Mathilde Teil 3
DER BÖSE SIGGI
Nun überschlagen
sich die Ereignisse: Knurri, der alte Keiler, ist verschwunden. Uschi hat
Ringelpütz mit seiner Mastzucht verlassen. Und Ökobauer Saubermann träumt,
seitdem er den bösen Landvogt in „Wilhelm Tell“ geben durfte, von einer großen
Karriere als Schauspieler. Außerdem ist er unsterblich verliebt.
Mathilde hat
vergebens gehofft, Ringelpütz auf der Bühne in dem Theaterstück wieder zu
erkennen. So sehr sie auch guckte: Kein Olli mit einem angeklebten Bart wie
Saubermann. Unter den Zuschauern vielleicht? Auch nicht, Mathilde hätte ihn
sofort erkannt mit seinen unnachahmlichen Gang, mit den Händen rudernd, als
balanciere er auf einem Seil.
Was sie nicht
wissen kann, dass Olli mit dem furzenden Kahn in seiner Küche sitzt. Und vor lauter Kummer
über Uschis Abgang Saubermanns Weihnachtsgeschenk, einen hochprozentigen
Selbstgebrannten, niedermacht.
Doch zurück zu
Saubermann! Keiner ahnte ja bisher so richtig, was in dem Mann vorging.
Saubermann, inzwischen dreiundvierzig Jahre alt, ist immer noch auf der Suche
nach der Frau seines Lebens. Aber welchen Lebens? Das als Öko-Landwirt? Nein!
Zu viel Arbeit, zu viel Unkraut, zu wenig Ertrag, zu geringe Einnahmen. Denn
obwohl Biobauern angeblich ein gutes Geschäft machen, hat Saubermann das bei
sich noch nicht feststellen können. Und seine Kunden, die meistens direkt auf
den Hof kommen, fragen zu viel: Ist da auch kein Kunstdünger drin? Sind die
Tomaten auch Freiland, also in der Sonne gereift? Ist der Kürbis frei von
Pestiziden?
Ja! Nein! Ja!
Nein! Saubermann gibt dann gern den Maulfaulen. Am wohlsten fühlt er sich immer
noch auf der Jagd. Aber mit wem? Ringelpütz ist ja als Jäger eine Katastrophe.
Und andere Freunde hat Saubermann kaum. Außerdem ist er gern allein. Am
liebsten würde er eher heute als morgen den ganzen Hof verkaufen. Doch wo viel
Arbeit wartet, gibt es kaum Interessenten. So ist das nun mal.
Jetzt, glaubt
Saubermann, dass sein Schicksal sich gewendet hat. Seit er auf der
Freilichtbühne im Wald gespielt hat, weiß er endlich, was er will: Schauspielern.
Der Regisseur war
doch voller Lob: „Sie sind eine Naturbegabung. Sie könnten alle klassischen
Bösewichte spielen.“ Und auch Gunild, die, wie sie sagt, eine ausgebildete Schauspielerin sei, hat ihm für
sein Spiel Komplimente und verliebte Augen gemacht. Gunild hat die Berta im
„Wilhelm Tell“ gespielt, die er in dem Drama nicht als Braut bekommt, weil er
schließlich von Tell mit der Armbrust erschossen wird.
Gunild hat ihn
auch nach den Vorstellungen auf seinem Hof besucht. Hat sich alles genau
angesehen und gefragt: „Wann musst du morgens aufstehen?“ Er hat eine Fangfrage
gewittert und diplomatisch geantwortet: „Mal so, mal so.“
Dann hat Gunild
von einer Daily Soap erzählt, die demnächst ein Privat-Fernsehsender auf dem
nahegelegenen Campingplatz produziert. In dieser täglichen TV-Serie soll es um
das Leben der Camper untereinander gehen, und Gunild wird darin mitspielen.
Natürlich die Hauptrolle. Sie könnte für Saubermann, den sie Siggi nennt, die
Verbindung herstellen. Zu Sophie, der Produzentin. Die suche noch nach
Naturbegabungen, wie er eine ist.
Es kommt, wie es
kommen muss: Siggi Saubermann wird engagiert. Für die Rolle „Der böse Karl“.
Das ist der Unruhestifter, der die Camper mit Lust schikaniert. Und Gunild muss
sich mit einer Nebenrolle abfinden. Im richtigen Leben aber schnappt sie sich
die Hautrolle: Sie wird Saubermanns Freundin, nach seinem Versprechen, sie
eines Tages als Braut und Ehefrau heim zuführen. Aber in welches Heim? Das
einzige Hindernis nämlich ist Siggis Biohof, mit dem Gunild nichts am Hut hat.
Sie träumt schon ein Leben lang von einer Sechs-Zimmer-Wohnung in einer großen
Stadt. Wenn möglich in Berlin.
EIN BRIEF MIT
FOLGEN
Eines Tages rollt
ein Geländewagen auf den Hof von Ollis Schweinemastbetrieb. Es ist ein
Geländewagen, den Ringelpütz sehr gut kennt. Und den Besitzer natürlich auch.
Er ist sein ehemaliger na, sagen wir mal, Halb-Freund und derzeitige Intimfeind
Saubermann.
Was hat das zu
bedeuten?
Saubermann,
angezogen wie aus dem Katalog einer sauteuren Herrenboutique, springt aus
seinem Geschoss und ruft: „He, Ringelpütz, bist du zu Hause?“
Ringelpütz, allein
mit Kahn in der Küche, spielt erst einmal die Rolle Hier-ist- keiner-zu-Hause.
Er rührt sich nicht.
„Ich muss mit dir
reden, Ringelpütz.“
Aber Olli nicht
mit Saubermann.
„In alter
Freundschaft.“
Was für eine
Freundschaft? Will er mich wieder zu einem Jagdausflug überreden? Nicht mit
Olli Ringelpütz.
„Ich schenke dir
meinen Biohof. Was sagst du dazu?“
Saubermanns Stimme
hallt über den Hof, als probe er einen Bühnenauftritt.
Das ist doch bloß
wieder so ein Windei, denkt Olli und beschließt weiter, nicht zu Hause zu sein.
Aber Kahn durchkreuzt seinen Beschluss. Freudig mit dem Schwanz wedelnd rennt
er aus dem Haus und nähert sich Saubermann vertrauensvoll wie einem alten
Bekannten. Der tätschelt ihm Schnauze und Fell. Beide sind ein Herz und eine
Seele. Olli muss durch das Küchenfenster mit ansehen, wie sein Hund Saubermanns
Hand abschleckt.
Scheißköter, denkt
Olli und erscheint in der Haustür: „Was willst du, Saubermann?“
„Mit dir reden.“
„Wir haben uns
nichts mehr zu sagen. Ich mäste meine Schweine, mit was ich will Und du gibst
deinen Pflanzen, was du willst. Punkt!“
Saubermann spielt
den Versöhnlichen: „Alles Schnee von Gestern, Olli! Die Lage hat sich
verändert. Mit dem Biobauer Saubermann ist Schluss. Aus! Finito!“
Olli überlegt fast
eine Minute, was er darauf antworten soll. Dabei guckt er sich Saubermann
genauer an. Zweifellos: Auch Saubermann hat sich verändert. Keine grüne Schürze
mehr, keine Gummistiefel. Dafür rote Jeans, blaues Hemd, zierliche braune
Slipper. Der Geländewagen ist gewaschen und poliert. Irgend etwas ist passiert.
