Mathilde Teil 5
DIE „FAULE SAU“
Zurück zu den
Wildschweinen muss Mathilde die vielen Erlebnisse erst einmal verdauen. Das war
schon eine verrückte Reise in ihre Vergangenheit: Der arme Kahn, der sich
hinkend davon geschlichen hatte. Der verlassene Hof ohne Mastschweine. Die
merkwürdigen Höcker-Tiere, die verloren auf dem Gelände von Ringelpütz neuem
Zuhause grasten. Und überall hatten sich kein Zweibeiner blicken lassen. Schließlich
dieses eigenartige Gebilde aus Strohballen mit diesem blöden Spruch MATHILDE,
KOMM ZURÜCK! Der kaum noch zu entziffern war. Alles wirbelt wild durcheinander
in ihrem Kopf herum.
Trotzdem oder
vielleicht gerade wegen all dieser Merkwürdigkeiten hätte die neugierige
Mathilde zu gern noch gewusst, was aus Ringelpütz geworden ist. Zum Glück hat
sie es nicht erfahren. Womöglich hätte sie dann nicht nur Mitleid mit Kahn,
sondern am Ende auch mit Ringelpütz bekommen.
Dabei hatte alles
so gut angefangen, als Uschi aus ihrem freiwilligen Exil im Sauerland wieder
zurück zu Olli gekommen war. Uschi, die sich immer geschämt hatte, dass ihr
Mann sein Geld mit einer Schweinemästerei verdiente, bekam nun alles erfüllt,
was sie sich gewünscht hatte. Olli kaufte ihr fünf Ponys. Olli sorgte dafür,
dass auf dem Hof mehrere Katzen herum strichen. Biester die Kahn zunehmend
reizten, weil er nicht wusste, welche er zuerst jagen sollte. Weshalb er oft
wie ein angestochenes Schwein kreuz und quer über den Hof und durch die Gegend
raste.
Für die Ponys
hatte Ringelpütz einen kleinen Parcours gebastelt, über den die Pferde hopsen
mussten. Leider aber entließ er Saubermanns alten, erfahrenen Gärtner, der Olli
und Uschi eine Woche nach der Übernahme auf den Kopf zusagte, dass sie Null
Ahnung von Bioanbau hätten. Was ja auch stimmte. Er entließ auch zwei junge
Gärtnerinnen. Darauf bestand Uschi.
Dafür übernahm er
von einem Pleite gegangenen Zirkus die meisten Tiere. Neben den Kamelen und
Dromedaren und Lamas auch einen Esel, einen zahnlosen Löwe, zwei Affen und drei
alte Pferde. Die waren so alt, dass sie innerhalb eines Vierteljahres
hintereinander starben. Uschi war es recht. Denn mit dem Gnadenhof hatte sie
schneller abgeschlossen als gedacht, nachdem ihr bewusst geworden war: Das
bedeutet auch Arbeit. Stall ausmisten, die Pferde striegeln und so weiter.
Bei den Ponys war
das was anderes. Die kleinen Mädchen, die den Hof fast regelmäßig besuchten, um
zu reiten, pflegten die Ponys freiwillig. Das gefiel Uschi.
Die Kamele und die
Eselin durfte Olli behalten, weil er Uschi den Floh ins Ohr gesetzt hatte, dass
sie bald wie eins Cleopatra in Esels- und Kamelmilch baden könnte. Auch das
gefiel ihr. Aber nur bis ihr das IA-Geschreie der Eselin auf den Wecker ging.
Also wurde das Tier einer befreundeten Familie geschenkt. An eine Familie, die
ihrer Tochter damit einen Geburtstagswunsch erfüllte. Die Affen mit ihrem
ängstlichem Gekreische in ihrem viel zu engen Käfig landeten in einem Zoo.
Ach ja, Olli
Ringelpütz hat sich seine Zukunft auf einem Biohof ganz anders vorgestellt.
Zwar träumt er weiter von ertragreichen Obstplantagen, die er anlegen würde und
auch von Biogemüse. Wenn Olli als ehemaliger Schweinemäster an Fleisch denkt,
dann wird ihm schlecht. Und so kommt es jetzt oft vor, dass er bis spät in die
Nacht vor dem noch glimmenden Kamin sitzt, vertieft in Bücher über Gartenbau ohne
Gift, ohne Chemie. Zu seinen Füßen sein treuer Hund Kahn, der, je älter er
wird, immer lauter furzt.
Und Uschi?
Wie schon erzählt,
war sie eines Tages mit ihren zwei neuen Koffern zu Olli zurückgekehrt. Das
Wiedersehen wurde ausgiebig gefeiert. Olli vermied es, Uschi zu fragen, was sie
in dem Wie-heißt-dieser-Ort-doch-gleich getrieben hatte. Ehrlich gesagt, will
er es auch gar nicht wissen. Nach dem Motto: Was ich nicht weiß, macht mich
nicht heiß.
Und selbst für
Uschi scheint diese kurze Vergangenheit ohne Olli abgehakt. Und so vergehen die
Wochen. Der einstige Biohof verwandelt sich immer mehr in einen Ponyhof. Uschi
aber verwandelt sich erschreckend schnell von einer begeisterungsfähigen
Ehefrau in eine faule Sau, wie Olli es drastisch fluchend für sich zu
formulieren pflegt. Die Pferdeställe werden nicht ausgemistet, die Katzen leben
nur von Feldmäusen oder Abfällen. Und Olli hat viel mehr Arbeit als früher mit
seinen Schweinen, die automatisch gefüttert wurden. Abends ist er jetzt müde,
todmüde. Uschi dagegen hockt vor dem Fernseher. Stundenlang. Meistens geht das
schon nachmittags los. Vor allem, wenn die Serie „Der heiße Campingplatz“ vom
Vortag wiederholt wird. Und abends wird weiter geglotzt. Nun die neuesten Folge
von „Der heiße Campingplatz“.
Olli findet die
Serie saublöd, auch wenn Saubermann darin eine der Hauptrollen spielt. Als
Campingwart erlebt Saubermann darin die wildesten Abenteuer. Mal stellt er
einen Dieb. Mal klärt er einen Mord auf. Und manchmal ist er in ein gefährliches
Techtelmechtel verstrickt.
Wenn Uschi so was
gefällt, soll sie den Mist eben sehen, Das hat Olli anfangs gedacht. Doch
seitdem sie ihm in den Ohren liegt mit Sätzen wie „Das muss ich dem Siggi
Saubermann doch mal schreiben, dass es sich so nicht benehmen kann“ hat Olli
gemerkt, dass da etwas schief läuft. Uschi kann die Wirklichkeit und das
Geschehen im Fernsehen nicht mehr auseinander halten. Es kommt vor, dass sie
mit Saubermann, der in der Serie „Der Erich“ heißt, vom Fernsehsessel aus
spricht. Aber „Der Erich“ natürlich nicht mit ihr.
