Matilde Teil 4
SOMMERGEDANKEN IM
WINTER
Heute scheint die
Sonne warm in den Herbstwald und verlockt die Menschen noch einmal zu
ausgiebigen Spaziergängen, zum Joggen oder stundenlangen Radfahren auf den
Waldwegen. Manche lassen ihre Hunde frei laufen, die laut bellend durch das
Unterholz jagen, als müssten sie sich selbst Mut machen. Mathilde amüsiert sich
jedes Mal, wenn solch ein kleiner Kläffer mit seinem hysterischen Bellen die
anderen Tiere verschrecken will.
Richtig unheimlich
sind ihr aber die mit Helmen und großen Sonnenbrillen verkleideten
Zweiradfahrer, die über Stock und Stein rasen. Die urplötzlich auftauchen und
schon wieder verschwunden sind, bevor man sie überhaupt wahrgenommen hat. Für
die Jogger dagegen empfindet Mathilde oft Mitleid. Besonders, wenn man die
Anstrengungen in ihren Gesichtern sieht.
Was sie überhaupt
nicht versteht, sind die Schwärmereien der Menschen für die Natur. Gerade jetzt
sammeln die Kinder die herunter gefallenen bunten Blätter der Bäume. Bestaunen
und bewundern sie, als seien sie Kostbarkeiten. Für Mathilde sind sie Vorboten
des kommenden Winters. Eines vielleicht noch strengeren Winters als der
vergangene. Deshalb ist es wichtig, sich schon jetzt genug Speck anzufressen,
um einigermaßen durch die kalte und karge Jahreszeit zu kommen. Mathilde und
die ganze Wildschwein-Truppe betrachten deshalb den Esskastanienbaum mit seinen
Früchten, zu dem sie jedes Jahr um diese Zeit aufbrechen, keineswegs als Wunder
der Natur. Für sie ist der Baum nichts weiter als ein Futterlieferant.
Jetzt ist es
wieder einmal soweit. Alle Wildschweine wissen, dass die Zeit reif ist für das
Köstlichste im Jahr - für die Esskastanien. Nur eins hat sich verändert: Es
gibt keinen alten Keiler mehr, der die Truppe sicher über die viel befahrenen
Straßen in den Garten mit dem großen Baum führen kann. Boris zeigt kein
Interesse, diese wichtige Aufgabe zu übernehmen. Er wühlt abseits vom Rudel im
Waldboden herum, als wolle er sich verstecken. Herki vielleicht? Bloß nicht!
Alle gucken
Mathilde an. Und Mathilde weiß, was die Stunde geschlagen hat. Jetzt ist sie
dran, die Führung zu übernehmen. Aber bevor sie aufbrechen, wälzt sie sich noch
einmal ausgiebig im Schlamm der Suhle. Um sich für die kommende Aufgabe zu
entspannen. Aber auch, um sich zu tarnen. Denn mit der schwarzen Moorkruste
wird sie nicht so schnell als Mastschwein von den Zweibeinern erkannt werden.
Außerdem wird sie links und rechts von Boris und Herki flankiert, die freudig
bereit sind, die „kluge Mathilde“ zu schützen und ansonsten froh sind, keine
größere Verantwortung übernehmen zu müssen.
Die Bezeichnung
„kluge Mathilde“ hat Boris erfunden, der inzwischen überzeugt ist, dass
Mathilde mehr weiß, als sich ein normales Wildschweingehirn vorstellen kann.
Und ist das nicht Beweis genug? Während der alte Knurri seine Rotte noch über
belebte Straßen scheuchte, hat Mathilde sofort einen kürzeren Weg zu den
Esskastanien gefunden. Zwei Grundstücke durchqueren, einen morschen Jägerzaun
eindrücken, und schon ist man am Tatort. Genial!
Glücklich schlagen
sich alle Wildschweine die Bäuche voll. Aber die nicht nur kluge sondern auch
neugierige Mathilde interessiert sich wieder für das Haus. Steht darin immer
noch das große Sofa, auf dem sie sich so gemütlich herum lümmeln konnte, weil
die Terrassentür weit offen gestanden hatte?
