Monday, July 2, 2018

Mathilde Teil 2


PRINZESSIN MATHILDE

In Uschis Küche ist der Teufel los. Topfdeckel scheppern. Schranktüren werden aufgerissen und lautstark wieder zugeschlagen. Der Wasserhahn läuft ununterbrochen. Olli flucht und stöhnt. Uschi aber sitzt im Wohnzimmer und liest einen Artikel über ein europäisches Königshaus. Keine guten Nachrichten. Die dortige Königin aller deutschen Herzen ist empört über ihren Angetrauten. Der König soll sich nachts auf zweifelhaften Partys amüsiert haben. „Wird er die Krone an seine Tochter weitergeben?“ fragt die Zeitschrift. Uschi ist dafür.
 „Nichts findet man hier. Nichts! Keine Ordnung,“ Ollis Fluchen findet kein Ende.
Uschi unterbricht ihre Lieblingslektüre, erhebt sich aus ihrem Lieblingssessel und stürmt in die Küche: „Was höre ich? Keine Ordn...?“
Der Rest des Wortes bleibt unausgesprochen. Denn Uschi ist erschrocken über das Chaos, das ihre Küche heimgesucht hat. Töpfe und andere Hausgeräte liegen gestapelt auf dem Küchentisch. Ein riesengroßer, längst ausrangierter Aluminiumtopf dampft auf dem Herd vor sich hin. Uschi weiß nicht, wie sie das Ganze einordnen soll.
Olli : „Ich brauche Haferflocken. Wo sind die Haferflocken?“
Uschi: „Und ich brauche eine Erklärung, was das hier zu bedeuten hat.“
Sie lüftet vorsichtig den Deckel von dem Aluminiumtopf auf dem Herd. Kartoffeln!
Uschi: „Warum so viele Kartoffeln?“
Das sind Fragen, die Olli nicht wahrheitsgemäß beantworten will. Denn der Fall ist kompliziert...
Auch Olli hatte einen Traum. Vielleicht war es nur ein Halbtraum, so morgens zwischen Aufwachen und Dahindämmern. Das sind oft Träume, die man beeinflussen kann. Man schläft und träumt. Man wacht auf und denkt über den Traum nach. War es ein schöner Traum, dann will man ihn ganz schnell weiter träumen. So entstehen Wunschträume.
In Ollis Wunschtraum war ihm - na, wer schon? - Mathilde erschienen. In dem selben Wald, in den ihn sein Nachbar Saubermann zu diesen seltsamen Jagdausflug geschleppt hatte. Ollis Traum begann auf einer Lichtung zwischen dichten Farnen und Sprösslingen von Tannen und Fichten. Es war Herbst, der Wald roch nach Pilzen und es ging schon auf die Abendstunden zu. Aber die Sonne hatte noch ein paar matte Strahlen durch die hochgewachsenen Bäume geschickt, die die Lichtung wie eine dichte Mauer umschlossen. Plötzlich hatte es im Gestrüpp geraschelt. Und aus dem Unterholz kam Olli eine Gestalt vertrauensvoll entgegen: Mathilde.
Zu blöd. dass Olli in diesem Augenblick aufwachen musste. Er hatte das Gefühl gehabt, um das Ende seines Wunschtraums betrogen worden zu sein. Deshalb hatte er versucht, weiter zu schlafen. Tatsächlich - der Traumfilm lief weiter: Mathilde war jetzt ganz nahe und Olli durfte sie streicheln. Sie grunzte wohlig. Und als er sich auf einen Baumstumpf setzte, ließ sie sich zu seinen Füßen nieder. Es war wie im Märchen. Es fehlte nur noch die Verwandlung: Prinzessin Mathilde oder so was.
Doch eine durchdringende Stimme, die durch den Wald halte, riss ihn aus seinen Träumereien.
„Aufstehen, Olli!“
Und augenblicklich waren Mathilde, der Wald und der Geruch von Pilzen verschwunden gewesen. Olli lag in seinem Bett, Uschi stand davor und zeigte mit strengem Blick auf das Ziffernblatt des Weckers: Kurz nach sieben Uhr. Die Sonne strahlte bereits frech durch das Fenster, und Kahn kratzte draußen an der Schlafzimmertür.
Aus der Traum! Aber Ollis Traum-Erlebnis mit Mathilde hatte weiter in ihm genagt.  Dafür gab es zwei Gründe. Grund eins: Olli liebte immer noch Märchen. Sie waren und sind seine kleinen Fluchten aus den Widrigkeiten des Alltags. Und Grund zwei: Er hatte das Gefühl, dass Mathilde kein gewöhnliches Schwein sein konnte. Vielleicht ein Märchen-Schwein? Deshalb hatte er sich eine Trick ausgedacht. Er würde Mathilde aus den Wald locken. Mit einem so wunderbaren Futter, das sie es von ihm noch nie bekommen hatte: Gekochte Kartoffeln gemischt mit Haferflocken. Diese Schweine-Delikatesse an einer gut überschaubaren Stelle im Wald aufgestellt, würde Mathilde unweigerlich aus den Gestrüpp zu Olli zurücktreiben. Und dann... na, man wird sehen...
Aber das mit der Sehnsucht nach Mathilde und seinen Märchenfimmel kann er Uschi natürlich nicht erklären. Deshalb versucht er es mit einer realistischen Erklärung.
„Ich will ein paar von unseren Schweinen ein anderes, ein besseres Futter geben,“ lügt er. „ Na, ja, eben klassisch... ein Experiment...Vielleicht bringt das Fleisch mehr Kohle.“
Olli merkt, wie die Röte sein Gesicht überzieht. In einer Pokerrunde wäre er jetzt der absolute Verlierer. Und Uschis Stirn hat sich ja auch schon in ein Waschbrett verwandelt. Gleich wird sie schimpfen: Was du mir hier erzählst, ist kompletter Unsinn!
Aber Uschi lacht nur, zugegeben, etwas schrill, und verlässt die Küche mit dem höhnischen Kommentar: „Da werden sich deine Schweinchen aber freuen, wenn sie von dir so verwöhnt auf dem Schlachthof landen. Als Wohltäter werden sie dich preisen...“ Der Rest geht in Kahns Bellen unter. Denn Biobauer Saubermann ist gerade mit seinem „Geschoss“ angekommen. „Geschoss“ nennt Olli Saubermanns riesigen, PS-starken Geländewagen. Eigentlich kein gutes Aushängeschild für einen Öko-Landwirt, denkt Olli jedesmal, wenn Saubermann mit dem Auto aufkreuzt.
Aber was will Saubermann? Egal, Olli wird ihn gleich mal – im Vertrauen, versteht sich - ausfragen, wie man Mathilde  einfangen könnte. Als Jäger kennt er sich ja aus mit solchen Dingen. Und schon hat Saubermann auch eine tolle Geschichte parat, wie man den Wildschweinen jetzt auf die Spur kommt: „Die Wildschweine werden betäubt und anschließend mit Sendern versehen. Dadurch kann man genau verfolgen, wie sie sich bewegen, wohin sie gehen. Die kommen inzwischen ja schon am Tag in die Vorgärten, wie du weißt.“
„Und was macht man mit diesen allseits bekannten Erkenntnissen?“
„So wissen wir genau, wie viele Tiere sich im Revier aufhalten,“
„Mir ist nur nicht klar, was das mit Mathilde zu tun hat.“
„Olli, das ist kein Spaß, das ist Wissenschaft. In den letzten Jahren haben sich die Wildschweine gewaltig vermehrt. Sie sind ein Problem für uns alle geworden.“
„Ich hoffe nicht, dass Mathilde zu dieser Vermehrung beitragen wird. Aber mal ehrlich, was macht ihr gegen die vielen Wildschweine?“
„Wissen wir noch nicht. Der Hausmüll, die Rapsfelder, der Mais. Die Tiere leben wie im Schlaraffenland.“
„Das heißt, ich kann Mathilde aufgeben?“
Saubermann zaubert Geheimnisvolles in seine Gesichtszüge: „Noch nicht. Ich habe da so eine Idee.“



DIE FRESSFALLE

Viel Zeit ist vergangen. Wochen, Monate?  Mathilde könnte es nicht sagen. Jeder Tag in ihrem neuen Leben ist aufregend. Jeden Tag, jede Nacht hat sie etwas dazugelernt. Auch das Gefühl für Gefahr ist ihr nun vertrauter. Denn es ist nicht so einfach, sich an ein Dasein in der freien Wildbahn zu gewöhnen. Schon gar nicht für ein Hausschwein, das vorher in der Enge eines Mastbetriebes hausen musste. Zum Glück wird Mathilde von den Wildschweinen gut beschützt.
