Monday, July 9, 2018


Mathilde Teil 3

DER BÖSE SIGGI

Nun überschlagen sich die Ereignisse: Knurri, der alte Keiler, ist verschwunden. Uschi hat Ringelpütz mit seiner Mastzucht verlassen. Und Ökobauer Saubermann träumt, seitdem er den bösen Landvogt in „Wilhelm Tell“ geben durfte, von einer großen Karriere als Schauspieler. Außerdem ist er unsterblich verliebt.
Mathilde hat vergebens gehofft, Ringelpütz auf der Bühne in dem Theaterstück wieder zu erkennen. So sehr sie auch guckte: Kein Olli mit einem angeklebten Bart wie Saubermann. Unter den Zuschauern vielleicht? Auch nicht, Mathilde hätte ihn sofort erkannt mit seinen unnachahmlichen Gang, mit den Händen rudernd, als balanciere er auf einem Seil.
Was sie nicht wissen kann, dass Olli mit dem furzenden Kahn in  seiner Küche sitzt. Und vor lauter Kummer über Uschis Abgang Saubermanns Weihnachtsgeschenk, einen hochprozentigen Selbstgebrannten, niedermacht.
Doch zurück zu Saubermann! Keiner ahnte ja bisher so richtig, was in dem Mann vorging. Saubermann, inzwischen dreiundvierzig Jahre alt, ist immer noch auf der Suche nach der Frau seines Lebens. Aber welchen Lebens? Das als Öko-Landwirt? Nein! Zu viel Arbeit, zu viel Unkraut, zu wenig Ertrag, zu geringe Einnahmen. Denn obwohl Biobauern angeblich ein gutes Geschäft machen, hat Saubermann das bei sich noch nicht feststellen können. Und seine Kunden, die meistens direkt auf den Hof kommen, fragen zu viel: Ist da auch kein Kunstdünger drin? Sind die Tomaten auch Freiland, also in der Sonne gereift? Ist der Kürbis frei von Pestiziden?
Ja! Nein! Ja! Nein! Saubermann gibt dann gern den Maulfaulen. Am wohlsten fühlt er sich immer noch auf der Jagd. Aber mit wem? Ringelpütz ist ja als Jäger eine Katastrophe. Und andere Freunde hat Saubermann kaum. Außerdem ist er gern allein. Am liebsten würde er eher heute als morgen den ganzen Hof verkaufen. Doch wo viel Arbeit wartet, gibt es kaum Interessenten. So ist das nun mal.
Jetzt, glaubt Saubermann, dass sein Schicksal sich gewendet hat. Seit er auf der Freilichtbühne im Wald gespielt hat, weiß er endlich, was er will: Schauspielern.
Der Regisseur war doch voller Lob: „Sie sind eine Naturbegabung. Sie könnten alle klassischen Bösewichte spielen.“ Und auch Gunild, die, wie sie sagt, eine  ausgebildete Schauspielerin sei, hat ihm für sein Spiel Komplimente und verliebte Augen gemacht. Gunild hat die Berta im „Wilhelm Tell“ gespielt, die er in dem Drama nicht als Braut bekommt, weil er schließlich von Tell mit der Armbrust erschossen wird.
Gunild hat ihn auch nach den Vorstellungen auf seinem Hof besucht. Hat sich alles genau angesehen und gefragt: „Wann musst du morgens aufstehen?“ Er hat eine Fangfrage gewittert und diplomatisch geantwortet: „Mal so, mal so.“
Dann hat Gunild von einer Daily Soap erzählt, die demnächst ein Privat-Fernsehsender auf dem nahegelegenen Campingplatz produziert. In dieser täglichen TV-Serie soll es um das Leben der Camper untereinander gehen, und Gunild wird darin mitspielen. Natürlich die Hauptrolle. Sie könnte für Saubermann, den sie Siggi nennt, die Verbindung herstellen. Zu Sophie, der Produzentin. Die suche noch nach Naturbegabungen, wie er eine ist.
Es kommt, wie es kommen muss: Siggi Saubermann wird engagiert. Für die Rolle „Der böse Karl“. Das ist der Unruhestifter, der die Camper mit Lust schikaniert. Und Gunild muss sich mit einer Nebenrolle abfinden. Im richtigen Leben aber schnappt sie sich die Hautrolle: Sie wird Saubermanns Freundin, nach seinem Versprechen, sie eines Tages als Braut und Ehefrau heim zuführen. Aber in welches Heim? Das einzige Hindernis nämlich ist Siggis Biohof, mit dem Gunild nichts am Hut hat. Sie träumt schon ein Leben lang von einer Sechs-Zimmer-Wohnung in einer großen Stadt. Wenn möglich in Berlin.



EIN BRIEF MIT FOLGEN

Eines Tages rollt ein Geländewagen auf den Hof von Ollis Schweinemastbetrieb. Es ist ein Geländewagen, den Ringelpütz sehr gut kennt. Und den Besitzer natürlich auch. Er ist sein ehemaliger na, sagen wir mal, Halb-Freund und derzeitige Intimfeind Saubermann. 
Was hat das zu bedeuten?
Saubermann, angezogen wie aus dem Katalog einer sauteuren Herrenboutique, springt aus seinem Geschoss und ruft: „He, Ringelpütz, bist du zu Hause?“
Ringelpütz, allein mit Kahn in der Küche, spielt erst einmal die Rolle Hier-ist- keiner-zu-Hause. Er rührt sich nicht.
„Ich muss mit dir reden, Ringelpütz.“
Aber Olli nicht mit Saubermann.
„In alter Freundschaft.“
Was für eine Freundschaft? Will er mich wieder zu einem Jagdausflug überreden? Nicht mit Olli Ringelpütz.
„Ich schenke dir meinen Biohof. Was sagst du dazu?“
Saubermanns Stimme hallt über den Hof, als probe er einen Bühnenauftritt.
Das ist doch bloß wieder so ein Windei, denkt Olli und beschließt weiter, nicht zu Hause zu sein. Aber Kahn durchkreuzt seinen Beschluss. Freudig mit dem Schwanz wedelnd rennt er aus dem Haus und nähert sich Saubermann vertrauensvoll wie einem alten Bekannten. Der tätschelt ihm Schnauze und Fell. Beide sind ein Herz und eine Seele. Olli muss durch das Küchenfenster mit ansehen, wie sein Hund Saubermanns Hand abschleckt.