„Und von was
willst du dann leben, Saubermann?“
„Darf ich rein
kommen?“
Ringelpütz gibt
die Haustür frei.
In der Küche
registriert Saubermann, dass Olli nicht ganz im Gleichgewicht ist. Die Küche
sieht aus, als habe hier eine polizeiliche Eingreiftruppe nach Terroristen
gesucht. Und schon erfährt er den Grund dieser Unordnung: Uschi hat Olli
verlassen. Ist zu einer Freundin nach... Olli kramt einen Zettel aus seiner
Hose und liest: Altena, Schillerstraße...
„Das ist ja
furchtbar!“ Saubermann spielt Anteilnahme. Erzählt dann aber nahtlos von seiner
neuen Karriere: „Übrigens Schillerstraße! Schiller hat mir Glück gebracht. Du
weißt, ich habe den Landvogt im „Tell“ auf der Freilichtbühne gespielt. Sag,
wie war ich?“
„Nichts gesehen,“
gesteht Olli.
„Warum nicht?“
Saubermann ist irritiert.
„War zu sehr mit
Uschis Abgang beschäftigt. Übrigens, dein selbst gebrannter Schnaps ist Mist,
Saubermann. Am anderen Tag wollte ich am liebsten sterben.“
Saubermann
überhört das Vorwurf. Ein Streit passt jetzt nicht hier her. Stattdessen
erzählt er, was sich in seinem Leben in letzter Zeit so abgespielt hat: Daily
Soap, Gunild und so weiter. Kahn liegt unter dem Tisch, hat die Augen
geschlossen, träumt und seufzt zufrieden, als habe er auch eine Hauptrolle
bekommen.
Olli ist neugierig
geworden: „Und in dieser Daily Soap spielst du täglich diesen Kerl...?“
„Karl“, verbessert
Saubermann.
„...diesen Karl,
meinetwegen?“
„Jeden Tag. Und
zweimal wird gesendet. Am Abend und
nachts noch einmal.“
Olli fällt auf,
dass sich auch Saubermanns Stimme verändert hat. Er spricht wie der
Deutschlehrer in der Schule. Die Worte kommen im Ganzen. Die Silben verschluckt
er nicht mehr. Olli ist einerseits davon beeindruckt. Auf der anderen Seite
spürt er Minderwertigkeitskomplexe in sich aufsteigen.
Aber schließlich
fängt er sich wieder: „Und welche Rolle spiele ich in dieser Komödie?“
„Natürlich keine.“
Saubermann denkt nur an seine Daily Soap und merkt nicht gleich, was Ringelpütz
meint.
„Womit kann ich
dienen?“ Olli ist jetzt neugierig geworden.
„Ach so! Also, ich
stelle mir Folgendes vor: Du verkaufst deinen Mastbetrieb „Sau-Gut“ an den
Großproduzenten „Glückliche Tiere“ und übernimmst meinen Hof mit dazu gehöriger
Kundschaft. Dafür bezahlst du mir monatlich eine kleine, sagen wir, Rente. Der
Vorteil: Dein schlechtes Gewissen deinen Schweinen gegenüber entfällt und...“
„Wieso habe ich
ein schlechtes Gewissen...?“
„Ach komm, das
hast du mir doch immer erzählt, Olli.“
„Kann mich nicht
daran erinnern.“
Beide sitzen
schweigend in der vom Chaos heimgesuchten Küche. Saubermann weiß, dass
Ringelpütz meistens eine Weile braucht, um einen Gedanken zu formulieren. Was
wird jetzt kommen?
„Wie viel Geld
verdienst du mit deiner Fernsehserie?“
Jetzt weiß
Saubermann nicht gleich, was er antworten soll. Diese Frage hat er nicht
erwartet. Deshalb erst einmal Schweigen.
Nach einer Weile
Ringelpütz: „Wie viel?“
Saubermann: „Man
kann gut davon leben.“
„Und wenn die
Serie nicht ankommt beim Publikum?“
„Darüber denke ich
nicht nach.“
„Solltest du aber.
Plötzlich musst du wieder den Biobauern spielen.“
„Niemals! Gunild
zieht nicht aufs Land.“
„Ach, so, so...
interessant.“
Schweigen.
Saubermann zieht
einen As aus den Ärmel: „Wenn du meinen Biohof übernimmst, kommt Uschi
garantiert zurück.“
Ringelpütz ist
elektrisiert: „Meinst du?“
Saubermann: „Ich
bin sicher. Denk mal nach, ihr beide ohne die Mastschweinezucht , ohne Gestank,
ohne fallende Fleischpreise. Dafür mit einem kleinen Ponyhof, einem Bioladen.
Im Winter bastelt Uschi Ketten oder was ihr so liegt. Im Sommer könnt ihr das
alles verkaufen. Ich spreche hier über eine zusätzliche Einnahme .“
Ringelpütz: „Die
Schweinezucht würde ich ganz und gar aufgeben und mein Land zusätzlich für
Biogemüse nutzen.“
„Warum nicht?“
Saubermann spürt, dass Olli angebissen hat. Wie ein Hecht, der auf einen bunten
Köder herein fällt, denkt er.
Olli geht an den
Kühlschrank und holt sich eine Flasche Bier: „Du auch?“
„Aber nur eine.“
„Mehr habe ich
auch nicht.“
Saubermann holt
noch ein As aus den Ärmel: „Wir könnten Uschi eine SMS schicken: 'Komm zurück!
Ich bin jetzt Biobauer. Dein dich liebender Olli! Na, was meinst du?“
Olli nimmt einen
gewaltigen Schluck aus der Flasche. Kahn erwacht. Er ahnt Veränderungen.
Olli nimmt noch
einen Schluck: „Einverstanden!“
Am Abend, allein
in der Küche, in der trotz der Unordnung noch immer der angenehme Duft von
Uschi hängt, formuliert Olli seinen Brief an „Uschi Wiegand, z.Zt. bei …“ Dass Uschi
auf seine SMS noch nicht reagiert hat, ist ihm egal. Der Brief soll besser
ausdrücken, was gerade in ihm vorgeht. Er schreibt:
„Liebe Uschi,
ja, ich liebe Dich
noch immer. Wie Du aus meiner SMS erfahren hast, hat sich hier urplötzlich
vieles verändert. Nein, so viel weißt Du ja noch gar nicht. Also, der Reihe
nach. Saubermann verkauft seinen Biohof und wird Fernsehstar. Oder so was
Ähnliches. Ich kaufe seinen Biohof und werde Biobauer. Den Schweinemastbetrieb
gebe ich auf. Hier brauche ich schon einmal dringend Deine Entscheidung.