Besonders der junge Eber, der langsam seine Frischlings-Flecken zu verlieren beginnt, hat ein wachsames Auge auf sie. Ein etwas übertrieben wachsames Auge, denkt Mathilde oft. Denn in manchen Augenblicken kommt er ihr derartig nahe, dass sie sich fast ein wenig vor ihm fürchtet. Nur für sich nennt sie ihn deshalb den „wilden Boris“. Auch, weil er sie an ein Erlebnis mit einem ganz anderen Boris erinnert.
Es geschah an einem dieser furchtbaren Tage, an dem wieder der Viehtransporter mit seinen vergitterten Luken auf dem Hof von Ringelpütz stand, um eine Ladung Schweine zum Schlachthof zu bringen. Und sofort hatte sich eine Welle von Unruhe unter den Tieren verbreitet. So, als wüssten sie schon, was mit ihnen geschehen würde.
Ein junger Eber aber wollte sich nicht mit sein Schicksal abfinden. Er wehrte sich mit aller Kraft gegen den Abtransport. Immer, wenn die Männer glaubten, ihn gefangen zu haben, griff er sie frontal an. Wichen die Fänger zurück, dann suchte er die Lücke, um zu entkommen. Das ging so eine ganze Weile hin und her. Schließlich musste sogar Ringelpütz mithelfen, den Eber zu bändigen. Die anderen Schweine, von diesem ungleichen Kampf fasziniert, schwiegen, so dass nur noch das wütende Grunzen des Ebers zu hören war.
Ringelpütz hatte Angst vor dem wilden Eber und näherte sich ihm vorsichtig.
„Spiel hier bloß nicht den wilden Boris,“ sagte er beschwörend, vor allem, um sich selber Mut zu machen. Immer wieder sagte er: „Spiel hier bloß nicht den wilden Boris!“ Und das war wohl auch der Grund, warum ihn Mathilde nie vergessen hat, ausgerechnet diesen Satz. Vergessen aber hat sie ebenfalls nicht, dass Ringelpütz ihn damals laufen ließ, den „wilden Boris“. Er kam nicht mit auf den Laster.
Was aus ihm geworden ist? Mathilde weiß es nicht. Aber hier im Wald lebt er ja jetzt weiter. Zumindest namentlich. Als Mathildes „wilder Boris“, der sie beschützt und warnt, wenn Gefahr droht. Wie, zum Beispiel, eines Morgens, als ein lautes Klopfen durch den Wald hallt. Mathilde wachte davon auf. Verstärkt durch ein Echo hat sie das Gefühl, das Geräusch kommt von allen Seiten. Neugierig, wie sie nun einmal ist, möchte sie am liebsten sofort loslaufen, um der Ursache dieses Lärms heraus zu finden. 
Zum Glück kennt der „wilde Boris“ dieses Geräusch. Es bedeutete: Gefahr! Treibjagd! Das heißt, die Treiber – also noch nicht die Jäger – jagen, indem sie mit dicken Knüppeln an die Bäume klopfen, alle Tiere in die sichere Flucht. Dass jedenfalls glauben die Tiere. Bis sie auf einmal merken, dass sie in eine Falle geflohen sind. Denn dort, wo das Klopfen immer leiser wird, lauert die tödliche Gefahr. Dort warten Jäger oder auch Jägerinnen auf die panisch gewordenen Tiere und schießen sie ab. Schießen, was die Flinten hergeben. Die Kugeln fliegen nur so durch die Gegend. Und das Schrot, diese verdammten Bleistückchen aus den doppelläufigen Büchsen, durchdringen jedes Fell.
Knurri, der alte Keiler, hat diese Jagdtaktik der Menschen längst durchschaut und folgende Order an sein Rudel herausgegeben: Erstens, nicht weglaufen vor den Treibern! Zweitens: Wer ein Versteck hat, bleibt darin - auch wenn die Treiber ganz nahe daran vorbei gehen! Drittens: Wer entdeckt wird, rennt nicht vor den Treibern davon, sondern direkt auf sie zu. Denn die Treiber haben ja keine tödlichen Waffen. Viertens: Der Fluchtweg ist immer dort, wo die Treiber herkommen.
Natürlich verkauft der „wilde Boris“ die Weisheiten des alten Keilers, als kämen sie alle aus seinem eigenen Wildschwein-Gehirn. Doch so dumm ist Mathilde nun auch wieder nicht, dass sie seine kleinen Angebereien nicht durchschaut.
Trotzdem: Mathilde ist ihrem „wilden Boris“ dankbar, weil er ihr schon mehr als einmal das Leben gerettet hat. Vor allem an dem Tag, als sie aus dem Wald entführt werden sollte. Da haben ihr doch Ringelpütz zusammen mit Saubermann eine ganz gemeine Falle gestellt. Und sie ist auch prompt darauf reingefallen. Hinterher hat sie sich selbst große Vorwürfe gemacht, dass ihre Neugier mal wieder größer gewesen ist als ihr Gefühl für Gefahr.
Folgendes hatte sich ereignet: Ringelpütz war mit einem großen Topf, gefüllt mit dampfenden, gekochten Kartoffeln und allerlei köstlichen Beilagen, mitten in die Waldlichtung gestampft. Hatte den Topf dort abgestellt und sich im nächstliegendem Gebüsch versteckt. Es war reiner Zufall, dass der wilde Boris sich in der Nähe aufhielt und diese merkwürdige Aktion aus sicherer Entfernung beobachtet konnte. Leider stromerte auch Mathilde in der Gegend herum, die Ringelpütz natürlich sofort erkannte und den seltsamen Drang verspürte, ihm das mitteilen zu wollen. Aber Olli war plötzlich verschwunden. Wohin? Die ahnungslose Mathilde witterte keine Gefahr. Der Topf stand einsam in der Lichtung, und aus seinem Inneren duftete es köstlich. Zu gern möchte Mathilde wissen, was es damit auf sich hat. Langsam aber unwiderstehlich nähert sie sich dem von Olli ausgelegten Köder. 
Der Duft lockt und kitzelt ihre Geschmacksnerven. Ringelpütz hat schon die richtige Mischung aus gekochten Kartoffeln und Uschis Haferflocken zusammen gemixt. Mathilde fällt darauf rein.
Denn alles geht auf einmal ganz schnell. Ringelpütz kommt mit einem großen Sack von der einen Seite und Saubermann mit einem Seil von der anderen Seite. Und ehe Mathilde auf den beidseitigen Angriff reagieren kann, ist der Sack schon über sie geworfen, und Saubermann hat ihre die Hinterbeine gefesselt. Da hilft kein lautes Quieken, Mathilde landet in Saubermanns „Geschoss“ - und ab geht es es durch den Wald.
Nur Ringelpütz und Saubermann haben die Rechnung ohne den wilden Boris gemacht. Kaum hat er dem alten Keiler, von dem dreisten Überfall auf Mathilde berichtet, ist die Befreiungs-Aktion bereits im Gange.
Saubermann fährt volle Pulle, obwohl der Waldweg in diesem regnerischen Herbst  voller Schlamm ist. Trotzdem kommen sie, obwohl Saubermann seinen schweren Geländewagen dauernd lobt, nur langsam voran. Hinten, auf der Ladefläche, liegt Mathilde und quiekt. Gottserbärmlich quiekt sie.
Und Ringelpütz leidet. So hat er sich das Wiedersehen mit Mathilde nicht vorgestellt. Und  überhaupt, was soll jetzt mit ihr geschehen? Wird er sie einfach wieder in seinen Mastbetrieb sperren? Unmöglich. Seit dem Jagdausflug, zu dem ihn Saubermann überredet hatte, ist ihm das Schwein nicht mehr aus den Kopf gegangen und, ja,  fast ans Herz gewachsen. Und deshalb kann er jetzt ihr jammervolles Gequieke während der Rumpelfahrt durch den Wald nicht länger ertragen.
„Halt mal kurz an“, sagt er zu Saubermann.