Vorsichtig nimmt
sie die steinernen Stufen, auf denen sie damals beinahe ausgerutscht wäre. Und,
sie kann es nicht fassen: Die Terrassentür ist nur leicht angelehnt. Das
Wohnzimmer sieht noch genau so aus. Und das Sofa steht an seinem alten Platz.
Neu ist ein gewaltiger Fernseh-Apparat, der fast eine ganze Wand beherrscht.
Mathilde kann es nicht lassen, sie hechtet auf das Sofa, zerwühlt die
Kissenpracht.
Boris ist ihr aus
Sorge gefolgt ist: „Und wenn dich die Menschen hier erwischen, Mathilde?“
„Es gibt keine
Menschen hier.“
„Woher willst du
das wissen?“ Noch immer ängstlich, nähert sich Boris dem Sofa.
„Es passiert
nichts. Komm rauf! Die Zweibeiner, denen das Haus gehört, sind weit weg.“
Boris bleibt
mißtrauisch.
„Du musst es mit
einem Schwung probieren.“
Boris gehorcht und
landet direkt neben Mathilde. So nahe ist er ihr noch nie gekommen. Aber
Mathilde interessiert sich gar nicht für ihn. Sie hat den Einschalter für den
Fernseher entdeckt.
„Überraschung!“
quiekt sie. Und tatsächlich, der große Bildschirm ist plötzlich gefüllt mit
Menschen, die ganz laut durcheinander reden. Boris wälzt sich erschrocken vom
Sofa, will in den Garten fliehen und die anderen Wildschweine warnen, weil das
Haus voller Zweibeiner sei.
„Bleib hier,
Boris. Sieh dir das an. Die Leute auf dem großen Bild sind nicht wirklich hier.
Die haben sich zu einem Spiel getroffen, weit weg. Aber die Menschen haben
etwas erfunden, womit wir jetzt diesem Spiel zuschauen können.“
Boris
misstrauisch: „Woher weißt du das alles, Mathilde?“
„Ach, wie soll ich
dir das jetzt erklären? Komm, gucken wir uns an, worüber die Zweibeiner sich
amüsieren. So lernst du sie am besten kennen.“
So erlebt Boris
seine erste Fernsehstunde. „Talente sind gefragt“ heißt die Show. Und man mag
es glauben oder nicht: Darin tritt ein Mann auf, der behauptet, die
Grunzsprache der Wildschweine zu verstehen. Deshalb grunzt er nun selber in
allen Tonlagen in ein Mikrofon. Die Leute in dem Saal lachen, aber Boris und
Mathilde verstehen kein Wort, was der Mann da im Fernsehen zusammengrunzt.
Schließlich bringt der Moderator einen Experten ins Spiel, der die Sprache der
Wildschweine studiert habe. Wer erscheint da auf der Bildfläche? Saubermann!
Saubermann erzählt über sein Leben als Jäger und Heger. Und behauptet, er beherrsche
die Sprache der Wildschweine.
„Sind die
Wildschweine nicht eine Plage geworden?“ fragt der Moderator.
Saubermann: „In
gewisser Weise ja. Aber der Mensch hat sich die Plage selbst geschaffen. Er
füttert die Wildschweine inzwischen wie Haustiere. Das geht natürlich nicht.“
„Da hat er Recht.“
murmelt Mathilde. „Das sollte sich mal Herki hinter seine Wildschweinohren
schreiben.“
Schließlich
versucht sich auch Saubermann noch an ein paar Grunzgeräuschen, die angeblich
„Achtung, Gefahr!“ bedeuten sollen. Aber der Moderator interessiert sich viel
mehr für Saubermanns neuen Job. Und so erfährt auch Mathilde, dass der Biobauer
seine Hof verkauft hat und demnächst als Schauspieler in der Daily-Soap
„Camping-Schicksale“ zu bewunders sei.
Zack! Wie in einem
magischen Zaubertrick verabschiedet sich das Bild.
