PRINZESSIN
MATHILDE
In Uschis Küche
ist der Teufel los. Topfdeckel scheppern. Schranktüren werden aufgerissen und
lautstark wieder zugeschlagen. Der Wasserhahn läuft ununterbrochen. Olli flucht
und stöhnt. Uschi aber sitzt im Wohnzimmer und liest einen Artikel über ein
europäisches Königshaus. Keine guten Nachrichten. Die dortige Königin aller
deutschen Herzen ist empört über ihren Angetrauten. Der König soll sich nachts
auf zweifelhaften Partys amüsiert haben. „Wird er die Krone an seine Tochter
weitergeben?“ fragt die Zeitschrift. Uschi ist dafür.
„Nichts findet man hier. Nichts! Keine
Ordnung,“ Ollis Fluchen findet kein Ende.
Uschi unterbricht
ihre Lieblingslektüre, erhebt sich aus ihrem Lieblingssessel und stürmt in die
Küche: „Was höre ich? Keine Ordn...?“
Der Rest des
Wortes bleibt unausgesprochen. Denn Uschi ist erschrocken über das Chaos, das
ihre Küche heimgesucht hat. Töpfe und andere Hausgeräte liegen gestapelt auf
dem Küchentisch. Ein riesengroßer, längst ausrangierter Aluminiumtopf dampft
auf dem Herd vor sich hin. Uschi weiß nicht, wie sie das Ganze einordnen soll.
Olli : „Ich
brauche Haferflocken. Wo sind die Haferflocken?“
Uschi: „Und ich
brauche eine Erklärung, was das hier zu bedeuten hat.“
Sie lüftet
vorsichtig den Deckel von dem Aluminiumtopf auf dem Herd. Kartoffeln!
Uschi: „Warum so
viele Kartoffeln?“
Das sind Fragen,
die Olli nicht wahrheitsgemäß beantworten will. Denn der Fall ist
kompliziert...
Auch Olli hatte
einen Traum. Vielleicht war es nur ein Halbtraum, so morgens zwischen Aufwachen
und Dahindämmern. Das sind oft Träume, die man beeinflussen kann. Man schläft
und träumt. Man wacht auf und denkt über den Traum nach. War es ein schöner
Traum, dann will man ihn ganz schnell weiter träumen. So entstehen
Wunschträume.
In Ollis
Wunschtraum war ihm - na, wer schon? - Mathilde erschienen. In dem selben Wald,
in den ihn sein Nachbar Saubermann zu diesen seltsamen Jagdausflug geschleppt
hatte. Ollis Traum begann auf einer Lichtung zwischen dichten Farnen und Sprösslingen
von Tannen und Fichten. Es war Herbst, der Wald roch nach Pilzen und es ging
schon auf die Abendstunden zu. Aber die Sonne hatte noch ein paar matte
Strahlen durch die hochgewachsenen Bäume geschickt, die die Lichtung wie eine
dichte Mauer umschlossen. Plötzlich hatte es im Gestrüpp geraschelt. Und aus
dem Unterholz kam Olli eine Gestalt vertrauensvoll entgegen: Mathilde.
Zu blöd. dass Olli
in diesem Augenblick aufwachen musste. Er hatte das Gefühl gehabt, um das Ende
seines Wunschtraums betrogen worden zu sein. Deshalb hatte er versucht, weiter
zu schlafen. Tatsächlich - der Traumfilm lief weiter: Mathilde war jetzt ganz
nahe und Olli durfte sie streicheln. Sie grunzte wohlig. Und als er sich auf
einen Baumstumpf setzte, ließ sie sich zu seinen Füßen nieder. Es war wie im
Märchen. Es fehlte nur noch die Verwandlung: Prinzessin Mathilde oder so was.
Doch eine
durchdringende Stimme, die durch den Wald halte, riss ihn aus seinen
Träumereien.
„Aufstehen, Olli!“
Und augenblicklich
waren Mathilde, der Wald und der Geruch von Pilzen verschwunden gewesen. Olli
lag in seinem Bett, Uschi stand davor und zeigte mit strengem Blick auf das
Ziffernblatt des Weckers: Kurz nach sieben Uhr. Die Sonne strahlte bereits
frech durch das Fenster, und Kahn kratzte draußen an der Schlafzimmertür.
Aus der Traum!
Aber Ollis Traum-Erlebnis mit Mathilde hatte weiter in ihm genagt. Dafür gab es zwei Gründe. Grund eins: Olli
liebte immer noch Märchen. Sie waren und sind seine kleinen Fluchten aus den
Widrigkeiten des Alltags. Und Grund zwei: Er hatte das Gefühl, dass Mathilde
kein gewöhnliches Schwein sein konnte. Vielleicht ein Märchen-Schwein? Deshalb
hatte er sich eine Trick ausgedacht. Er würde Mathilde aus den Wald locken. Mit
einem so wunderbaren Futter, das sie es von ihm noch nie bekommen hatte:
Gekochte Kartoffeln gemischt mit Haferflocken. Diese Schweine-Delikatesse an
einer gut überschaubaren Stelle im Wald aufgestellt, würde Mathilde
unweigerlich aus den Gestrüpp zu Olli zurücktreiben. Und dann... na, man wird
sehen...
Aber das mit der
Sehnsucht nach Mathilde und seinen Märchenfimmel kann er Uschi natürlich nicht
erklären. Deshalb versucht er es mit einer realistischen Erklärung.
„Ich will ein paar
von unseren Schweinen ein anderes, ein besseres Futter geben,“ lügt er. „ Na,
ja, eben klassisch... ein Experiment...Vielleicht bringt das Fleisch mehr
Kohle.“
Olli merkt, wie
die Röte sein Gesicht überzieht. In einer Pokerrunde wäre er jetzt der absolute
Verlierer. Und Uschis Stirn hat sich ja auch schon in ein Waschbrett
verwandelt. Gleich wird sie schimpfen: Was du mir hier erzählst, ist kompletter
Unsinn!
Aber Uschi lacht
nur, zugegeben, etwas schrill, und verlässt die Küche mit dem höhnischen
Kommentar: „Da werden sich deine Schweinchen aber freuen, wenn sie von dir so
verwöhnt auf dem Schlachthof landen. Als Wohltäter werden sie dich preisen...“
Der Rest geht in Kahns Bellen unter. Denn Biobauer Saubermann ist gerade mit
seinem „Geschoss“ angekommen. „Geschoss“ nennt Olli Saubermanns riesigen,
PS-starken Geländewagen. Eigentlich kein gutes Aushängeschild für einen
Öko-Landwirt, denkt Olli jedesmal, wenn Saubermann mit dem Auto aufkreuzt.
Aber was will
Saubermann? Egal, Olli wird ihn gleich mal – im Vertrauen, versteht sich -
ausfragen, wie man Mathilde einfangen
könnte. Als Jäger kennt er sich ja aus mit solchen Dingen. Und schon hat
Saubermann auch eine tolle Geschichte parat, wie man den Wildschweinen jetzt
auf die Spur kommt: „Die Wildschweine werden betäubt und anschließend mit
Sendern versehen. Dadurch kann man genau verfolgen, wie sie sich bewegen, wohin
sie gehen. Die kommen inzwischen ja schon am Tag in die Vorgärten, wie du
weißt.“
„Und was macht man
mit diesen allseits bekannten Erkenntnissen?“
„So wissen wir
genau, wie viele Tiere sich im Revier aufhalten,“
„Mir ist nur nicht
klar, was das mit Mathilde zu tun hat.“
„Olli, das ist
kein Spaß, das ist Wissenschaft. In den letzten Jahren haben sich die
Wildschweine gewaltig vermehrt. Sie sind ein Problem für uns alle geworden.“
„Ich hoffe nicht,
dass Mathilde zu dieser Vermehrung beitragen wird. Aber mal ehrlich, was macht
ihr gegen die vielen Wildschweine?“
„Wissen wir noch
nicht. Der Hausmüll, die Rapsfelder, der Mais. Die Tiere leben wie im
Schlaraffenland.“
„Das heißt, ich
kann Mathilde aufgeben?“
Saubermann zaubert
Geheimnisvolles in seine Gesichtszüge: „Noch nicht. Ich habe da so eine Idee.“
DIE FRESSFALLE
Viel Zeit ist
vergangen. Wochen, Monate? Mathilde
könnte es nicht sagen. Jeder Tag in ihrem neuen Leben ist aufregend. Jeden Tag,
jede Nacht hat sie etwas dazugelernt. Auch das Gefühl für Gefahr ist ihr nun
vertrauter. Denn es ist nicht so einfach, sich an ein Dasein in der freien
Wildbahn zu gewöhnen. Schon gar nicht für ein Hausschwein, das vorher in der
Enge eines Mastbetriebes hausen musste. Zum Glück wird Mathilde von den
Wildschweinen gut beschützt.
