Doch, als er Tage später, zwar humpelnd aber wie ein Sieger, im Wald wieder auftaucht, glauben alle an ein Wunder.
Obwohl Herki noch erbärmlich hinkt, werden die Gerüchte und erfundenen Geschichten über seine Rettung von Tag zu Tag immer verrückter: In Herki lebt der Geist eines Zauberers. Herki gehört zu den Unsterblichen. Alles Unsinn. Mathilde weiß es besser. Denn ihr hatte Herki alles gebeichtet. Wie ein reuiger Sünder hat er sich Mathilde anvertraut. Und eingesehen, dass er richtig Mist gebaut hat. Denn sein wilder Zug durch die Vorgärten der Zweibeiner wird Folgen haben. Das hat er in seinem Versteck mit eigenen Ohren gehört. So viel zumindest kann Mathilde aus seinem immer noch ängstlichen Grunzen verstehen: Schon in den nächsten Tagen werden die Menschen den Zaun weiter bauen. Und dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, wann die Tiere im Wald endgültig in der Falle sitzen.
Jetzt hängt alles von Mathilde ab. Aber hat sie einen Plan?
An einem sehr frühen Morgen, die Amseln haben gerade zu ihrem zweiten Konzert angesetzt, rumpelt ein Lastwagen mitten durch das Revier der Wildschweine. Auf  seiner Ladefläche jede Menge Holzpfosten und Rollen von Maschendraht. Auf einer Lichtung hält das Auto. Hydraulisch wird die Ladung herunter gekippt. Es dauert keine halbe Stunde, und der Laster ist wieder fort. Aber seine hinterlassene Ladung lässt vermuten, dass er bald zurück kommen wird, um noch mehr Material zu liefern. Der Bau des Zaunes rückt in greifbare Nähe.
Am späten Abend, so wird die Kunde durch den Wald getragen, will Mathilde alle Wildschweine auf der Lichtung sehen. Kommen ist Pflicht. Es geht um Sein oder Nichtsein. Es kommen nicht alle aber viele: Die Bachen mit ihren Frischlingen, die Keiler, die noch vor Tagen die Zweibeiner in ihrer Siedlung in Angst und Schrecken versetzt hatten. Ja, selbst Herki kommt mit seinem kaputten Hinterlauf angehumpelt. Neugierig, was da wohl los sein soll, haben sich auch wieder Rehe und Hirsche eingefunden. Und ein schlauer Fuchs hat sich ganz vorn einen sicheren Platz hinter einem Farn ausgesucht.
Eine angespannte Stimmung liegt über dem nun fast mitternächtlichen Wald. Kein Eule schreit. Kein Windhauch bewegt die Bäume. Stumm warten die Tiere, was Mathilde ihnen zu sagen hat. Und insgeheim ahnen alle, dass es keine frohe Botschaft sein wird.
Und so komm es dann auch. Mathilde, die sich vor ihrer großen Rede noch einmal richtig im Schlamm gewälzt hat, damit sie mit ihrer noch immer rosigen Haut nicht wie ein harmloses Hausschwein aussieht, fängt an von Knurri zu erzählen. Sie berichtet von seinen Ahnungen, die er ihr, nur ihr, anvertraut hat. Von seiner Prophezeiung, dass der Wald eines Tages ganz und gar verschwinden werde Und sie schwärmt von einem Land, in dem alle Schweine glücklich sein könnten. In dem sie nicht von Menschen verfolgt und zu Schinken und Würsten verarbeitet würden. Mathilde steigert sich derart in die Schilderung ihres Schweine-Paradieses, dass sie gar nicht merkt, dass hier wohl Wunsch und Wirklichkeit ganz schön durcheinander purzeln. Aber die Wildschweine glauben ihr. Und das macht die Sache kompliziert.