Ringelpütz findet
Uschis Realitätsverlust bedenklich, ja, geradezu unheimlich. Er überlegt, ob er Saubermann einfach mal
einladen soll, zu Uschi und sich. Vielleicht kapiert Uschi dann, dass
Saubermann nur in der Serie „Der Erich“ ist.
Aber schließlich
verwirft Olli den Gedanken. Denn Saubermann soll nicht sehen, wie sein
ehemaliger Biohof unter Ringelpütz langsam vor die Hunde geht. Dass kein
Biogemüse mehr angebaut wird. Der schöne Kräutergarten fast verdorrt ist. Mit
dem Kräutergarten hatte Ringelpütz besonders große Pläne: Lavendel, Estragon,
Salbei und viele andere Küchenkräuter wollte er im großen Stil anpflanzen, und
frisch an die Supermärkte liefern. Nichts ist daraus geworden. Und Uschis
Hühner? Ein Kapitel für sich ist das. Ringelpütz muss sie füttern und die Eier
einsammeln.
Hinzu kommt: Der
Hof wirft keinen Gewinn ab. Noch schlimmer: Er frisst auch Olli Reserven auf.
Sachte schmilzt das Geld, das Olli durch den Verkauf seines Schweinemastbetrieb
auf die hohe Kante gelegt hat. Oft ist seine Verzweiflung so groß, dass er am
liebsten in den Wald laufen und Mathilde fragen möchte: „Was würdest du an
meiner Stelle tun?“
.
DER SELTSAME GAST
Nun ist die Lage
der Tiere im geschrumpften Wald noch bedrohlicher geworden. Gleich hinter der
Neubausiedlung haben die Zweibeiner einen hohen Drahtzaun errichtet, der
hunderte von Metern lang und für die Wildschweine unüberwindlich ist. Für sie
bedeutet das: Ein langer Gang auf der einen Seite des Zaunes und wiederum ein
langer Gang auf der anderen Seite, um wegen Nahrungssuche in die Siedlungen der
Zweibeiner eindringen zu können.
Mathilde
durchschaut zuerst die Gefahr. die auf sie alle zukommen wird, wenn die
Menschen diesen Drahtzaun noch länger bauen, vielleicht um den ganzen Wald herum,
dann sitzen alle Tiere in der Falle. Dann gibt es kein Entfliehen mehr. Dann
ade, Freiheit!
Aber noch wird an
dem Zaun nicht weitergebaut. Und wie das so ist - übrigens bei Mensch und Tier
gleichermaßen - man gewöhnt sich an den gegebenen Zustand. In diesem Fall an
den vorhandenen Zaun. Und die Gefahr, dass er weiter gebaut werden könnte, ist
erst einmal vergessen.
Außerdem haben die
Wildschweine noch ganz andere Sorgen. Die Rotte, die früher fest zusammen
gehalten hatte, zerfällt immer mehr in zwei Lager. Der eine Teil vertraut
Mathilde. Der andere folgt den Lockrufen Herkis, der immer kühner in die menschlichen Siedlungen vordringt, um
bequemer an Nahrung zu gelangen.
Mathilde sieht
diese Entwicklung mit Sorge, weiß aber nicht, wie sie Herki und seine Anhänger
stoppen soll. Wieder verkriecht sie sich in ihre Selbstzweifel: Kann sie als
geborenes Hausschwein, das von den Zweibeinern zu einem Mastschwein verurteilt
worden ist, diese Truppe von Wildschweinen, die als Gemeinschaft immer mehr
auseinander driftet, überhaupt führen? Und wohin führen? Jedes Mal, wenn sie an
dem Zaun entlang streift, fürchtet sie, was passieren könnte. Aber nein, das
will sie sich gar nicht erst vorstellen! Die ganze Rotte eingesperrt in einem
Gehege. Und sie, Mathilde, zwischen den Wildschweinen als Exotin. Die Leute
stehen am Zaun, lachen und lästern: Guckt mal, da ist ein Hausschwein, das glaubt,
es sei ein Wildschwein! Nein, so weit soll es nicht kommen. Es muss doch,
verdammt noch mal, einen Ausweg geben.
Wieder einmal hat
der Herbst die Laubbäume farbenfroh geschmückt. Aber schon bald wird es mit der
vergänglichen Pracht vorbei sein. Kahl und schutzlos müssen die Tiere dann den
kalten Tagen und Nächten trotzen.
An einem späten,
bereits dunklen Nachmittag, beschließt Herki mit seiner kleinen Truppe von
Wildschweinen den Garten aufsuchten, in dem die wohlschmeckenden reifen
Esskastanien zuhauf im schon vergilbten Grase liegen. Mathilde hat eine Weile überlegt, ob sie sich mit den
restlichen Wildschweinen dieser schon traditionellen Expedition anzuschließen
soll. Aber etwas wie eine Ahnung oder innere Warnung hat sie davon abgehalten
Obwohl ihre Neugier beinahe gesiegt hätte: Würde die Terrassentür wieder offen
stehen für einen Erkundungsgang durch das Haus? Würde es dort noch das bequeme
Sofa und den große Fernseher geben?
Aber gleichzeitig
hat sie sich vorgestellt, wie lange die Wildschweine jetzt laufen müssen, um in
die alte Siedlung der Zweibeiner, in der sich der Garten mit den köstlichen
Esskastanien befindet, gelangen zu können. Der Zaun hat ja den direkten Weg
dorthin für immer versperrt. Deshalb ist das Unternehmen zu gefährlich, glaubt
Mathilde. Ihre Bedenken behält sie aber für sich. Wer will, könne ja mit Herki
losziehen. Sie aber sei zu müde für das Abenteuer. Und so zieht Herki
schließlich mit seinem Trupp, hauptsächlich junger Keiler, allein los.
Mathilde fühlt
sich tatsächlich müde, außergewöhnlich müde. Zwischen ein paar Jungtannen
findet sie eine Kuhle. Sie legt sich hinein und merkt widerum, dass sie zwar
müde ist, aber nicht einschlafen kann. Sie denkt, dass sie träumt und träumt,
dass sie denkt. Und dabei spürt sie den unwiderstehlichen Drang zu laufen.
Mathilde läuft und läuft - durch Zeit und Raum - bis sie dort angekommen ist,
wo sie hin will...
Es ist früher
Nachmittag. Eine junge Frau betritt das Restaurant.