Verkaufe ich den ganzen Mist oder höre ich mit der Mastzucht einfach auf?
Letzte Woche haben
wieder so ein paar Demonstranten vor unserem Hof... ich darf doch „unserem“ schreiben?... mit
Plakaten und Betttüchern, auf denen stand „Nieder mit der Schweinequälerei“ und
andere Parolen, demonstriert. Ich habe, gelinde gesagt, die Schnauze gründlich
voll...“
An dieser Stelle
streikt Ollis Kugelschreiber. Die schwarze Tinte ist alle. Gedanken verloren
greift er zu dem nächsten Kugelschreiber, der in seiner Reichweite liegt. Es
ist ein Kugelschreiber, der mit roter Tinte schreibt. In sattem Rot steht da
auf dem Papier:
„Du fehlst mir...“
Olli beschließt,
den Brief mit roter Tinte weiter zu schreiben.
„Wie wäre es, wenn
wir beide noch einmal ganz von vorn anfangen? Keine Mastschweine. Dafür ein
Ponyhof. Vielleicht auch ein paar Kamele. Warum nicht? Sonntags kommen Eltern
mit ihren Kindern, kaufen frisches Gemüse, die Kleinen vergnügen sich mit den
Pferdchen...Vielleicht könnten wir noch einen Gnadenhof für alte Tiere...“
An dieser Stelle
merkt Olli, dass die Gefühle mit ihm durchgehen. Bleibe sachlich, Olli, ermahnt
er sich.
„Natürlich muss
sich das alles rechnen. Ich habe mal grob durchgerechnet. Es sollte klappen.
Aber nur mit Dir...“
Jetzt kommen Olli
schon fast die Tränen vor Rührung
„Kahn ist ganz
traurig und spielt nicht mehr mit mir Fußball. Er vermisst Dich genau so wie
ich...“
Das ist jetzt
eindeutig eine Lüge.
„Wann kommst Du
zurück? Ich hole Dich auch ab. Mit dem Auto. Wo genau liegt eigentlich das Dorf
Deiner Freundin?
Dein Olli, der
sich so sehr nach Dir sehnt.“
Nicht schlecht,
sagt sich Ringelpütz, nachdem er den Brief noch mal durchgelesen hat. Steckt
ihn in einen Umschlag. Briefmarke drauf. Fertig! Spätabends fährt er noch zum
Supermarkt, um ihn in den einzigen Briefkasten, den es hier weit und breit
gibt, zu werfen.
Erst drei Tage
später hält Uschi den Brief in ihren Händen. Die Post ist auch nicht mehr von
der schnellen Truppe.
Idiot, sagt sie
nach dem ersten Durchlesen. Beim zweiten Durchlesen aber überfällt sie die
Rührung. Besonders Ollis Idee, einfach mit roter Tinte weiterzuschreiben,
treibt ihr ein paar Tränen in die Augen.
EIN SELTSAMER
UNFALL
Der Fahrer hat das
junge Mädchen an der Tankstelle für Lastkraftwagen mitgenommen. Sie stand vor
ihm, wie hingezaubert, als er aus dem Schnellimbiss kam. Sie sah gut aus, fand
er. Ihre Kleidung hatte zwar etwas bizarr Verwegenes mit den vielen grell
bunten Tüchern, in denen sie eingehüllt in dieser kühlen Nacht auf eine
Mitfahrgelegenheit wartete. Aber das war ihm egal. Er wollte einen
Gesprächspartner haben, damit er am Steuer nicht einschläft.
So kamen sie ins
Gespräch, während der Laster eintönig über die nächtliche Autobahn brummt.
„Schweine“,
erzählt er, „sind hochsensible Lebewesen. Die ahnen ihren Tod voraus. Glaub
mir, die wissen genau, dass ich sie zum Schlachthof fahre.“
„Und warum fährst
du sie dann zum Schlachthof?“
„Na, hör mal, das
ist mein Job. Ich mache das schon seit zehn Jahren.“
Er streckt der
Tramperin während der Fahrt seine rechte Hand entgegen: „Ich heiße Curzio. Das
ist auch einer der Vornamen von Napoleon. Und du, wie heißt du?“
Die vielleicht
Zwanzigjährige erwidert nur zögernd seinen Händedruck und murmelt einen Namen,
den er nicht richtig versteht.
„Mareike?“
Die Tramperin
nickt und schweigt.
Das Asphaltband,
das sich Richtung Süden schlängelt, ist um diese Uhrzeit fast autoleer.
Lastwagen dürfen nachts sowieso nicht fahren Es sei denn, sie befördern
verderbliche Ware. Schweine sind
verderbliche Ware. Auch darüber kann Curzio viel erzählen: Bevor er mit
seinen Transport im Schlachthof ankommt, sind manchmal einige Tiere schon an
Herzstillstand gestorben. Zu viel Aufregung. Sind es zu viele tote Schweine,
dann kommen die Fragen: Wie lange warst du unterwegs? Bist du Umwege gefahren?
War es zu heiß für die Tiere?
Das sind keine
Fragen aus Mitleid. Hier geht es nur um Ware, die nicht mehr für die
Weiterverarbeitung zu gebrauchen ist.
Curzio redet und
redet. Die Tramperin neben ihm schweigt.
„Schläfst du?“
„Nein, rede nur
weiter.“
Und so erzählt er,
dass die Schweine auf seinem Laster diesmal aus einem deutschen Mastbetrieb mit
dem Namen „Sau-Gut“ kommen - und wohl bald zu „original italienischen Schinken“
verarbeitet werden.
„Verrückt. was?
Und der Besitzer von diesem „Sau-Gut“-Mastbetrieb heißt auch noch Ringelpütz.
Ist das nicht saukomisch?“
Der Fahrer lacht
laut und schlägt mit der rechten Hand auf sein Lenkrad ein, als wolle er seinen
Lachanfall damit unterstützen.
„Ja, wirklich
saukomisch“, murmelt das Mädchen neben ihm.
„Und dann hat
dieser Ringelpütz...“, wieder ein Lachanfall, „mir auch noch erzählt, dass er
seinen Schweinemastbetrieb aufgeben werde, dass das ganz sicher die letzten
Schweine seien, die ich von seinem „Sau-Gut“ abholen könne.. Dass er seine
Zukunft als Biobauer sehe. Er habe jedesmal wie ein Hund gelitten, wenn seine
Schweine...Er hat wirklich s e i n e gesagt...in den Schlachthof
abtransportiert worden sind.“
Nach ein paar
Minuten Schweigen fragt Curzio erstaunt: „Sag mal, warum erzähle ich dir das
eigentlich alles?“
„Vielleicht, weil
du auch ein schlechtes Gewissen hast. Wenn du die Tiere in den Schlachthof
fahren musst?
„ Hab ich nicht!