Scheißköter, denkt Olli und erscheint in der Haustür: „Was willst du, Saubermann?“
„Mit dir reden.“
„Wir haben uns nichts mehr zu sagen. Ich mäste meine Schweine, mit was ich will Und du gibst deinen Pflanzen, was du willst. Punkt!“
Saubermann spielt den Versöhnlichen: „Alles Schnee von Gestern, Olli! Die Lage hat sich verändert. Mit dem Biobauer Saubermann ist Schluss. Aus! Finito!“
Olli überlegt fast eine Minute, was er darauf antworten soll. Dabei guckt er sich Saubermann genauer an. Zweifellos: Auch Saubermann hat sich verändert. Keine grüne Schürze mehr, keine Gummistiefel. Dafür rote Jeans, blaues Hemd, zierliche braune Slipper. Der Geländewagen ist gewaschen und poliert. Irgend etwas ist passiert.
„Und von was willst du dann leben, Saubermann?“
„Darf ich rein kommen?“
Ringelpütz gibt die Haustür frei.
In der Küche registriert Saubermann, dass Olli nicht ganz im Gleichgewicht ist. Die Küche sieht aus, als habe hier eine polizeiliche Eingreiftruppe nach Terroristen gesucht. Und schon erfährt er den Grund dieser Unordnung: Uschi hat Olli verlassen. Ist zu einer Freundin nach... Olli kramt einen Zettel aus seiner Hose und liest: Altena, Schillerstraße...
„Das ist ja furchtbar!“ Saubermann spielt Anteilnahme. Erzählt dann aber nahtlos von seiner neuen Karriere: „Übrigens Schillerstraße! Schiller hat mir Glück gebracht. Du weißt, ich habe den Landvogt im „Tell“ auf der Freilichtbühne gespielt. Sag, wie war ich?“
„Nichts gesehen,“ gesteht Olli.
„Warum nicht?“ Saubermann ist irritiert.
„War zu sehr mit Uschis Abgang beschäftigt. Übrigens, dein selbst gebrannter Schnaps ist Mist, Saubermann. Am anderen Tag wollte ich am liebsten sterben.“
Saubermann überhört das Vorwurf. Ein Streit passt jetzt nicht hier her. Stattdessen erzählt er, was sich in seinem Leben in letzter Zeit so abgespielt hat: Daily Soap, Gunild und so weiter. Kahn liegt unter dem Tisch, hat die Augen geschlossen, träumt und seufzt zufrieden, als habe er auch eine Hauptrolle bekommen.
Olli ist neugierig geworden: „Und in dieser Daily Soap spielst du täglich diesen Kerl...?“
„Karl“, verbessert Saubermann.
„...diesen Karl, meinetwegen?“
„Jeden Tag. Und zweimal wird  gesendet. Am Abend und nachts noch einmal.“
Olli fällt auf, dass sich auch Saubermanns Stimme verändert hat. Er spricht wie der Deutschlehrer in der Schule. Die Worte kommen im Ganzen. Die Silben verschluckt er nicht mehr. Olli ist einerseits davon beeindruckt. Auf der anderen Seite spürt er Minderwertigkeitskomplexe in sich aufsteigen.
Aber schließlich fängt er sich wieder: „Und welche Rolle spiele ich in dieser Komödie?“
„Natürlich keine.“ Saubermann denkt nur an seine Daily Soap und merkt nicht gleich, was Ringelpütz meint.
„Womit kann ich dienen?“ Olli ist jetzt neugierig geworden.
„Ach so! Also, ich stelle mir Folgendes vor: Du verkaufst deinen Mastbetrieb „Sau-Gut“ an den Großproduzenten „Glückliche Tiere“ und übernimmst meinen Hof mit dazu gehöriger Kundschaft. Dafür bezahlst du mir monatlich eine kleine, sagen wir, Rente. Der Vorteil: Dein schlechtes Gewissen deinen Schweinen gegenüber entfällt und...“
„Wieso habe ich ein schlechtes Gewissen...?“
„Ach komm, das hast du mir doch immer erzählt, Olli.“
„Kann mich nicht daran erinnern.“
Beide sitzen schweigend in der vom Chaos heimgesuchten Küche. Saubermann weiß, dass Ringelpütz meistens eine Weile braucht, um einen Gedanken zu formulieren. Was wird jetzt kommen?
„Wie viel Geld verdienst du mit deiner Fernsehserie?“
Jetzt weiß Saubermann nicht gleich, was er antworten soll. Diese Frage hat er nicht erwartet. Deshalb erst einmal Schweigen.
Nach einer Weile Ringelpütz: „Wie viel?“
Saubermann: „Man kann gut davon leben.“
„Und wenn die Serie nicht ankommt beim Publikum?“
„Darüber denke ich nicht nach.“
„Solltest du aber. Plötzlich musst du wieder den Biobauern spielen.“
„Niemals! Gunild zieht nicht aufs Land.“
„Ach, so, so... interessant.“
Schweigen.
Saubermann zieht einen As aus den Ärmel: „Wenn du meinen Biohof übernimmst, kommt Uschi garantiert zurück.“
Ringelpütz ist elektrisiert: „Meinst du?“
Saubermann: „Ich bin sicher. Denk mal nach, ihr beide ohne die Mastschweinezucht , ohne Gestank, ohne fallende Fleischpreise. Dafür mit einem kleinen Ponyhof, einem Bioladen. Im Winter bastelt Uschi Ketten oder was ihr so liegt. Im Sommer könnt ihr das alles verkaufen. Ich spreche hier über eine zusätzliche Einnahme .“
Ringelpütz: „Die Schweinezucht würde ich ganz und gar aufgeben und mein Land zusätzlich für Biogemüse nutzen.“
„Warum nicht?“ Saubermann spürt, dass Olli angebissen hat. Wie ein Hecht, der auf einen bunten Köder herein fällt, denkt er.
Olli geht an den Kühlschrank und holt sich eine Flasche Bier: „Du auch?“
„Aber nur eine.“
„Mehr habe ich auch nicht.“
Saubermann holt noch ein As aus den Ärmel: „Wir könnten Uschi eine SMS schicken: 'Komm zurück! Ich bin jetzt Biobauer. Dein dich liebender Olli! Na, was meinst du?“
Olli nimmt einen gewaltigen Schluck aus der Flasche. Kahn erwacht. Er ahnt Veränderungen.
Olli nimmt noch einen Schluck: „Einverstanden!“
Am Abend, allein in der Küche, in der trotz der Unordnung noch immer der angenehme Duft von Uschi hängt, formuliert Olli seinen Brief an „Uschi Wiegand, z.Zt. bei …“ Dass Uschi auf seine SMS noch nicht reagiert hat, ist ihm egal. Der Brief soll besser ausdrücken, was gerade in ihm vorgeht. Er schreibt:
„Liebe Uschi,
ja, ich liebe Dich noch immer. Wie Du aus meiner SMS erfahren hast, hat sich hier urplötzlich vieles verändert. Nein, so viel weißt Du ja noch gar nicht. Also, der Reihe nach. Saubermann verkauft seinen Biohof und wird Fernsehstar. Oder so was Ähnliches. Ich kaufe seinen Biohof und werde Biobauer. Den Schweinemastbetrieb gebe ich auf. Hier brauche ich schon einmal dringend Deine Entscheidung. Verkaufe ich den ganzen Mist oder höre ich mit der Mastzucht einfach auf?