„Wir öffnen erst
in einer Stunde“, ruft eine Männerstimme aus der Küche. Aber die etwa
Zwanzigjährige bleibt, als habe sie nichts gehört, und sieht sich neugierig die
Inneneinrichtung an. Bestaunt die längst ausgedienten Weinfässer, die nun als
Dekoration die Wände schmücken. Aneinandergereiht liegen sie oberhalb der
Tische auf Holzregalen. Alles hat wohl den Wunsch, ein italienischer Landgasthof
sein zu wollen. An den Wänden viele gerahmte Fotos. Italienische Landschaften.
Auf einem der Bilder posiert ein junger Mann mit freiem Oberkörper lächelnd vor
einem alten Bauernhaus. Das Mädchen erkennt ihn wieder.
Auf jedem der
zwölf Tische steht eine Flasche Rotwein. Der Hauswein. Eine Theke ist gefüllt
mit Vorspeisen, die hinter einer Glaswand, verlockend dekoriert, auf die
abendlichen Gäste warten. Die junge Frau beschließt, sich hier wohl zu fühlen.
Sie setzt sich an den nächstbesten Tisch und wartet. Aber nicht lange, und
schon schießt der Besitzer aus der Küche.
„Ich sage doch,
wir öffnen erst...“
Weiter kommt
Curzio nicht. Die junge Frau, die auch noch ein Mädchen sein könnte, steht auf,
geht auf ihn zu und liest in seinem erstaunten Blick, dass er sie erkannt hat.
Ja, sie ist es.
Nur ein bisschen verrückter sieht sie heute aus. Sie trägt eine Strumpfhose mit
unterschiedlichen Mustern an jedem Bein. Links geringelt, rechts mit Mohnblumen
bedruckt. Und ihr farbenfroher Pullover in lila und türkis ist mindestens zwei
Nummern zu groß, so dass ihre zarte Figur beinahe darin verschwindet.
Curzio hat ein
gutes Gedächtnis: „Schau, schau, meine kleine Tramperin, die plötzlich wie vom
Erdboden verschluckt war.“
Das Mädchen geht
auf seinen Vorwurf nicht näher ein und gibt ihm die Hand: „Aber jetzt bin ich
ja hier.“
„Dein Name? Lass
mich raten...Ma... Ma... Mareike?“
„Gu!...wenn du
willst.“
Beide schweigen.
Keiner weiß so richtig, wie das Gespräch weitergehen soll.
„Gemütlich ist es
hier bei dir.“
„Findest du?
Manche Gäste sagen auch: Heute gehen wir in Curzios Kitschbude mit dem guten
Essen.“
„ Fährst du keine
Schweine mehr in die Schlachthöfe?“
„Schon lange nicht
mehr. Seit damals, als wir den Unfall hatten.“
„Wir?“
„Na, du warst doch
mit im Wagen.“
„Richtig.“
„Wie hast du mich
gefunden?“
Eine Frage, die
sie nicht beantworten kann und will. Also, eine Gegenfrage : „Bist du das auf
dem Bild?“
„Ja, damals war
ich siebzehn. Es hängt hier, weil ich manchmal Heimweh habe.
„Nach Apulien, ich
weiß.“
„Das hast du
behalten?“
„Warum nicht. Und
was bedeutet „Bastian contrario“ der Name für dein Restaurant?“
„Das ist eine zu
lange Geschichte.“
„Ich habe Zeit.“
„Aber ich nicht.
Komm mit in die Küche. Heute Abend gibt's frische Artischocken. Und die muss
ich noch...“
In der Küche steht
eine ältere Frau am Herd, die wie eine Dame aussieht. Die Tramperin schätzt sie
auf Mitte siebzig. Ihre Fingernägel sind lang und dunkelrot lackiert. Die
sicher schon ergrauten Haare sind weißblond gefärbt und kunstvoll hochgesteckt.
Ihr Make up ist dezent aber perfekt. An einem Handgelenk klirren goldene
Armbänder. Curzio stellt sie als seine „Mammma“ vor, die Mareike gleich zum
Salat waschen verdonnert: „Eine schöne Beschäftigung, um sich zu unterhalten.“
Der Tramperin ist
es recht, denn sie will von den beiden so viel wie möglich über Apulien
erfahren. Während Mama und Sohn kochen und braten und Mareike den Salat putzt
und zerrupft, erzählen die Beiden von ihrer Sehnsucht nach Apulien. Jeder hat
seine eigenen Geschichten. Und so fallen sie sich immer wieder gegenseitig ins
Wort. Sie erzählen manchmal leise traurig, dann wieder voll lauter
Begeisterung. Aber so, dass Sohn und Mutter Heimweh und Mareike noch mehr
Sehnsucht nach Apulien bekommen.
Spät am Abend -
die letzten Gäste haben vor fünf Minuten das Lokal - verlassen, schauen sich
Mareike und Curzio Fotos an, mit denen die Wände in der Garderobe geradezu
tapeziert sind. Es sind ganz persönliche Fotos.
„Das ist unser
Haus in Apulien, Mareike.“
„Gehört es euch
immer noch?“
„Natürlich. Das
sind unsere Olivenbäume. Und das ist Papa. Aber er lebt nicht mehr. Du hast
vorhin gefragt, warum mein Restaurant „Bastian contrario“ heißt. Das hat was
mit Papa zu tun. Er nannte sich so. Ich bin ein Bastian contrario, sagte er
immer wieder. Das bedeutet, er war was Besonderes. Er hatte seine eigene
Meinung von den täglichen Dingen. Papa heulte nie mit den Wölfen. Er war, wenn
es für ihn sein musste... eben konträr. Manche im Ort nannten ihn auch einen
Nörgler, einen Besserwisser. Aber das hat ihn nicht gestört.“
„Und mit dem Namen
für dein Lokal hast du ihm ein Denkmal gesetzt.“
Mareike sieht
Curzio direkt in die Augen. Das verwirrt ihn. Was soll er von diesem Mädchen
halten, das nach seinem Unfall auf der Autobahn so eigenartig verschwunden war,
obwohl er sie für eine Aussage bei der Polizei dringend gebraucht hätte. Jetzt
steht sie in seinem Restaurant und benimmt sich, als wäre alles in Butter. Soll
er misstrauisch sein oder sich freuen?
Er entschließt
sich für eine dritte Variante. Er spielt den Geheimnisvollen: „Ich bin auch so
ein Bastian contrario, Mareike. Das habe ich von Papa geerbt“
Die junge Frau
lächelt. Geheimnisvoll! Und Curzio fällt auf, dass ihm ihre Augen, die von
langen hellen Wimpern fast verdeckt sind, gefallen.
Mareike reißt ihn
aus seiner Betrachtung. Sie interessiert sich weiter für die Foto.