Ein schönes Schweinesteak... nichts dagegen! Und du?“
„Ich esse kein
Schweinefleisch.“
„Was dann?“
„Was man so im
Wald findet.“
„Du sammelst
Pilze?“
„Auch.“
„Ich bin
Italiener, komme aus Apulien. Dort gibt es Pilze über Pilze. Trüffeln. Schon
mal probiert? Eine Delikatesse. Weiß du, wo Apulien liegt? Mareike? Richtig?“
Ohne, ihre Antwort
abzuwarten, erzählt er von seiner italienischen Heimat.
Italien sieht ja
aus wie ein Stiefel. Da unten liegt Apulien.“
Er greift mit der
Hand an sein rechtes Bein zwischen Wade und Ferse: „Hier etwa.“
Der Wagen kommt
ins Schlingern. Vollführt leicht tanzende Bewegungen. Einmal links, einmal
rechts. Nach etwa hundert Metern hat der Fahrer den Lkw wieder auf Spur. Die
armen Schweine in dem Transporter sind jetzt bestimmt unsanft aus ihrem
unruhigen Schlaf wachgerüttelt worden.
„Das war knapp“,
sagt die Tramperin.
„Kein Problem“,
sagt Curzio und lacht.
„Erzähl weiter von
diesem Apulien.“
„Apulien war
einmal ein Paradies. Und mein Vater dort Bauer. Er ist tot. Wir hatten Schafe,
Ziegen, Olivenbäume.“
„Auch Schweine?“
„Natürlich. Die
liefen frei herum. Nicht wie diese armen Viecher hier auf meinem Wagen, die nie
die Sonne gesehen haben. Die sich ein Leben unter Eichenwäldern und
Esskastanien gar nicht vorstellen können.“
„Und wie sieht es
heute dort aus? In Apulien? Du redest nur von der Vergangenheit.“
„Das Dorf, in dem
ich aufgewachsen bin, steht leer. Komplett leer. Keine Menschenseele weit und
breit..“
Will er nichts
mehr über sich und über Apulien erzählen? Curzio schaltet das Radio ein. Ein
privater Dudelfunk meldet: Zur Zeit keine Unfälle auf allen Autobahnen. Dann
singt Marianne Rosenberg „Du gehörst zu mir...“ Curzio schaltet das Radio
wieder aus. „Immer diese Uraltschnulzen. Wo willst du überhaupt hin?“
„Wie weit fährst
du?“
„Bis in die Nähe
von Parma. Dort muss ich meine Fracht abliefern. Parma ist weiter oben auf
diesem Stiefel.“
Erst jetzt fällt
ihm auf, dass die Tramperin gar kein Gepäck dabei hat. Interessiert mustert er
sie von der Seite.
Sie spürt seine Blicke:„Was ist?“
„Ich wundere mich,
dass du keine Tasche oder so was Ähnliches dabei hast.“
„Ich bin
abgehauen. Hab es zu Hause nicht mehr ausgehalten. War mir alles zu eng.“
Damit gibt sich
Cuzio zufrieden. Ist es ihm damals in Apulien nicht so ähnlich ergangen? Eines
Tages stand er auf dem Bahnhof von Bari. Weil er nicht bis an sein Lebensende
Schafe weiden, den kargen Hof auf dem kalkigen Boden weiter bewirtschaften
wollte Sein Vater, schon mit 57 Jahren ein alter Mann, war gerade gestorben.
Und seine Mutter zu ihrer Schwester Maria in den Nachbarort gezogen. Weil Maria
noch immer eine kleine Salumeria betreibt. Das sind diese Läden, in denen man
schnell ein paar Delikatessen zum Mitnehmen einkaufe oder sich an einen der
wenigen Tische setzen kann, um sie gleich dort zu verzehren. Curzios Mutter war
als Hilfe in der Küche sofort herzlich willkommen. Denn sie ist und bleibt eine
ausgezeichnete Köchin.
Das alles geht ihm
durch den Kopf, während sein Laster Richtung Italien rollt. Immer, wenn er eine
Fracht dort abliefern muss, packt ihn das Heimweh. Und in seiner engen
Fahrerkabine scheint es plötzlich nach Lavendel zu duften. Überhaupt nach den
Kräutern, die in Apulien wachsen. Auf dem Bahnhof von Bari hat er damals mit sich gerungen: Soll er einfach in den Zug
steigen und alles hinter sich lassen? Doch dann ist er noch einmal zurück
gegangen. Aber nur, um seine Schafe zu verkaufen. Schweine und Hühner, hat er
verschenkt, das Haus abgeschlossen, und die Fahrkarte gekauft. Nach Frankfurt
am Main. Tedesca. Ohne Rückfahrt. Luigi, sein
Schulfreund hatte geschrieben: Du kannst bei mir wohnen, bis du einen
Job hast. Null problemo.
Vielleicht, denkt
Curzio, wird er erst als alter Mann wieder zurück auf seinen Hof gehen. Um dort
zu sterben. Denn die Bilder seine Kindheit, seiner Jugend werden ihn nicht
loslassen. Ihn verfolgen bis in seine Träume: Der spärliche Schatten der
Olivenbäume und die vertrocknete Erde der weiten Hochebene, die sich nach Regen
sehnt.
Das war das letzte
Bild, das er noch vor Augen hatte – dann ist alles ganz schnell passiert. Curzio nahm aber das Geschehen wahr wie ein
Film, der ganz langsam läuft.
Später hat er zu
Protokoll gegeben: Vor meinem Wagen stand plötzlich ein Wildschwein - so groß
wie ein Elch.
Die Polizeibeamten
haben Curzio mitleidig gemustert: „Sollen wir das tatsächlich so
protokollieren?“
Er aber ist bei
seiner Aussage geblieben und hat noch eine Schippe draufgelegt, wie man so
sagt: „Ich habe eine Tramperin mitgenommen. Aber genau in dem Augenblick, in
dem ich den Wagen kurz vor dem Wildschwein zum Stehen bringen konnte, sah ich,
dass sich die Tramperin, die aus dem
Laster flüchtete...“
„Weiter“, drängeln
die Beamten.
„...in eine
Hausschwein verwandelt hat. Ich glaube, mit einem schwarzen Herz auf der
rechten Schinkenseite. Aber das kann ich nicht beschwören.“
Corzio hat auf
sein Hinterteil gedeutet: „Hier, an der Stelle war das schwarze Herz.“
„Und ich gehe
heute Abend mit meiner verstorbenen Uroma in die Disco“, hat einer der beiden
Polizisten gegrinst.
“Stefan,, halte
dich zurück,“ sagt der andere Beamte, „Sie haben doch nichts gegen eine
Blutprobe?“
Curzio: „Ihr wollt
mich wohl für dumm verkaufen?“
Darauf der andere
Beamte: „Diese Frage wollte ich Ihnen gerade stellen. Wie sah sie denn aus, die
Tramperin, die Sie mitgenommen haben? Ich meine, als sie noch ein Mensch war?“
Jetzt freuten sich beide Beamten über den gelungenen Witz.