Bis sie von einer alte Bache aus ihren Schwärmereien gerissen wird: „Wo liegt dieses Land und wie kommen wir da hin?“
„Ja, wo liegt dieses Land?“ fragen jetzt auch andere Schweine. „Und wenn es dieses Land gibt, warum brechen wir nicht sofort auf?“
Mathilde spürt, dass sie den Mund wohl ein bisschen zu voll genommen hat. Ihr ist klar, dass sie zwar eine Vorstellung von dem Land ihrer Sehnsucht hat, es aber den hier Versammelten nicht schildern kann.  
„Und wie kommt man dahin?“ wollen die Schweine wissen.
Mathilde muss passen. Sie hat keine Ahnung.
Aber dann, wie ein Blitz, kommt ihr eine, vielleicht die Idee. Hat Knurri ihr nicht diese verlassene Dorf gezeigt? Kennt sie den Weg dorthin nicht wie im Traum?
Und nun erzählt sie, dass sie den alten Keiler, den alle schon für tot gehalten haben, mehrmals wiedergetroffen hat. Auch von ihrer letzten Begegnung mit Knurri erzählt sie Und von dem Ort, aus dem sich die Menschen zurück gezogen haben, weil sie lieber in Städten leben wollen, weil sie glauben, dass das Leben für sie dort leichter ist. Und Mathilde schlägt vor, alle hier bedrohten Schweine in das verlassene Dorf zu führen.
„Und das ist dein Schweine- Paradies?“
„Vielleicht noch nicht. Aber wir sind dort erst einmal sicher.“
Die Tiere glauben ihr nicht. Das spürt Mathilde. Sie wollen die Gefahr, die auf sie lauert, nicht wahr haben.
„Die Zeit drängt. Seht ihr da drüben die Holzpfähle und die Drahtrollen. Die Zweibeiner wollen uns einschließen.“
Sofort entwickelt sich ein wildes Grunzen. Jedes Schwein hat seine eigene Meinung:
„Das ist doch Quatsch! Wir waren schon immer im Wald und hier bleiben wir!
„Die Zweibeiner kommen mit ihren Häusern immer näher.“ fleht Mathilde. „Seht ihr denn nicht, dass unser Wald immer kleiner wird.“
Lange dauert die Zusammenkunft auf der Waldwiese, sehr lange. Erst als ein heller Streifen im Osten den neuen Tag ankündigt, verlassen die letzten Tiere den Platz.
Mathilde hat schließlich ein Ultimatum gestellt: Wer den Wald mit ihr verlassen will, der soll morgen Abend wieder an die gleiche Stelle kommen. Von hier aus wird die große Wanderung beginnen.
Schon wenige Stunden, nachdem sich die Tiere in das Dickicht zurück gezogen haben, wissen die meisten, dass die Zeit der Entscheidung unwiederbringlich gekommen ist. Inzwischen ist nämlich ein Bautrupp mit schwerem Gerät angerückt. Lärmend bohren Maschinen tiefe Löcher in den Waldboden, versenken Pfähle darin so tief, dass kein Wildschwein sie jemals wieder einreißen kann. Erst abends, als sich die Sonne bereits dem westlichen Horizont näherte, verschwinden die Zweibeiner, um ganz sicher am nächsten Tag ihre Arbeit fortzusetzen.
Was nach diesem Tag in den späten Abendstunden passiert ist, hat ein Ehepaar, dass joggend im fast schon dunklen Wald seine Runde drehte, geschildert. Der Heimatzeitung „Neue Nachrichten“ ist das eine ganze Seite wert gewesen. Auch, weil die Jogger Fotos liefern konnten, die sie mit ihrem Handy aufgenommen hatten.
„Wir waren ganz in der Nähe der Waldwiese, dort, wo der Heimat- Theaterclub vor zwei Jahren den „Wilhelm Tell“ aufgeführt hat. Als es um uns raschelte und grunzte, wollten wir nichts wie weg. Man weiß ja: Wildschweine können ganz schön unangenehm werden. Das Verrückte war nur, nach welcher Seite wir auch liefen, von überall her kamen uns Wildschweine entgegen. Sie griffen uns aber nicht an, beachteten uns gar nicht. Sie liefen einfach an uns vorbei. Es war faszinierend und unheimlich. Alle rannten in eine Richtung, nämlich dorthin, wo die Waldwiese liegt.