„Und die Burg
hier, gehört die euch auch?“
„Nein, die gehört
unserem Kaiser.“
„Ihr habt einen
Kaiser?“
„Wir hatten einen
Kaiser. Er ist schon neunhundert Jahre tot.“
„Ach so!“
„Friedrich der
Zweite war das. Ein Staufer.“
„Interessant...Gibt
es in Apulien auch Gegenden in denen keine Menschen leben?“
„Ja! Warum fragst
du?“
Mareike lacht und
antwortet nicht.
Tage später
erinnert sich Curzio an ihren überstürzten Abschied. Es geschah alles ganz
schnell. So, als müsse sie unbedingt noch die letzte Straßenbahn oder den Bus
erreichen. Hatte sie noch „bis bald“... gesagt?
Mathilde wird
brutal geweckt, als mehrere Wildschweine über sie hinweg trampeln. Sie rempeln
sich gegenseitig an, quietschen und grunzen. Ganz eindeutig: Hier ist Panik
ausgebrochen. Mathilde will aufstehen und sehen, was los ist. Dabei wird sie
von zwei jungen Keilern überrannt, die wohl auf der Flucht sind. Aber weshalb?
Mathilde rappelt
sich wieder hoch, sucht Boris, der gewöhnlich nicht weit von ihr seine
Schlafkuhle hat. Boris? Wo ist Boris? Boris ist nicht da. Mathilde kann nicht
wissen, dass er hundert Meter weiter die jungen Keiler, die am ganzen Leib
zittern, zu beruhigen versucht. Was ist passiert? Nur mit Mühe können sich
Mathilde und Boris ein paar Stunden später aus den ängstlichen Schilderungen
der Herki-Truppe zusammenreimen, was sich auf dem Ausflug abgespielt hat.
Herki und die
jungen Keiler, die ihn unbedingt bei seiner Esskastanien-Expedition begleiten
wollten, waren in einen Hinterhalt der Zweibeiner geraten. Offenbar wurden sie
in dem Garten mit dem Kastanienbaum regelrecht erwartet. Und Schuld daran waren
Herki und seine Getreuen selbst, die nach dem Eindringen in die Siedlung eine
Schneise der Verwüstung hinterließen. Zuerst hatten sie alle erreichbaren
Mülltonnen vor und hinter den Häusern umgeworfen. Aber das hatte ihnen noch
nicht gereicht. Bald schepperten auch die Scherben von umgekippten und
zerbrochenen Blumenschalen über die Terrassen. Kleine Gewächshäuser, in denen einige
Hausbesitzer liebevoll exotische Pflanzen wie Zitronenbäumchen züchteten, waren
einfach platt gemacht worden. Eine Rausch an Zerstörungslust muss das gewesen
sein, in den die Herki-Truppe sich gesteigert hatte.
Ein alter Mann,
der seinen Blumen zur Hilfe kommen wollte und die Tür zum Garten todesmutig
geöffnet hatte, sah sich in der Dunkelheit plötzlich von Wesen umringt, deren
Augen wie kleine Lichter leuchteten. Der Alte glaubte nicht an Geister. Er,
früher selbst Jäger, wusste sofort, wer die Übeltäter waren. Er wusste auch,
was zu tun war. Die Uhr zeigte zwar schon gegen zehn Uhr abends, aber sein
alter Jagdfreund Saubermann würde sicher noch ans Telefon gehen. Und
tatsächlich, Saubermann meldete sich. Nicht nur das: Gelangweilt von einer Drehpause,
organisierte er noch vor Mitternacht eine nicht genehmigte Gegenoffensive mit
einigen Jagdfreunden.
Es war nicht
schwer, Herki und die wild gewordenen Wildschweine in dem Garten mit dem Kastanienbaum
zu stellen. Man schoss, nicht immer gezielt, aber einige Schweine bekamen schon
was aufs Fell. Herki erwischte es ganz böse. Eine Ladung landete in sein
rechtes Hinterlauf und zertrümmerte den Knochen. Vor Schmerzen winselnd
versteckte er sich vor den Überfall der Zweibeiner hinter eine Hecke. Plötzlich
aber Ruhe! Keine Schüsse mehr. Die Wildschweine waren in alle Himmelsrichtungen
geflohen. Nur Herki blieb zurück. In seinem Versteck. Die Jäger zogen so leise
ab, als hätte die Nacht sie verschluckt. Aber Herki wagte sich trotzdem nicht
aus seiner Zuflucht
Im Lokalteil der
örtlichen Zeitung stand zwei Tage später über Herkis Ausflug: „ Im Villenvorort
Kleingroßsucht haben Wildschweine eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Es stellt sich die Frage: Wie
lange sollen wir diese Tiere noch im Wald dulden? In unserem Wald, der sich zu
einem beliebten Naherholungsgebiet entwickelt hat?“
DIE ENTSCHEIDUNG
Das Bedauern der
Rotte über das Verschwinden Herkis und seinem von allen vermuteten Abgang in den „Wildschwein-Himmel“
hält sich in Grenzen. Zu oft schon hat er mit seiner Tollkühnheit sein
Schicksal und das der anderen Wildschweine herausgefordert. Doch, als er Tage
später, zwar humpelnd aber wie ein Sieger, im Wald wieder auftaucht, glauben
alle an ein Wunder.
Obwohl Herki noch
erbärmlich hinkt, werden die Gerüchte und erfundenen Geschichten über seine
Rettung von Tag zu Tag immer verrückter: In Herki lebt der Geist eines
Zauberers. Herki gehört zu den Unsterblichen. Alles Unsinn. Mathilde weiß es
besser. Denn ihr hatte Herki alles gebeichtet. Wie ein reuiger Sünder hat er
sich Mathilde anvertraut. Und eingesehen, dass er richtig Mist gebaut hat. Denn
sein wilder Zug durch die Vorgärten der Zweibeiner wird Folgen haben. Das hat
er in seinem Versteck mit eigenen Ohren gehört. So viel zumindest kann Mathilde
aus seinem immer noch ängstlichen Grunzen verstehen: Schon in den nächsten
Tagen werden die Menschen den Zaun weiter bauen. Und dann ist es nur noch eine
Frage der Zeit, wann die Tiere im Wald endgültig in der Falle sitzen.
Jetzt hängt alles
von Mathilde ab. Aber hat sie einen Plan?
An einem sehr
frühen Morgen, die Amseln haben gerade zu ihrem zweiten Konzert angesetzt,
rumpelt ein Lastwagen mitten durch das Revier der Wildschweine. Auf seiner Ladefläche jede Menge Holzpfosten und
Rollen von Maschendraht. Auf einer Lichtung hält das Auto. Hydraulisch wird die
Ladung herunter gekippt. Es dauert keine halbe Stunde, und der Laster ist
wieder fort. Aber seine hinterlassene Ladung lässt vermuten, dass er bald
zurück kommen wird, um noch mehr Material zu liefern. Der Bau des Zaunes rückt
in greifbare Nähe.