Besonders der
junge Eber, der langsam seine Frischlings-Flecken zu verlieren beginnt, hat ein
wachsames Auge auf sie. Ein etwas übertrieben wachsames Auge, denkt Mathilde
oft. Denn in manchen Augenblicken kommt er ihr derartig nahe, dass sie sich
fast ein wenig vor ihm fürchtet. Nur für sich nennt sie ihn deshalb den „wilden
Boris“. Auch, weil er sie an ein Erlebnis mit einem ganz anderen Boris
erinnert.
Es geschah an
einem dieser furchtbaren Tage, an dem wieder der Viehtransporter mit seinen
vergitterten Luken auf dem Hof von Ringelpütz stand, um eine Ladung Schweine
zum Schlachthof zu bringen. Und sofort hatte sich eine Welle von Unruhe unter
den Tieren verbreitet. So, als wüssten sie schon, was mit ihnen geschehen
würde.
Ein junger Eber
aber wollte sich nicht mit sein Schicksal abfinden. Er wehrte sich mit aller
Kraft gegen den Abtransport. Immer, wenn die Männer glaubten, ihn gefangen zu
haben, griff er sie frontal an. Wichen die Fänger zurück, dann suchte er die
Lücke, um zu entkommen. Das ging so eine ganze Weile hin und her. Schließlich
musste sogar Ringelpütz mithelfen, den Eber zu bändigen. Die anderen Schweine,
von diesem ungleichen Kampf fasziniert, schwiegen, so dass nur noch das wütende
Grunzen des Ebers zu hören war.
Ringelpütz hatte
Angst vor dem wilden Eber und näherte sich ihm vorsichtig.
„Spiel hier bloß
nicht den wilden Boris,“ sagte er beschwörend, vor allem, um sich selber Mut zu
machen. Immer wieder sagte er: „Spiel hier bloß nicht den wilden Boris!“ Und
das war wohl auch der Grund, warum ihn Mathilde nie vergessen hat, ausgerechnet
diesen Satz. Vergessen aber hat sie ebenfalls nicht, dass Ringelpütz ihn damals
laufen ließ, den „wilden Boris“. Er kam nicht mit auf den Laster.
Was aus ihm geworden
ist? Mathilde weiß es nicht. Aber hier im Wald lebt er ja jetzt weiter.
Zumindest namentlich. Als Mathildes „wilder Boris“, der sie beschützt und
warnt, wenn Gefahr droht. Wie, zum Beispiel, eines Morgens, als ein lautes
Klopfen durch den Wald hallt. Mathilde wachte davon auf. Verstärkt durch ein
Echo hat sie das Gefühl, das Geräusch kommt von allen Seiten. Neugierig, wie
sie nun einmal ist, möchte sie am liebsten sofort loslaufen, um der Ursache
dieses Lärms heraus zu finden.
Zum Glück kennt
der „wilde Boris“ dieses Geräusch. Es bedeutete: Gefahr! Treibjagd! Das heißt,
die Treiber – also noch nicht die Jäger – jagen, indem sie mit dicken Knüppeln
an die Bäume klopfen, alle Tiere in die sichere Flucht. Dass jedenfalls glauben
die Tiere. Bis sie auf einmal merken, dass sie in eine Falle geflohen sind.
Denn dort, wo das Klopfen immer leiser wird, lauert die tödliche Gefahr. Dort
warten Jäger oder auch Jägerinnen auf die panisch gewordenen Tiere und schießen
sie ab. Schießen, was die Flinten hergeben. Die Kugeln fliegen nur so durch die
Gegend. Und das Schrot, diese verdammten Bleistückchen aus den doppelläufigen
Büchsen, durchdringen jedes Fell.
Knurri, der alte
Keiler, hat diese Jagdtaktik der Menschen längst durchschaut und folgende Order
an sein Rudel herausgegeben: Erstens, nicht weglaufen vor den Treibern!
Zweitens: Wer ein Versteck hat, bleibt darin - auch wenn die Treiber ganz nahe
daran vorbei gehen! Drittens: Wer entdeckt wird, rennt nicht vor den Treibern
davon, sondern direkt auf sie zu. Denn die Treiber haben ja keine tödlichen
Waffen. Viertens: Der Fluchtweg ist immer dort, wo die Treiber herkommen.
Natürlich verkauft
der „wilde Boris“ die Weisheiten des alten Keilers, als kämen sie alle aus
seinem eigenen Wildschwein-Gehirn. Doch so dumm ist Mathilde nun auch wieder
nicht, dass sie seine kleinen Angebereien nicht durchschaut.
Trotzdem: Mathilde
ist ihrem „wilden Boris“ dankbar, weil er ihr schon mehr als einmal das Leben
gerettet hat. Vor allem an dem Tag, als sie aus dem Wald entführt werden
sollte. Da haben ihr doch Ringelpütz zusammen mit Saubermann eine ganz gemeine
Falle gestellt. Und sie ist auch prompt darauf reingefallen. Hinterher hat sie
sich selbst große Vorwürfe gemacht, dass ihre Neugier mal wieder größer gewesen
ist als ihr Gefühl für Gefahr.
Folgendes hatte
sich ereignet: Ringelpütz war mit einem großen Topf, gefüllt mit dampfenden,
gekochten Kartoffeln und allerlei köstlichen Beilagen, mitten in die
Waldlichtung gestampft. Hatte den Topf dort abgestellt und sich im nächstliegendem
Gebüsch versteckt. Es war reiner Zufall, dass der wilde Boris sich in der Nähe
aufhielt und diese merkwürdige Aktion aus sicherer Entfernung beobachtet
konnte. Leider stromerte auch Mathilde in der Gegend herum, die Ringelpütz
natürlich sofort erkannte und den seltsamen Drang verspürte, ihm das mitteilen
zu wollen. Aber Olli war plötzlich verschwunden. Wohin? Die ahnungslose
Mathilde witterte keine Gefahr. Der Topf stand einsam in der Lichtung, und aus
seinem Inneren duftete es köstlich. Zu gern möchte Mathilde wissen, was es
damit auf sich hat. Langsam aber unwiderstehlich nähert sie sich dem von Olli
ausgelegten Köder.
Der Duft lockt und
kitzelt ihre Geschmacksnerven. Ringelpütz hat schon die richtige Mischung aus
gekochten Kartoffeln und Uschis Haferflocken zusammen gemixt. Mathilde fällt
darauf rein.
Denn alles geht
auf einmal ganz schnell. Ringelpütz kommt mit einem großen Sack von der einen
Seite und Saubermann mit einem Seil von der anderen Seite. Und ehe Mathilde auf
den beidseitigen Angriff reagieren kann, ist der Sack schon über sie geworfen,
und Saubermann hat ihre die Hinterbeine gefesselt. Da hilft kein lautes
Quieken, Mathilde landet in Saubermanns „Geschoss“ - und ab geht es es durch
den Wald.
Nur Ringelpütz und
Saubermann haben die Rechnung ohne den wilden Boris gemacht. Kaum hat er dem
alten Keiler, von dem dreisten Überfall auf Mathilde berichtet, ist die
Befreiungs-Aktion bereits im Gange.
Saubermann fährt
volle Pulle, obwohl der Waldweg in diesem regnerischen Herbst voller Schlamm ist. Trotzdem kommen sie,
obwohl Saubermann seinen schweren Geländewagen dauernd lobt, nur langsam voran.
Hinten, auf der Ladefläche, liegt Mathilde und quiekt. Gottserbärmlich quiekt
sie.
Und Ringelpütz
leidet. So hat er sich das Wiedersehen mit Mathilde nicht vorgestellt. Und überhaupt, was soll jetzt mit ihr geschehen?
Wird er sie einfach wieder in seinen Mastbetrieb sperren? Unmöglich. Seit dem
Jagdausflug, zu dem ihn Saubermann überredet hatte, ist ihm das Schwein nicht
mehr aus den Kopf gegangen und, ja, fast
ans Herz gewachsen. Und deshalb kann er jetzt ihr jammervolles Gequieke während
der Rumpelfahrt durch den Wald nicht länger ertragen.
„Halt mal kurz
an“, sagt er zu Saubermann.
„Warum?“
„Ich will ihr die
Fußfesseln abnehmen“
„Bist du verrückt.
Dann tobt die Sau im Wagen herum.“
„Ich sage ihr,
dass sie das lassen soll.“
„Wie sagen?“
Ringelpütz merkte,
dass dies ein verräterischer Satz ist. Und Saubermann hakte auch sofort nach:
„Sprichst du jetzt
schon mit deinen Schweinen?“
„ Ich kann das
Quieken nicht ertragen.“
„Und wie willst du
das abstellen? Die Sau abstechen?“
„Halt an!“
Ringelpütz hat gar
nicht gewusst, dass er einen derartig fordernden Ton anschlagen kann.