„Das reicht!“
Mathilde hat den Ausschaltknopf gedrückt und schwingt sich elegant von der
Sitzlandschaft als habe sie das mehrmals geprobt.
„Warum? Jetzt
wurde es doch richtig interessant.“ mault Boris.
„Siehst du, dir
geht's wie den Zweibeinern. Kaum sitzt du vor der Bildwand, bist du süchtig
nach mehr. Schluss jetzt!“
Die Tage vergehen.
Nacht für Nacht wird es nun ein bisschen kühler. Die abgeworfenen Blätter der
Laubbäume bedecken den Waldboden und verwandeln sich langsam zu Humus, der im
Frühjahr Nahrung für neue Pflanzen sein wird. Kahle Äste ragen jetzt wie die
Vorboten des kalten Winters in den grauen Himmel. Und dann, eines Tages, ist es
soweit. Ganz kurz hatte sich die Sonne noch einmal durch die dichte Wolkenwand
geschmuggelt, nun aber tanzen schon winzige weiße Bällchen durch die Luft. Der
leichte Wind wirbelt sie so durcheinander, dass man nicht weiß, wo sie landen
werden: Auf der noch warmen Erde, auf der sie sofort in Wasser verwandeln? Auf
den kalten Ästen der Bäume, auf denen sie ihre weiße Pracht entfalten dürfen?
Oder auf Mathildes Zunge? Unbekümmert hat sie sich auf das Spiel „Schneeflocken
fangen“ eingelassen, obwohl sie ja weiß, dass dem ersten Schnee schnell der
Frost folgen wird.
Nun dauert es auch
nur noch wenige Tage bis der Wald eines Morgens mit einem weißen Tuch überzogen
ist. Mathilde schnuppert in die kalte Luft und fühlt, dass der Schnee noch
nicht liegen bleiben wird. Und so kommt es auch. Eine Warmfront aus Südwest
frisst die weiße Pracht noch einmal auf. Was den Wildschweinen sehr recht ist.
Denn so haben sie noch eine Frist bekommen, leichter ihre Nahrung zu finden.
Nur noch wenige
Spaziergänger stören jetzt die vorwinterlich gedämpfte Stimmung des Waldes.
Nebel liegt auf der Waldwiese. Die Tiere schätzen die Ruhe in ihrem Revier. Bis
zu dem Tag, als Menschen in roten Overalls aus mehreren Geländewagen klettern und
sich mit Stangen und allerlei technischem Gerät in den Wald verteilen. Die
Wildschweine sind ratlos. Jäger sind das nicht. Die Menschen stecken die
Stangen in den Boden und starren durch Geräte, die auf Stativen stehen. Viele
Stimmen hallen durch den Wald. Der Eichelhäher krächzt erschrocken auf.
Kein Tier – auch
Mathilde nicht - kann sich erklären, was das nun wieder zu bedeuten hat.
Tage vergehen, und
die Männer treiben sich noch immer im Wald herum. Stecken ihre rotweiß bemalten
Stöcke mal hier hin mal dort hin. Unterhalten sich laut oder übermitteln per
Handy Zahlen an einen anderen Trupp, der an einer anderen Stelle im Wald
offenbar die gleiche Arbeit verrichtet.
Nur so viel weiß
Mathilde: Diese Männer sind keine Waldarbeiter. Wie Bäume gefällt und mit
Maschinen in Minuten für den Abtransport zerlegt werde, das hat sie schon einmal
beobachten können. Hätte Knurri ihr erzählen können, dass diese Männer Geometer
sind? Und dass man Geometer auch Landvermesser nennt? Und hätte Knurri ihr auch
sagen können, was die Männer hier im Wald zu suchen haben?
Der Schnee fällt
zum zweiten Mal und bleibt diesmal liegen. Dafür sorgt der Frost, der so
überraschend gekommen ist wie die Geometer wieder verschwunden sind. Samt
Geräten. Es ist, als wären sie nie dagewesen. Bald haben die Tiere das kurze
Gastspiel der Eindringlinge in den dicken roten Overalls wieder vergessen. Auch
Mathilde verdrängt diese außergewöhnliche Ruhestörung im Wald.