Letzte Woche haben wieder so ein paar Demonstranten vor unserem Hof...  ich darf doch „unserem“ schreiben?... mit Plakaten und Betttüchern, auf denen stand „Nieder mit der Schweinequälerei“ und andere Parolen, demonstriert. Ich habe, gelinde gesagt, die Schnauze gründlich voll...“
An dieser Stelle streikt Ollis Kugelschreiber. Die schwarze Tinte ist alle. Gedanken verloren greift er zu dem nächsten Kugelschreiber, der in seiner Reichweite liegt. Es ist ein Kugelschreiber, der mit roter Tinte schreibt. In sattem Rot steht da auf dem Papier:
„Du fehlst mir...“
Olli beschließt, den Brief mit roter Tinte weiter zu schreiben.
„Wie wäre es, wenn wir beide noch einmal ganz von vorn anfangen? Keine Mastschweine. Dafür ein Ponyhof. Vielleicht auch ein paar Kamele. Warum nicht? Sonntags kommen Eltern mit ihren Kindern, kaufen frisches Gemüse, die Kleinen vergnügen sich mit den Pferdchen...Vielleicht könnten wir noch einen Gnadenhof für alte Tiere...“
An dieser Stelle merkt Olli, dass die Gefühle mit ihm durchgehen. Bleibe sachlich, Olli, ermahnt er sich.
„Natürlich muss sich das alles rechnen. Ich habe mal grob durchgerechnet. Es sollte klappen. Aber nur mit Dir...“
Jetzt kommen Olli schon fast die Tränen vor Rührung
„Kahn ist ganz traurig und spielt nicht mehr mit mir Fußball. Er vermisst Dich genau so wie ich...“
Das ist jetzt eindeutig eine Lüge.
„Wann kommst Du zurück? Ich hole Dich auch ab. Mit dem Auto. Wo genau liegt eigentlich das Dorf Deiner Freundin?
Dein Olli, der sich so sehr nach Dir sehnt.“

Nicht schlecht, sagt sich Ringelpütz, nachdem er den Brief noch mal durchgelesen hat. Steckt ihn in einen Umschlag. Briefmarke drauf. Fertig! Spätabends fährt er noch zum Supermarkt, um ihn in den einzigen Briefkasten, den es hier weit und breit gibt, zu werfen.
Erst drei Tage später hält Uschi den Brief in ihren Händen. Die Post ist auch nicht mehr von der schnellen Truppe.
Idiot, sagt sie nach dem ersten Durchlesen. Beim zweiten Durchlesen aber überfällt sie die Rührung. Besonders Ollis Idee, einfach mit roter Tinte weiterzuschreiben, treibt ihr ein paar Tränen in die Augen.



EIN SELTSAMER UNFALL

Der Fahrer hat das junge Mädchen an der Tankstelle für Lastkraftwagen mitgenommen. Sie stand vor ihm, wie hingezaubert, als er aus dem Schnellimbiss kam. Sie sah gut aus, fand er. Ihre Kleidung hatte zwar etwas bizarr Verwegenes mit den vielen grell bunten Tüchern, in denen sie eingehüllt in dieser kühlen Nacht auf eine Mitfahrgelegenheit wartete. Aber das war ihm egal. Er wollte einen Gesprächspartner haben, damit er am Steuer nicht einschläft.
So kamen sie ins Gespräch, während der Laster eintönig über die nächtliche Autobahn brummt.
„Schweine“, erzählt er, „sind hochsensible Lebewesen. Die ahnen ihren Tod voraus. Glaub mir, die wissen genau, dass ich sie zum Schlachthof fahre.“
„Und warum fährst du sie dann zum Schlachthof?“
„Na, hör mal, das ist mein Job. Ich mache das schon seit zehn Jahren.“
Er streckt der Tramperin während der Fahrt seine rechte Hand entgegen: „Ich heiße Curzio. Das ist auch einer der Vornamen von Napoleon. Und du, wie heißt du?“
Die vielleicht Zwanzigjährige erwidert nur zögernd seinen Händedruck und murmelt einen Namen, den er nicht richtig versteht.
„Mareike?“ 
Die Tramperin nickt und schweigt.
Das Asphaltband, das sich Richtung Süden schlängelt, ist um diese Uhrzeit fast autoleer. Lastwagen dürfen nachts sowieso nicht fahren Es sei denn, sie befördern verderbliche Ware. Schweine sind  verderbliche Ware. Auch darüber kann Curzio viel erzählen: Bevor er mit seinen Transport im Schlachthof ankommt, sind manchmal einige Tiere schon an Herzstillstand gestorben. Zu viel Aufregung. Sind es zu viele tote Schweine, dann kommen die Fragen: Wie lange warst du unterwegs? Bist du Umwege gefahren? War es zu heiß für die Tiere?
Das sind keine Fragen aus Mitleid. Hier geht es nur um Ware, die nicht mehr für die Weiterverarbeitung zu gebrauchen ist.
Curzio redet und redet. Die Tramperin neben ihm schweigt.
„Schläfst du?“
„Nein, rede nur weiter.“
Und so erzählt er, dass die Schweine auf seinem Laster diesmal aus einem deutschen Mastbetrieb mit dem Namen „Sau-Gut“ kommen - und wohl bald zu „original italienischen Schinken“ verarbeitet werden.
„Verrückt. was? Und der Besitzer von diesem „Sau-Gut“-Mastbetrieb heißt auch noch Ringelpütz. Ist das nicht saukomisch?“
Der Fahrer lacht laut und schlägt mit der rechten Hand auf sein Lenkrad ein, als wolle er seinen Lachanfall damit unterstützen.
„Ja, wirklich saukomisch“, murmelt das Mädchen neben ihm.
„Und dann hat dieser Ringelpütz...“, wieder ein Lachanfall, „mir auch noch erzählt, dass er seinen Schweinemastbetrieb aufgeben werde, dass das ganz sicher die letzten Schweine seien, die ich von seinem „Sau-Gut“ abholen könne.. Dass er seine Zukunft als Biobauer sehe. Er habe jedesmal wie ein Hund gelitten, wenn seine Schweine...Er hat wirklich s e i n e gesagt...in den Schlachthof abtransportiert worden sind.“
Nach ein paar Minuten Schweigen fragt Curzio erstaunt: „Sag mal, warum erzähle ich dir das eigentlich alles?“
„Vielleicht, weil du auch ein schlechtes Gewissen hast. Wenn du die Tiere in den Schlachthof fahren musst?