Saubermann gehorchte augenblicklich und tritt so forsch auf die Bremse, dass
beide fast an die Frontscheibe knallten. Olli steigt aus und murmelte „Idiot“ -
immerhin so laut, dass Saubermann es hören kann – und geht nach hinten. Er
öffnet die Ladeklappe und erblickt Mathilde, die wie ein großer Klumpen
Fleisch, zur Hälfte noch in dem Sack, mit dem sie eingefangen worden ist, auf
der Ladefläche kauert. In ihren Augen liegt Traurigkeit, unendliche Traurigkeit.
Olli kann ihren
vorwurfsvollen Blick kaum ertragen und versucht, sie zu beruhigen. Redet dummes
Zeug wie „alles wird gut“. Dabei nimmt er ihr die Fußfesseln ab und quasselt
weiter. Aber Mathilde sieht ihn nur an und sagt nichts.
Schließlich reißt
Olli sich los von diesem Jammerbild, schließt sachte die Heckklappe und geht
wieder nach vorn zu Saubermann. Inzwischen hat Mathilde ihn mit ihrer
Traurigkeit angesteckt.
„Na, und?“ fragte
der Biobauer.
„Nichts. Fahr
weiter.“
Stumm setzten
Saubermann und Olli die holprige Fahrt fort. Ahnungslos, was auf sie zukommen
wird. Der weise Keiler Knurri hat sofort eine Strategie entwickelt. Er hat eine
Rotte von jungen Wildschweinen zusammengetrommelt, die sich am Waldrand verstecken sollen. Und zwar genau dort, wo
der Weg den schützenden Wald verlässt, bevor er sich durch stillgelegte Äcker
schlängelt.
Plötzlich muss
Saubermann so hart abbremsen, als sei ihm der Teufel vor die Windschutzscheibe
geflogen. Vor ihm, zwischen den tiefen Fahrrinnen, liegt ein Wildschwein.
Wieso liegt hier
ein Wildschwein?
Saubermann und
Ringelpütz stellen sich die gleiche Frage, ohne sie auszusprechen. Beide
steigen aus und nähern sich vorsichtig dem leblosen Körper. Mit der Fußspitze
berührt Saubermann das Tier. Keine Reaktion.
„Wir müssen es
mitnehmen“, beschließt er. „Na, los, Olli, hol einen Sack aus den Wagen!“ In
Jäger Saubermann ist der Heger erwacht: Das Tier könnte an einer gefährlichen
Krankheit eingegangen sein, und deshalb sollte
man unbedingt den Tierarzt...
Weiter kommt er
nicht mit seinen Gedanken. Denn in dem Augenblick, in dem Ringelpütz
hinten die Heckklappe vom Geländewagen
geöffnet hat, springt der tot geglaubte Keiler schnaubend auf seine vier Beine
und stellt sich zum Angriff in Position.
Saubermann ist so
erschrocken, dass er mehrere Schritte rückwärts geht und deshalb nicht sehen kann, was hinter seinem
Rücken passiert.
Ringelpütz wühlt
derweil auf der Ladefläche herum auf der Suche nach einen Sack. Dabei vermeidet
er, Mathilde anzublicken. Er hat ein verdammt schlechtes Gewissen - doch das vergeht ihm, als er ein
vielstimmiges Grunzen hinter sich hört. Er dreht sich um und steht sechs
angriffslustigen Wildschweinen gegenüber. Hilfe! Wo ist Saubermann? Der aber
dreht ihm den Rücken zu und tastete sich mit merkwürdig vorsichtigen Schritten
rückwärts Richtung Auto.
Das mache ich
jetzt genauso, denkt Ringelpütz. Er entfernte sich rückwärts von der offenen
Heckklappe und den Keilern. Ganz langsam...denkt Olli. Ganz langsam, damit die
Tiere nicht auf den dummen Gedanken kommen und ihn angreifen. Aber die haben
etwas ganz anderes im Sinn. Olli ist Zeuge und kann es später beschwören. Ein
junger Keiler springt in den Wagen. Das dauert vielleicht eine halbe Minute,
und schon springt er wieder heraus. Hinter ihm erscheint Mathilde, die zögert
zu springen. Da aber legt sich ein anderes Wildschwein quer zum Wagen, bildete
so etwas wie eine Treppenstufe, und Mathilde wagte zum zweiten Mal den Weg in
die Freiheit. Mehr gepurzelt als gesprungen.
Und bevor
Saubermann und Ringelpütz zu sich kommen können, sind die Wildschweine mit
Mathilde in den Wald entschwunden.
Die Aktion der
Wildschweine wird von den beiden Männern unterschiedlich beurteilt. Saubermann ahnt, dass er dieses Erlebnis kaum
so erzählen kann, wie er es wahrgenommen hat. Seine Jagdfreunde würden es als
Jägerlatein abtun.
Bei Ringelpütz
weigert sich der Verstand, das Ereignis überhaupt zu glauben. Seine Gefühle
aber reagieren zwiespältig: Sie schwanken zwischen Erleichterung und Liebesentzug.
ZEIT ZUM
NACHDENKEN
Wieder einmal ist
Mathilde am frühen Morgen allein aufgewacht. Das Rudel hat sich nach seinem
nächtlichen Streifzug zum Schlafen in eine Senke zwischen dem Wald und einer
großen Wiese verkrochen. Einer Wiese, die früher mal ein Acker gewesen war und
auf der im letzten Sommer noch die Reste
von Getreidesaat mit wildem Gras kämpften. Diese Wiese ist nun über Nacht weiß geworden.
Mathilde blinzelt in die aufgehende Sonne an
einem wolkenlosen Himmel. Sie zittert vor Kälte, bestaunt aber die gläsernen
Eisröhrchen, die die Grashalme umschließen. Sie schnuppert mit ihrer Schnauze
daran herum und wundert sich, dass sich
die Röhrchen durch ihren warmen Atem in Wasser verwandeln.
Es soll Mathildes
erster Winter in Freiheit werden. Sie weiß nicht, dass es ein besonders
strenger Winter werden wird, leidet aber schon jetzt unter den noch leichten
Minusgraden. Denn im Gegensatz zu ihren
neuen Freunden, den Wildschweinen, die in ihrem dichten Borstenkleid der Kälte
trotzen können, sieht Mathilde mit ihrer rosa Haut wie nackt aus. Und so fühlt
sie sich auch.
Aber dann, oh
Wunder, werden auch ihr in den nächsten Winterwochen ein paar Borsten wachsen.
Nicht so viele wie bei den Wildschweinen, jedoch genug, dass sie die besonders
kalten Nächte einigermaßen ertragen kann.
Richtig satt zu
werden, ist für das Wild im Wald jetzt auch nicht mehr so einfach.Denn tagelang
hat es inzwischen geschneit, und der Waldboden liegt unter einer dicken
Schneedecke. Das Wühlen nach Wurzeln und anderem Genießbaren wird dadurch zur
Qual. Besonders für Mathilde, deren zarte Schnauze sich noch nicht an diese Art
Nahrungssuche gewöhnt hat.
Zum Glück hat sich
der wilde Boris, inzwischen zu einem strammen Überläufer entwickelt. Boris
interessiert sich für Mathilde, weicht kaum von ihrer Seite. Seine erotischen
Fantasien beginnen zu blühen. Er zeigt ihr, wo und was man in dieser Jahreszeit fressen kann
und darf. Und er beschützt sie vor den
Gefahren, die auch besonders im Winter
auf sie lauern.
Als „Überläufer“
bezeichnen die Jäger jene Wildschweine, die keine Frischlinge mehr sind, aber
auch noch nicht zu den Ausgewachsenen gehören. Sie ähneln den wilden Jungs und
Mädchen auf dem Schulhof, die sich plötzlich füreinander interessieren.
Mathilde fühlt
sich beschützt, wenn Boris grunzend an ihrer Seite erscheint. Mehr noch: Sie
vermisst ihn, wenn er nicht auftaucht...
Ohne Vorwarnung
kommt der ganz große Frost. Die obere Schneeschicht, die gestern noch weich wie
Watte war, ist über Nacht verkrustet wie
hart gewordener Zucker. Wer jetzt durch den Wald hasten oder gar fliehen muss,
verletzt sich unweigerlich an seinen Läufen. Boris zeigt Mathilde die von den
Tieren extra angelegten Trampelpfade, auf denen
sie einigermaßen gefahrlos gehen kann. Einer dieser Trampelpfade führt
auf die ungeschützte Waldwiese, die in diesen kalten Tagen so etwas wie ein
Platz zum Überleben geworden ist. Denn Saubermann, der sich ja nicht nur als
Jäger sondern auch als Heger versteht, hat hier einen Futterplatz für das
hungernde Wild eingerichtet. Und manchmal ist auch Ringelpütz mit dabei, wenn
Saubermann sein „Geschoss“ geschickt durch den Zentimeter dicken Schnee lenkt,
um anschließend wie der Weihnachtsmann seine Gaben für die Tiere in einer
großen Krippe auszubreiten: Heu, Kartoffeln und Eicheln, die die Kinder im
Herbst gesammelt und für ein Taschengeld eingetauscht haben.