„Warum?“
„Ich will ihr die Fußfesseln abnehmen“
„Bist du verrückt. Dann tobt die Sau im Wagen herum.“
„Ich sage ihr, dass sie das lassen soll.“
„Wie sagen?“
Ringelpütz merkte, dass dies ein verräterischer Satz ist. Und Saubermann  hakte auch sofort nach:
„Sprichst du jetzt schon mit deinen Schweinen?“
„ Ich kann das Quieken nicht ertragen.“
„Und wie willst du das abstellen? Die Sau abstechen?“
„Halt an!“
Ringelpütz hat gar nicht gewusst, dass er einen derartig fordernden Ton anschlagen kann. Saubermann gehorchte augenblicklich und tritt so forsch auf die Bremse, dass beide fast an die Frontscheibe knallten. Olli steigt aus und murmelte „Idiot“ - immerhin so laut, dass Saubermann es hören kann – und geht nach hinten. Er öffnet die Ladeklappe und erblickt Mathilde, die wie ein großer Klumpen Fleisch, zur Hälfte noch in dem Sack, mit dem sie eingefangen worden ist, auf der Ladefläche kauert. In ihren Augen liegt Traurigkeit, unendliche  Traurigkeit.
Olli kann ihren vorwurfsvollen Blick kaum ertragen und versucht, sie zu beruhigen. Redet dummes Zeug wie „alles wird gut“. Dabei nimmt er ihr die Fußfesseln ab und quasselt weiter. Aber Mathilde sieht ihn nur an und sagt nichts.
Schließlich reißt Olli sich los von diesem Jammerbild, schließt sachte die Heckklappe und geht wieder nach vorn zu Saubermann. Inzwischen hat Mathilde ihn mit ihrer Traurigkeit angesteckt.
„Na, und?“ fragte der Biobauer.
„Nichts. Fahr weiter.“
Stumm setzten Saubermann und Olli die holprige Fahrt fort. Ahnungslos, was auf sie zukommen wird. Der weise Keiler Knurri hat sofort eine Strategie entwickelt. Er hat eine Rotte von jungen Wildschweinen zusammengetrommelt, die sich am Waldrand  verstecken sollen. Und zwar genau dort, wo der Weg den schützenden Wald verlässt, bevor er sich durch stillgelegte Äcker schlängelt.
Plötzlich muss Saubermann so hart abbremsen, als sei ihm der Teufel vor die Windschutzscheibe geflogen. Vor ihm, zwischen den tiefen Fahrrinnen, liegt ein Wildschwein.
Wieso liegt hier ein Wildschwein?
Saubermann und Ringelpütz stellen sich die gleiche Frage, ohne sie auszusprechen. Beide steigen aus und nähern sich vorsichtig dem leblosen Körper. Mit der Fußspitze berührt Saubermann das Tier. Keine Reaktion.
„Wir müssen es mitnehmen“, beschließt er. „Na, los, Olli, hol einen Sack aus den Wagen!“ In Jäger Saubermann ist der Heger erwacht: Das Tier könnte an einer gefährlichen Krankheit eingegangen sein, und deshalb sollte  man unbedingt den Tierarzt...
Weiter kommt er nicht mit seinen Gedanken. Denn in dem Augenblick, in dem Ringelpütz hinten  die Heckklappe vom Geländewagen geöffnet hat, springt der tot geglaubte Keiler schnaubend auf seine vier Beine und stellt sich zum Angriff in Position.
Saubermann ist so erschrocken, dass er mehrere Schritte rückwärts geht und  deshalb nicht sehen kann, was hinter seinem Rücken passiert.
Ringelpütz wühlt derweil auf der Ladefläche herum auf der Suche nach einen Sack. Dabei vermeidet er, Mathilde anzublicken. Er hat ein verdammt schlechtes Gewissen -  doch das vergeht ihm, als er ein vielstimmiges Grunzen hinter sich hört. Er dreht sich um und steht sechs angriffslustigen Wildschweinen gegenüber. Hilfe! Wo ist Saubermann? Der aber dreht ihm den Rücken zu und tastete sich mit merkwürdig vorsichtigen Schritten rückwärts Richtung Auto.
Das mache ich jetzt genauso, denkt Ringelpütz. Er entfernte sich rückwärts von der offenen Heckklappe und den Keilern. Ganz langsam...denkt Olli. Ganz langsam, damit die Tiere nicht auf den dummen Gedanken kommen und ihn angreifen. Aber die haben etwas ganz anderes im Sinn. Olli ist Zeuge und kann es später beschwören. Ein junger Keiler springt in den Wagen. Das dauert vielleicht eine halbe Minute, und schon springt er wieder heraus. Hinter ihm erscheint Mathilde, die zögert zu springen. Da aber legt sich ein anderes Wildschwein quer zum Wagen, bildete so etwas wie eine Treppenstufe, und Mathilde wagte zum zweiten Mal den Weg in die Freiheit. Mehr gepurzelt als gesprungen.
Und bevor Saubermann und Ringelpütz zu sich kommen können, sind die Wildschweine mit Mathilde in den Wald entschwunden. 
Die Aktion der Wildschweine wird von den beiden Männern unterschiedlich beurteilt.  Saubermann ahnt, dass er dieses Erlebnis kaum so erzählen kann, wie er es wahrgenommen hat. Seine Jagdfreunde würden es als Jägerlatein abtun.
Bei Ringelpütz weigert sich der Verstand, das Ereignis überhaupt zu glauben. Seine Gefühle aber reagieren zwiespältig: Sie schwanken zwischen Erleichterung und  Liebesentzug.



ZEIT ZUM NACHDENKEN

Wieder einmal ist Mathilde am frühen Morgen allein aufgewacht. Das Rudel hat sich nach seinem nächtlichen Streifzug zum Schlafen in eine Senke zwischen dem Wald und einer großen Wiese verkrochen. Einer Wiese, die früher mal ein Acker gewesen war und auf der im letzten Sommer noch  die Reste von Getreidesaat mit wildem Gras kämpften. Diese Wiese ist nun über Nacht  weiß geworden.
 Mathilde blinzelt in die aufgehende Sonne an einem wolkenlosen Himmel. Sie zittert vor Kälte, bestaunt aber die gläsernen Eisröhrchen, die die Grashalme umschließen. Sie schnuppert mit ihrer Schnauze daran herum und wundert sich, dass  sich die Röhrchen durch ihren warmen Atem in Wasser verwandeln.
Es soll Mathildes erster Winter in Freiheit werden. Sie weiß nicht, dass es ein besonders strenger Winter werden wird, leidet aber schon jetzt unter den noch leichten Minusgraden.  Denn im Gegensatz zu ihren neuen Freunden, den Wildschweinen, die in ihrem dichten Borstenkleid der Kälte trotzen können, sieht Mathilde mit ihrer rosa Haut wie nackt aus. Und so fühlt sie sich auch.
Aber dann, oh Wunder, werden auch ihr in den nächsten Winterwochen ein paar Borsten wachsen. Nicht so viele wie bei den Wildschweinen, jedoch genug, dass sie die besonders kalten Nächte einigermaßen ertragen kann.
Richtig satt zu werden, ist für das Wild im Wald jetzt auch nicht mehr so einfach.Denn tagelang hat es inzwischen geschneit, und der Waldboden liegt unter einer dicken Schneedecke. Das Wühlen nach Wurzeln und anderem Genießbaren wird dadurch zur Qual. Besonders für Mathilde, deren zarte Schnauze sich noch nicht an diese Art Nahrungssuche gewöhnt hat.
Zum Glück hat sich der wilde Boris, inzwischen zu einem strammen Überläufer entwickelt. Boris interessiert sich für Mathilde, weicht kaum von ihrer Seite. Seine erotischen Fantasien beginnen zu blühen. Er zeigt ihr, wo und was  man in dieser Jahreszeit fressen kann und  darf. Und er beschützt sie vor den Gefahren, die auch besonders im Winter  auf sie lauern.
Als „Überläufer“ bezeichnen die Jäger jene Wildschweine, die keine Frischlinge mehr sind, aber auch noch nicht zu den Ausgewachsenen gehören. Sie ähneln den wilden Jungs und Mädchen auf dem Schulhof, die sich plötzlich füreinander interessieren.
Mathilde fühlt sich beschützt, wenn Boris grunzend an ihrer Seite erscheint. Mehr noch: Sie vermisst ihn, wenn er nicht auftaucht...
Ohne Vorwarnung kommt der ganz große Frost. Die obere Schneeschicht, die gestern noch weich wie Watte war, ist über Nacht  verkrustet wie hart gewordener Zucker. Wer jetzt durch den Wald hasten oder gar fliehen muss, verletzt sich unweigerlich an seinen Läufen. Boris zeigt Mathilde die von den Tieren extra angelegten Trampelpfade, auf denen  sie einigermaßen gefahrlos gehen kann. Einer dieser Trampelpfade führt auf die ungeschützte Waldwiese, die in diesen kalten Tagen so etwas wie ein Platz zum Überleben geworden ist. Denn Saubermann, der sich ja nicht nur als Jäger sondern auch als Heger versteht, hat hier einen Futterplatz für das hungernde Wild eingerichtet. Und manchmal ist auch Ringelpütz mit dabei, wenn Saubermann sein „Geschoss“ geschickt durch den Zentimeter dicken Schnee lenkt, um anschließend wie der Weihnachtsmann seine Gaben für die Tiere in einer großen Krippe auszubreiten: Heu, Kartoffeln und Eicheln, die die Kinder im Herbst gesammelt und für ein Taschengeld eingetauscht haben.