Curzio will den
Witz nicht verstehen und denkt nach: „Sie sah ein bisschen aus wie dieses
verrückte Mädchen in diesem schwedischen Krimi...wie heißt sie doch
gleich?...Lisbeth oder so...“
„Welcher Krimi?
Aus Schweden kommen viel Krimis.“ fragt der andere Beamte.
Curzio lässt sich
nicht aus der Ruhe bringen, obwohl er gerade einen Unfall gebaut hat: „Ja, sie
sah genau so abgegriffen aus. Wie diese Lisbeth... Salander. Genau.“
Er strahlt, als
wäre ihm gerade die 5oo ooo-Euro-Frage bei „Wer wird Millionär“ eingefallen.
„Und der Autor
heißt Larsson. Stieg Larsson“.
„Bravo!“ sagen
beide Beamte fast syncron.
So war das hin und
her gegangen. Curzio musste sein Blut abgeben, weil die Polizisten sich sicher
waren, er habe zu tief ins Glas geguckt. Natürlich hatte er kein Alkohol
getrunken und blieb bei seiner Aussage. Die Tramperin war wie vom Erdboden
verschluckt. Und ein Wildschwein weder überfahren noch sonst wie aufgespürt
worden. Dass sich bei Curzios Vollbremsung die hintere Ladeluke geöffnet und
ein Großteil der Schweine über die Autobahn verwirrt das Weite im angrenzenden
Wald gesucht hatte, war eine andere
Sache. Curzio schwor, dass er vor der Fahrt alles kontrolliert hätte. Die
Ladung sei gesichert gewesen. Wie immer.
Aber Curzio
selber? War er müde?
Nein, nein und
immer wieder nein!
Und die
Halluzinationen?
Nein, darüber
wolle er jetzt nicht mehr reden.
Aber was ist aus
den Schweinen geworden, die unfreiwillig in die Freiheit entlassen wurden und
in den Wald verkrümelt hatten?
Einige konnten
wieder eingefangen werden. Ein paar aber waren gar nicht weggelaufen sondern
ängstlich grunzend in der Nähe des Lkws geblieben. Acht Schweine sind
gestorben: Herzinfarkt. Die Aufregung ist einfach zu groß für sie gewesen. Und
zwei Schweine sind tagelang ziellos durch den Wald geirrt. Dann hat Mathilde
sie gestellt und gegrunzt: „Ihr seid jetzt vogelfrei!“
„Was ist
vogelfrei?“
„Vogelfrei
bedeutet, dass man geächtet ist. Keine Rechte mehr hat. Und von jedem getötet
werden kann.“
„Rechte hatten wir
vorher auch nicht. Und töten konnte uns auch jeder, der wollte.“
„Aber jetzt seid
ihr in Freiheit“
„Dieser Wald hier
- das soll die Freiheit sein?“ fragten die zwei schlachtreifen Hausschweine
ängstlich.
„Probiert es!“
Ja, nein, ja,
nein! Die zwei konnten sich nicht einigen. Das Letzte, was Mathilde von ihnen
gehört hatte, war, dass sie schließlich wieder bei Ringelpütz aufgetaucht sind.
Und noch ein
Nachspiel hat jener unheimliche, nächtliche Unfall auf der Autobahn gehabt:
Curzio hat seinen Beruf als Lkw-Fahrer aufgegeben. Mit dem kleinen Geschäft
neben seiner Wohnung hatte er nämlich schon lange geliebäugelt und weil der
Schuster darin ein alter Mann war, der sich zur Ruhe setzen wollte, hatte
Curzio den Laden kurz entschlossen gemietet und sich mit seinem Gesparten eine
alte Gaststätten-Einrichtung gekauft. Fünf Tische, zwanzig Stühle, dazu ein
Tresen mit einer Glasvitrine für frische Antipasti...
So hatte er sich
das jedenfalls vorgestellt, bis ihm einfiel, dass er ja gar nicht kochen
konnte. Und deshalb schrieb er nach langem Zweifeln und Grübeln nach Apulien:
Liebe Mama,
ich bin kein
Lastwagenfahrer mehr. Ich besitze jetzt ein kleines Restaurant. Aber ich kann
nicht kochen, weil ich nie aufgepasst habe, wenn Du daheim in unserer Küche die
köstlichsten Gerichte gezaubert hast...“
Und dann schrieb
er auch noch, dass er Tag und Nacht an sie denke und hoffe, dass sie gesund
sei. Der Brief endete mit der Bitte, ihm viele gute und einfache Rezepte zu
schicken. Die kamen umgehend. Und Mama gleich mit.
Man erzählt sich
inzwischen: Der kleine aber feine „Italiener“ - wie heißt er doch gleich? -
ganz in der Nähe vom Hauptbahnhof sei unschlagbar. Vor allem Mamas Spaghetti:
Gelbe Paprikaschoten, weiße Zwiebeln, frische, geschälte Tomaten, zubereitet
mit Rotweinessig - Aceto Balsamico - und reichlich Kapern. Das ist der
heimliche Hit für alle Feinschmecker in der Stadt.
NEUE HEIMAT?
In diesem Jahr
melden sich die Herbststürme mit besonderer Wucht. Viele Bäume haben sofort vor
ihnen kapituliert. Einige glitten fast geräuschlos zu Boden. Andere fielen
krachend in sich zusammen. Der Wald hat sein Herbstkleid angezogen. Die Blätter
der Bäume färben sich in ein schmutziges Graubraun oder ein leuchtendes Rot.
Die Jagdsaison
verlief für die Wildschweine bisher glimpflich ab. Zwar kamen ein paar aus dem
Rudel in die Schusslinie der Jäger. Aber die meisten hatten noch die Mahnungen
des alten Keilers im Kopf: Immer in die Richtung der Treiber laufen. Die haben
keine Schusswaffen, die euch töten können.
Saubermann hat
seine Jagdleidenschaft vorerst an den Nagel gehängt. Er nimmt
Schauspiel-Unterricht. Spätestens im Mai soll die Camping-Soap starten.
Die Windböen
vereinen die Baumkronen zu einem rauschenden Gesang, der nur vom Ächzen der
Äste und Stämme unterbrochen wird. Gönnt sich der Sturm eine Atempause, erfüllt
das Schreien der Wildgänse, die unbeirrt auf ihrem Weg nach Süden sind, hoch
oben in der Luft. Ihre spitzwinkligen Formationen erkennt man zwischen dahin
eilenden Wolkenfetzen, die der Nordostwind vor sich hertreibt.
Mathilde weiß
inzwischen, dass all diese Ereignisse Vorboten den Winters sind. Und sie kann
sich noch gut an die eiskalten Nächte erinnern, an denen der Hunger sie und das
Rudel in die Nähe der Menschen-Siedlungen getrieben hatte. Wie wird das in
diesem Winter werden?
Die Wildschweine
sind seit dem plötzlichen Verschwinden des altes Keilers ein wenig ratlos.