Wenn Mathilde aus
sicherer Entfernung solche Fütterungen beobachtet, ist sie hin und her
gerissen. Einerseits möchte sie sich Ringelpütz stolz präsentieren: Siehst du,
ich lebe noch! Andererseits hat sie den Entführungsversuch der beiden Männer
noch in schlechter Erinnerung. Und deshalb wartet auch sie gehorsam, bis der
alte Keiler endlich das Zeichen zum Fressen fassen gibt. Und das gibt er erst,
wenn Saubermanns Geländewagen wieder verschwunden ist.
Ach, Ringelpütz!
Mathilde muss viel zu oft an ihn denken. Gern hätte sie gewusst, was in seinem
Kopf vorgeht. Aber zwischen beiden herrscht so etwas wie Funkstille.
Und Olli? Oh, ja,
auch er denkt an Mathilde und hofft sogar, dass sie freiwillig zu ihm
zurückkehrt. Es gibt aber auch Tage, da hat er die Hoffnung aufgegeben, sie je
lebend wiederzusehen. Wie soll ein Hausschwein bei solcher Saukälte überhaupt
überleben. Das allerdings fragt sich auch Mathilde, wenn sich ihre vier Läufe
mal wieder wie Eisbeine anfühlen.
Hinzu kommt der
Hunger, den Saubermanns Gaben nur zum Teil decken können. Schließlich müssen
die Wildschweine das Futter ja noch mit Rehen und Hirschen teilen.
Also, woher das
Futter nehmen? Einfach stehlen? Nicht nötig. Längst wissen die Tiere, dass die
Menschen ihre überflüssige Nahrung gern wegwerfen. Ab in die Mülltonne! Und
wenn die bis oben hin voll ist, stehen die Plastiktüten daneben. Prall gefüllt
mit Köstlichkeiten von denen Wildschweine träumen: Brot, Käse, Reste von Torten
und vieles mehr.
Raubzüge um die
Häuser gehören in dieser kalten Jahreszeit deshalb zum festen Ritual der
Waldtiere. Und auch Mathilde hat sich daran gewöhnt, den menschlichen
Behausungen bedenklich nahe zu kommen. Meistens in den späten Abendstunden,
wenn die Familien vor dem Fernseher sitzen und sich, wie sinnig, Tiersendungen
ansehen. Wenn Massen von Pinguinen auf riesigen Bildschirmen watscheln und die
Kinder schreien, dass sie auch solch einen niedlichen Vogel haben möchten.
Ja, in diesen
Stunden kann man besonders ungestört in den Mülltonnen wühlen. Die abgestellt
am Straßenrand stehen, weil sie am nächsten Tag geleert werden sollen. Das
wissen inzwischen alle Wildschweine. Ob groß oder klein. Mathilde guckt bei
diesen Fressorgien oft in die Fenster, beobachtet die Menschen in ihren
Wohnungen und wundert sich immer wieder, wie gut sie versteht kann, was die
Leute so miteinander reden. Mehr aber noch wundert sie sich, dass dieses Gerede
für ein Schwein oft gar keinen Sinn
ergibt.
„Marie Luise, du
gehst jetzt sofort ins Bett.“
„Ach, nö, warum
denn?“
„Weil du morgen
früh zur Schule musst.“
„Ich will aber die
Sendung noch zu Ende sehen.“
„Nein!“
„Doch! Du kannst
mich mal., Mama!“
„Nicht diesen Ton,
Marie-Luise“
„Aber so redet ihr
doch auch miteinander.“
Mathilde draußen
ist verwirrt. Was hat das zu bedeuten? Aber während sie noch darüber
nachzudenken versucht, hat der wilde Boris gerade eine Mülltonne umgeworfen.
Der Inhalt ergießt sich über den Fußweg vor dem Haus.
Sofort stürzt sich
die Meute wohlig grunzend auf die
Köstlichkeiten.
Immer häufiger
passiert es jetzt, dass Mathildes Gedanken bei diesen Raubzügen abschweifen.
Sie denkt an ihre Vergangenheit, an ihr Leben in dem Mastbetrieb von Olli
Ringelpütz. Aber sie denkt auch über ihre Zukunft nach. Hat sie eine Zukunft
und wie sieht die aus? Ihre Träume enden immer auf einer Insel, auf der es
keine Menschen gibt. Nur Schweine sehr
viele Schweine.
Mathilde wacht
meist früher auf als das Rudel. Es ist eine innere Unruhe, die sie aus ihren
Träumen reißt. In diese frühen Morgenstunden, wenn die Wildschweine, noch
erschöpft von ihren nächtlichen Beutezügen schlafen, schleicht sie sich an den
nahen kleinen See und betrachtet in der noch nicht ganz zugefrorenen Südseite
des Sees lange ihr Spiegelbild im Wasser. Und jedes mal muss sie feststellen,
dass sie ganz anders aussieht als ihrer neuen Freunde. Gut, ein paar Borsten
sind ihr gewachsen. Aber was sind die schon gegen das üppige Fell der anderen.
Und ihre Beine sind kurz, so kurz, dass
sie manchmal Mühe hat, dem Rudel zu folgen.
Sie hasst sich und
fragt ihr Spiegelbild: Wer bin ich?
Aber dann erinnert
sie sich, dass sie schon damals bei Biobauer Saubermann mit ihrem Aussehen
haderte. Während die meisten hellhäutigen Schweine sich gar nicht voneinander
unterschieden, fiel Mathilde mit ihrem schwarzen Fleck an der rechten Seite die
Rolle der Außenseiterin zu. Und hatte Saubermann, als er sie an Ringelpütz verkaufte,
nicht sogar gesagt: „Pass auf, Mathilde
ist eine englische Lady. Die stammt von den schwarzen Cornwalls ab. Die passt
nicht hierher.“
Aber was soll
Mathilde mit solchen Erinnerungen anfangen? Fakt ist: Sie fühlt sich
unglücklich, weil sie kein richtiges Hausschwein und kein richtiges Wildschwein
ist. Nichts Halbes und nichts Ganzes.
Ein Nichts! Sie merkt doch, wie ein Teil der Wildschweine sie geradezu ablehnt.
Besonders eine ältere Bache, die die ganze Rotte zu beherrschen scheint,
behandelt Mathilde wie Luft. Nur ein Beispiel: Alle Frischlinge werden von ihr
gewarnt, wenn ein Auto mit hoher Geschwindigkeit angerauscht kommt. Sofort
bringt sie die Brut in Sicherheit und verschwindet mit ihr im Wald. Um
Mathilde, die hilflos auf der Straße steht, kümmert sich keine Sau. Ein Glück
nur, dass es den wilden Boris gibt.
Einmal hatte die
ganze Meute eine große Allee mit einem Grünstreifen zwischen beiden Fahrbahnen
überquert und war in den nahegelegenen Vorgärten abgetaucht. Und Mathilde, die
hinter der Truppe herum getrödelte hatte, stand plötzlich mutterseelenallein auf dem Grünstreifen. Ein
Auto kam von links, ein Auto von rechts. Beide Fahrer stoppten: Ein
Hausschwein! Kein Wildschwein? Die Fahrer stiegen aus. Mathilde stand vor
Schreck wie ein Denkmal, rührte sich nicht vom Fleck.
„Wie kommt ein
Hausschwein auf die Berliner Allee?“ wunderte sich der eine Fahrer.
Der andere: „Das
wäre was für meine Gartenparty.“
„Als Attraktion?“
„Nee, für den
Grill.“
Die beiden lachten
und malten sich aus, wie sie Mathilde für ein Fest zubereiten würden. Doch
plötzlich ein Krachen. Boris! Mit seinem ganzen Gewicht hatte er sich gegen das
dünne Blech beider Wagen geworfen, das unter seinem Gewicht bereitwillig
nachgab. Es dauerte nur Sekunden und die Fahrer waren wieder in ihren Autos.
Reifen quietschten, Zwei Motoren heulten auf und schon waren die Autos
verschwunden.
Seitdem hat
Mathilde manchmal richtige Angst. Angst vor der Freiheit. Und immer häufiger
stellt sie sich die Frage, ob ihr Entschluss, sich den Wildschweinen
angeschlossen zu haben, richtig war. Ist das denn das freie Leben, das sie sich
vorgestellt hat: In Mülltonnen zu
wühlen? Im Wald in einer Kuhle zu liegen und erbärmlich zu frieren?