Wenn Mathilde aus sicherer Entfernung solche Fütterungen beobachtet, ist sie hin und her gerissen. Einerseits möchte sie sich Ringelpütz stolz präsentieren: Siehst du, ich lebe noch! Andererseits hat sie den Entführungsversuch der beiden Männer noch in schlechter Erinnerung. Und deshalb wartet auch sie gehorsam, bis der alte Keiler endlich das Zeichen zum Fressen fassen gibt. Und das gibt er erst, wenn Saubermanns Geländewagen wieder verschwunden ist.
Ach, Ringelpütz! Mathilde muss viel zu oft an ihn denken. Gern hätte sie gewusst, was in seinem Kopf vorgeht. Aber zwischen beiden herrscht so etwas wie Funkstille.
Und Olli? Oh, ja, auch er denkt an Mathilde und hofft sogar, dass sie freiwillig zu ihm zurückkehrt. Es gibt aber auch Tage, da hat er die Hoffnung aufgegeben, sie je lebend wiederzusehen. Wie soll ein Hausschwein bei solcher Saukälte überhaupt überleben. Das allerdings fragt sich auch Mathilde, wenn sich ihre vier Läufe mal wieder wie Eisbeine anfühlen.
Hinzu kommt der Hunger, den Saubermanns Gaben nur zum Teil decken können. Schließlich müssen die Wildschweine das Futter ja noch mit Rehen und Hirschen teilen.
Also, woher das Futter nehmen? Einfach stehlen? Nicht nötig. Längst wissen die Tiere, dass die Menschen ihre überflüssige Nahrung gern wegwerfen. Ab in die Mülltonne! Und wenn die bis oben hin voll ist, stehen die Plastiktüten daneben. Prall gefüllt mit Köstlichkeiten von denen Wildschweine träumen: Brot, Käse, Reste von Torten und vieles mehr.
Raubzüge um die Häuser gehören in dieser kalten Jahreszeit deshalb zum festen Ritual der Waldtiere. Und auch Mathilde hat sich daran gewöhnt, den menschlichen Behausungen bedenklich nahe zu kommen. Meistens in den späten Abendstunden, wenn die Familien vor dem Fernseher sitzen und sich, wie sinnig, Tiersendungen ansehen. Wenn Massen von Pinguinen auf riesigen Bildschirmen watscheln und die Kinder schreien, dass sie auch solch einen niedlichen Vogel haben möchten.
Ja, in diesen Stunden kann man besonders ungestört in den Mülltonnen wühlen. Die abgestellt am Straßenrand stehen, weil sie am nächsten Tag geleert werden sollen. Das wissen inzwischen alle Wildschweine. Ob groß oder klein. Mathilde guckt bei diesen Fressorgien oft in die Fenster, beobachtet die Menschen in ihren Wohnungen und wundert sich immer wieder, wie gut sie versteht kann, was die Leute so miteinander reden. Mehr aber noch wundert sie sich, dass dieses Gerede für  ein Schwein oft gar keinen Sinn ergibt.
„Marie Luise, du gehst jetzt sofort ins Bett.“
„Ach, nö, warum denn?“
„Weil du morgen früh zur Schule musst.“
„Ich will aber die Sendung noch zu Ende sehen.“
„Nein!“
„Doch! Du kannst mich mal., Mama!“
„Nicht diesen Ton, Marie-Luise“
„Aber so redet ihr doch auch miteinander.“
Mathilde draußen ist verwirrt. Was hat das zu bedeuten? Aber während sie noch darüber nachzudenken versucht, hat der wilde Boris gerade eine Mülltonne umgeworfen. Der Inhalt ergießt sich über den Fußweg vor dem Haus.
Sofort stürzt sich die Meute wohlig grunzend auf  die Köstlichkeiten.
Immer häufiger passiert es jetzt, dass Mathildes Gedanken bei diesen Raubzügen abschweifen. Sie denkt an ihre Vergangenheit, an ihr Leben in dem Mastbetrieb von Olli Ringelpütz. Aber sie denkt auch über ihre Zukunft nach. Hat sie eine Zukunft und wie sieht die aus? Ihre Träume enden immer auf einer Insel, auf der es keine Menschen gibt.  Nur Schweine sehr viele Schweine. 
Mathilde wacht meist früher auf als das Rudel. Es ist eine innere Unruhe, die sie aus ihren Träumen reißt. In diese frühen Morgenstunden, wenn die Wildschweine, noch erschöpft von ihren nächtlichen Beutezügen schlafen, schleicht sie sich an den nahen kleinen See und betrachtet in der noch nicht ganz zugefrorenen Südseite des Sees lange ihr Spiegelbild im Wasser. Und jedes mal muss sie feststellen, dass sie ganz anders aussieht als ihrer neuen Freunde. Gut, ein paar Borsten sind ihr gewachsen. Aber was sind die schon gegen das üppige Fell der anderen. Und ihre Beine sind kurz, so kurz, dass  sie manchmal Mühe hat, dem Rudel zu folgen.
Sie hasst sich und fragt ihr Spiegelbild: Wer bin ich?
Aber dann erinnert sie sich, dass sie schon damals bei Biobauer Saubermann mit ihrem Aussehen haderte. Während die meisten hellhäutigen Schweine sich gar nicht voneinander unterschieden, fiel Mathilde mit ihrem schwarzen Fleck an der rechten Seite die Rolle der Außenseiterin zu. Und hatte Saubermann, als er sie an Ringelpütz verkaufte, nicht sogar  gesagt: „Pass auf, Mathilde ist eine englische Lady. Die stammt von den schwarzen Cornwalls ab. Die passt nicht hierher.“
Aber was soll Mathilde mit solchen Erinnerungen anfangen? Fakt ist: Sie fühlt sich unglücklich, weil sie kein richtiges Hausschwein und kein richtiges Wildschwein ist.  Nichts Halbes und nichts Ganzes. Ein Nichts! Sie merkt doch, wie ein Teil der Wildschweine sie geradezu ablehnt. Besonders eine ältere Bache, die die ganze Rotte zu beherrschen scheint, behandelt Mathilde wie Luft. Nur ein Beispiel: Alle Frischlinge werden von ihr gewarnt, wenn ein Auto mit hoher Geschwindigkeit angerauscht kommt. Sofort bringt sie die Brut in Sicherheit und verschwindet mit ihr im Wald. Um Mathilde, die hilflos auf der Straße steht, kümmert sich keine Sau. Ein Glück nur, dass es den wilden Boris gibt.
Einmal hatte die ganze Meute eine große Allee mit einem Grünstreifen zwischen beiden Fahrbahnen überquert und war in den nahegelegenen Vorgärten abgetaucht. Und Mathilde, die hinter der Truppe herum getrödelte hatte, stand plötzlich  mutterseelenallein auf dem Grünstreifen. Ein Auto kam von links, ein Auto von rechts. Beide Fahrer stoppten: Ein Hausschwein! Kein Wildschwein? Die Fahrer stiegen aus. Mathilde stand vor Schreck wie ein Denkmal, rührte sich nicht vom Fleck.
„Wie kommt ein Hausschwein auf die Berliner Allee?“ wunderte sich der eine Fahrer.
Der andere: „Das wäre was  für meine Gartenparty.“
„Als Attraktion?“
„Nee, für den Grill.“
Die beiden lachten und malten sich aus, wie sie Mathilde für ein Fest zubereiten würden. Doch plötzlich ein Krachen. Boris! Mit seinem ganzen Gewicht hatte er sich gegen das dünne Blech beider Wagen geworfen, das unter seinem Gewicht bereitwillig nachgab. Es dauerte nur Sekunden und die Fahrer waren wieder in ihren Autos. Reifen quietschten, Zwei Motoren heulten auf und schon waren die Autos verschwunden.
Seitdem hat Mathilde manchmal richtige Angst. Angst vor der Freiheit. Und immer häufiger stellt sie sich die Frage, ob ihr Entschluss, sich den Wildschweinen angeschlossen zu haben, richtig war. Ist das denn das freie Leben, das sie sich vorgestellt hat: In Mülltonnen  zu wühlen? Im Wald in einer Kuhle zu liegen und erbärmlich zu frieren?