Am späten Abend,
so wird die Kunde durch den Wald getragen, will Mathilde alle Wildschweine auf
der Lichtung sehen. Kommen ist Pflicht. Es geht um Sein oder Nichtsein. Es
kommen nicht alle aber viele: Die Bachen mit ihren Frischlingen, die Keiler,
die noch vor Tagen die Zweibeiner in ihrer Siedlung in Angst und Schrecken
versetzt hatten. Ja, selbst Herki kommt mit seinem kaputten Hinterlauf angehumpelt.
Neugierig, was da wohl los sein soll, haben sich auch wieder Rehe und Hirsche
eingefunden. Und ein schlauer Fuchs hat sich ganz vorn einen sicheren Platz
hinter einem Farn ausgesucht.
Eine angespannte
Stimmung liegt über dem nun fast mitternächtlichen Wald. Kein Eule schreit.
Kein Windhauch bewegt die Bäume. Stumm warten die Tiere, was Mathilde ihnen zu
sagen hat. Und insgeheim ahnen alle, dass es keine frohe Botschaft sein wird.
Und so komm es
dann auch. Mathilde, die sich vor ihrer großen Rede noch einmal richtig im
Schlamm gewälzt hat, damit sie mit ihrer noch immer rosigen Haut nicht wie ein
harmloses Hausschwein aussieht, fängt an von Knurri zu erzählen. Sie berichtet
von seinen Ahnungen, die er ihr, nur ihr, anvertraut hat. Von seiner
Prophezeiung, dass der Wald eines Tages ganz und gar verschwinden werde Und sie
schwärmt von einem Land, in dem alle Schweine glücklich sein könnten. In dem
sie nicht von Menschen verfolgt und zu Schinken und Würsten verarbeitet würden.
Mathilde steigert sich derart in die Schilderung ihres Schweine-Paradieses,
dass sie gar nicht merkt, dass hier wohl Wunsch und Wirklichkeit ganz schön
durcheinander purzeln. Aber die Wildschweine glauben ihr. Und das macht die
Sache kompliziert.
Bis sie von einer
alte Bache aus ihren Schwärmereien gerissen wird: „Wo liegt dieses Land und wie
kommen wir da hin?“
„Ja, wo liegt
dieses Land?“ fragen jetzt auch andere Schweine. „Und wenn es dieses Land gibt,
warum brechen wir nicht sofort auf?“
Mathilde spürt,
dass sie den Mund wohl ein bisschen zu voll genommen hat. Ihr ist klar, dass
sie zwar eine Vorstellung von dem Land ihrer Sehnsucht hat, es aber den hier
Versammelten nicht schildern kann.
„Und wie kommt man
dahin?“ wollen die Schweine wissen.
Mathilde muss
passen. Sie hat keine Ahnung.
Aber dann, wie ein
Blitz, kommt ihr eine, vielleicht die Idee. Hat Knurri ihr nicht diese
verlassene Dorf gezeigt? Kennt sie den Weg dorthin nicht wie im Traum?
Und nun erzählt
sie, dass sie den alten Keiler, den alle schon für tot gehalten haben, mehrmals
wiedergetroffen hat. Auch von ihrer letzten Begegnung mit Knurri erzählt sie
Und von dem Ort, aus dem sich die Menschen zurück gezogen haben, weil sie
lieber in Städten leben wollen, weil sie glauben, dass das Leben für sie dort
leichter ist. Und Mathilde schlägt vor, alle hier bedrohten Schweine in das
verlassene Dorf zu führen.
„Und das ist dein
Schweine- Paradies?“
„Vielleicht noch
nicht. Aber wir sind dort erst einmal sicher.“
Die Tiere glauben
ihr nicht. Das spürt Mathilde. Sie wollen die Gefahr, die auf sie lauert, nicht
wahr haben.
„Die Zeit drängt.
Seht ihr da drüben die Holzpfähle und die Drahtrollen. Die Zweibeiner wollen
uns einschließen.“
Sofort entwickelt
sich ein wildes Grunzen. Jedes Schwein hat seine eigene Meinung:
„Das ist doch
Quatsch! Wir waren schon immer im Wald und hier bleiben wir!
„Die Zweibeiner
kommen mit ihren Häusern immer näher.“ fleht Mathilde. „Seht ihr denn nicht,
dass unser Wald immer kleiner wird.“
Lange dauert die
Zusammenkunft auf der Waldwiese, sehr lange. Erst als ein heller Streifen im
Osten den neuen Tag ankündigt, verlassen die letzten Tiere den Platz.
Mathilde hat
schließlich ein Ultimatum gestellt: Wer den Wald mit ihr verlassen will, der soll
morgen Abend wieder an die gleiche Stelle kommen. Von hier aus wird die große
Wanderung beginnen.
Schon wenige
Stunden, nachdem sich die Tiere in das Dickicht zurück gezogen haben, wissen
die meisten, dass die Zeit der Entscheidung unwiederbringlich gekommen ist.
Inzwischen ist nämlich ein Bautrupp mit schwerem Gerät angerückt. Lärmend
bohren Maschinen tiefe Löcher in den Waldboden, versenken Pfähle darin so tief,
dass kein Wildschwein sie jemals wieder einreißen kann. Erst abends, als sich
die Sonne bereits dem westlichen Horizont näherte, verschwinden die Zweibeiner,
um ganz sicher am nächsten Tag ihre Arbeit fortzusetzen.
Was nach diesem
Tag in den späten Abendstunden passiert ist, hat ein Ehepaar, dass joggend im
fast schon dunklen Wald seine Runde drehte, geschildert. Der Heimatzeitung
„Neue Nachrichten“ ist das eine ganze Seite wert gewesen. Auch, weil die Jogger
Fotos liefern konnten, die sie mit ihrem Handy aufgenommen hatten.
„Wir waren ganz in
der Nähe der Waldwiese, dort, wo der Heimat- Theaterclub vor zwei Jahren den
„Wilhelm Tell“ aufgeführt hat. Als es um uns raschelte und grunzte, wollten wir
nichts wie weg. Man weiß ja: Wildschweine können ganz schön unangenehm werden.
Das Verrückte war nur, nach welcher Seite wir auch liefen, von überall her
kamen uns Wildschweine entgegen. Sie griffen uns aber nicht an, beachteten uns
gar nicht. Sie liefen einfach an uns vorbei. Es war faszinierend und
unheimlich. Alle rannten in eine Richtung, nämlich dorthin, wo die Waldwiese
liegt.