Keiner weiß so richtig, wer nun das Sagen hat. Boris? Der ist zu gütig, um
energisch durchgreifen zu können. Herki plustert sich zu gerne auf. Und seine
Aktionen sind umstritten. Einfach in die Autos der Menschen einzusteigen, das
ist schon mehr als verwegen. Und seine letzte „Heldentat“, sich auf der Autobahn
vor Curzios Schweinelaster zu stellen, fand Mathilde einfach dumm und
gefährlich. Zugegeben, ihr Plan, beim nächsten Halt des Lasters die Schweine
durch Öffnen der Laderampe zu befreien, hätte auch nicht viel gebracht. Denn
inzwischen haben sich wohl alle Schweine, die auf den Transport nach Italien
waren, wieder einfangen lassen. Auch die beiden, die Mathilde noch im Wald
aufgestöbert hatte, sind aus Angst vor der Freiheit schließlich zu Ringelpütz
zurück gelaufen. Mathilde konnte sie nicht zum Bleiben überzeugen.
Dafür ist ihre
Meinung neuerdings zunehmend bei den Wildschweinen gefragt. Selbst die Bachen,
die Mütter mit ihren Frischlingen, die Mathilde immer misstrauisch gegenüber
gestanden haben, suchen jetzt ihre Nähe, erwarten Ratschläge von ihr. Auch
Boris, der sie mit seiner Fürsorge behütet hatte, Ist nun zu ihrem Bewunderer
geworden. Weil sie inzwischen Gefahren früher erkennt, als die Wildschweine.
Weil sie wohl über außergewöhnliche Gaben verfügt Nur Herki lässt sich davon
nicht beeindrucken, tanzt weiter aus der Reihe und sucht sich seine Abenteuer.
Allerdings wirkt
Mathilde auch etwas unheimlich. Was hat das zu bedeuten, wenn Mathilde tagelang
verschwunden ist? Wenn unter den Wildschweinen schon böse Gerüchte die Runde
machen. Zum Beispiel: Die kommt nie wieder. Die ist zu den Zweibeiner zurück
gegangen. Denn keiner aus dem Rudel weiß, wo sie ist. Selbst Boris, dem ein
besonderes Verhältnis zu Mathilde
nachgesagt wird, ist ratlos wie die
Übrigen.
Mathilde ist
einfach weg, wie vom Erdboden verschluckt. Plötzlich ist sie wieder da. So
selbstverständlich, als wäre ihr Wegsein das Natürlichste der Welt. Keiner
erfährt, wo sie war. Obwohl sie ihr Geheimnis gern los werden würde. Aber
versprochen ist versprochen. Und deshalb erfahren nur wir die Geschichte:
Es war ein
sonniger Herbsttag, vielleicht neun Nächte nach Knurris geheimnisvollem Abgang,
als Mathilde, auf der Suche nach Nahrung, sich immer tiefer in einen ihr unbekannten
Wald verirrte. Sie merkte es erst, als der Boden nicht mehr so eben wie sie es
gewohnt war. Steile Abhänge musste sie überwinden. Und wenn sie einen Hügel erklommen hatte, kam schon der
nächste., den sie mehr rutschend als laufend bewältigte. Am Ende wusste
Mathilde überhaupt nicht mehr, wo sie sich befand. Jedenfalls längst nicht mehr
in ihrem Wald. Dann aber – Überraschung – roch sie den typischen strengen
Geruch der Wildschweine. Immer näher schnüffelte sie sich an den Geruch heran,
bis sie vor einem verfallenem Haus angekommen war.
Vorsichtig wagte
sie sich in das Haus. Denn die Tür stand offen,
hing fast lose in den Angeln. Das könnte auch eine Falle sein, dachte
Mathilde. Schon einmal ist sie ja auf einen üblen Tríck von Ringelpütz hereingefallen
und hat sich fangen lassen. Doch wie üblich, war ihre Neugier auch diesmal
größer als ihre Angst. So wie sie es einfach nicht lassen kann, sich in die Gedankenwelt der Zweibeiner
einzuklicken. Wenn sie will, kann sie auch lesen, was die Menschen geschrieben
haben. Zwar braucht ihr Gehirn noch ein gewisses Training, die Geschichte zu
verarbeiten, zu verstehen. Doch allmählich weiß sie schon eine Menge über
Ringelpütz und Seinesgleichen. Was sie allerdings nicht begreift: Dass die
Menschen nicht nur die Schweine reihenweise schlachten, sondern auch sich
selber. Dieses Ritual hat doch keine Logik.
Mathilde wurde aus
ihren Gedanken gerissen, als sie plötzlich ein tiefes Grunzen hinter sich hörte: „Was machst du denn hier?“
Sie wollte sich
umdrehen. Denn sie ahnte, wem dieses Grunzen gehörte.
Aber die Stimme
befahl: „Bleibe, wo du bist.“
Mathilde
gehorchte, und die Stimme fragte weiter: „Wie bist du hierher gekommen? Wie
hast du mich gefunden?“
Mathilde
antwortete. „Das weiß ich nicht... Knurri?“
Sie drehte sich
um. Tatsächlich, vor ihr stand Knurri. Der alte Knurri, der nun noch etwas
älter aussah.
Sie sahen sich an,
und waren beide gerührt. Sie sprachen lange miteinander. Am Ende beschlossen
sie, sich öfter zu sehen. Mathilde wollte auf seine Ratschläge nicht
verzichten. Und der alte Keiler liebte ihre Gesellschaft. Das also war der
Grund für Mathildes geheimnisvolle Verschwinden von Zeit zu Zeit.
„Was hast du
damals gedacht, als du mich gefunden hattest?“ hat Knurri sie später einmal
gefragt.
„Ich dachte, du
wärst ein Geist.“
Der alte Keiler
grunzte stoßweise, was ein Lachen sein sollte. Danach erfuhr Mathilde die ganze
Geschichte von ihm und seinem Verschwinden.
„Ich bin alt“,
begann er, „wie alt, weiß ich nicht. Besonders der letzte Winter war fürchterlich für mich.“
Mathilde, die
schaudernd an die kalten Nächte zurückdachte, spürt echtes Mitgefühl.
„Ich glaubte schon
an das Ende meiner Tage und Nächte. Doch dann kam der Frühling, Und es ging mir
wieder besser. Aber schon im Sommer, im späten Sommer, gleich nach diesem
Menschen-Theater auf der Waldwiese. hatte ich erneut diese Sehnsucht, mich
auszuruhen. Verstehst du, für immer auszuruhen.“
Mathilde glaube,
ihn zu verstehen. Sie war sich sicher, dass er über seinen Tod sprach.
„Nun ist es bei
uns Tieren, die in Freiheit leben, so, dass wir uns einen einsamen Platz
suchen, wenn wir das Ende fühlen. Die Jüngeren, die können fliehen, wenn Gefahr
droht, aber ein alter Keiler wie ich,
ist in solchen Situationen nur noch eine Last. Also hatte ich beschlossen,
allen meinen Wildschweinen noch mal ins Gewissen zu reden und danach auf nimmer
Wiedersehen zu verschwinden. Deshalb lebe ich jetzt hier und warte...“
„Auf den Tod?“
„Auf meinen Tod.