Und wenn sie in dem Schweinemastbetrieb von Ringelpütz geblieben wäre? Nein, nichts hätte heute mehr an Mathilde erinnert. Im Schlachthof wäre sie gelandet. Der alte Keiler hat ihr das ja drastisch genug geschildert. Und manchmal in ihren Träumen lebt sie ja auch noch in dem engen Ferch zusammen mit den Mastschweinen. Sieht Ringelpütz, wie er in der offenen Tür steht, sich ein Tuch vor die Nase hält, weil er den Gestank aus der großen Halle nicht ertragen kann.  Aber es gibt auch Momente in ihrem Traum, da ist sie ganz allein. Allein in der Halle. Kein Schwein rings herum. Die sind alle abgeholt worden für die letzte Fahrt zum Schlachthof. Vor Angst quiekt Mathilde im Schlaf und schlägt mit den Beinen um sich. Wenn sie aus solch einem Albtraum hochfährt, friert sie meistens, obwohl die Wildschweine sie schützend in ihre Mitte genommen haben.
Die Albträume häufen sich und alle haben begriffen: Mathilde ist krank. Ihre Seele ist krank. Von Tag zu Tag wird sie dünner und dünner. Und ihre angeborene Neugier ist verschwunden wie das letzte Grün unter der dichten Schneedecke
Knurri, der alte Keiler, hat zuerst gemerkt, dass mit Mathilde etwas nicht stimmt. Er fühlt sich für sie verantwortlich. Schließlich hat er sie überredet, in den Wald zu flüchten. Natürlich hat auch er längst gemerkt, dass der wilde Boris, ein Auge auf Mathilde geworfen hat. Sollte man die beiden nicht miteinander...?
Mathilde, die immer mehr an Speck verliert, bekommt von Knurris Plan, sie mit Boris zu verkuppeln, gar nichts mehr mit. Müde schleppt sie sich durch den verschneiten Wald, vergisst dabei das Fressen, ist schließlich nur noch ein Schatten ihrer selbst. Während sie mit dem Rudel mal wieder auf Mülleimer-Beutezug ist, bleibt sie verloren vor den Häusern stehen, und versucht hinter dem Sinn ihres Daseins zu kommen.
Mathilde beneidet die Menschen, die im Warmen wohnen, die ihre Hunde liebevoll streicheln, ihre Katzen an sich drücken. Warum kann nicht auch sie als Schwein so zärtlich von den Menschen behandelt werden? Warum werden Schweine geschlachtet? Aber keine Hunde, keine Katzen?
Am liebsten würde sie Ringelpütz danach fragen. Der aber bleibt den ganzen restlichen Winter über unsichtbar. Warum? Vielleicht kann der weise alte Keiler all ihre Fragen beantworten. Doch der ist seit ein paar Tagen auch nicht ansprechbar. Sein Grunzen hört sich an wie ein Rasseln. Das Alter und der strenge Winter haben auch an Knurris Gesundheit gezehrt. Mathilde, die sich selbst kaum auf ihren vier Beinen halten kann, beobachtet ängstlich, wie er zittert und Schwierigkeiten mit seinem Gleichgewicht hat.
In ihrer Sorge um Knurri vergisst sie beinahe ihren eigenen jämmerlichen Zustand. Sie braucht eigentlich dringend einen Partner, mit dem sie ihre Gedanken austauschen kann. Boris? Nein, das hat keinen Sinn. Boris hat noch zu wenig Lebenserfahrung.  Sie weiß nie, was gerade in seinem Kopf herumgeht. Und Boris selbst? Was hält er von Mathilde? Einerseits ist er fasziniert von ihr. Andererseits ist sie ihm aber auch unheimlich. Besonders, wenn sie die Menschen in ihren Häusern beobachtet und dabei das Fressen vergisst.
Aber dann, eines Morgens wacht Mathilde davon auf, dass ein leichter Wind über ihren Körper streicht. Zuerst begreift sie nichts. Bis sie spürt, dass es ein warmer Wind ist. Der die Bäume sachte zum Schwanken bringt, damit sie ihre Schneelast erleichtert von sich werfen können. Während die Sonne den restlichen weißen Winter-Teppich frisst. Die Kälte hat sich über Nacht zurück gezogen, und Mathilde spürt  den nie dagewesenen Drang, mit ihrer Schnauze nach Wurzeln, Kräutern, nach Larven und Würmern zu wühlen. Und sie scheut sich auch nicht, Mäuse in ihren Speiseplan aufzunehmen.
Mathilde ist wieder die alte Mathilde. Oder nein: Sie ist eine ganz andere Mathilde.



WO SIND USCHIS KOFFER?

Nun ist es aber höchste Zeit, wieder einen Blick auf das Leben von Olli Ringelpütz zu werfen. Denn hier läuft so ziemlich alles total aus dem Ruder. Mit Biobauer Saubermann hat er sich überworfen. Warum? Gleich mehr darüber. Viel wichtiger ist das Problem mit Uschi. Ollis Frau hat nämlich beschlossen, zurück in die Stadt zu ziehen. Uschi vermisst den lauten nach Abgasen stinkenden Verkehr. Sagt sie. Aber in Wirklichkeit sehnt sie sich nach Geschäften, in denen sie bis zum Abwinken shoppen kann. Und sie hat mal wieder Heißhunger auf eine richtige scharfe Currywurst. Denn Uschi verträgt scharfe Soßen. Im Gegensatz zu Olli, der schon beim Anblick einer Chilischote Magenschmerzen bekommt.
Kahn, der treue Hund, spürt die Unruhe im Haus. Winselnd hat er sich unter Ollis Schreibtisch verkrochen. Und in diesem Versteck heult er nachts auf. Wie ein Wolf in einer hellen Mondnacht.
Noch ein Grund mehr für Uschi, das gemeinsame Projekt „Ehe“ infrage zu stellen „Entweder gehe ich oder der Hund verschwindet!. Das Geheule hält ja keine Sau aus.“
Sie sucht ihre Koffer und findet sie nicht. Auch nicht auf dem Dachboden, der voll gerümpelt ist mit Möbeln aus den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Alles noch von den  Vorbesitzern. Olli ist hier oben noch nie gewesen. Uschi durchforscht den Keller. Nichts! Keine Koffer. Dafür eine Kiste voller Flaschen, gefüllt mit Apfelsaft. So steht es zumindest auf den Etiketten. Auch noch von den Vorbesitzern. Wer weiß, was daraus im Laufe der Jahre geworden ist. Apfelwein? Oder Essig? 
Uschi gibt es auf, ihre Koffer zu finden. Sie beschließt, neue zu kaufen.
Olli verkriecht sich in irgendwelchen Papierkram, der seinen Schweinemastbetrieb betrifft. Er liest und versteht kein Wort. Er liest noch einmal, und seine Gedanken sind ganz woanders. Er ertappt sich, wie er auf die leere Rückseite von Rechnungen Schweine malt. Schweine, die auf den Hinterbeinen wie Menschen laufen. Schweine, die lachen und weinen. Schweine, die... merkwürdig, alle wie Mathilde aussehen.  Mit ihrem schwarzen herzförmigen Fleck an der rechten Hinterbacke.
Ich bin eine verdammt arme Sau, denkt Olli. Eine einsame arme Sau ohne Uschi. Ohne Mathilde, und mit Saubermann bin ich auch zerstritten. Warum eigentlich? Es fing doch alles so harmlos an:
Beide hatten vor einer guten Flasche Trollinger spätabends in Saubermanns geschlossenen Bioladen gesessen und über Gott und die Welt geredet. Dann wurde die zweite Flasche „geköpft“, und nun ging es um Schweinepreise im allgemeinen und Ollis Schweinemastbetrieb im besonderen. Bei der dritten Flasche Trollinger, diesem vorzüglichen Rotwein aus dem Württembergischen, hatte Saubermann Olli unterstellt, er würde seine Tiere mit verbotenen Medikamenten vollstopfen. Olli wiederum hatte behauptet, Saubermann, würde seine „sogenannten Bioprodukte“ mit Pestiziten hochziehen. Ein Wort gab das andere. Die leeren Trollingerflaschen flogen durch die Luft. Und danach ging jeder zufrieden seiner Wege, ohne sich wiedersehen zu wollen. Das alles hatte sich vor acht Wochen abgespielt. als der Schnee endgültig vor der Sonne kapitulierte.