Und wenn sie in
dem Schweinemastbetrieb von Ringelpütz geblieben wäre? Nein, nichts hätte heute
mehr an Mathilde erinnert. Im Schlachthof wäre sie gelandet. Der alte Keiler
hat ihr das ja drastisch genug geschildert. Und manchmal in ihren Träumen lebt
sie ja auch noch in dem engen Ferch zusammen mit den Mastschweinen. Sieht
Ringelpütz, wie er in der offenen Tür steht, sich ein Tuch vor die Nase hält,
weil er den Gestank aus der großen Halle nicht ertragen kann. Aber es gibt auch Momente in ihrem Traum, da
ist sie ganz allein. Allein in der Halle. Kein Schwein rings herum. Die sind
alle abgeholt worden für die letzte Fahrt zum Schlachthof. Vor Angst quiekt
Mathilde im Schlaf und schlägt mit den Beinen um sich. Wenn sie aus solch einem
Albtraum hochfährt, friert sie meistens, obwohl die Wildschweine sie schützend
in ihre Mitte genommen haben.
Die Albträume
häufen sich und alle haben begriffen: Mathilde ist krank. Ihre Seele ist krank.
Von Tag zu Tag wird sie dünner und dünner. Und ihre angeborene Neugier ist
verschwunden wie das letzte Grün unter der dichten Schneedecke
Knurri, der alte
Keiler, hat zuerst gemerkt, dass mit Mathilde etwas nicht stimmt. Er fühlt sich
für sie verantwortlich. Schließlich hat er sie überredet, in den Wald zu
flüchten. Natürlich hat auch er längst gemerkt, dass der wilde Boris, ein Auge
auf Mathilde geworfen hat. Sollte man die beiden nicht miteinander...?
Mathilde, die
immer mehr an Speck verliert, bekommt von Knurris Plan, sie mit Boris zu
verkuppeln, gar nichts mehr mit. Müde schleppt sie sich durch den verschneiten
Wald, vergisst dabei das Fressen, ist schließlich nur noch ein Schatten ihrer
selbst. Während sie mit dem Rudel mal wieder auf Mülleimer-Beutezug ist, bleibt
sie verloren vor den Häusern stehen, und versucht hinter dem Sinn ihres Daseins
zu kommen.
Mathilde beneidet
die Menschen, die im Warmen wohnen, die ihre Hunde liebevoll streicheln, ihre
Katzen an sich drücken. Warum kann nicht auch sie als Schwein so zärtlich von
den Menschen behandelt werden? Warum werden Schweine geschlachtet? Aber keine
Hunde, keine Katzen?
Am liebsten würde
sie Ringelpütz danach fragen. Der aber bleibt den ganzen restlichen Winter über
unsichtbar. Warum? Vielleicht kann der weise alte Keiler all ihre Fragen
beantworten. Doch der ist seit ein paar Tagen auch nicht ansprechbar. Sein
Grunzen hört sich an wie ein Rasseln. Das Alter und der strenge Winter haben
auch an Knurris Gesundheit gezehrt. Mathilde, die sich selbst kaum auf ihren
vier Beinen halten kann, beobachtet ängstlich, wie er zittert und
Schwierigkeiten mit seinem Gleichgewicht hat.
In ihrer Sorge um
Knurri vergisst sie beinahe ihren eigenen jämmerlichen Zustand. Sie braucht
eigentlich dringend einen Partner, mit dem sie ihre Gedanken austauschen kann.
Boris? Nein, das hat keinen Sinn. Boris hat noch zu wenig Lebenserfahrung. Sie weiß nie, was gerade in seinem Kopf
herumgeht. Und Boris selbst? Was hält er von Mathilde? Einerseits ist er
fasziniert von ihr. Andererseits ist sie ihm aber auch unheimlich. Besonders,
wenn sie die Menschen in ihren Häusern beobachtet und dabei das Fressen
vergisst.
Aber dann, eines
Morgens wacht Mathilde davon auf, dass ein leichter Wind über ihren Körper
streicht. Zuerst begreift sie nichts. Bis sie spürt, dass es ein warmer Wind
ist. Der die Bäume sachte zum Schwanken bringt, damit sie ihre Schneelast
erleichtert von sich werfen können. Während die Sonne den restlichen weißen
Winter-Teppich frisst. Die Kälte hat sich über Nacht zurück gezogen, und
Mathilde spürt den nie dagewesenen
Drang, mit ihrer Schnauze nach Wurzeln, Kräutern, nach Larven und Würmern zu
wühlen. Und sie scheut sich auch nicht, Mäuse in ihren Speiseplan aufzunehmen.
Mathilde ist
wieder die alte Mathilde. Oder nein: Sie ist eine ganz andere Mathilde.
WO SIND USCHIS
KOFFER?
Nun ist es aber
höchste Zeit, wieder einen Blick auf das Leben von Olli Ringelpütz zu werfen.
Denn hier läuft so ziemlich alles total aus dem Ruder. Mit Biobauer Saubermann
hat er sich überworfen. Warum? Gleich mehr darüber. Viel wichtiger ist das
Problem mit Uschi. Ollis Frau hat nämlich beschlossen, zurück in die Stadt zu
ziehen. Uschi vermisst den lauten nach Abgasen stinkenden Verkehr. Sagt sie.
Aber in Wirklichkeit sehnt sie sich nach Geschäften, in denen sie bis zum
Abwinken shoppen kann. Und sie hat mal wieder Heißhunger auf eine richtige
scharfe Currywurst. Denn Uschi verträgt scharfe Soßen. Im Gegensatz zu Olli,
der schon beim Anblick einer Chilischote Magenschmerzen bekommt.
Kahn, der treue
Hund, spürt die Unruhe im Haus. Winselnd hat er sich unter Ollis Schreibtisch
verkrochen. Und in diesem Versteck heult er nachts auf. Wie ein Wolf in einer
hellen Mondnacht.
Noch ein Grund
mehr für Uschi, das gemeinsame Projekt „Ehe“ infrage zu stellen „Entweder gehe
ich oder der Hund verschwindet!. Das Geheule hält ja keine Sau aus.“
Sie sucht ihre
Koffer und findet sie nicht. Auch nicht auf dem Dachboden, der voll gerümpelt
ist mit Möbeln aus den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Alles noch
von den Vorbesitzern. Olli ist hier oben
noch nie gewesen. Uschi durchforscht den Keller. Nichts! Keine Koffer. Dafür
eine Kiste voller Flaschen, gefüllt mit Apfelsaft. So steht es zumindest auf
den Etiketten. Auch noch von den Vorbesitzern. Wer weiß, was daraus im Laufe
der Jahre geworden ist. Apfelwein? Oder Essig?
Uschi gibt es auf,
ihre Koffer zu finden. Sie beschließt, neue zu kaufen.
Olli verkriecht
sich in irgendwelchen Papierkram, der seinen Schweinemastbetrieb betrifft. Er
liest und versteht kein Wort. Er liest noch einmal, und seine Gedanken sind
ganz woanders. Er ertappt sich, wie er auf die leere Rückseite von Rechnungen
Schweine malt. Schweine, die auf den Hinterbeinen wie Menschen laufen.
Schweine, die lachen und weinen. Schweine, die... merkwürdig, alle wie Mathilde
aussehen. Mit ihrem schwarzen
herzförmigen Fleck an der rechten Hinterbacke.
Ich bin eine
verdammt arme Sau, denkt Olli. Eine einsame arme Sau ohne Uschi. Ohne Mathilde,
und mit Saubermann bin ich auch zerstritten. Warum eigentlich? Es fing doch
alles so harmlos an:
Beide hatten vor
einer guten Flasche Trollinger spätabends in Saubermanns geschlossenen Bioladen
gesessen und über Gott und die Welt geredet. Dann wurde die zweite Flasche
„geköpft“, und nun ging es um Schweinepreise im allgemeinen und Ollis
Schweinemastbetrieb im besonderen. Bei der dritten Flasche Trollinger, diesem
vorzüglichen Rotwein aus dem Württembergischen, hatte Saubermann Olli
unterstellt, er würde seine Tiere mit verbotenen Medikamenten vollstopfen. Olli
wiederum hatte behauptet, Saubermann, würde seine „sogenannten Bioprodukte“ mit
Pestiziten hochziehen. Ein Wort gab das andere. Die leeren Trollingerflaschen
flogen durch die Luft. Und danach ging jeder zufrieden seiner Wege, ohne sich
wiedersehen zu wollen. Das alles hatte sich vor acht Wochen abgespielt. als der
Schnee endgültig vor der Sonne kapitulierte.