„ Hab ich nicht! Ein schönes Schweinesteak... nichts dagegen! Und du?“
„Ich esse kein Schweinefleisch.“
„Was dann?“
„Was man so im Wald findet.“
„Du sammelst Pilze?“
„Auch.“
„Ich bin Italiener, komme aus Apulien. Dort gibt es Pilze über Pilze. Trüffeln. Schon mal probiert? Eine Delikatesse. Weiß du, wo Apulien liegt? Mareike? Richtig?“
Ohne, ihre Antwort abzuwarten, erzählt er von seiner italienischen Heimat.
Italien sieht ja aus wie ein Stiefel. Da unten liegt Apulien.“
Er greift mit der Hand an sein rechtes Bein zwischen Wade und Ferse: „Hier etwa.“
Der Wagen kommt ins Schlingern. Vollführt leicht tanzende Bewegungen. Einmal links, einmal rechts. Nach etwa hundert Metern hat der Fahrer den Lkw wieder auf Spur. Die armen Schweine in dem Transporter sind jetzt bestimmt unsanft aus ihrem unruhigen Schlaf wachgerüttelt worden.
„Das war knapp“, sagt die Tramperin.
„Kein Problem“, sagt Curzio und lacht.
„Erzähl weiter von diesem Apulien.“
„Apulien war einmal ein Paradies. Und mein Vater dort Bauer. Er ist tot. Wir hatten Schafe, Ziegen, Olivenbäume.“
„Auch Schweine?“
„Natürlich. Die liefen frei herum. Nicht wie diese armen Viecher hier auf meinem Wagen, die nie die Sonne gesehen haben. Die sich ein Leben unter Eichenwäldern und Esskastanien gar nicht vorstellen können.“
„Und wie sieht es heute dort aus? In Apulien? Du redest nur von der Vergangenheit.“
„Das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, steht leer. Komplett leer. Keine Menschenseele weit und breit..“
Will er nichts mehr über sich und über Apulien erzählen? Curzio schaltet das Radio ein. Ein privater Dudelfunk meldet: Zur Zeit keine Unfälle auf allen Autobahnen. Dann singt Marianne Rosenberg „Du gehörst zu mir...“ Curzio schaltet das Radio wieder aus. „Immer diese Uraltschnulzen. Wo willst du überhaupt hin?“
„Wie weit fährst du?“
„Bis in die Nähe von Parma. Dort muss ich meine Fracht abliefern. Parma ist weiter oben auf diesem Stiefel.“
Erst jetzt fällt ihm auf, dass die Tramperin gar kein Gepäck dabei hat. Interessiert mustert er sie von der Seite.
 Sie spürt seine Blicke:„Was ist?“
„Ich wundere mich, dass du keine Tasche oder so was Ähnliches dabei hast.“
„Ich bin abgehauen. Hab es zu Hause nicht mehr ausgehalten. War mir alles zu eng.“
Damit gibt sich Cuzio zufrieden. Ist es ihm damals in Apulien nicht so ähnlich ergangen? Eines Tages stand er auf dem Bahnhof von Bari. Weil er nicht bis an sein Lebensende Schafe weiden, den kargen Hof auf dem kalkigen Boden weiter bewirtschaften wollte Sein Vater, schon mit 57 Jahren ein alter Mann, war gerade gestorben. Und seine Mutter zu ihrer Schwester Maria in den Nachbarort gezogen. Weil Maria noch immer eine kleine Salumeria betreibt. Das sind diese Läden, in denen man schnell ein paar Delikatessen zum Mitnehmen einkaufe oder sich an einen der wenigen Tische setzen kann, um sie gleich dort zu verzehren. Curzios Mutter war als Hilfe in der Küche sofort herzlich willkommen. Denn sie ist und bleibt eine ausgezeichnete Köchin.
Das alles geht ihm durch den Kopf, während sein Laster Richtung Italien rollt. Immer, wenn er eine Fracht dort abliefern muss, packt ihn das Heimweh. Und in seiner engen Fahrerkabine scheint es plötzlich nach Lavendel zu duften. Überhaupt nach den Kräutern, die in Apulien wachsen. Auf dem Bahnhof von Bari hat er damals  mit sich gerungen: Soll er einfach in den Zug steigen und alles hinter sich lassen? Doch dann ist er noch einmal zurück gegangen. Aber nur, um seine Schafe zu verkaufen. Schweine und Hühner, hat er verschenkt, das Haus abgeschlossen, und die Fahrkarte gekauft. Nach Frankfurt am Main. Tedesca. Ohne Rückfahrt. Luigi, sein  Schulfreund hatte geschrieben: Du kannst bei mir wohnen, bis du einen Job hast. Null problemo.
Vielleicht, denkt Curzio, wird er erst als alter Mann wieder zurück auf seinen Hof gehen. Um dort zu sterben. Denn die Bilder seine Kindheit, seiner Jugend werden ihn nicht loslassen. Ihn verfolgen bis in seine Träume: Der spärliche Schatten der Olivenbäume und die vertrocknete Erde der weiten Hochebene, die sich nach Regen sehnt.
Das war das letzte Bild, das er noch vor Augen hatte – dann ist alles ganz schnell passiert.  Curzio nahm aber das Geschehen wahr wie ein Film, der ganz langsam läuft.
Später hat er zu Protokoll gegeben: Vor meinem Wagen stand plötzlich ein Wildschwein - so groß wie ein Elch.
Die Polizeibeamten haben Curzio mitleidig gemustert: „Sollen wir das tatsächlich so protokollieren?“
Er aber ist bei seiner Aussage geblieben und hat noch eine Schippe draufgelegt, wie man so sagt: „Ich habe eine Tramperin mitgenommen. Aber genau in dem Augenblick, in dem ich den Wagen kurz vor dem Wildschwein zum Stehen bringen konnte, sah ich, dass sich die Tramperin,  die aus dem Laster flüchtete...“
„Weiter“, drängeln die Beamten.
„...in eine Hausschwein verwandelt hat. Ich glaube, mit einem schwarzen Herz auf der rechten Schinkenseite. Aber das kann ich nicht beschwören.“
Corzio hat auf sein Hinterteil gedeutet: „Hier, an der Stelle war das schwarze Herz.“
„Und ich gehe heute Abend mit meiner verstorbenen Uroma in die Disco“, hat einer der beiden Polizisten gegrinst.
“Stefan,, halte dich zurück,“ sagt der andere Beamte, „Sie haben doch nichts gegen eine Blutprobe?“
Curzio: „Ihr wollt mich wohl für dumm verkaufen?“
Darauf der andere Beamte: „Diese Frage wollte ich Ihnen gerade stellen. Wie sah sie denn aus, die Tramperin, die Sie mitgenommen haben? Ich meine, als sie noch ein Mensch war?“ Jetzt freuten sich beide Beamten über den gelungenen Witz.