Es folgend die
kalten Nächte, und Mathilde spinnt sich mal wieder ihr Schweine-Paradies
zusammen. Halb träumt sie es, halb wünscht sie es sich herbei. Ihr Paradies, in
dem es weder Frost noch Mangel an Nahrung gibt. Sie träumt von dem Land, von
dem Curzio, der die Schweine in den Schlachthof fahren sollte, geschwärmt hat.
Wie heißt es doch gleich - Apulien?
Wie das aber mit
Träumen so ist, sie haben mit der Wirklichkeit nur wenig zu tun. Und so ist ihr
Schweine-Paradies, das sie Apulien nennt, nur ein Gespinst aus lauter Wünschen.
Ob die je in Erfüllung gehen könnten? Keiner weiß es. Aber hat Mathilde nicht
einmal gehört, dass man nur fest daran glauben muss, damit sie eines Tages
Wirklichkeit werden – die Wünsche?
Jetzt aber hat der
Winter alles fest im Griff. Der Frost beherrscht den Wald. Viele Tiere hungern.
Die Vögel plustern ihr Gefieder auf, weil die Luft zwischen den Federn die
Kälte abhält. Einige Waldbewohner verkriechen sich zum Winterschlaf in ihren
Höhlen. Und Mathilde wird erneut bewusst, dass ein Mastschwein nicht für die
kalte Jahreszeit geschaffen ist. Obwohl sie reichlich Speck angesetzt hat, leidet
sie unter den Minusgraden. Und je unbändiger der Frost zuschlägt, umso
intensiver wünscht sie sich das Land, in dem die wärmende Sonne jeden Tag
scheint. Ein Land, in der Schweine nicht geschlachtet und gegessen werden. Der
Ort, in dem nicht das unheilvolle Klopfen der Treiber an den Bäumen die Lebens
bedrohende Jagd ankündigen. Doch während Mathilde noch zu träumen glaubt, hallt
genau dieses Klopfen durch den Wald. Und das bedeutet: Nicht allein der kalte
Winter, auch der Mensch ist ein Feind aller Schweine.
Mathilde zwingt
sich, Ruhe zu bewahren. Sie muss nachdenken. Schon treiben die Mütter ihre
Jungtiere panisch zusammen. Die Keiler werden als Kundschafter ausgeschickt.
Ihre Berichte klingen alle gleich: Es droht Gefahr! Am Rande des Waldes hat
sich eine große Jagdgesellschaft versammelt. Ganz in der Nähe, wo sie damals
von Boris und den anderen angehenden Keilern aus den Fängen von Saubermann und
Ringelpütz befreit worden war. Von dort droht der Tod.
Mathilde überlegt:
Also werde ich die Rotte in die andere Richtung führen müssen. Vielleicht in
den angrenzenden Wald, der direkt zu Knurris letztem Aufenthalt führt. Eine
kluge Entscheidung, wie sich später herausstellte. Denn erstaunt hatte die
Jagdgesellschaft am Ende feststellen müssen, dass sie diesmal kein Wildschwein
zur Strecke bringen konnten. Nach dieser Tat stieg Mathildes Ansehen unter den
Wildschweinen gewaltig.