Schließlich siegte
bei uns die Neugier über die Angst. Vorsichtig gingen wir den Wildschweinen
nach. Was sich uns dann auf der Wiese für ein Bild bot, das war
unglaublich.Vielleicht hundert oder mehr Wildschweine hatten sich dort
eingefunden. Die Frischlinge liefen quiekend zwischen den Beinen ihrer Mütter
herum. Und die Keiler umkreisten den Pulk, als müssten sie ihn zusammenhalten
oder vor Feinden schützen.
Geradezu
gespenstisch wurde es aber, als nun auch noch ein Hausschwein auf der Wiese erschien. Ja, ein ganz gewöhnliches
Hausschwein. Allerdings mit einer eigenartigen Markierung. Auf seiner einen
Hinterbacke hatte es einen schwarzen Fleck, der von unserer Entfernung wie ein
Herz aussah.
Dieses Hausschwein drängte sich durch die Ansammlung der Wildschweine. Und
alle machten ihm Platz. So, als wäre es eine außergewöhnliche Erscheinung. Weil
der Vollmond so hoch stand, dass er den Wald in sein mattes Licht tauchte,
wagten wir uns noch näher heran und machten mit dem Handy ein paar Bilder.
Gerade noch zur rechten Zeit. Denn plötzlich kam Bewegung in die Masse. Alle
Wildschweine strebten nach einer Richtung. Wir würden sagen, nach Süden. Der
Spuk dauerte keine Viertelstunde und die Wiese war wieder leer. So, als wäre
nichts passiert.“
Die Reaktionen auf
diesen Zeitungsartikel konnten nicht unterschiedlicher sein. Einige Leser
bezeichneten ihn als „Märchenstunde-Quatsch“. Die Bilder seien eine plumpe
Fälschung. Ein Psychologe deutete die Schilderungen als „Wahnvorstellung eines
gestressten Paares“ und riet zu mehreren Therapiestunden.
Nur Ringelpütz
glaubte, als er die Schilderung der Jogger in der Zeitung las, sofort jedes
Wort. Gleichzeitig wurde ihm aber klar, dass er Mathilde nun niemals mehr
wiedersehen würde. Ein schmerzliches Gefühl das zu seinem augenblicklichen
Seelenzustand passte. Denn schon wieder war er aus der Kurve getragen worden,
weil auch sein zweiter Anlauf zu einer Gemeinsamkeit mit Uschi nicht klappten
wollte. Er leerte an diesem Abend, als er den Artikel aufmerksam gelesen hatte,
eine Flasche Rotwein. Danach war er in einem Zustand zwischen Selbstmitleid und
Stolz, ja, Stolz auf Mathilde, die für ihn schon immer eine außergewöhnliche
Sau gewesen ist.
Aber davon bekommt
Mathilde natürlich nichts mehr mit. Denn Olli Ringelpütz und sein einstiger Schweinemastbetrieb, sowie
Kahn, sein Hund, Saubermanns Biohof, der Wald, in dem Mathilde ihre erste
Zuflucht gefunden hat, die offene Terrassentür, das große Sofa – das alles
liegt jetzt schon weit hinter ihr. Obwohl erst zwei Tage nach dem Aufbruch der
Wildschweine vergangen sind. Mathilde hat den Kopf voll mit anderen Dingen: Die
Tiere kommen nur langsam voran, weil sie sich in der dauernd wechselnden
Landschaft nicht zurecht finden. Weil es immer hügeliger wird, verliert sich
der langgezogenen Treck aus den Augen. Mehrere Frischlinge, die sich von ihren
Müttern entfernt hatten, sind aus lauter Angst den Weg zurück gelaufen. Es
dauerte einen ganzen Tag, bin man sie wieder eingesammelt hat. Zäh zieht sich
der Umzug in die Länge. Auch, weil nur Mathilde den Weg kennt. Zu dem
verlassenen Dorf. Läuft Mathilde mal
nicht an der Spitze, weil sie woanders dringend gebraucht wird, dann stockt der
Pulk. Manche Wildschweine bleiben einfach stehen. Sie sind müde und hungrig.
Mathilde wiederum hat Angst, dass die Zweibeiner sie verfolgen könnten. Deshalb
schlägt sie vor, alle Wildschweine sollen durch einen See schwimmen, um so ihre
Spuren zu verwischen. Da gibt es erst einmal ein großes Palaver. Schließlich
wagen sich doch alle ins Wasser und staunen, dass das Wasser sie trägt. Spät abends
ist Mathilde zum Umfallen müde, fast am Ende ihrer Kräfte. Denn auch sie war
überrascht, dass sie schwimmen kann.
Mühsam baut sie
sich eine Kuhle für die Nacht. Am nächsten Tag, das weiß sie, wird es noch
schwieriger, wenn der Weg mitten durch eine Moorlandschaft führt und man
vorsichtig gehen, nach rechts und links schauen muss, um nicht im Sumpf zu
versinken.
Aber jetzt erst
einmal die verdiente Nachtruhe. Oder?
„Was ist los,
Herki? Ich bin müde.“
„Ich muss mit dir
reden, Mathilde“
„Jetzt? Hat das
nicht Zeit bis Morgen?“
„Nein, morgen ist
es zu spät.“
„Was ist los,
Herki? Du siehst aus, als ob du vor die Flinte laufen willst.“
„ Ich will hier
hier bleiben. Mit meinem kaputten Bein bin ich nur eine Last für euch. Mir ist
klar, dass ich nie wieder richtig laufen kann. Schon gar nicht, wenn Gefahr
angesagt ist .“
„ Was heißt
'angesagt'? Du meinst, wenn Gefahr besteht?“
„Nenne es, wie du
willst.“
„Aber da, wo wir
hin wollen, besteht keine Gefahr. Die Zweibeiner haben diese Gegend schon vor
langer Zeit verlassen.“
„Ich bin kein
richtiges Wildschwein mehr, Mathilde. Wie soll ich mich ernähren?“
„Wenn ich dich
richtig verstehe, willst du hier bleiben und auf ein Wunder warten.“
„Nicht auf ein
Wunder.“
„Auf den Tod?“
„So ungefähr.“
„Du bist
lebensmüde, Herki?“
„So ungefähr.“
„Und willst
aufgeben?“
„So ungefähr.“
„Unsinn, Herki! Du
bist noch nicht reif für den Tod! Der alte Knurri, der war es. Der hatte sein
Leben klug und ausgiebig gelebt. Ausgiebig? Na gut, da kommt auch bei dir schon
einiges zusammen. Klug? Da fehlt noch viel. Also, ich schlage vor, du bleibst
am Leben. Wir brauchen in Zukunft kluge Wildschweine.“
Aber Herki macht
immer noch einen niedergeschlagenen Eindruck. SeinSelbstbewusstsein, das vor
seiner Verwundung nicht groß genug sein konnte, ist auf Null gesunken. Mathilde
überlegt, wie sie ihm seinen Mut, nicht Übermut, zurückgeben kann. Vielleicht
ist das die Lösung...