Curzio will den Witz nicht verstehen und denkt nach: „Sie sah ein bisschen aus wie dieses verrückte Mädchen in diesem schwedischen Krimi...wie heißt sie doch gleich?...Lisbeth oder so...“
„Welcher Krimi? Aus Schweden kommen viel Krimis.“ fragt der andere Beamte.
Curzio lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, obwohl er gerade einen Unfall gebaut hat: „Ja, sie sah genau so abgegriffen aus. Wie diese Lisbeth... Salander. Genau.“
Er strahlt, als wäre ihm gerade die 5oo ooo-Euro-Frage bei „Wer wird Millionär“ eingefallen.
„Und der Autor heißt Larsson. Stieg Larsson“.
„Bravo!“ sagen beide Beamte fast syncron.
So war das hin und her gegangen. Curzio musste sein Blut abgeben, weil die Polizisten sich sicher waren, er habe zu tief ins Glas geguckt. Natürlich hatte er kein Alkohol getrunken und blieb bei seiner Aussage. Die Tramperin war wie vom Erdboden verschluckt. Und ein Wildschwein weder überfahren noch sonst wie aufgespürt worden. Dass sich bei Curzios Vollbremsung die hintere Ladeluke geöffnet und ein Großteil der Schweine über die Autobahn verwirrt das Weite im angrenzenden Wald  gesucht hatte, war eine andere Sache. Curzio schwor, dass er vor der Fahrt alles kontrolliert hätte. Die Ladung sei gesichert gewesen. Wie immer.
Aber Curzio selber? War er müde?
Nein, nein und immer wieder nein!
Und die Halluzinationen?
Nein, darüber wolle er jetzt nicht mehr reden.
Aber was ist aus den Schweinen geworden, die unfreiwillig in die Freiheit entlassen wurden und in den Wald verkrümelt hatten?
Einige konnten wieder eingefangen werden. Ein paar aber waren gar nicht weggelaufen sondern ängstlich grunzend in der Nähe des Lkws geblieben. Acht Schweine sind gestorben: Herzinfarkt. Die Aufregung ist einfach zu groß für sie gewesen. Und zwei Schweine sind tagelang ziellos durch den Wald geirrt. Dann hat Mathilde sie gestellt und gegrunzt: „Ihr seid jetzt vogelfrei!“
„Was ist vogelfrei?“
„Vogelfrei bedeutet, dass man geächtet ist. Keine Rechte mehr hat. Und von jedem getötet werden kann.“
„Rechte hatten wir vorher auch nicht. Und töten konnte uns auch jeder, der wollte.“
„Aber jetzt seid ihr in Freiheit“
„Dieser Wald hier - das soll die Freiheit sein?“ fragten die zwei schlachtreifen Hausschweine ängstlich.
„Probiert es!“
Ja, nein, ja, nein! Die zwei konnten sich nicht einigen. Das Letzte, was Mathilde von ihnen gehört hatte, war, dass sie schließlich wieder bei Ringelpütz aufgetaucht sind.
Und noch ein Nachspiel hat jener unheimliche, nächtliche Unfall auf der Autobahn gehabt: Curzio hat seinen Beruf als Lkw-Fahrer aufgegeben. Mit dem kleinen Geschäft neben seiner Wohnung hatte er nämlich schon lange geliebäugelt und weil der Schuster darin ein alter Mann war, der sich zur Ruhe setzen wollte, hatte Curzio den Laden kurz entschlossen gemietet und sich mit seinem Gesparten eine alte Gaststätten-Einrichtung gekauft. Fünf Tische, zwanzig Stühle, dazu ein Tresen mit einer Glasvitrine für frische Antipasti...
So hatte er sich das jedenfalls vorgestellt, bis ihm einfiel, dass er ja gar nicht kochen konnte. Und deshalb schrieb er nach langem Zweifeln und Grübeln nach Apulien:
Liebe Mama,
ich bin kein Lastwagenfahrer mehr. Ich besitze jetzt ein kleines Restaurant. Aber ich kann nicht kochen, weil ich nie aufgepasst habe, wenn Du daheim in unserer Küche die köstlichsten Gerichte gezaubert hast...“
Und dann schrieb er auch noch, dass er Tag und Nacht an sie denke und hoffe, dass sie gesund sei. Der Brief endete mit der Bitte, ihm viele gute und einfache Rezepte zu schicken. Die kamen umgehend. Und Mama gleich mit.
Man erzählt sich inzwischen: Der kleine aber feine „Italiener“ - wie heißt er doch gleich? - ganz in der Nähe vom Hauptbahnhof sei unschlagbar. Vor allem Mamas Spaghetti: Gelbe Paprikaschoten, weiße Zwiebeln, frische, geschälte Tomaten, zubereitet mit Rotweinessig - Aceto Balsamico - und reichlich Kapern. Das ist der heimliche Hit für alle Feinschmecker in der Stadt.



NEUE HEIMAT?

In diesem Jahr melden sich die Herbststürme mit besonderer Wucht. Viele Bäume haben sofort vor ihnen kapituliert. Einige glitten fast geräuschlos zu Boden. Andere fielen krachend in sich zusammen. Der Wald hat sein Herbstkleid angezogen. Die Blätter der Bäume färben sich in ein schmutziges Graubraun oder ein leuchtendes Rot.
Die Jagdsaison verlief für die Wildschweine bisher glimpflich ab. Zwar kamen ein paar aus dem Rudel in die Schusslinie der Jäger. Aber die meisten hatten noch die Mahnungen des alten Keilers im Kopf: Immer in die Richtung der Treiber laufen. Die haben keine Schusswaffen, die euch töten können.
Saubermann hat seine Jagdleidenschaft vorerst an den Nagel gehängt. Er nimmt Schauspiel-Unterricht. Spätestens im Mai soll die Camping-Soap starten.
Die Windböen vereinen die Baumkronen zu einem rauschenden Gesang, der nur vom Ächzen der Äste und Stämme unterbrochen wird. Gönnt sich der Sturm eine Atempause, erfüllt das Schreien der Wildgänse, die unbeirrt auf ihrem Weg nach Süden sind, hoch oben in der Luft. Ihre spitzwinkligen Formationen erkennt man zwischen dahin eilenden Wolkenfetzen, die der Nordostwind vor sich hertreibt.
Mathilde weiß inzwischen, dass all diese Ereignisse Vorboten den Winters sind. Und sie kann sich noch gut an die eiskalten Nächte erinnern, an denen der Hunger sie und das Rudel in die Nähe der Menschen-Siedlungen getrieben hatte. Wie wird das in diesem Winter werden?