Also kein
Saubermann mehr, und auch Uschi macht sich rar. Olli sieht sie kaum noch. Dass
es ihr mit dem Ausziehen aus dem gemeinsamen Bauernhof ernst ist, zeigen die
zwei nagelneuen Koffer, die plötzlich im nicht mehr gemeinsamen Schlafzimmer
stehen. Uschi packt sie still und ohne Hast mit ihren Sachen voll. Olli
erwischt sich bei dem Gedanken, mit wessen Geld sie die Koffer wohl gezahlt
hat. Billig können die nicht gewesen sein. Alles Leder, stellt er fest. Und
modisch sehen sie auch aus. Soweit er das beurteilen kann. Jedenfalls kann sie
damit glatt nach Paris, London, Rom oder New York düsen.
Es vergehen Tage.
Olli schwankt zwischen Wut und Verzweiflung. Aber an wem soll er seine Wut
auslassen? Uschi guckt ihn nur stumm mit großen Augen an, wenn sich seine
Stimme hebt. Der Schweinemastbetrieb ist ihm so was von egal. Gestern hat er
gerade noch gemerkt, dass er dringend Futter nachbestellen muss.
Außerdem
vernachlässigt er sich selber. Früher ist er jeden Morgen in den Obstgarten zum
Wasserhahn gegangen und hat sich mit kaltem Wasser abgehärtet. Selbst im
Winter, wenn das Thermometer minus zehn Grad anzeigte. Jetzt dagegen liegt er
bis Mittag im Bett. In seinem Notbett, das er sich in der kleinen Kammer, in
der vor Zeiten der Wintervorrat an geräucherten Würsten hing, eingerichtet hat.
Weil Uschi ihn nicht mehr neben sich im
Schlafzimmer haben wollte, schläft er nun mit dem Duft geräucherter Würste, der
sich über Generationen in den gekalkten Wänden festgesetzt hat, ein.
Sein Bett, das er
sich aus Holzpaletten und einer alten Matratze zusammengezimmert hat, erweist
sich allerdings als Herausforderung. Das heißt: Er schläft schlecht darauf.
Eigentlich saumäßig. Und träumt die blödesten Sachen. Letzte Nacht hat er
geträumt, dass er im Wald nach Uschi gesucht hat. Die er aber wirklich suchte,
war Mathilde. Davon ist er aufgewacht. Aufgeschreckt! Und kaum wieder
eingeschlafen, hat er sich mit Uschi gestritten. Um was? Es fällt ihm am Morgen
nicht mehr ein. Nur so viel, dass er zu Uschi immer Mathilde gesagt hat.
Olli ist total von
der Rolle.
Nach solch einer
Nacht wilder Träume und mit Schmerzen im Kreuz wegen seines Bretter-Bettes
trifft er in der Küche auf Uschi.
„Morgen!“
„Morgen!“
Uschi sitzt vor
einer Tasse und einer Kanne Kaffee.
Olli: „Kann ich
mir auch eine Tasse...?“
Uschi: „Du fragst
doch sonst nicht.“
Da ist er wieder,
der Ton, der Olli auf die Palme bringt. Diesmal aber atmet er tief durch und
beherrscht sich. Sie sitzen sich gegenüber, schweigen. Kahn hockt unter dem
Küchentisch und seufzt.
Olli hält das
Schweigen nicht aus: „Schöne Koffer. Wo hast du sie gekauft?“
Uschi: „Ist das
wichtig?“
Natürlich ist das
nicht wichtig. Aber es wäre ja mal der Anfang eines Gespräches.
Olli versucht es
noch einmal: „Können wir über andere Dinge reden?“
Uschi schlürft den
Kaffee in sich hinein, was ihn schon immer auf die Palme bringt: „Über was, zum
Beispiel?“
„Na, über uns und
unsere Situation hier:“
Uschi. sachlich
wie bei einer Gerichtsverhandlung: „Fang an!“
Olli sagt zu sich:
Olli bleib kühl!
„Gut, ich fange
also an. Ich hasse diese Schweinezucht. Ich bedauere, dass ich damit überhaupt
begonnen habe.“
Uschi, kühl wie
ein Eisfach: „Und was weiter?“
„Vielleicht wäre
ein Ponyhof...“
Uschi schneidet
ihm das Wort ab: „Ich hasse das Landleben.“
Eigentlich wäre
damit ja alles geklärt. Uschi hasst das Landleben. Punktum! Und Olli hat jetzt
allein die Schweinezucht an der Backe. War´s das?
Olli gibt nicht
auf: „Wir könnten doch noch mal von vorn anfangen.“
Uschi: „Was ist
vorn und was ist hinten?“
Olli merkt, dass
er einen roten Kopf bekommt. Diese Hexe.
„Aber ganz am
Anfang war doch Liebe. Oder, Uschi?“
Kahn hockt immer
noch unter dem Tisch. Er seufzt und furzt.
Uschi: „Soll ich
jetzt auch mal was sagen?“
Olli nickt nur.
„Also! Du gibst
zu, deine Schweinezucht war eine Schnapsidee. Richtig. Davon kann kein Sau
reich werden. Schon wegen der viel zu niedrigen Fleischpreise und der
gewaltigen Konkurrenz. Und dann dein Freund, dieser Saukerl Saubermann.
Biobauer! Das ich nicht lache! Und dazu noch deine Affäre mit dieser
Mathilde...“
Olli erschrocken:
„Woher weißt du?“
Uschi: „Im Schlaf
hast du dauernd von Mathilde gequatscht.“
„Aber Mathilde ist
doch nur ein Schwein“, verteidigt sich Olli, „Ein Schwein, das aus meinem Stall
zu den Wildschweinen übergelaufen ist.“
Uschi gelingt ein
höhnisches, unnatürliches lautes Lachen. Kahn ist so erschrocken, dass er zu
Bellen beginnt.
Olli verstört:
„Ich schwöre, dass Mathilde ein Schwein ist.“
Uschi: „Und ich
schwöre, dass du ein Schweinehund von Mann bist, der nicht zu dem steht, was er
angerichtet hat.“
Olli geschlagen:
„Und wo willst du jetzt hin?“
Uschi: „Zu einer
alten Freundin.“
„Wo wohnt die?“
„Ist das so
wichtig?“
„Na, wenn Post für
dich kommt.“
„Altena. Die
genaue Adresse schicke ich dir.“
„Altena? Wo liegt
denn das?“
„Wo liegt denn
das? Wo liegt denn das?“ Uschi äfft ihn nach.
Olli: „Na, wo
denn?“
„Im Sauerland.“
„Im Sauerland? Da hättest du auch hier bleiben
können.“
Uschi verlässt
beleidigt die Küche. Bühnenreif, denkt
Olli.
DER ALTE KEILER
HÄLT EINE REDE
Der Wald ist aus
seiner Winterstarre erwacht. Innerhalb weniger Tage hat er sich ein zartgrünes
Kleid angezogen, aus dem schon bald ein kräftiges Grün wird. Haselnuss und
andere Sträucher sind jetzt wieder gute Verstecke, wenn Gefahr droht. Ein
Ringeltauben-Pärchen gurrt, als gälte es, einen Preis zu gewinnen. Und
einen Kuckucksruf aus der Ferne erwidert
der Wald mit einem zarten Echo. Die Tannen schmücken sich mit hellgrünen
Spitzen. Und die im Herbst heruntergefallenen Eicheln platzen auf im
fruchtbaren Waldboden. Die Triebe streben nach oben mit dem Ziel, eines Tages
ein großer Baum zu werden.
Wenn da nicht die
Wildschweine wären. Denn gerade die jungen Sprösslinge sind für sie geradezu
notwendige Nahrung nach den Futter armen Wintertagen. Kaum ist so eine Eichel
aufgeplatzt und ihr Trieb streckt sich nach der warmen Sonne, hat eine
Schweineschnauze sie schon gewittert, ausgebuddelt und verspeist. Mathilde kann
das inzwischen genau so gut wie das Rudel.
Knurri, der alte
Keiler, hat sich von seiner schlimmen Erkältung fast wieder erholt. Nur
manchmal röchelt er noch minutenlang, versteckt in einem Gebüsch, vor sich hin.
Die anderen sollen nicht merken, dass er seine Kräfte noch nicht wieder erlangt
hat. Und insgeheim fragt er sich, ob er sie je wieder bekommen würde. Es gibt
Tage und ruhelose Nächte, in denen er sich uralt fühlt. Wie viele Sommer und
Winter lebt er nun schon in diesem Wald? Er weiß es nicht. Er weiß ja nicht
einmal, wie alt ein Wildschwein werden kann. Aber so viel kann er sagen: Es hat
sich inzwischen viel verändert. Sein Wald ist kleiner geworden, weil sich die
Menschen mit ihren Häusern immer weiter an den Wald heran gedrängt haben. Und
sein Wald ist lauter geworden. Nicht von den Schreien der Tiere. Nein, von dem
Geschrei der Menschen, die den Wald heimsuchen. Oft mit ihren Hunden, die so laut
bellen, als gehöre der Wald ihnen allein. Haben die Wildschweine hier überhaupt
noch eine Zukunft? Wäre es nicht besser, man würde sich einen neuen Wald
suchen?