Schließlich siegte bei uns die Neugier über die Angst. Vorsichtig gingen wir den Wildschweinen nach. Was sich uns dann auf der Wiese für ein Bild bot, das war unglaublich.Vielleicht hundert oder mehr Wildschweine hatten sich dort eingefunden. Die Frischlinge liefen quiekend zwischen den Beinen ihrer Mütter herum. Und die Keiler umkreisten den Pulk, als müssten sie ihn zusammenhalten oder vor Feinden schützen.
Geradezu gespenstisch wurde es aber, als nun auch noch ein Hausschwein auf der  Wiese erschien. Ja, ein ganz gewöhnliches Hausschwein. Allerdings mit einer eigenartigen Markierung. Auf seiner einen Hinterbacke hatte es einen schwarzen Fleck, der von unserer Entfernung wie ein Herz aussah.
Dieses Hausschwein drängte sich durch die Ansammlung der Wildschweine. Und alle machten ihm Platz. So, als wäre es eine außergewöhnliche Erscheinung. Weil der Vollmond so hoch stand, dass er den Wald in sein mattes Licht tauchte, wagten wir uns noch näher heran und machten mit dem Handy ein paar Bilder. Gerade noch zur rechten Zeit. Denn plötzlich kam Bewegung in die Masse. Alle Wildschweine strebten nach einer Richtung. Wir würden sagen, nach Süden. Der Spuk dauerte keine Viertelstunde und die Wiese war wieder leer. So, als wäre nichts passiert.“
Die Reaktionen auf diesen Zeitungsartikel konnten nicht unterschiedlicher sein. Einige Leser bezeichneten ihn als „Märchenstunde-Quatsch“. Die Bilder seien eine plumpe Fälschung. Ein Psychologe deutete die Schilderungen als „Wahnvorstellung eines gestressten Paares“ und riet zu mehreren Therapiestunden.
Nur Ringelpütz glaubte, als er die Schilderung der Jogger in der Zeitung las, sofort jedes Wort. Gleichzeitig wurde ihm aber klar, dass er Mathilde nun niemals mehr wiedersehen würde. Ein schmerzliches Gefühl das zu seinem augenblicklichen Seelenzustand passte. Denn schon wieder war er aus der Kurve getragen worden, weil auch sein zweiter Anlauf zu einer Gemeinsamkeit mit Uschi nicht klappten wollte. Er leerte an diesem Abend, als er den Artikel aufmerksam gelesen hatte, eine Flasche Rotwein. Danach war er in einem Zustand zwischen Selbstmitleid und Stolz, ja, Stolz auf Mathilde, die für ihn schon immer eine außergewöhnliche Sau gewesen ist.
Aber davon bekommt Mathilde natürlich nichts mehr mit. Denn Olli Ringelpütz und   sein einstiger Schweinemastbetrieb, sowie Kahn, sein Hund, Saubermanns Biohof, der Wald, in dem Mathilde ihre erste Zuflucht gefunden hat, die offene Terrassentür, das große Sofa – das alles liegt jetzt schon weit hinter ihr. Obwohl erst zwei Tage nach dem Aufbruch der Wildschweine vergangen sind. Mathilde hat den Kopf voll mit anderen Dingen: Die Tiere kommen nur langsam voran, weil sie sich in der dauernd wechselnden Landschaft nicht zurecht finden. Weil es immer hügeliger wird, verliert sich der langgezogenen Treck aus den Augen. Mehrere Frischlinge, die sich von ihren Müttern entfernt hatten, sind aus lauter Angst den Weg zurück gelaufen. Es dauerte einen ganzen Tag, bin man sie wieder eingesammelt hat. Zäh zieht sich der Umzug in die Länge. Auch, weil nur Mathilde den Weg kennt. Zu dem verlassenen Dorf.  Läuft Mathilde mal nicht an der Spitze, weil sie woanders dringend gebraucht wird, dann stockt der Pulk. Manche Wildschweine bleiben einfach stehen. Sie sind müde und hungrig. Mathilde wiederum hat Angst, dass die Zweibeiner sie verfolgen könnten. Deshalb schlägt sie vor, alle Wildschweine sollen durch einen See schwimmen, um so ihre Spuren zu verwischen. Da gibt es erst einmal ein großes Palaver. Schließlich wagen sich doch alle ins Wasser und staunen, dass das Wasser sie trägt. Spät abends ist Mathilde zum Umfallen müde, fast am Ende ihrer Kräfte. Denn auch sie war überrascht, dass sie schwimmen kann.