Ja!“
Mathilde sah sich
in der verfallenen Hütte um. Viele Winter und Sommer mussten vergangen sein,
als hier noch Menschen lebten. Der alter Herd war von Rost überzogen. Töpfe und
Pfannen standen auf einem Tisch, der von Holzwürmern erobert worden war. In
einer Ecke hatte sich Knurri ein Lager eingerichtet. Er schlief auf einer
Decke, die die Menschen wohl zurück gelassen haben. Um sein Lager hatte der
alte Keiler Flechten und Moos aufgeschichtet.
Knurri verfolgte
Mathildes Blick: „Ja, so habe ich meinen geliebten Waldgeruch bis zuletzt.“
Vielleicht, um ihm
neue Lebenskraft zu geben oder aus Sorge um die anderen Wildschweine sagt
Mathilde darauf: „Das Rudel braucht dich. Es ist verwirrt und kopflos, Knurri.
Ist dir das egal?“
Der alte Keiler
schwieg. Sein grunzendes Seufzen bedeutete: Ich denke nach. Lange Zeit dachte
er nach.
Mathilde, die
Angst hatte, allein nicht den Weg zurück in ihren vertrauten Wald zu finden,
fragte, um die beklemmende Ruhe zu unterbrechen: „Wo bin ich hier eigentlich?“
Knurri riss sich
aus seinen Gedanken: „Keine Angst, ich bringe dich zurück bis an die Grenze zu
unserem alten Waldes. Den Rest schaffst du allein.“
„Und was soll ich
dem Rudel berichten?“
„Nichts!“
„Nichts?“,
Mathilde ist ratlos.
Aber von einer
Sekunde auf die andere änderte sich die Szene. Wie ein wilder Stier sprang der
alte Keiler so stürmisch durch das morsche Haus, dass die Balken knarren und
Staubwolken aufwallten.
„Ich habe es, ich
habe es!“ grunzte er laut erregt. Dann beruhigte er sich etwas und kam Mathilde
verschwörerisch nahe.
„Ich habe eine
Idee“, begann er, „Du wirst die Wildschweine führen.“
„Das ist ein Witz,
oder?“
„Nein, nein. Das
ist die Lösung!“
Knurri hatte
seinen entschlossenen Blick: „Wir treffen uns hier regelmäßig bis zu meinen
endgültigen Abgang. Ich bringe dir alles bei, was du über das freie Leben der
Wildschweine wissen musst. Und mit diesem Wissen und deiner Begabung, die
Menschen zu durchschauen, werdet ihr unschlagbar sein.“
Und so geschah es
dann auch. Knurri und Mathilde trafen sich heimlich viele Male. Mathilde lernte von Knurri, ein fast echtes
Wildschwein zu werden. Und Knurri war ein geduldiger Lehrer. Mathilde stellte
Fragen über Gott und die Welt. Gibt es einen Gott für die Schweine? Das war so
eine Frage.
„Nein“, sagte Knurri sagt: „Diese Gott muss noch erfunden
werden.“
Darauf Mathilde:
„Und wer hat mir die Kraft gegeben, aus Ollis Schweinemast-Betrieb zu fliehen?“
„Vielleicht ich?“
„Genau! Dann bist
du also unser Schweinegott, Knurri?“
„Nun bleib mal auf
dem Teppich, Mathilde.“
Tagelang können
Mathilde und Knurri sich nun ungestört in oder vor dem verfallenen Haus
unterhalten. Oft bricht die Nacht herein und sie haben sich immer noch etwas zu
erzählen. Meistens hört Mathilde zu oder stellt Fragen. Und weil hier weit und
breit keine Menschen leben, benutzen beide wieder die Dunkelheit, um sich zum
schlafen niederzulegen. So wie es früher einmal üblich war. Denn die
Wildschweine sind erst nachtaktiv geworden, als sie bei ihrer täglichen
Nahrungssuche immer mehr von den Menschen gestört wurden. Dafür stören die
Wildschweine jetzt nachts die Menschen, indem sie in ihre Gärten eindringen und
die Beete mit den frischen Pflanzen als ihren gedeckten Tisch betrachten.
Ja, Knurri weiß
viel. Mathilde bewundert Knurri, der die Gabe hat, die Menschen in ihrem nicht
immer logischen Tun zu durchschauen.
„Es gab eine Zeit,
da haben sich die Menschen genau so ernährt, wie wir es bis heute nicht anders
kennen. Auch sie ernährten sich von Pflanzen, Kräutern und Wurzeln. Dann wurden
sie sesshaft, Dörfer entstanden, und sie hielten sich Haustiere.“
„So, wie
Ringelpütz seinen Kahn.“
„Wer ist Kahn,
Mathilde?“
„Na, Ollis Hund.
Kennst du nicht! Erzähl weiter!“
„Hunde haben die
Menschen auch gehabt, um Raubtiere nachts zu verscheuchen.“
„Du meinst Tiger,
Panther und Co?“
„Wer ist Co?“
„Ach, so ein
Buchtitel.“
Damit kann Knurri
nichts anfangen und fährt fort: Von da an haben sich die Zweibeiner auch
Schweine gehalten, um sie zu schlachten und zu essen. Von diesem Augenblick an
waren die Menschen nicht mehr so wie wir.“
„Wann war das?“
„Keine Ahnung.
Aber sie tun es bis heute: Das Schlachten.“
Mathilde seufzt:
„Ich weiß.“
„Und jetzt bin ich
müde“, sagt der alte Keiler. „Aber morgen zeige ich dir was Interessantes.“
Am nächsten Morgen
weckt sie die Sonne, die sich durch die dreckigen Scheiben und unzähligen
Spinnweben einen Weg in das Innere des Hauses gebahnt hat. Nach einem
ausgiebigen Frühstück, das der Waldboden beiden reichlich bietet, brechen sie
auf. Mathilde weiß nicht wohin. Knurri spielt den Geheimnisvollen.
Die Sonne hat
längst ihren Zenit erreicht, und die Wanderung der beiden Schweine nimmt kein
Ende. Sie erklimmen Hügel für Hügel. In den Tälern laden kleine Moorseen zum
Suhlen, zum Ausruhen ein. Aber Knurri drängt: “Wir müssen weiter.“
Mathilde fragt
sich, woher der alte Keiler die Kraft nimmt, um diesen langen Marsch zu
bewältigen. Ihr geht schon langsam die Puste aus. Und während sie gehen und
gehen, erzählt ihr Knurri nebenbei auch noch interessante Geschichten.
„Du musst wissen,
dass vor langer, langer Zeit eine gewaltige Eiszeit diese Landschaft geformt
hatte. Die Eislawine kam aus dem kalten Norden und hatte mit ihrer gewaltiger
Wucht Sand, Geröll, kleine und große Granitsteine vor sich hergeschoben. Immer
weiter und weiter bis hierher.“
„Und wo ist jetzt
das Eis?“
„Das hat sich
wieder zurück in den Norden verzogen.“
Plötzlich ist der
Wald zu ende, und die Schweine stehen vor einer Ansammlung von Häusern.