„Hör zu, Herki, in
spätestens zwei Sonnenaufgängen sind wir in unserer neuen Heimat. Ob wir dort
länger bleiben, das werden wir nach dem kommenden Winter entscheiden. Wenn wir wissen, ob es dort für uns in der
neuen Umgebung genügend Nahrung gibt. Du hast doch die richtige Spürnase dafür?
Oder? Aber nach vollen Mülltonnen der Zweibeiner, das kann ich dir gleich
sagen, brauchst du da gar nicht erst zu suchen.“
Mathildes kleiner
Seitenhieb wird akzeptiert. Herki grunzt plötzlich vor Vergnügen.
Aber nun erweist
sie sich als die kluge Mathilde: „Herki, hiermit ernenne ich dich zu meinem
ständigen Begleiter und Berater in Futterbeschaffung.“
Herki grunzt
wohlig. Das hat er nicht erwartet.
„Jetzt aber lege
dich hier hin und schlaf! Morgen gibt es wieder einen langen Marsch. Und wenn du
mit dem Laufen Schwierigkeiten haben solltest, dann warten wir eben auf dich.
Gute Nacht!“
Mathilde wälzt
sich in ihrer Kuhle auf die andere Seite und ist augenblicklich eingeschlafen.
Herki liegt noch
eine Weile wach und denkt über seine neuen Aufgaben nach. Was wird Boris dazu
sagen, der ja bisher nie von Mathildes Seite gewichen ist?
Ein kalter Wind
aus Nordost, der die letzten Blätter von den Bäumen fegt, und den kommenden
Winter ankündigt, weckt die Wildschweine am nächsten Morgen. Noch immer nicht haben
sie das verlassene Dorf erreicht. Einige Tiere wollen schon gar nicht mehr
daran glauben, was Mathilde ihnen von ihrer neuen Bleibe erzählt hat. Und
selbst ihr kommen Zweifel, ob die heimlichen Treffs mit dem alten Knurri
wirklich dort stattgefunden haben oder nur Wunschträume gewesen sind.
Aber dann, oh
Wunder, eine Turmspitze, an die sich Mathilde noch gut erinnern kann, die sich,
je näher sie kommt, in ein großes Gebäude, in eine Kirche, verwandelt. Vor dem
verlassenen Dorf gibt es sogar noch ein Ortsschild, das bei jedem Windhauch hin
und her schaukelt, weil es sich längst aus seinen Befestigungen gerissen hat.
Die Wildschweine bleiben erst einmal ängstlich davor stehen. Einige fragen, was
auf diesem gelben Schild mit der schwarzen Umrandung denn stehe.
Mathilde liest
laut und langsam: „Schweinsbach“
Der Name klingt
wie ein Signal. Schon sind die Schweine in „ihrem Dorf“. Der Weiher mitten in
der ehemaligen menschlichen Siedlung wird sofort erkundet. Nach dem langen
beschwerlichen Marsch ist er ein Geschenk. Ausgiebig wälzen sich die Tiere
darin. Das Wasser spritzt, der Schlamm schwappt, die Schweine grunzen vor
Begeisterung. Nur ein Ringeltauben-Pärchen fühlt sich gestört und flüchtet von
der hohen Linde in die Bäume am Dorfrand. Und eine Eule, die wegen des Lärms
ihre Tagesruhe unterbrechen muss, guckt verwundert auf das wilde Treiben.
UND SO ENDET DIE
GESCHICHTE - VORLÄUFIG
Beginnen wir mit
der Familie, die auf dem Weg nach Tirol gewesen war und vor Ollis
Schweinemastbetrieb „Sau-Gut“ einen kurzen Stopp eingelegt hatte. Die aber
sofort wieder in ihr Auto geflüchtet war, als sie der fürchterliche Gestank aus
dem Mastbetrieb umhüllte. Nein, hier konnte man nicht rasten! Erinnert ihr
euch? Und dann war die Mutter unterwegs auch noch in Panik geraten: Hatte sie
die Terrassentür daheim nun geschlossen oder aus Versehen doch offen stehen
lassen?
Wir wissen, sie
war offen. Denn durch sie kam ja Mathilde ins Haus und konnte so zum ersten mal
sehen, wie die Zweibeiner leben. Besonders das Sofa hatte Mathilde angezogen.
Über die Anzeige in den herumflatternden Zeitungen mit dem gegrillten
Schweinebaby war sie erschrocken. Den riesigen Fernseher wiederum mit dem
grunzenden Zweibeiner in der Show fand sie amüsant. Das war zwar im Jahr
danach, aber wieder hatte die Hausherrin versäumt, die Terrassentür zu
schließen.
Übrigens, heute
wohnt unsere Familie nicht mehr in der kleinen Villa mit dem großen
Esskastanienbaum im Garten. Sie hat sich eine Wohnung in dem nun schon fertigen
Neubauviertel gekauft. Für das der halbe Wald abgeholzt und der Rest für die
Zweibeiner und für ihre Hunde reserviert worden ist.
Der Grund für den
Umzug der Familie: Moritz kann jetzt zu Fuß zur Schule gehen. Und muss nicht mehr wie früher im
Villenviertel „ Kleingroßsucht“ ewig warten, bis der Bus endlich kommt. Jetzt
schafft es Moritz, zwar meistens erst in letzter Minute, pünktlich zum
Unterrichtsbeginn im Gymnasium zu sein. Auf dem Schulweg kommt er an dem
früheren Ausflugslokal „Zum wilden Eber“ vorbei, in dem sich nach dreimaligem
Besitzerwechsel ein Sushi-Restaurant, immer noch unter dem alten Namen „Zum
wilden Eber“, eingerichtet hat. Der Vater von Moritz ist dort Stammgast,
nachdem er seinen einst so geliebten Schweineschnitzeln aus Gewissensgründen
abgeschworen hat. Die Mutter von Moritz, die ihn ganz selten nur noch Mummel
nennt seit er im Gymnasium ist, aber weiter in ihren Salaten herum pickt,
kommentiert die neue Essleidenschaft ihres Mannes spitz so: „Schwein bleibt
Schwein. Und die Thunfische in deinem Sushi gelten als Schweine der Meere und
sind deshalb genau so bedauernswerte Geschöpfe.