Die Wildschweine sind seit dem plötzlichen Verschwinden des altes Keilers ein wenig ratlos. Keiner weiß so richtig, wer nun das Sagen hat. Boris? Der ist zu gütig, um energisch durchgreifen zu können. Herki plustert sich zu gerne auf. Und seine Aktionen sind umstritten. Einfach in die Autos der Menschen einzusteigen, das ist schon mehr als verwegen. Und seine letzte „Heldentat“, sich auf der Autobahn vor Curzios Schweinelaster zu stellen, fand Mathilde einfach dumm und gefährlich. Zugegeben, ihr Plan, beim nächsten Halt des Lasters die Schweine durch Öffnen der Laderampe zu befreien, hätte auch nicht viel gebracht. Denn inzwischen haben sich wohl alle Schweine, die auf den Transport nach Italien waren, wieder einfangen lassen. Auch die beiden, die Mathilde noch im Wald aufgestöbert hatte, sind aus Angst vor der Freiheit schließlich zu Ringelpütz zurück gelaufen. Mathilde konnte sie nicht zum Bleiben überzeugen.
Dafür ist ihre Meinung neuerdings zunehmend bei den Wildschweinen gefragt. Selbst die Bachen, die Mütter mit ihren Frischlingen, die Mathilde immer misstrauisch gegenüber gestanden haben, suchen jetzt ihre Nähe, erwarten Ratschläge von ihr. Auch Boris, der sie mit seiner Fürsorge behütet hatte, Ist nun zu ihrem Bewunderer geworden. Weil sie inzwischen Gefahren früher erkennt, als die Wildschweine. Weil sie wohl über außergewöhnliche Gaben verfügt Nur Herki lässt sich davon nicht beeindrucken, tanzt weiter aus der Reihe und sucht sich seine Abenteuer.
Allerdings wirkt Mathilde auch etwas unheimlich. Was hat das zu bedeuten, wenn Mathilde tagelang verschwunden ist? Wenn unter den Wildschweinen schon böse Gerüchte die Runde machen. Zum Beispiel: Die kommt nie wieder. Die ist zu den Zweibeiner zurück gegangen. Denn keiner aus dem Rudel weiß, wo sie ist. Selbst Boris, dem ein besonderes  Verhältnis zu Mathilde nachgesagt wird,  ist ratlos wie die Übrigen.
Mathilde ist einfach weg, wie vom Erdboden verschluckt. Plötzlich ist sie wieder da. So selbstverständlich, als wäre ihr Wegsein das Natürlichste der Welt. Keiner erfährt, wo sie war. Obwohl sie ihr Geheimnis gern los werden würde. Aber versprochen ist versprochen. Und deshalb erfahren nur wir die Geschichte:
Es war ein sonniger Herbsttag, vielleicht neun Nächte nach Knurris geheimnisvollem Abgang, als Mathilde, auf der Suche nach Nahrung, sich immer tiefer in einen ihr unbekannten Wald verirrte. Sie merkte es erst, als der Boden nicht mehr so eben wie sie es gewohnt war. Steile Abhänge musste sie überwinden. Und wenn sie einen  Hügel erklommen hatte, kam schon der nächste., den sie mehr rutschend als laufend bewältigte. Am Ende wusste Mathilde überhaupt nicht mehr, wo sie sich befand. Jedenfalls längst nicht mehr in ihrem Wald. Dann aber – Überraschung – roch sie den typischen strengen Geruch der Wildschweine. Immer näher schnüffelte sie sich an den Geruch heran, bis sie vor einem verfallenem Haus angekommen war.
Vorsichtig wagte sie sich in das Haus. Denn die Tür stand offen,  hing fast lose in den Angeln. Das könnte auch eine Falle sein, dachte Mathilde. Schon einmal ist sie ja auf einen üblen Tríck von Ringelpütz hereingefallen und hat sich fangen lassen. Doch wie üblich, war ihre Neugier auch diesmal größer als ihre Angst. So wie sie es einfach nicht lassen kann,  sich in die Gedankenwelt der Zweibeiner einzuklicken. Wenn sie will, kann sie auch lesen, was die Menschen geschrieben haben. Zwar braucht ihr Gehirn noch ein gewisses Training, die Geschichte zu verarbeiten, zu verstehen. Doch allmählich weiß sie schon eine Menge über Ringelpütz und Seinesgleichen. Was sie allerdings nicht begreift: Dass die Menschen nicht nur die Schweine reihenweise schlachten, sondern auch sich selber. Dieses Ritual hat doch keine Logik.
Mathilde wurde aus ihren Gedanken gerissen, als sie plötzlich ein tiefes Grunzen hinter  sich hörte: „Was machst du denn hier?“
Sie wollte sich umdrehen. Denn sie ahnte, wem dieses Grunzen gehörte.
Aber die Stimme befahl: „Bleibe, wo du bist.“
Mathilde gehorchte, und die Stimme fragte weiter: „Wie bist du hierher gekommen? Wie hast du mich gefunden?“
Mathilde antwortete. „Das weiß ich nicht... Knurri?“
Sie drehte sich um. Tatsächlich, vor ihr stand Knurri. Der alte Knurri, der nun noch etwas älter aussah.
Sie sahen sich an, und waren beide gerührt. Sie sprachen lange miteinander. Am Ende beschlossen sie, sich öfter zu sehen. Mathilde wollte auf seine Ratschläge nicht verzichten. Und der alte Keiler liebte ihre Gesellschaft. Das also war der Grund für Mathildes geheimnisvolle Verschwinden von Zeit zu Zeit.
„Was hast du damals gedacht, als du mich gefunden hattest?“ hat Knurri sie später einmal gefragt.
„Ich dachte, du wärst ein Geist.“
Der alte Keiler grunzte stoßweise, was ein Lachen sein sollte. Danach erfuhr Mathilde die ganze Geschichte von ihm und seinem Verschwinden.
„Ich bin alt“, begann er, „wie alt, weiß ich nicht. Besonders der  letzte Winter war fürchterlich für mich.“
Mathilde, die schaudernd an die kalten Nächte zurückdachte, spürt echtes Mitgefühl.
„Ich glaubte schon an das Ende meiner Tage und Nächte. Doch dann kam der Frühling, Und es ging mir wieder besser. Aber schon im Sommer, im späten Sommer, gleich nach diesem Menschen-Theater auf der Waldwiese. hatte ich erneut diese Sehnsucht, mich auszuruhen. Verstehst du, für immer auszuruhen.“
Mathilde glaube, ihn zu verstehen. Sie war sich sicher, dass er über seinen Tod sprach.