Aber wo gibt es
diesen Wald? Knurri ist ratlos!
Doch die anderen
Wildschweine - ob nun die Bachen mit ihren Frischlingen oder die heranwachsenen
Keiler - haben sich mit dem Zustand, in dem sie leben, längst abgefunden. Sie
finden die Situation geradezu spannend: Nachts in den Mülltonnen zu wühlen oder
von den Menschen gefüttert zu werden, das ist doch verrückt und immer wieder
ein Abenteuer. Der alte Keiler findet das aber nicht in Ordnung. Frei lebende
Tiere und Menschen haben sich aus dem Wege zu gehen. So hatte er es gelernt.
Aber solche Regeln gelten wohl in dieser
Zeit nicht mehr.
Neulich ist ein
junger Keiler doch tatsächlich zu den Menschen ins Auto gesprungen, bloß, weil
sie ihn mit Brot oder Wer-weiß-was dazu verlockt hatten. Das Auto ist mit dem
Keiler davon gefahren. Mathilde hat sich die schlimmste Szene vorgestellt: Der
Keiler am Spieß und dazu eine wilde Gartenparty der Zweibeiner...
Doch nichts davon.
Schon nach ein paar Tagen ist der Keiler wieder im Wald aufgekreuzt und hat
eine verrückte Geschichte erzählt:
Die Menschen, ein
junges Paar mit einer Tochter, haben ihn mit ins Haus genommen. Danach haben sie ihn in die Badewanne gelockt
und gewaschen. Was sehr angenehm war. Dann haben sie ihm eine Decke auf den
Boden gelegt, was bedeuten sollte: Hier kannst du schlafen. Und in einer
Schüssel wurden ihm Cornflakes mit Milch serviert. So weit, so gut. Das ließ
sich der Keiler ein paar Tage gefallen, weil
auch das Wetter so scheußlich war, dass es nicht einmal ein Wildschwein vor die Türe trieb.
Dann kam die Sonne
durch. Die kleine Alina durfte in den Garten. Und ihr neues Spielzeug, das
zahme Wildschwein, natürlich auch. Er bekam auch gleich einen Namen verpasst.
Herkules, entschied der Papa. Wir rufen ihn Herkules. Zu lang, mäkelte die
Mama. Herki, entschied Alina.
Herki und Alina
tobten über den Rasen. Ihm gefiel das. Alina kreischte vor Vergnügen. Aber dann
hatte Herki einen verhängnisvollen Fehler begangen. Oder war er nur dem Urtrieb
seiner Ahnen erlegen? Jedenfalls hatte er mit seiner langen Wildschweinschnauze
hemmungslos in Mamas Blumenbeeten herumgeschnüffelt. Seine Nase meldete an sein
Gehirn: Blumenzwiebeln, junge Triebe. Und sein Gehirn meldete zurück an seine
Schnauze: Weiter wühlen, fressen...
Als Mama die
Bescherung sah, war alles schon zu spät. Die Blumenbeete glichen einem Acker,
der von einem Pflug bearbeitet worden war. Mama schrie, Alina weinte. Und Papa
trieb den armen Herki mit einer großen Schaufel vom Grundstück in den Wald
zurück.
Wo er nun wieder
ist. Bei seiner Rotte, vor der er gewaltig angibt mit seinem Abenteuer und
seinem Namen Herki, den er sein ganzes Wildschwein-Leben behalten wird.
Nur Knurri, der
alte Keiler, findet das alles gar nicht mehr lustig. Er hat das Gefühl, dass
das Verhältnis der Wildschweine zu den Menschen nicht mehr normal ist. Und das
Verhältnis der Menschen zu den Wildschweinen natürlich auch nicht. Ein
friedliches Nebeneinander der Arten wird es nie geben. Das ist sicher. Aber wer
wird siegen? Der Mensch, da ist sich Knurri sicher. Das muss allen
Wildschweinen einmal klar gemacht werden. Deshalb bastelt er an einer Rede, die
er eines Tages halten wird. Eine große Rede an alle Wildschweine hier im Wald.
Eine grundsätzliche Erklärung. Die große Walderklärung!
Aber schließlich
kommen ihm auch wieder Zweifel: Wollen die jungen Schweine ihn überhaupt noch
hören? Ist er nicht längst ein Überbleibsel aus vergangenen Wildschwein-Zeiten?
In solchen Momenten fühlt er sich alt. Sehr alt.
Mathilde, die ja
so etwas wie das zweite Gesicht hat, beobachtet Knurri mit Sorge. Seit dem
letzten Winter sieht sie die ersten Schatten der Vergänglichkeit in den Augen
des Keilers. Sie fürchtet, dass er bald sterben könnte. Und davor hat sie
Angst. Was soll aus ihr dann werden? Schließlich war es Knurri gewesen, der
mutig in den Schweinemastbetrieb von Olli Ringelpütz eingedrungen ist. Der dort
alle Schweine ermuntert hatte, in die
Freiheit zu fliehen – aber nur ein Schwein ihm gefolgt war: Sie, Mathilde.
Warum nur sie? Weil dieser Keiler so selbstbewusst zwischen all den
verängstigen Schweinen stand. So selbstbewusst, wie sie auch gerne sein wollte.
Ja, so ist es
gelaufen. Und wenn man Mathilde heute fragen würde, ob ihre Entscheidung damals
richtig gewesen war, dann müsste sie nicht lange überlegen: Ja, es war die
richtige Entscheidung. Denn so ein freies, verrücktes Leben hätte sie ohne
Knurri garantiert nie gehabt.
Aber sie spürt
auch, dass aus der früheren Mathilde eine ganz andere Mathilde geworden ist.
Eine, die die weiblichen Wildschweine, die Bachen, beneidet, wenn sie mit ihrem
Nachwuchs, den Frischlingen, im Wald herum toben. Wenn sie ihre Kleinen spielerisch auf das Leben vorbereiten, obwohl
die am liebsten noch gierig an den Zitzen ihrer Mütter hängen.
Sonderbare Fragen
gehen Mathilde dann durch den Kopf: Könnte auch sie, ein Mastschwein, eine gute
Mutter für ihren wilden Nachwuchs sein? Aber wie würde der überhaupt aussehen?
Wer sollte der Vater ihrer Kinder sein? Boris? Der sie wie ein großer Bruder
beschützt, wenn sie ohne Überlegung mitten in die Gefahr rennt? Oder vielleicht
Herki, der sie immer öfter bedrängt? Herki, der ein besonders wildes Wildschwein
ist, der die Gefahr geradezu sucht? Nein, Herki ist ihr zu hitzig, zu
unbedacht...
Ein großes
Spektakel mitten auf der Waldlichtung stört Mathildes Gedankenspiele. Wie die
meisten Tiere im Wald ist auch sie neugierig und ängstlich zugleich, was das zu
bedeuten hat. Da quält sich eines Tages ein großer Lastwagen auf dem schmalen
Weg durch das Dickicht bis zur Waldwiese vor. Voll beladen mit einem
wunderliches Gebilde aus Holzbrettern und Stangen. Die Fracht schwankt hin und
her. So, als würde sie gleich in das nächstliegende Gestrüpp fliegen Der Fahrer
hält ganz plötzlich mitten auf dem Waldweg. Die Ladung ächzt und neigt sich
bedrohlich in Fahrtrichtung. Der Mann steigt aus und flucht in den Wald hinein:
„Eine saublöde Idee ist das.“
Dann noch einen
Ton lauter: „Hört mich hier jemand?
Jawohl, eine saublöde Idee ist das!“
Nachdem er seine
Wut heraus geschrien hat, steigt er wieder ein, und das Auto rumpelt im
Schritttempo weiter.
Mathilde und der
alte Keiler überlegen, was das hier für eine Sau-Idee werden soll. Die anderen
Wildschweine beobachten nur neugierig das Geschehen.
Langsam bekommt
die Aktion ein Gesicht: Der Laster ist voll beladen mit Bänken. Zum Schluss
wird noch ein großer Grasmäher abgeladen und, schwuppdiwupp, ist die Wiese
glatt wie ein Golfplatz. Die Bänke werden aufgestellt. In einem Halbkreis.
Warum? Weil noch ein Wagen kommt, voll beladen mit Brettern und Balken, aus
denen ein paar Männer in wenigen Stunden eine Bühne zimmern.