Und noch eine
Neuigkeit, aber eine traurige: Der jetzige Besitzer der kleinen Villa, in der
vorher unsere Familie lebte, hat den wunderschönen Esskastanienbaum sofort
fällen lassen. Ihm soll der Schatten, den der Baum auf das Haus warf, zu groß
gewesen sein. Die Stadtverwaltung hatte dem Mann zunächst die Hölle heiß
gemacht: Wo käme man hin, wenn jeder Hausbesitzer einfach Bäume beseitigen
würde, wie es ihm gefällt. Aber der Mann, der mal ein einflussreicher Politiker
gewesen war, hatte noch seine Beziehungen. Er rief da an und dort an, und
schwuppdiwupp galt der Kastanienbaum als alt und morsch. Obwohl er noch viel
Jahre hätte leben können.
Kommen wir zu
Uschi und Ringelpütz! Das Projekt Gnadenhof für alte Tiere und Ponyreiten für
junge Mädchen ist in die Hose gegangen. Und die Ehe zwischen Olli und Uschi
gleich mit. Uschi packte erneut ihre Koffer und verschwand eines Tages auf
Nimmerwiedersehen. Seitdem sitzt Ringelpütz wieder allein auf seinem Hof, der
längst kein Biohof mehr ist, und träumt von einer Farm in Kanada.
Und was wurde aus
Saubermann? Tragisch, tragisch! Seine Fernsehserie ist nach der ersten Staffel
mit elf Folgen eingestellt worden. Zu wenig Quote. Kaum einer wollte schon nach
nur drei Folgen das Leben auf einem Campingplatz mehr sehen. Aus der Traum von
einer großen Fernsehkarriere für Saubermann! Gerade, vor ein paar Tagen hat er
bei Olli angerufen, wollte sich mit ihm treffen. Aber Ringelpütz hat abgelehnt.
Für ihn ist Siggi Saubermann mit schuld an Ollis erbärlichem Zustand.
Für Mathilde
allerdings ist das nur der Schnee von gestern. Für sie gilt das Hier und Heute.
Und das heißt: Sie und ihre wilde Truppe in Schweinsbach. Alle haben sich
innerhalb kurzer Zeit an die neue Umgebung gewöhnt.
Boris hat sich
stark verändert. Aus den „wilden Boris“ ist der „weise Boris“ geworden. Der, so
behauptet er jedenfalls, regelmäßig Zwiesprache mit dem alten Geist von Knurri
halte. Boris hat sich zum Druiden, zum Schamanen, zum Medizinmann entwickelt.
Er philosophiert oft und gern über das künftige Dasein der Wildschweine und
stellt neue Regeln für ihr tägliches Leben auf. Warum, so fragt er, können
Wildschweine nicht von den Eichhörnchen lernen? Warum sollen nicht auch sie
Vorräte für die strengen Winter anlegen?
Etwas abseits hat
sich Boris ein winziges Haus als Domizil ausgesucht. Hier sitzt er oft
stundenlang auf einer Treppe und malt mit seinem linken Hornzeh merkwürdige
Gebilde in den Sand. Wenn ihm ein paar neugierige Wildschweine zu nahe kommen,
verscheucht er sie mit dem Satz: „Geht mir aus der Sonne“. Und diesen Satz sagt
er auch, wenn gar keine Sonne scheint.
Die Frage nach
Nahrung für den kommenden Winter hat sich dank Herkis wieder erwachter Neugier
auf wundersame Weise gelöst. Das tägliche Baden im moorigen Dorfteich tut ihm
so wohl, dass er seit kurzem schon wieder flott durch die Gegend laufen kann.
Nicht so schnell wie früher, aber er wird ja auch nicht mehr von irgend welchen
Feinden gejagt.
Eines Tages hat
Herki einen seltsamen Hügel hinter einer Scheune entdeckt. Hat ihn ihn von
allen Seiten beschnüffelt und festgestellt: Was immer darunter liegt, es riecht
verdammt gut. Vorsichtig hat er die Erde weg gescharrt und ist auf Stroh
gestoßen. Zuerst Enttäuschung: Warum so viel Stroh? Aber warum riecht es
trotzdem weiter so verführerisch? Da muss doch ein Geheimnis dahinter stecken.
Also, hat Herki gewühlt und gewühlt, bis er einen Schatz freigelegt hat:
Kartoffeln über Kartoffeln.
Und die Geschichte
ist noch nicht zu Ende. Überall hat Herki diese Hügel entdeckt. Hinter den
Häusern und selbst draußen auf den Feldern. Wenn unter jedem dieser Hügel
Kartoffeln liegen, folgerte Herki, dann müssen wir uns in puncto Nahrung für
den Winter keine Sorgen mehr machen. Wem aber verdanken die Wildschweine diesen
üppigen Vorrat? Das waren die Zweibeinern, die hier gelebt haben. Diese
Menschen sind Bauern gewesen.
Seit die Menschen
Ackerbau betreiben, wird ein Teil der Ernte, besonders Rüben und später auch
Kartoffeln, auf diese Weise über den Winter aufbewahrt. In einer flachen Grube,
die in die Erde gegraben wird. Erst legt man Stroh auf den Boden, dann die
Feldfrüchte, dann wieder Stroh. Zum Schluss wird alles mit Erde zugedeckt. So
entstand das, was man bis heute eine Miete nennt: Ein Vorratskeller im Freien.
Doch als die
Zweibeiner hier ihr Dorf verließen, hatten sie weder Zeit noch Lust, ihre
Vorräte aus den Mieten mitzunehmen. Sie haben einfach alles stehen und liegen
lassen und sind für immer dort hin gezogen, wo sie glaubten, Geld und Arbeit zu
finden.
Das aber ist nicht
nur hier in Schweinsbach passiert. Fast überall wanderten und wandern noch
heute die Zweibeiner weg aus ihrer Heimat. Und das Ziel sind meistens die
Städte mit ihren scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten. Manche Menschen wandern
weg, weil sie sich dort, wo sie bisher lebten, nicht mehr ernähren können.
Andere, weil sie in ihrer Heimat bedroht werden. Und natürlich gibt es auch
Zweibeiner, die nur das Abenteuer suchen. Aber alle hoffen, eine neue Heimat zu
finden.
Eigentlich geht es
den Zweibeinern nicht anders als uns Schweinen, denkt Mathilde. Denn auch sie
träumt ja noch immer von dem Land ihrer Sehnsucht, das sie „Apulien“ nennt.
Apulien! Klingt doch gut. Aber vielleicht gibt es dieses Apulien gar nicht, wie
Mathilde es sich vorstellt. Und außerdem, muss sie sich gestehen, fühlt sie
sich in Schweinsbach sauwohl. Gerade ist sie Mutter von vier Frischlingen
geworden. Drei davon sehen aus wie Wildschweine, wie Herki, der Vater. Nur das
vierte Ferkel, das ist seiner Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten. Und was
trägt es auf seiner Hinterbacke? Einen schwarzen Fleck geformt wie ein Herz –
ein Herz wie bei Mathilde.
Das Ende.
No comments:
Post a Comment