Aber das soll
nicht ihre letzte Herausforderung in diesem Winter sein. Nach ein paar
besonders eisigen Tagen - der kalte Wind hatte den Schnee zu großen Wällen
aufgetürmt, in denen man rettungslos versinken konnte - steht auf der Waldwiese
plötzlich ein großer Topf, gefüllt mit noch dampfenden Kartoffeln. Wie ist er
dahin gekommen? Kein weiß es. Der Topf steht da und sein Inhalt umweht die
Schnauzen der ausgehungerten Wildschweine. Am liebsten möchten sich alle sofort
auf den warmen Kartoffeln gestürzt. Aber Mathilde kommt die ganze Geschichte
nicht geheuer vor. Ihr Vorschlag: „Wir warten bis es dunkel ist. Dann nähern
wir uns dem Topf von drei Seiten. Boris von der Seite, wo im Sommer die Bühne
gestanden hat. Herki, du von der gegenüber liegenden Seite. Und ich werde mich
gleichzeitig an mehreren Seiten zeigen, um die Zweibeiner zu verwirren.“
Herki: „Wie willst
du das denn anstellen, gleichzeitig an mehreren Seiten auftauchen, Mathilde?“
„Das lass meine
Sorge sein.“
Herki: „Der Plan
hat einen großen Fehler.“
„Und der wäre?“
Herki: „Bis es
dunkel ist, vergeht noch viel Zeit. Und bis dahin sind die Kartoffeln in dem
Topf eiskalt und schmecken nicht mehr.“
Das ist wieder
einmal eine typische Herki-Bemerkung. Mathilde muss eine Weile überlegen, was
sie darauf antworten soll.
Aber dann erklärt
sie ruhig: „Wir wissen nicht, wer den Topf hingestellt hat, Herki Vielleicht
hat derjenige den Plan, dich für einen schönen Braten einzufangen.“
Herki knickt ein:
„Okay, warten wir bis es dunkel ist.“
Mathilde wittert
einen gefährlich ertrauten Geruch. Was sie riecht, das sind nicht nur die
Kartoffeln. Verdammt, dass riecht doch auch nach...Sie zieht noch einmal die
Luft ein. Genau, das riecht nach Olli Ringelpütz, der sich hier in der Nähe
herum treiben muss.
Sie braucht nicht
lange zu suchen, bis sie seinen verrosteten russischen Geländewagen, Baujahr
Ich-weiß-nicht-mehr, in einer Waldschneise entdeckt. Also, doch eine Falle.
Leise pirscht sie sich an das Auto und entdeckt Kahn, der im abgesperrten Auto
auf dem Hintersitz hockt. Beide gucken sich eine ganze Weile erschrocken an.
Bis in Kahn das Jagdfieber erwacht und er seine Fangzähne fletscht und
gleichzeitig unbändig laut zu Bellen beginnt. Vorsichtshalber versteckt sich
Mathilde hinter einem großen Haselnussstrauch, der dick mit Schnee beladen ist
und sie dadurch fast unsichtbar macht. Sie wartet. Sie weiß, dass jetzt etwas
passieren wird.
Und siehe, es
dauert auch nicht lange, dass Ringelpütz durch den dichten Schnee gestampft
kommt. Er schließt das Auto auf, um Kahn zu beruhigen. Aber der, der doch sonst
auf jedes Kommando von Olli gehorcht, springt ihn geradezu an, um aus dem Auto
zu kommen. Dabei bellt er weiter wie ein wild gewordener Hofhund an der Kette.
Ringelpütz hält
ihn verärgert fest: „Halt die Schnauze, Kahn.“
Doch der Hund ist
außer Rand und Band. Kahns Bellen ist im ganzen Winterwald zu hören. Wütend
drängt ihn Olli in den Wagen, schließt seine „Rostlaube“ wieder ab und bleibt
erst einmal ratlos und verloren im Schnee stehen. Das ist der Augenblick für
Mathilde, um ihn leise von hinten anzusprechen. Sie hat sich ihm so genähert,
dass Kahn sie nicht sehen kann und gleich wieder zu toben beginnt.
„Olli Ringelpütz?“
Ringelpütz fährt
herum, verliert das Gleichgewicht und landet im dicken Schnee. Was er sieht,
glaubt er nicht. Mathilde steht vor ihm. Beide jetzt auf gleicher Augenhöhe,
weil Olli sich noch nicht aufgerappelt hat. Und wieder spricht Mathilde mit
ihm. Nein, diesmal ist er nicht besoffen.
Mathilde fragt:
„Ist das wieder eine Falle?“
Ringelpütz, der
versucht, aufzustehen, aber immer wieder zurück in den Schnee fällt, versucht
sich zu erklären „Nein. Ich dachte...“
Wieder will er
aufzustehen. Wieder klappt das nicht. Seine dicke Winterkleidung macht ihn so
unbeweglich, als stecke er in einem Weltraumanzug.