Mühsam baut sie sich eine Kuhle für die Nacht. Am nächsten Tag, das weiß sie, wird es noch schwieriger, wenn der Weg mitten durch eine Moorlandschaft führt und man vorsichtig gehen, nach rechts und links schauen muss, um nicht im Sumpf zu versinken.
Aber jetzt erst einmal die verdiente Nachtruhe. Oder?
„Was ist los, Herki? Ich bin müde.“
„Ich muss mit dir reden, Mathilde“
„Jetzt? Hat das nicht Zeit bis Morgen?“
„Nein, morgen ist es zu spät.“
„Was ist los, Herki? Du siehst aus, als ob du vor die Flinte laufen willst.“
„ Ich will hier hier bleiben. Mit meinem kaputten Bein bin ich nur eine Last für euch. Mir ist klar, dass ich nie wieder richtig laufen kann. Schon gar nicht, wenn Gefahr angesagt ist .“
„ Was heißt 'angesagt'? Du meinst, wenn Gefahr besteht?“
„Nenne es, wie du willst.“
„Aber da, wo wir hin wollen, besteht keine Gefahr. Die Zweibeiner haben diese Gegend schon vor langer Zeit verlassen.“
„Ich bin kein richtiges Wildschwein mehr, Mathilde. Wie soll ich mich ernähren?“
„Wenn ich dich richtig verstehe, willst du hier bleiben und auf ein Wunder warten.“
„Nicht auf ein Wunder.“
„Auf den Tod?“
„So ungefähr.“
„Du bist lebensmüde, Herki?“
„So ungefähr.“
„Und willst aufgeben?“
„So ungefähr.“
„Unsinn, Herki! Du bist noch nicht reif für den Tod! Der alte Knurri, der war es. Der hatte sein Leben klug und ausgiebig gelebt. Ausgiebig? Na gut, da kommt auch bei dir schon einiges zusammen. Klug? Da fehlt noch viel. Also, ich schlage vor, du bleibst am Leben. Wir brauchen in Zukunft kluge Wildschweine.“
Aber Herki macht immer noch einen niedergeschlagenen Eindruck. SeinSelbstbewusstsein, das vor seiner Verwundung nicht groß genug sein konnte, ist auf Null gesunken. Mathilde überlegt, wie sie ihm seinen Mut, nicht Übermut, zurückgeben kann. Vielleicht ist das die Lösung...
„Hör zu, Herki, in spätestens zwei Sonnenaufgängen sind wir in unserer neuen Heimat. Ob wir dort länger bleiben, das werden wir nach dem kommenden Winter entscheiden.  Wenn wir wissen, ob es dort für uns in der neuen Umgebung genügend Nahrung gibt. Du hast doch die richtige Spürnase dafür? Oder? Aber nach vollen Mülltonnen der Zweibeiner, das kann ich dir gleich sagen, brauchst du da gar nicht erst zu suchen.“
Mathildes kleiner Seitenhieb wird akzeptiert. Herki grunzt plötzlich vor Vergnügen.
Aber nun erweist sie sich als die kluge Mathilde: „Herki, hiermit ernenne ich dich zu meinem ständigen Begleiter und Berater in Futterbeschaffung.“
Herki grunzt wohlig. Das hat er nicht erwartet.