„Nun ist es bei uns Tieren, die in Freiheit leben, so, dass wir uns einen einsamen Platz suchen, wenn wir das Ende fühlen. Die Jüngeren, die können fliehen, wenn Gefahr droht, aber ein alter Keiler wie ich,  ist in solchen Situationen nur noch eine Last. Also hatte ich beschlossen, allen meinen Wildschweinen noch mal ins Gewissen zu reden und danach auf nimmer Wiedersehen zu verschwinden. Deshalb lebe ich jetzt hier und warte...“
„Auf den Tod?“
„Auf meinen Tod. Ja!“
Mathilde sah sich in der verfallenen Hütte um. Viele Winter und Sommer mussten vergangen sein, als hier noch Menschen lebten. Der alter Herd war von Rost überzogen. Töpfe und Pfannen standen auf einem Tisch, der von Holzwürmern erobert worden war. In einer Ecke hatte sich Knurri ein Lager eingerichtet. Er schlief auf einer Decke, die die Menschen wohl zurück gelassen haben. Um sein Lager hatte der alte Keiler Flechten und Moos aufgeschichtet.
Knurri verfolgte Mathildes Blick: „Ja, so habe ich meinen geliebten Waldgeruch bis zuletzt.“
Vielleicht, um ihm neue Lebenskraft zu geben oder aus Sorge um die anderen Wildschweine sagt Mathilde darauf: „Das Rudel braucht dich. Es ist verwirrt und kopflos, Knurri. Ist dir das egal?“
Der alte Keiler schwieg. Sein grunzendes Seufzen bedeutete: Ich denke nach. Lange Zeit dachte er nach.
Mathilde, die Angst hatte, allein nicht den Weg zurück in ihren vertrauten Wald zu finden, fragte, um die beklemmende Ruhe zu unterbrechen: „Wo bin ich hier eigentlich?“
Knurri riss sich aus seinen Gedanken: „Keine Angst, ich bringe dich zurück bis an die Grenze zu unserem alten Waldes. Den Rest schaffst du allein.“
„Und was soll ich dem Rudel berichten?“
„Nichts!“ 
„Nichts?“, Mathilde ist ratlos.
Aber von einer Sekunde auf die andere änderte sich die Szene. Wie ein wilder Stier sprang der alte Keiler so stürmisch durch das morsche Haus, dass die Balken knarren und Staubwolken aufwallten.
„Ich habe es, ich habe es!“ grunzte er laut erregt. Dann beruhigte er sich etwas und kam Mathilde verschwörerisch nahe.
„Ich habe eine Idee“, begann er, „Du wirst die Wildschweine führen.“
„Das ist ein Witz, oder?“
„Nein, nein. Das ist die Lösung!“
Knurri hatte seinen entschlossenen Blick: „Wir treffen uns hier regelmäßig bis zu meinen endgültigen Abgang. Ich bringe dir alles bei, was du über das freie Leben der Wildschweine wissen musst. Und mit diesem Wissen und deiner Begabung, die Menschen zu durchschauen, werdet ihr unschlagbar sein.“
Und so geschah es dann auch. Knurri und Mathilde trafen sich heimlich viele Male.  Mathilde lernte von Knurri, ein fast echtes Wildschwein zu werden. Und Knurri war ein geduldiger Lehrer. Mathilde stellte Fragen über Gott und die Welt. Gibt es einen Gott für die Schweine? Das war so eine Frage.
„Nein“, sagte  Knurri sagt: „Diese Gott muss noch erfunden werden.“
Darauf Mathilde: „Und wer hat mir die Kraft gegeben, aus Ollis Schweinemast-Betrieb zu fliehen?“
„Vielleicht ich?“
„Genau! Dann bist du also unser Schweinegott, Knurri?“
„Nun bleib mal auf dem Teppich, Mathilde.“
Tagelang können Mathilde und Knurri sich nun ungestört in oder vor dem verfallenen Haus unterhalten. Oft bricht die Nacht herein und sie haben sich immer noch etwas zu erzählen. Meistens hört Mathilde zu oder stellt Fragen. Und weil hier weit und breit keine Menschen leben, benutzen beide wieder die Dunkelheit, um sich zum schlafen niederzulegen. So wie es früher einmal üblich war. Denn die Wildschweine sind erst nachtaktiv geworden, als sie bei ihrer täglichen Nahrungssuche immer mehr von den Menschen gestört wurden. Dafür stören die Wildschweine jetzt nachts die Menschen, indem sie in ihre Gärten eindringen und die Beete mit den frischen Pflanzen als ihren gedeckten Tisch betrachten.
Ja, Knurri weiß viel. Mathilde bewundert Knurri, der die Gabe hat, die Menschen in ihrem nicht immer logischen Tun zu durchschauen.
„Es gab eine Zeit, da haben sich die Menschen genau so ernährt, wie wir es bis heute nicht anders kennen. Auch sie ernährten sich von Pflanzen, Kräutern und Wurzeln. Dann wurden sie sesshaft, Dörfer entstanden, und sie hielten sich Haustiere.“
„So, wie Ringelpütz seinen Kahn.“
„Wer ist Kahn, Mathilde?“
„Na, Ollis Hund. Kennst du nicht! Erzähl weiter!“
„Hunde haben die Menschen auch gehabt, um Raubtiere nachts zu verscheuchen.“
„Du meinst Tiger, Panther und Co?“
„Wer ist Co?“
„Ach, so ein Buchtitel.“
Damit kann Knurri nichts anfangen und fährt fort: Von da an haben sich die Zweibeiner auch Schweine gehalten, um sie zu schlachten und zu essen. Von diesem Augenblick an waren die Menschen nicht mehr so wie wir.“
„Wann war das?“
„Keine Ahnung. Aber sie tun es bis heute: Das Schlachten.“
Mathilde seufzt: „Ich weiß.“
„Und jetzt bin ich müde“, sagt der alte Keiler. „Aber morgen zeige ich dir was Interessantes.“
Am nächsten Morgen weckt sie die Sonne, die sich durch die dreckigen Scheiben und unzähligen Spinnweben einen Weg in das Innere des Hauses gebahnt hat. Nach einem ausgiebigen Frühstück, das der Waldboden beiden reichlich bietet, brechen sie auf. Mathilde weiß nicht wohin. Knurri spielt den Geheimnisvollen.
Die Sonne hat längst ihren Zenit erreicht, und die Wanderung der beiden Schweine nimmt kein Ende. Sie erklimmen Hügel für Hügel. In den Tälern laden kleine Moorseen zum Suhlen, zum Ausruhen ein. Aber Knurri drängt: “Wir müssen weiter.“
Mathilde fragt sich, woher der alte Keiler die Kraft nimmt, um diesen langen Marsch zu bewältigen. Ihr geht schon langsam die Puste aus. Und während sie gehen und gehen, erzählt ihr Knurri nebenbei auch noch interessante Geschichten.