Also kein Saubermann mehr, und auch Uschi macht sich rar. Olli sieht sie kaum noch. Dass es ihr mit dem Ausziehen aus dem gemeinsamen Bauernhof ernst ist, zeigen die zwei nagelneuen Koffer, die plötzlich im nicht mehr gemeinsamen Schlafzimmer stehen. Uschi packt sie still und ohne Hast mit ihren Sachen voll. Olli erwischt sich bei dem Gedanken, mit wessen Geld sie die Koffer wohl gezahlt hat. Billig können die nicht gewesen sein. Alles Leder, stellt er fest. Und modisch sehen sie auch aus. Soweit er das beurteilen kann. Jedenfalls kann sie damit glatt nach Paris, London, Rom oder New York düsen.   
Es vergehen Tage. Olli schwankt zwischen Wut und Verzweiflung. Aber an wem soll er seine Wut auslassen? Uschi guckt ihn nur stumm mit großen Augen an, wenn sich seine Stimme hebt. Der Schweinemastbetrieb ist ihm so was von egal. Gestern hat er gerade noch gemerkt, dass er dringend Futter nachbestellen muss.
Außerdem vernachlässigt er sich selber. Früher ist er jeden Morgen in den Obstgarten zum Wasserhahn gegangen und hat sich mit kaltem Wasser abgehärtet. Selbst im Winter, wenn das Thermometer minus zehn Grad anzeigte. Jetzt dagegen liegt er bis Mittag im Bett. In seinem Notbett, das er sich in der kleinen Kammer, in der vor Zeiten der Wintervorrat an geräucherten Würsten hing, eingerichtet hat. Weil Uschi  ihn nicht mehr neben sich im Schlafzimmer haben wollte, schläft er nun mit dem Duft geräucherter Würste, der sich über Generationen in den gekalkten Wänden festgesetzt hat, ein.
Sein Bett, das er sich aus Holzpaletten und einer alten Matratze zusammengezimmert hat, erweist sich allerdings als Herausforderung. Das heißt: Er schläft schlecht darauf. Eigentlich saumäßig. Und träumt die blödesten Sachen. Letzte Nacht hat er geträumt, dass er im Wald nach Uschi gesucht hat. Die er aber wirklich suchte, war Mathilde. Davon ist er aufgewacht. Aufgeschreckt! Und kaum wieder eingeschlafen, hat er sich mit Uschi gestritten. Um was? Es fällt ihm am Morgen nicht mehr ein. Nur so viel, dass er zu Uschi immer Mathilde gesagt hat.
Olli ist total von der Rolle.
Nach solch einer Nacht wilder Träume und mit Schmerzen im Kreuz wegen seines Bretter-Bettes trifft er in der Küche auf Uschi.
„Morgen!“
„Morgen!“
Uschi sitzt vor einer Tasse und einer Kanne Kaffee.
Olli: „Kann ich mir auch eine Tasse...?“
Uschi: „Du fragst doch sonst nicht.“
Da ist er wieder, der Ton, der Olli auf die Palme bringt. Diesmal aber atmet er tief durch und beherrscht sich. Sie sitzen sich gegenüber, schweigen. Kahn hockt unter dem Küchentisch und seufzt.
Olli hält das Schweigen nicht aus: „Schöne Koffer. Wo hast du sie gekauft?“
Uschi: „Ist das wichtig?“
Natürlich ist das nicht wichtig. Aber es wäre ja mal der Anfang eines Gespräches.
Olli versucht es noch einmal: „Können wir über andere Dinge reden?“
Uschi schlürft den Kaffee in sich hinein, was ihn schon immer auf die Palme bringt: „Über was, zum Beispiel?“
„Na, über uns und unsere Situation hier:“
Uschi. sachlich wie bei einer Gerichtsverhandlung: „Fang an!“
Olli sagt zu sich: Olli bleib kühl!
„Gut, ich fange also an. Ich hasse diese Schweinezucht. Ich bedauere, dass ich damit überhaupt begonnen habe.“
Uschi, kühl wie ein Eisfach: „Und was weiter?“
„Vielleicht wäre ein Ponyhof...“
Uschi schneidet ihm das Wort ab: „Ich hasse das Landleben.“
Eigentlich wäre damit ja alles geklärt. Uschi hasst das Landleben. Punktum! Und Olli hat jetzt allein die Schweinezucht an der Backe. War´s das?
Olli gibt nicht auf: „Wir könnten doch noch mal von vorn anfangen.“
Uschi: „Was ist vorn und was ist hinten?“
Olli merkt, dass er einen roten Kopf bekommt. Diese Hexe.
„Aber ganz am Anfang war doch Liebe. Oder, Uschi?“
Kahn hockt immer noch unter dem Tisch. Er seufzt und furzt.
Uschi: „Soll ich jetzt auch mal was sagen?“
Olli nickt nur.
„Also! Du gibst zu, deine Schweinezucht war eine Schnapsidee. Richtig. Davon kann kein Sau reich werden. Schon wegen der viel zu niedrigen Fleischpreise und der gewaltigen Konkurrenz. Und dann dein Freund, dieser Saukerl Saubermann. Biobauer! Das ich nicht lache! Und dazu noch deine Affäre mit dieser Mathilde...“
Olli erschrocken: „Woher weißt du?“
Uschi: „Im Schlaf hast du dauernd von Mathilde gequatscht.“
„Aber Mathilde ist doch nur ein Schwein“, verteidigt sich Olli, „Ein Schwein, das aus meinem Stall zu den Wildschweinen übergelaufen ist.“
Uschi gelingt ein höhnisches, unnatürliches lautes Lachen. Kahn ist so erschrocken, dass er zu Bellen beginnt.
Olli verstört: „Ich schwöre, dass Mathilde ein Schwein ist.“
Uschi: „Und ich schwöre, dass du ein Schweinehund von Mann bist, der nicht zu dem steht, was er angerichtet hat.“
Olli geschlagen: „Und wo willst du jetzt hin?“
Uschi: „Zu einer alten Freundin.“
„Wo wohnt die?“
„Ist das so wichtig?“
„Na, wenn Post für dich kommt.“
„Altena. Die genaue Adresse schicke ich dir.“
„Altena? Wo liegt denn das?“
„Wo liegt denn das? Wo liegt denn das?“ Uschi äfft ihn nach.
Olli: „Na, wo denn?“
„Im Sauerland.“
 „Im Sauerland? Da hättest du auch hier bleiben können.“
Uschi verlässt beleidigt die Küche. Bühnenreif,  denkt Olli.



DER ALTE KEILER HÄLT EINE REDE

Der Wald ist aus seiner Winterstarre erwacht. Innerhalb weniger Tage hat er sich ein zartgrünes Kleid angezogen, aus dem schon bald ein kräftiges Grün wird. Haselnuss und andere Sträucher sind jetzt wieder gute Verstecke, wenn Gefahr droht. Ein Ringeltauben-Pärchen gurrt, als gälte es, einen Preis zu gewinnen. Und einen  Kuckucksruf aus der Ferne erwidert der Wald mit einem zarten Echo. Die Tannen schmücken sich mit hellgrünen Spitzen. Und die im Herbst heruntergefallenen Eicheln platzen auf im fruchtbaren Waldboden. Die Triebe streben nach oben mit dem Ziel, eines Tages ein großer Baum zu werden.
Wenn da nicht die Wildschweine wären. Denn gerade die jungen Sprösslinge sind für sie geradezu notwendige Nahrung nach den Futter armen Wintertagen. Kaum ist so eine Eichel aufgeplatzt und ihr Trieb streckt sich nach der warmen Sonne, hat eine Schweineschnauze sie schon gewittert, ausgebuddelt und verspeist. Mathilde kann das inzwischen genau so gut wie das Rudel.
Knurri, der alte Keiler, hat sich von seiner schlimmen Erkältung fast wieder erholt. Nur manchmal röchelt er noch minutenlang, versteckt in einem Gebüsch, vor sich hin. Die anderen sollen nicht merken, dass er seine Kräfte noch nicht wieder erlangt hat. Und insgeheim fragt er sich, ob er sie je wieder bekommen würde. Es gibt Tage und ruhelose Nächte, in denen er sich uralt fühlt. Wie viele Sommer und Winter lebt er nun schon in diesem Wald? Er weiß es nicht. Er weiß ja nicht einmal, wie alt ein Wildschwein werden kann. Aber so viel kann er sagen: Es hat sich inzwischen viel verändert. Sein Wald ist kleiner geworden, weil sich die Menschen mit ihren Häusern immer weiter an den Wald heran gedrängt haben. Und sein Wald ist lauter geworden. Nicht von den Schreien der Tiere. Nein, von dem Geschrei der Menschen, die den Wald heimsuchen. Oft mit ihren Hunden, die so laut bellen, als gehöre der Wald ihnen allein. Haben die Wildschweine hier überhaupt noch eine Zukunft? Wäre es nicht besser, man würde sich einen neuen Wald suchen?