„Jetzt aber lege dich hier hin und schlaf! Morgen gibt es wieder einen langen Marsch. Und wenn du mit dem Laufen Schwierigkeiten haben solltest, dann warten wir eben auf dich. Gute Nacht!“
Mathilde wälzt sich in ihrer Kuhle auf die andere Seite und ist augenblicklich eingeschlafen.
Herki liegt noch eine Weile wach und denkt über seine neuen Aufgaben nach. Was wird Boris dazu sagen, der ja bisher nie von Mathildes Seite gewichen ist?
Ein kalter Wind aus Nordost, der die letzten Blätter von den Bäumen fegt, und den kommenden Winter ankündigt, weckt die Wildschweine am nächsten Morgen. Noch immer nicht haben sie das verlassene Dorf erreicht. Einige Tiere wollen schon gar nicht mehr daran glauben, was Mathilde ihnen von ihrer neuen Bleibe erzählt hat. Und selbst ihr kommen Zweifel, ob die heimlichen Treffs mit dem alten Knurri wirklich dort stattgefunden haben oder nur Wunschträume gewesen sind.
Aber dann, oh Wunder, eine Turmspitze, an die sich Mathilde noch gut erinnern kann, die sich, je näher sie kommt, in ein großes Gebäude, in eine Kirche, verwandelt. Vor dem verlassenen Dorf gibt es sogar noch ein Ortsschild, das bei jedem Windhauch hin und her schaukelt, weil es sich längst aus seinen Befestigungen gerissen hat. Die Wildschweine bleiben erst einmal ängstlich davor stehen. Einige fragen, was auf diesem gelben Schild mit der schwarzen Umrandung denn stehe.
Mathilde liest laut und langsam: „Schweinsbach“
Der Name klingt wie ein Signal. Schon sind die Schweine in „ihrem Dorf“. Der Weiher mitten in der ehemaligen menschlichen Siedlung wird sofort erkundet. Nach dem langen beschwerlichen Marsch ist er ein Geschenk. Ausgiebig wälzen sich die Tiere darin. Das Wasser spritzt, der Schlamm schwappt, die Schweine grunzen vor Begeisterung. Nur ein Ringeltauben-Pärchen fühlt sich gestört und flüchtet von der hohen Linde in die Bäume am Dorfrand. Und eine Eule, die wegen des Lärms ihre Tagesruhe unterbrechen muss, guckt verwundert auf das wilde Treiben.



UND SO ENDET DIE GESCHICHTE - VORLÄUFIG

Beginnen wir mit der Familie, die auf dem Weg nach Tirol gewesen war und vor Ollis Schweinemastbetrieb „Sau-Gut“ einen kurzen Stopp eingelegt hatte. Die aber sofort wieder in ihr Auto geflüchtet war, als sie der fürchterliche Gestank aus dem Mastbetrieb umhüllte. Nein, hier konnte man nicht rasten! Erinnert ihr euch? Und dann war die Mutter unterwegs auch noch in Panik geraten: Hatte sie die Terrassentür daheim nun geschlossen oder aus Versehen doch offen stehen lassen?
Wir wissen, sie war offen. Denn durch sie kam ja Mathilde ins Haus und konnte so zum ersten mal sehen, wie die Zweibeiner leben. Besonders das Sofa hatte Mathilde angezogen. Über die Anzeige in den herumflatternden Zeitungen mit dem gegrillten Schweinebaby war sie erschrocken. Den riesigen Fernseher wiederum mit dem grunzenden Zweibeiner in der Show fand sie amüsant. Das war zwar im Jahr danach, aber wieder hatte die Hausherrin versäumt, die Terrassentür zu schließen.
Übrigens, heute wohnt unsere Familie nicht mehr in der kleinen Villa mit dem großen Esskastanienbaum im Garten. Sie hat sich eine Wohnung in dem nun schon fertigen Neubauviertel gekauft. Für das der halbe Wald abgeholzt und der Rest für die Zweibeiner und für ihre Hunde reserviert worden ist.