Mathilde denkt erst einmal, das sei wieder so eine Kulisse für eine
Theateraufführung wie damals auf der Waldwiese. Aber Knurri belehrt sie: „Das
hier ist ein Dorf. Richtiger: ein verlassenes Dorf. Hier haben früher die
Zweibeiner gelebt. Doch dann sind sie weggezogen. Haben alles stehen und liegen
lassen.“
Mathilde staunt:
„Gab es hier Zwerge?“
„Wie kommst du
denn darauf?“
„Die Häuser sind
groß. Die Zimmer in der Scheune aber sind klein und dunkel.“
„Das sind keine
Zimmer, Mathilde. Das waren die Ställe für die Hausschweine.“
„Auch ganz schön
eng hier.“
„Ja, aber die
Hausschweine hatten auch Auslauf. Auf der Wiese hier, auf dem ganzen Hof. Sie
konnten in der Erde wühlen, auf die abgeernteten Felder gehen.“
„Echt?“
„Echt!“
„Und was bekam die
Hausschweine von den Menschen, um satt zu werden?“
„Dasselbe, was die
Zweibeiner auch gegessen haben: Kartoffeln, Gerstenmehl, Karotten,
Steckrüben...“
„Wie im Paradies,“
Doch Knurri
zerstört ihren Traum: „Am Ende wurden auch alle Hausschweine getötet.“
„Warum?“
„Weil die Menschen
sie gegessen haben.“
„Hm...“
„Der Unterschied
zu heute ist nur, dass aus den Hausschweinen Mastschweine geworden sind. Du
warst also kein Hausschwein, Mathilde. Du warst ein Mastschwein. Und heute bist
du ein Wildschwein.“
Mathilde fühlt so
etwas wie Stolz.
Aber Knurri
belehrt sie weiter: „Früher hielt man sich nur so viele Schweine, wie man
brauchte, um über den Winter zu kommen. Mit Würsten, Speck und so weiter. Heute
mästet man die armen Schweine für die Supermärkte. Aber weil keiner weiß, wie
viel Schweinefleisch die Zweibeiner haben wollen, wird immer weiter gemästet
und gemästet.“
Knurri ist erregt
von seinen Erklärungen und Mathilde total beeindruckt von seinem Wissen.
Der alte Keiler
zeigt ihr das gesamte Dorf. Es hat etwas Geisterhaftes in seiner Verlassenheit,
weckt aber Mathildes Neugier: „Warum ist es von den Zweibeinern verlassen
worden?“
„Die alten
Zweibeiner sind hier alle gestorben. Und die jungen sind weg gezogen. In die
große Stadt. Alle in der Hoffnung, dort das große Glück zu finden. Für sie ist
ein Leben in der Stadt spannender, verlockernder. Du hast sie doch besonders
nachts auch erahnen können, die große Stadt. Sie liegt dort, wo der Horizont
fast so hell ist wie am Tag.“
Mathilde schwirrt
der Kopf: „Was meinst du, Knurri, wird es hier irgend wann wieder Menschen
geben?“
„Das kann ich dir
nicht sagen. Es könnte passieren, dass sich hier ein paar Leute ansiedeln, die
es schön finden, wieder in der Vergangenheit zu leben. Es könnte aber auch
sein, dass so einer wie Ringelpütz kommt und einen Schweine-Mastbetrieb
betreiben will.“
„Oder es bleibt
alles so, wie es jetzt ist.“
„Ja, das könnte
auch passieren. Aber ich habe bis heute nicht begriffen, was die Menschen
eigentlich wollen. Ich habe sie mein Leben lang beobachtet und bin nicht schlau
aus ihnen geworden. Sie sagen und denken so oder so und tun danach das
Gegenteil. Nur ein Beispiel: Sie malen kleine, niedliche Schweine auf
Postkarten und verschicken sie an Freunde als Glücksbringer. Anschließend
kaufen sie sich jede Menge
Schweineschnitzel, um sie zu braten und zu essen.“
Die Nacht hat
längst den Wald erobert, als Knurri und Mathilde, nun todmüde, wieder in ihrem
verfallenen Haus zurück sind, sich auf ihre Lager werfen und sofort
einschlafen. Mathilde kann sich am anderen Tag an keinen Traum erinnern, den
sie vielleicht geträumt hatte. Aber Knurri scheinen die Träume nicht
loszulassen. Er wälzt sich auf seinem Lager immer noch hin und her, während
Mathilde längst den Waldboden nach Essbarem durchwühlt.
Endlich kommt auch
Knurri aus seiner Lumpengruft, erschnuppert die warme Herbstsonne und sagt:
„Meine Augen werden immer schlechter. Ich kann kaum noch etwas sehen. Nur
riechen kann ich noch ganz gut.“
Mathilde ist
voller Sorge. Aber sie muss heute zurück zu ihrer Wildschwein-Truppe. Die denkt
bestimmt, sie komme nie mehr zurück. Denn schon vier Nächte und Tage lebt sie
jetzt hier bei Knurri, der ausgerechnet sie zum Leittier für die wilde Rotte
ausgesucht hat. Viel gelernt hat sie von dem alten Keiler. Aber auch gemerkt,
dass er auf manche ihrer vielen Fragen keine Antwort hat. Da muss sie wohl
selbst sehen, wie sie die undisziplinierte Horde bei der Stange hält.
Vorausgesetzt, die Wildschweine sind überhaupt bereit, sie als Boss zu
akzeptieren. Wenn sie an Herki denkt, wird ihr gleich ganz mau in der
Magengegend. Weiß der Teufel, was der inzwischen wieder angerichtet hat.
Ja, es ist Zeit,
von Knurri Abschied zu nehmen. Beide gehen noch einmal auf Tuchfühlung. Das
bedeutet, sie beide reiben sich aneinander. Was ein Zeichen von unbegrenztem
Vertrauen, von Freundschaft und Hochachtung ist. Das graue Fell des alten
Keilers piekt zwar immer noch Mathildes
fast rosige zarte Haut, aber das lässt sie sich nicht anmerken.
Sie muss sich
beeilen. Der Rückweg ist nicht ohne Gefahr. Trotzdem bleibt sie noch einmal
stehen, um Knurri Lebewohl zu sagen. Der alte Keiler steht mit traurig
hängendem Kopf vor seiner verfallenen Hütte. Und als sie ihn so sieht, weiß
sie: Das wird das letzte Bild sein, das sie von ihm in Erinnerung behält.
Und so kommt es
auch. Als sie ihn beim nächsten Vollmond ihn noch einmal besuchen will, steht
das Haus leer. Von Knurri ist weit und breit nichts zu sehen. Sie sucht ihn
verzweifelt. Wagt sich allein in das verlassene Dorf hinein. Kein Knurri. Nur
ein Fuchs spaziert furchtlos durch die Straßen, als gehöre hier alles ihm
allein.
Fortsetzung folgt.
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