Aber wo gibt es diesen Wald? Knurri ist ratlos!
Doch die anderen Wildschweine - ob nun die Bachen mit ihren Frischlingen oder die heranwachsenen Keiler - haben sich mit dem Zustand, in dem sie leben, längst abgefunden. Sie finden die Situation geradezu spannend: Nachts in den Mülltonnen zu wühlen oder von den Menschen gefüttert zu werden, das ist doch verrückt und immer wieder ein Abenteuer. Der alte Keiler findet das aber nicht in Ordnung. Frei lebende Tiere und Menschen haben sich aus dem Wege zu gehen. So hatte er es gelernt. Aber  solche Regeln gelten wohl in dieser Zeit nicht mehr.
Neulich ist ein junger Keiler doch tatsächlich zu den Menschen ins Auto gesprungen, bloß, weil sie ihn mit Brot oder Wer-weiß-was dazu verlockt hatten. Das Auto ist mit dem Keiler davon gefahren. Mathilde hat sich die schlimmste Szene vorgestellt: Der Keiler am Spieß und dazu eine wilde Gartenparty der Zweibeiner...
Doch nichts davon. Schon nach ein paar Tagen ist der Keiler wieder im Wald aufgekreuzt und hat eine verrückte Geschichte erzählt:
Die Menschen, ein junges Paar mit einer Tochter, haben ihn mit ins Haus genommen.  Danach haben sie ihn in die Badewanne gelockt und gewaschen. Was sehr angenehm war. Dann haben sie ihm eine Decke auf den Boden gelegt, was bedeuten sollte: Hier kannst du schlafen. Und in einer Schüssel wurden ihm Cornflakes mit Milch serviert. So weit, so gut. Das ließ sich der Keiler ein paar Tage gefallen, weil  auch das Wetter so scheußlich war, dass es nicht  einmal ein Wildschwein vor die Türe trieb.
Dann kam die Sonne durch. Die kleine Alina durfte in den Garten. Und ihr neues Spielzeug, das zahme Wildschwein, natürlich auch. Er bekam auch gleich einen Namen verpasst. Herkules, entschied der Papa. Wir rufen ihn Herkules. Zu lang, mäkelte die Mama. Herki, entschied Alina.
Herki und Alina tobten über den Rasen. Ihm gefiel das. Alina kreischte vor Vergnügen. Aber dann hatte Herki einen verhängnisvollen Fehler begangen. Oder war er nur dem Urtrieb seiner Ahnen erlegen? Jedenfalls hatte er mit seiner langen Wildschweinschnauze hemmungslos in Mamas Blumenbeeten herumgeschnüffelt. Seine Nase meldete an sein Gehirn: Blumenzwiebeln, junge Triebe. Und sein Gehirn meldete zurück an seine Schnauze: Weiter wühlen, fressen...
Als Mama die Bescherung sah, war alles schon zu spät. Die Blumenbeete glichen einem Acker, der von einem Pflug bearbeitet worden war. Mama schrie, Alina weinte. Und Papa trieb den armen Herki mit einer großen Schaufel vom Grundstück in den Wald zurück.
Wo er nun wieder ist. Bei seiner Rotte, vor der er gewaltig angibt mit seinem Abenteuer und seinem Namen Herki, den er sein ganzes Wildschwein-Leben behalten wird.
Nur Knurri, der alte Keiler, findet das alles gar nicht mehr lustig. Er hat das Gefühl, dass das Verhältnis der Wildschweine zu den Menschen nicht mehr normal ist. Und das Verhältnis der Menschen zu den Wildschweinen natürlich auch nicht. Ein friedliches Nebeneinander der Arten wird es nie geben. Das ist sicher. Aber wer wird siegen? Der Mensch, da ist sich Knurri sicher. Das muss allen Wildschweinen einmal klar gemacht werden. Deshalb bastelt er an einer Rede, die er eines Tages halten wird. Eine große Rede an alle Wildschweine hier im Wald. Eine grundsätzliche Erklärung. Die große Walderklärung!
Aber schließlich kommen ihm auch wieder Zweifel: Wollen die jungen Schweine ihn überhaupt noch hören? Ist er nicht längst ein Überbleibsel aus vergangenen Wildschwein-Zeiten? In solchen Momenten fühlt er sich alt. Sehr alt.
Mathilde, die ja so etwas wie das zweite Gesicht hat, beobachtet Knurri mit Sorge. Seit dem letzten Winter sieht sie die ersten Schatten der Vergänglichkeit in den Augen des Keilers. Sie fürchtet, dass er bald sterben könnte. Und davor hat sie Angst. Was soll aus ihr dann werden? Schließlich war es Knurri gewesen, der mutig in den Schweinemastbetrieb von Olli Ringelpütz eingedrungen ist. Der dort alle Schweine  ermuntert hatte, in die Freiheit zu fliehen – aber nur ein Schwein ihm gefolgt war: Sie, Mathilde. Warum nur sie? Weil dieser Keiler so selbstbewusst zwischen all den verängstigen Schweinen stand. So selbstbewusst, wie sie auch gerne sein wollte.
Ja, so ist es gelaufen. Und wenn man Mathilde heute fragen würde, ob ihre Entscheidung damals richtig gewesen war, dann müsste sie nicht lange überlegen: Ja, es war die richtige Entscheidung. Denn so ein freies, verrücktes Leben hätte sie ohne Knurri garantiert nie gehabt.
Aber sie spürt auch, dass aus der früheren Mathilde eine ganz andere Mathilde geworden ist. Eine, die die weiblichen Wildschweine, die Bachen, beneidet, wenn sie mit ihrem Nachwuchs, den Frischlingen, im Wald herum toben. Wenn sie ihre Kleinen  spielerisch auf das Leben vorbereiten, obwohl die am liebsten noch gierig an den Zitzen ihrer Mütter hängen.
Sonderbare Fragen gehen Mathilde dann durch den Kopf: Könnte auch sie, ein Mastschwein, eine gute Mutter für ihren wilden Nachwuchs sein? Aber wie würde der überhaupt aussehen? Wer sollte der Vater ihrer Kinder sein? Boris? Der sie wie ein großer Bruder beschützt, wenn sie ohne Überlegung mitten in die Gefahr rennt? Oder vielleicht Herki, der sie immer öfter bedrängt? Herki, der ein besonders wildes Wildschwein ist, der die Gefahr geradezu sucht? Nein, Herki ist ihr zu hitzig, zu unbedacht...
Ein großes Spektakel mitten auf der Waldlichtung stört Mathildes Gedankenspiele. Wie die meisten Tiere im Wald ist auch sie neugierig und ängstlich zugleich, was das zu bedeuten hat. Da quält sich eines Tages ein großer Lastwagen auf dem schmalen Weg durch das Dickicht bis zur Waldwiese vor. Voll beladen mit einem wunderliches Gebilde aus Holzbrettern und Stangen. Die Fracht schwankt hin und her. So, als würde sie gleich in das nächstliegende Gestrüpp fliegen Der Fahrer hält ganz plötzlich mitten auf dem Waldweg. Die Ladung ächzt und neigt sich bedrohlich in Fahrtrichtung. Der Mann steigt aus und flucht in den Wald hinein: „Eine saublöde Idee ist das.“
Dann noch einen Ton lauter: „Hört mich hier jemand?  Jawohl, eine saublöde Idee ist das!“
Nachdem er seine Wut heraus geschrien hat, steigt er wieder ein, und das Auto rumpelt im Schritttempo weiter.
Mathilde und der alte Keiler überlegen, was das hier für eine Sau-Idee werden soll. Die anderen Wildschweine beobachten nur neugierig das Geschehen.
Langsam bekommt die Aktion ein Gesicht: Der Laster ist voll beladen mit Bänken. Zum Schluss wird noch ein großer Grasmäher abgeladen und, schwuppdiwupp, ist die Wiese glatt wie ein Golfplatz. Die Bänke werden aufgestellt. In einem Halbkreis. Warum? Weil noch ein Wagen kommt, voll beladen mit Brettern und Balken, aus denen ein paar Männer in wenigen Stunden eine Bühne zimmern.