Der Grund für den Umzug der Familie: Moritz kann jetzt zu Fuß zur Schule gehen.  Und muss nicht mehr wie früher im Villenviertel „ Kleingroßsucht“ ewig warten, bis der Bus endlich kommt. Jetzt schafft es Moritz, zwar meistens erst in letzter Minute, pünktlich zum Unterrichtsbeginn im Gymnasium zu sein. Auf dem Schulweg kommt er an dem früheren Ausflugslokal „Zum wilden Eber“ vorbei, in dem sich nach dreimaligem Besitzerwechsel ein Sushi-Restaurant, immer noch unter dem alten Namen „Zum wilden Eber“, eingerichtet hat. Der Vater von Moritz ist dort Stammgast, nachdem er seinen einst so geliebten Schweineschnitzeln aus Gewissensgründen abgeschworen hat. Die Mutter von Moritz, die ihn ganz selten nur noch Mummel nennt seit er im Gymnasium ist, aber weiter in ihren Salaten herum pickt, kommentiert die neue Essleidenschaft ihres Mannes spitz so: „Schwein bleibt Schwein. Und die Thunfische in deinem Sushi gelten als Schweine der Meere und sind deshalb genau so bedauernswerte Geschöpfe.
Und noch eine Neuigkeit, aber eine traurige: Der jetzige Besitzer der kleinen Villa, in der vorher unsere Familie lebte, hat den wunderschönen Esskastanienbaum sofort fällen lassen. Ihm soll der Schatten, den der Baum auf das Haus warf, zu groß gewesen sein. Die Stadtverwaltung hatte dem Mann zunächst die Hölle heiß gemacht: Wo käme man hin, wenn jeder Hausbesitzer einfach Bäume beseitigen würde, wie es ihm gefällt. Aber der Mann, der mal ein einflussreicher Politiker gewesen war, hatte noch seine Beziehungen. Er rief da an und dort an, und schwuppdiwupp galt der Kastanienbaum als alt und morsch. Obwohl er noch viel Jahre hätte leben können.
Kommen wir zu Uschi und Ringelpütz! Das Projekt Gnadenhof für alte Tiere und Ponyreiten für junge Mädchen ist in die Hose gegangen. Und die Ehe zwischen Olli und Uschi gleich mit. Uschi packte erneut ihre Koffer und verschwand eines Tages auf Nimmerwiedersehen. Seitdem sitzt Ringelpütz wieder allein auf seinem Hof, der längst kein Biohof mehr ist, und träumt von einer Farm in Kanada.
Und was wurde aus Saubermann? Tragisch, tragisch! Seine Fernsehserie ist nach der ersten Staffel mit elf Folgen eingestellt worden. Zu wenig Quote. Kaum einer wollte schon nach nur drei Folgen das Leben auf einem Campingplatz mehr sehen. Aus der Traum von einer großen Fernsehkarriere für Saubermann! Gerade, vor ein paar Tagen hat er bei Olli angerufen, wollte sich mit ihm treffen. Aber Ringelpütz hat abgelehnt. Für ihn ist Siggi Saubermann mit schuld an Ollis erbärlichem Zustand.
Für Mathilde allerdings ist das nur der Schnee von gestern. Für sie gilt das Hier und Heute. Und das heißt: Sie und ihre wilde Truppe in Schweinsbach. Alle haben sich innerhalb kurzer Zeit an die neue Umgebung gewöhnt.
Boris hat sich stark verändert. Aus den „wilden Boris“ ist der „weise Boris“ geworden. Der, so behauptet er jedenfalls, regelmäßig Zwiesprache mit dem alten Geist von Knurri halte. Boris hat sich zum Druiden, zum Schamanen, zum Medizinmann entwickelt. Er philosophiert oft und gern über das künftige Dasein der Wildschweine und stellt neue Regeln für ihr tägliches Leben auf. Warum, so fragt er, können Wildschweine nicht von den Eichhörnchen lernen? Warum sollen nicht auch sie Vorräte für die strengen Winter anlegen?