Aber noch immer
können sich Mathilde und Knurri keinen Reim daraus machen. Ganz verrückt wird
es aber, als eine Truppe merkwürdig kostümierter Menschen am nächsten Tag
kommt, die Bühne betritt und sich so aufführt, wie es Menschen im Alltag nie tun würden. Die
Leute reden laut, schreien sich manchmal an, flüstern. Und ein Mann trägt
ständig eine Armbrust über seiner rechten Schulter.
Mathilde und
Knurri rätseln noch immer. Das Ganze sieht verdammt nah einer Verschwörung aus.
Aber gegen wen? Tagelang lassen Mathilde und Knurri das Geschehen nicht aus den
Augen. Und langsam begreifen sie: Der Mann mit dem langen schwarzen Mantel und
dem schiefen Grinsen ist der Böse. Und der mit der Armbrust der Gute, obwohl er
ständig eine Waffe trägt. Gefährlich wird es, als der Böse dem Guten befiehlt,
seinem eigenen Sohn einen Apfel vom Kopf zu schießen. Natürlich mit der
Armbrust. Und der Böse, der Fiesling im Ledermantel, da hat Mathilde keinen
Zweifel, ist der Ökobauer Saubermann. Auch, wenn er sich hinter einem
angeklebten Bart versteckt.
Zwei Nächte später
hat Mathilde des Rätsels Lösung. Während ihre Horde wieder einmal die
Mülltonnen nach Delikatessen durchwühlt entdeckt sie unter einer Straßenlaterne
ein Plakat und liest: Wilhelm Tell, Schauspiel von Friedrich von Schiller. Auf
der Waldwiese. Aufgeführt von der Amateur-Theatertruppe „Die Klassiker“. Es
folgen Tage, Uhrzeit und so weiter.
Eine noch nie
dagewesene Unruhe beherrscht den Wald. Autos bringen große Bilder, die auf der
Holzbühne aufgestellt werden. Zusammengefügt ergeben sie eine Landschaft mit
Bergen und Wald, die man hier vergeblich sucht. Boris und Mathilde haben sich
nachts an das Gebilde herangewagt. Nichts Wirkliches, haben beide festgestellt.
Wie die Bilder an den Wänden in den Menschen-Ställen.
Jeden Tag hallen
nun laut Worte durch den Wald: „Durch diese hohle Gasse muss er kommen. Es
führt kein andrer Weg nach Küsnacht...“ Und so weiter. Die Rehe haben sich
längst auf die brachliegenden Äcker verzogen. Die Wildschweine aber haben
beschlossen zu bleiben. Einerseits aus Neugier. Andererseits sagt ihnen ihr
Instinkt: Wo Menschen sind, da gibt es auch was zu fressen. Sie haben recht,
abends, wenn die Vorstellung zu Ende ist, kein Mensch mehr auf der Bühne steht,
die Kulisse auf der Waldwiese langsam von der Dunkelheit verschluckt werden,
finden die Wildschwein selbst hier noch genug achtlos weggeworfene Essensreste.
Knurri, der alte
Keiler, benimmt sich in diesen lauten Tagen allerdings sehr eigenartig. Von
Frühmorgens bis Spätabends verfolgt er das Geschehen auf der Bühne. Und auch
als die Vorstellungen mit viel Publikum stattfinden, lässt er sich nicht
vertreiben. Obwohl der Wald nur so von Menschen wimmelt, die von allen Seiten
kommen und auf den Bänken Platz nehmen. Knurri hat sich so etwas wie einen
Logenplatz auf einer kleinen seitlichen Anhöhe ausgesucht, von der er alles gut
sehen und hören kann.
Die übrigen
Wildschweine sind verwirrt über Knurris Verhalten. Aber ihn fesseln die Worte,
der Inhalt diese Schauspiels. Sind sie, die Wildschweine, nicht auch so eine
bedrohte Schicksalsgemeinschaft, die hier von den Zweibeinern dargestellt wird?
Doch dann nach einer Woche ist der Spuk vorbei. Die Bänke werden
abtransportiert, die Bühne mit ihren Kulissen wird abgebaut. Die blassblauen
Klohäuschen, fünf Stück nebeneinander aufgereiht, holt eine Spezialfirma mit
dem Logo „Schnell und weg“ an ihrem Fahrzeug ab. Die Waldwiese sieht wieder aus
wie eh und je: Als gehöre sie nur den Tieren. Und die wagen sich auch langsam
wieder zurück in ihr angestammtes Revier.
Es vergehen
Wochen. Zuerst ist es nur ein Gerücht, dann aber Gewissheit: Der alte Keiler
hat beschlossen, eine Rede zu halten. Alle Tiere sind eingeladen, für die
Wildschweine ist es „Pflicht“ zu erscheinen. Das Ereignis soll auf der
Waldwiese in den späten Abendstunden stattfinden. Mathilde hat keinen Schimmer,
was das alles zu bedeuten hat. Aber Knurri ist erst einmal wie vom Erdboden
verschwunden.
Es vergehen Tage
und Nächte. Der Termin, an dem der alte Keiler seine Rede halten will, rückt
immer näher. Der Mond verrät das Datum. In den Abendstunden, wenn er seine
volle Rundung erreicht hat und sein fahles Licht den Wald spukhaft hell
erleuchtet, soll es zu Knurris großem Showdown kommen. Keiner weiß woher das
Gerücht kommt. Aber alle haben es gehört.
Endlich ist es
soweit. Zwar verdecken ausgerechnet an diesem Abend immer wieder dunkle
Wolkenfetzen die große Scheibe, die wie eine riesige Straßenlaterne am Himmel
hängt, aber es ist eindeutig Vollmond. Zögernd zeigen sich die ersten
Wildschweine am Rande der Wiese zwischen den Sträuchern. So ganz trauen sie dem
Gerücht nämlich nicht. Auch ein paar Rehe erscheinen auf der Bildfläche,
friedlich äsend. So kann keiner ihnen vorwerfen, sie seien aus Neugier
gekommen.
Punkt zwölf Uhr
Mitternacht kommt Knurri. Die Wolken haben sich verzogen und der Mond wirft
sein ganzes Licht auf den alten Keiler. Sein massiger Körper wiederum erzeugt in diesem fahlen Licht einen
gewaltigen Schatten, den er hinter sich her schleppt wie ein noch gewaltigeres
Tier.
Das Gerücht ist
also zur Gewissheit geworden: Knurri hat gerufen und alle, alle sind da.
Knurris Rede ist kurz aber eindeutig. Trotzdem hat Mathilde später Mühe, sich
alles wieder ins Gedächtnis zu rufen, weil Herki neben ihr immer wieder dumme
Bemerkungen machen musste: „Ist doch nur geklautes Zeug von den Menschen., Mathilde!“
„Ruhe!“
„Nur hohle Worte,
Mathilde.“
„Kannst du nicht
mal deine lose Wildschwein-Schnauze halten?“
„Knurri strickt
doch nur an seiner Legende.“
Herki lästert und
lästert. Und Mathilde bekommt nur die Hälfte von Knurris Appell mit. Aber hat
Herki nicht ein bißchen recht? Die Rede von Knurri klingt verdammt ähnlich wie
die aus dem Theaterstück der Zweibeiner.
„Wir wollen sein
ein einzig Volk von Schweinen.“
In keiner Not uns
trenne und Gefahr.
Wir wollen frei
sein, wie die Schweine einstmals waren.
Lieber den
Hungertod als in der Wurstfabrik zu enden...“
Trotzdem, starke
Worte. Fand jedenfalls Mathilde.
Eine große
schwarze Wolke hatte sich danach vor das Mondlicht geschoben und die Dunkelheit
alle eingehüllt. Als die Wolke den Mond anschließend wieder frei gab, war der
Platz, auf dem Knurri gestanden hat, leer gewesen. Verwirrt zerstreuten sich
die Tiere. Was sollten Knurris Worte bedeuten? Was könnte ein Reh mit
seiner Botschaft anfangen? Und was sagte
sie seinen Wildschweinen?
„Hungertod?“,
„“Wurstfabrik?“ Schreckliche Vorstellungen!
Nur Mathilde
ahnte, was Knurri damit sagen wollte. Schließlich war sie dem Schlachthof schon
einmal näher gewesen als alle anderen Tiere im Wald. Das Verhältnis zwischen
Menschen und Schweinen muss überdacht werden.
Der alte Keiler
aber wurde nach seine Rede nicht mehr gesehen. Und so blühten tatsächlich im
Laufe der Sommer und Winter viele Legenden um ihn, wie Herki es schon
prophezeit hat. Eine erzählt, dass er sich einmal im Jahr bei Vollmond unter die Wildschweine
mischt, um zu sehen, was aus ihnen geworden ist. Aber, wie gesagt, das ist nur
eine von vielen Legenden.
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