Aber noch immer können sich Mathilde und Knurri keinen Reim daraus machen. Ganz verrückt wird es aber, als eine Truppe merkwürdig kostümierter Menschen am nächsten Tag kommt, die Bühne betritt und sich so aufführt, wie  es Menschen im Alltag nie tun würden. Die Leute reden laut, schreien sich manchmal an, flüstern. Und ein Mann trägt ständig eine Armbrust über seiner rechten Schulter.
Mathilde und Knurri rätseln noch immer. Das Ganze sieht verdammt nah einer Verschwörung aus. Aber gegen wen? Tagelang lassen Mathilde und Knurri das Geschehen nicht aus den Augen. Und langsam begreifen sie: Der Mann mit dem langen schwarzen Mantel und dem schiefen Grinsen ist der Böse. Und der mit der Armbrust der Gute, obwohl er ständig eine Waffe trägt. Gefährlich wird es, als der Böse dem Guten befiehlt, seinem eigenen Sohn einen Apfel vom Kopf zu schießen. Natürlich mit der Armbrust. Und der Böse, der Fiesling im Ledermantel, da hat Mathilde keinen Zweifel, ist der Ökobauer Saubermann. Auch, wenn er sich hinter einem angeklebten Bart versteckt.
Zwei Nächte später hat Mathilde des Rätsels Lösung. Während ihre Horde wieder einmal die Mülltonnen nach Delikatessen durchwühlt entdeckt sie unter einer Straßenlaterne ein Plakat und liest: Wilhelm Tell, Schauspiel von Friedrich von Schiller. Auf der Waldwiese. Aufgeführt von der Amateur-Theatertruppe „Die Klassiker“. Es folgen Tage, Uhrzeit und so weiter.
Eine noch nie dagewesene Unruhe beherrscht den Wald. Autos bringen große Bilder, die auf der Holzbühne aufgestellt werden. Zusammengefügt ergeben sie eine Landschaft mit Bergen und Wald, die man hier vergeblich sucht. Boris und Mathilde haben sich nachts an das Gebilde herangewagt. Nichts Wirkliches, haben beide festgestellt. Wie die Bilder an den Wänden in den Menschen-Ställen.
Jeden Tag hallen nun laut Worte durch den Wald: „Durch diese hohle Gasse muss er kommen. Es führt kein andrer Weg nach Küsnacht...“ Und so weiter. Die Rehe haben sich längst auf die brachliegenden Äcker verzogen. Die Wildschweine aber haben beschlossen zu bleiben. Einerseits aus Neugier. Andererseits sagt ihnen ihr Instinkt: Wo Menschen sind, da gibt es auch was zu fressen. Sie haben recht, abends, wenn die Vorstellung zu Ende ist, kein Mensch mehr auf der Bühne steht, die Kulisse auf der Waldwiese langsam von der Dunkelheit verschluckt werden, finden die Wildschwein selbst hier noch genug achtlos weggeworfene Essensreste.
Knurri, der alte Keiler, benimmt sich in diesen lauten Tagen allerdings sehr eigenartig. Von Frühmorgens bis Spätabends verfolgt er das Geschehen auf der Bühne. Und auch als die Vorstellungen mit viel Publikum stattfinden, lässt er sich nicht vertreiben. Obwohl der Wald nur so von Menschen wimmelt, die von allen Seiten kommen und auf den Bänken Platz nehmen. Knurri hat sich so etwas wie einen Logenplatz auf einer kleinen seitlichen Anhöhe ausgesucht, von der er alles gut sehen und hören kann.
Die übrigen Wildschweine sind verwirrt über Knurris Verhalten. Aber ihn fesseln die Worte, der Inhalt diese Schauspiels. Sind sie, die Wildschweine, nicht auch so eine bedrohte Schicksalsgemeinschaft, die hier von den Zweibeinern dargestellt wird? Doch dann nach einer Woche ist der Spuk vorbei. Die Bänke werden abtransportiert, die Bühne mit ihren Kulissen wird abgebaut. Die blassblauen Klohäuschen, fünf Stück nebeneinander aufgereiht, holt eine Spezialfirma mit dem Logo „Schnell und weg“ an ihrem Fahrzeug ab. Die Waldwiese sieht wieder aus wie eh und je: Als gehöre sie nur den Tieren. Und die wagen sich auch langsam wieder zurück in ihr angestammtes Revier.
Es vergehen Wochen. Zuerst ist es nur ein Gerücht, dann aber Gewissheit: Der alte Keiler hat beschlossen, eine Rede zu halten. Alle Tiere sind eingeladen, für die Wildschweine ist es „Pflicht“ zu erscheinen. Das Ereignis soll auf der Waldwiese in den späten Abendstunden stattfinden. Mathilde hat keinen Schimmer, was das alles zu bedeuten hat. Aber Knurri ist erst einmal wie vom Erdboden verschwunden.
Es vergehen Tage und Nächte. Der Termin, an dem der alte Keiler seine Rede halten will, rückt immer näher. Der Mond verrät das Datum. In den Abendstunden, wenn er seine volle Rundung erreicht hat und sein fahles Licht den Wald spukhaft hell erleuchtet, soll es zu Knurris großem Showdown kommen. Keiner weiß woher das Gerücht kommt. Aber alle haben es gehört.
Endlich ist es soweit. Zwar verdecken ausgerechnet an diesem Abend immer wieder dunkle Wolkenfetzen die große Scheibe, die wie eine riesige Straßenlaterne am Himmel hängt, aber es ist eindeutig Vollmond. Zögernd zeigen sich die ersten Wildschweine am Rande der Wiese zwischen den Sträuchern. So ganz trauen sie dem Gerücht nämlich nicht. Auch ein paar Rehe erscheinen auf der Bildfläche, friedlich äsend. So kann keiner ihnen vorwerfen, sie seien aus Neugier gekommen.
Punkt zwölf Uhr Mitternacht kommt Knurri. Die Wolken haben sich verzogen und der Mond wirft sein ganzes Licht auf den alten Keiler. Sein massiger Körper wiederum  erzeugt in diesem fahlen Licht einen gewaltigen Schatten, den er hinter sich her schleppt wie ein noch gewaltigeres Tier.
Das Gerücht ist also zur Gewissheit geworden: Knurri hat gerufen und alle, alle sind da. Knurris Rede ist kurz aber eindeutig. Trotzdem hat Mathilde später Mühe, sich alles wieder ins Gedächtnis zu rufen, weil Herki neben ihr immer wieder dumme Bemerkungen machen musste: „Ist doch nur geklautes Zeug von den Menschen., Mathilde!“
„Ruhe!“
„Nur hohle Worte, Mathilde.“
„Kannst du nicht mal deine lose Wildschwein-Schnauze halten?“
„Knurri strickt doch nur an seiner Legende.“
Herki lästert und lästert. Und Mathilde bekommt nur die Hälfte von Knurris Appell mit. Aber hat Herki nicht ein bißchen recht? Die Rede von Knurri klingt verdammt ähnlich wie die aus dem Theaterstück der Zweibeiner.
„Wir wollen sein ein einzig Volk von Schweinen.“
In keiner Not uns trenne und Gefahr.
Wir wollen frei sein, wie die Schweine einstmals waren.
Lieber den Hungertod als in der Wurstfabrik zu enden...“
Trotzdem, starke Worte. Fand jedenfalls Mathilde.
Eine große schwarze Wolke hatte sich danach vor das Mondlicht geschoben und die Dunkelheit alle eingehüllt. Als die Wolke den Mond anschließend wieder frei gab, war der Platz, auf dem Knurri gestanden hat, leer gewesen. Verwirrt zerstreuten sich die Tiere. Was sollten Knurris Worte bedeuten? Was könnte ein Reh mit seiner  Botschaft anfangen? Und was sagte sie seinen Wildschweinen?
„Hungertod?“, „“Wurstfabrik?“ Schreckliche Vorstellungen!
Nur Mathilde ahnte, was Knurri damit sagen wollte. Schließlich war sie dem Schlachthof schon einmal näher gewesen als alle anderen Tiere im Wald. Das Verhältnis zwischen Menschen und Schweinen muss überdacht werden.
Der alte Keiler aber wurde nach seine Rede nicht mehr gesehen. Und so blühten tatsächlich im Laufe der Sommer und Winter viele Legenden um ihn, wie Herki es schon prophezeit hat. Eine erzählt, dass er sich einmal  im Jahr bei Vollmond unter die Wildschweine mischt, um zu sehen, was aus ihnen geworden ist. Aber, wie gesagt, das ist nur eine von vielen Legenden.

 Fortsetzung folgt

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