Etwas abseits hat sich Boris ein winziges Haus als Domizil ausgesucht. Hier sitzt er oft stundenlang auf einer Treppe und malt mit seinem linken Hornzeh merkwürdige Gebilde in den Sand. Wenn ihm ein paar neugierige Wildschweine zu nahe kommen, verscheucht er sie mit dem Satz: „Geht mir aus der Sonne“. Und diesen Satz sagt er auch, wenn gar keine Sonne scheint.
Die Frage nach Nahrung für den kommenden Winter hat sich dank Herkis wieder erwachter Neugier auf wundersame Weise gelöst. Das tägliche Baden im moorigen Dorfteich tut ihm so wohl, dass er seit kurzem schon wieder flott durch die Gegend laufen kann. Nicht so schnell wie früher, aber er wird ja auch nicht mehr von irgend welchen Feinden gejagt.
Eines Tages hat Herki einen seltsamen Hügel hinter einer Scheune entdeckt. Hat ihn ihn von allen Seiten beschnüffelt und festgestellt: Was immer darunter liegt, es riecht verdammt gut. Vorsichtig hat er die Erde weg gescharrt und ist auf Stroh gestoßen. Zuerst Enttäuschung: Warum so viel Stroh? Aber warum riecht es trotzdem weiter so verführerisch? Da muss doch ein Geheimnis dahinter stecken. Also, hat Herki gewühlt und gewühlt, bis er einen Schatz freigelegt hat: Kartoffeln über Kartoffeln.
Und die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Überall hat Herki diese Hügel entdeckt. Hinter den Häusern und selbst draußen auf den Feldern. Wenn unter jedem dieser Hügel Kartoffeln liegen, folgerte Herki, dann müssen wir uns in puncto Nahrung für den Winter keine Sorgen mehr machen. Wem aber verdanken die Wildschweine diesen üppigen Vorrat? Das waren die Zweibeinern, die hier gelebt haben. Diese Menschen sind Bauern gewesen.
Seit die Menschen Ackerbau betreiben, wird ein Teil der Ernte, besonders Rüben und später auch Kartoffeln, auf diese Weise über den Winter aufbewahrt. In einer flachen Grube, die in die Erde gegraben wird. Erst legt man Stroh auf den Boden, dann die Feldfrüchte, dann wieder Stroh. Zum Schluss wird alles mit Erde zugedeckt. So entstand das, was man bis heute eine Miete nennt: Ein Vorratskeller im Freien.
Doch als die Zweibeiner hier ihr Dorf verließen, hatten sie weder Zeit noch Lust, ihre Vorräte aus den Mieten mitzunehmen. Sie haben einfach alles stehen und liegen lassen und sind für immer dort hin gezogen, wo sie glaubten, Geld und Arbeit zu finden.
Das aber ist nicht nur hier in Schweinsbach passiert. Fast überall wanderten und wandern noch heute die Zweibeiner weg aus ihrer Heimat. Und das Ziel sind meistens die Städte mit ihren scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten. Manche Menschen wandern weg, weil sie sich dort, wo sie bisher lebten, nicht mehr ernähren können. Andere, weil sie in ihrer Heimat bedroht werden. Und natürlich gibt es auch Zweibeiner, die nur das Abenteuer suchen. Aber alle hoffen, eine neue Heimat zu finden.
Eigentlich geht es den Zweibeinern nicht anders als uns Schweinen, denkt Mathilde. Denn auch sie träumt ja noch immer von dem Land ihrer Sehnsucht, das sie „Apulien“ nennt. Apulien! Klingt doch gut. Aber vielleicht gibt es dieses Apulien gar nicht, wie Mathilde es sich vorstellt. Und außerdem, muss sie sich gestehen, fühlt sie sich in Schweinsbach sauwohl. Gerade ist sie Mutter von vier Frischlingen geworden. Drei davon sehen aus wie Wildschweine, wie Herki, der Vater. Nur das vierte Ferkel, das ist seiner Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten. Und was trägt es auf seiner Hinterbacke? Einen schwarzen Fleck geformt wie ein Herz – ein Herz wie bei Mathilde.



Das Ende.