„Du musst wissen, dass vor langer, langer Zeit eine gewaltige Eiszeit diese Landschaft geformt hatte. Die Eislawine kam aus dem kalten Norden und hatte mit ihrer gewaltiger Wucht Sand, Geröll, kleine und große Granitsteine vor sich hergeschoben. Immer weiter und weiter bis hierher.“
„Und wo ist jetzt das Eis?“
„Das hat sich wieder zurück in den Norden verzogen.“ 
Plötzlich ist der Wald zu ende, und die Schweine stehen vor einer Ansammlung von Häusern. Mathilde denkt erst einmal, das sei wieder so eine Kulisse für eine Theateraufführung wie damals auf der Waldwiese. Aber Knurri belehrt sie: „Das hier ist ein Dorf. Richtiger: ein verlassenes Dorf. Hier haben früher die Zweibeiner gelebt. Doch dann sind sie weggezogen. Haben alles stehen und liegen lassen.“
Mathilde staunt: „Gab es hier Zwerge?“
„Wie kommst du denn darauf?“
„Die Häuser sind groß. Die Zimmer in der Scheune aber sind klein und dunkel.“
„Das sind keine Zimmer, Mathilde. Das waren die Ställe für die Hausschweine.“
„Auch ganz schön eng hier.“
„Ja, aber die Hausschweine hatten auch Auslauf. Auf der Wiese hier, auf dem ganzen Hof. Sie konnten in der Erde wühlen, auf die abgeernteten Felder gehen.“
„Echt?“
„Echt!“
„Und was bekam die Hausschweine von den Menschen, um satt zu werden?“
„Dasselbe, was die Zweibeiner auch gegessen haben: Kartoffeln, Gerstenmehl, Karotten, Steckrüben...“
„Wie im Paradies,“
Doch Knurri zerstört ihren Traum: „Am Ende wurden auch alle Hausschweine getötet.“
„Warum?“
„Weil die Menschen sie gegessen haben.“
„Hm...“
„Der Unterschied zu heute ist nur, dass aus den Hausschweinen Mastschweine geworden sind. Du warst also kein Hausschwein, Mathilde. Du warst ein Mastschwein. Und heute bist du ein Wildschwein.“
Mathilde fühlt so etwas wie Stolz.
Aber Knurri belehrt sie weiter: „Früher hielt man sich nur so viele Schweine, wie man brauchte, um über den Winter zu kommen. Mit Würsten, Speck und so weiter. Heute mästet man die armen Schweine für die Supermärkte. Aber weil keiner weiß, wie viel Schweinefleisch die Zweibeiner haben wollen, wird immer weiter gemästet und gemästet.“
Knurri ist erregt von seinen Erklärungen und Mathilde total beeindruckt von seinem Wissen.
Der alte Keiler zeigt ihr das gesamte Dorf. Es hat etwas Geisterhaftes in seiner Verlassenheit, weckt aber Mathildes Neugier: „Warum ist es von den Zweibeinern verlassen worden?“
„Die alten Zweibeiner sind hier alle gestorben. Und die jungen sind weg gezogen. In die große Stadt. Alle in der Hoffnung, dort das große Glück zu finden. Für sie ist ein Leben in der Stadt spannender, verlockernder. Du hast sie doch besonders nachts auch erahnen können, die große Stadt. Sie liegt dort, wo der Horizont fast so hell ist wie am Tag.“
Mathilde schwirrt der Kopf: „Was meinst du, Knurri, wird es hier irgend wann wieder Menschen geben?“
„Das kann ich dir nicht sagen. Es könnte passieren, dass sich hier ein paar Leute ansiedeln, die es schön finden, wieder in der Vergangenheit zu leben. Es könnte aber auch sein, dass so einer wie Ringelpütz kommt und einen Schweine-Mastbetrieb betreiben will.“
„Oder es bleibt alles so, wie es jetzt ist.“
„Ja, das könnte auch passieren. Aber ich habe bis heute nicht begriffen, was die Menschen eigentlich wollen. Ich habe sie mein Leben lang beobachtet und bin nicht schlau aus ihnen geworden. Sie sagen und denken so oder so und tun danach das Gegenteil. Nur ein Beispiel: Sie malen kleine, niedliche Schweine auf Postkarten und verschicken sie an Freunde als Glücksbringer. Anschließend kaufen sie sich  jede Menge Schweineschnitzel, um sie zu braten und zu essen.“
Die Nacht hat längst den Wald erobert, als Knurri und Mathilde, nun todmüde, wieder in ihrem verfallenen Haus zurück sind, sich auf ihre Lager werfen und sofort einschlafen. Mathilde kann sich am anderen Tag an keinen Traum erinnern, den sie vielleicht geträumt hatte. Aber Knurri scheinen die Träume nicht loszulassen. Er wälzt sich auf seinem Lager immer noch hin und her, während Mathilde längst den Waldboden nach Essbarem durchwühlt.
Endlich kommt auch Knurri aus seiner Lumpengruft, erschnuppert die warme Herbstsonne und sagt: „Meine Augen werden immer schlechter. Ich kann kaum noch etwas sehen. Nur riechen kann ich noch ganz gut.“
Mathilde ist voller Sorge. Aber sie muss heute zurück zu ihrer Wildschwein-Truppe. Die denkt bestimmt, sie komme nie mehr zurück. Denn schon vier Nächte und Tage lebt sie jetzt hier bei Knurri, der ausgerechnet sie zum Leittier für die wilde Rotte ausgesucht hat. Viel gelernt hat sie von dem alten Keiler. Aber auch gemerkt, dass er auf manche ihrer vielen Fragen keine Antwort hat. Da muss sie wohl selbst sehen, wie sie die undisziplinierte Horde bei der Stange hält. Vorausgesetzt, die Wildschweine sind überhaupt bereit, sie als Boss zu akzeptieren. Wenn sie an Herki denkt, wird ihr gleich ganz mau in der Magengegend. Weiß der Teufel, was der inzwischen wieder angerichtet hat.
Ja, es ist Zeit, von Knurri Abschied zu nehmen. Beide gehen noch einmal auf Tuchfühlung. Das bedeutet, sie beide reiben sich aneinander. Was ein Zeichen von unbegrenztem Vertrauen, von Freundschaft und Hochachtung ist. Das graue Fell des alten Keilers piekt zwar  immer noch Mathildes fast rosige zarte Haut, aber das lässt sie sich nicht anmerken.
Sie muss sich beeilen. Der Rückweg ist nicht ohne Gefahr. Trotzdem bleibt sie noch einmal stehen, um Knurri Lebewohl zu sagen. Der alte Keiler steht mit traurig hängendem Kopf vor seiner verfallenen Hütte. Und als sie ihn so sieht, weiß sie: Das wird das letzte Bild sein, das sie von ihm in Erinnerung behält.
Und so kommt es auch. Als sie ihn beim nächsten Vollmond ihn noch einmal besuchen will, steht das Haus leer. Von Knurri ist weit und breit nichts zu sehen. Sie sucht ihn verzweifelt. Wagt sich allein in das verlassene Dorf hinein. Kein Knurri. Nur ein Fuchs spaziert furchtlos durch die Straßen, als gehöre hier alles ihm allein.

Fortsetzung folgt.

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