Mathilde genießt
seine Hilflosigkeit: „Du dachtest...was?“
Jetzt bleibt Olli
im Schnee sitzen: „Keine Falle. Ich schwöre. Ich will Kontakt mit dir
aufnehmen.“
Sie mustern sich
beide stumm. Fast eine Ewigkeit.
„Dünn bist du geworden“,
beginnt Olli wieder das Gespräch. „Es ist sicher nicht leicht, im Winter“, er
macht mit seinem rechten Arm eine ausladende Geste in die weiße Landschaft,
„hier zu leben.“
Mathilde
argwöhnisch: „Und deshalb stellst du uns hier die dampfenden Kartoffeln hin? Aus
Nächstenliebe?“
Olli: „Nicht ganz
aus Nächstenliebe. Oder..na,ja... doch aus Nächstenliebe.“
Mathilde: „Was
denn nun?“
Olli: „Ich will
dir einen Vorschlag machen.“
Mathilde: „Ach
ja?“
Olli: „Ja! Ich hab
nämlich den Biohof von Saubermann übernommen. Keine Schweinezucht mehr und so.
Verstehst du?“
Mathilde: „Und was
hat das mit mir zu tun?“
Olli: „Uschi,
meine Frau, die du wohl nur flüchtig kennst, will einen Gnadenhof für arme alte
Tiere einrichten. Und da habe ich gedacht, wir könnten mit dir anfangen. Du
bekommst bis an dein Lebensende bei uns Futter und Unterkunft. Na, was sagst du
dazu?“
Mathilde ist zwar
einerseits gerührt über Ollis Wandel vom Saulus zum Paulus. Andererseits hat
sie aber über ihr Alter noch nie nachgedacht. Ist sie denn auch schon so weit,
dass sie wie Knurri bald abtreten muss? Nein, eigentlich fühlt sie sich so, als
habe ihr Leben gerade erst begonnen.
„Ab wann gilt dein
Angebot?“
„Wenn du willst,
sofort.“
Mathilde überlegt.
Sie ist sich sicher, dass sie Ollis verlockende Angebot nicht annehmen wird.
Aber sie möchte ihm das auch nicht so direkt ins Gesicht sagen. Außerdem hat
sie noch einen listigen Hintergedanken.
„So schnell kann
ich das nicht entscheiden. Das verstehst du doch, Olli?“
„Der Winter soll
noch strenger werden, Mathilde.“
Mathilde seufzt:
„Wem sagst du das. Deshalb wäre es prima, wenn du uns jeden Tag so einen Topf
voll mit warmen gekochten Kartoffeln auf die Waldwiese stellen könntest.“
„Und wie lange
soll das gehen?“
„Bis ich eine
Entscheidung getroffen habe? Ist das fair, Olli?“
Ringelpütz weiß
nicht recht, ob das fair ist. Aber er willigt ein. Und so bekommen die
Wildschweine nun jeden Tag wohlschmeckende, warme Kartoffeln von Olli. Den
ganzen Winter über. Denn Mathilde kann und kann sich nicht entscheiden. Sagt
sie. Gnadenhof oder Wald? Zootier oder Freiheit? Mathilde hat längst ihre Wahl
getroffen: Auch wenn sie ihre Herkunft als Mastschwein nicht verleugnen kann,
sie gehört jetzt zu den Wildschweinen. Eine für alle – alle für eine!
FRÜLING, SOMMER,
HERBST UND WINTER
Es gibt Zeiten im
Leben, da plätschern die Tage dahin. Und es gibt Zeiten, da überschlagen sich
die Ereignisse. Ohne es zu wissen, steht Mathilde vor turbulenten
Veränderungen. Und auch bei Olli Ringelpütz und Siggi Saubermann spielt das
Schicksal verrückt. Die beiden wissen natürlich ebenfalls nicht, was die
Zukunft mit ihnen vor hat.
Der Winter war
nicht so hart wie in den vergangenen Jahren. Und dank der täglichen
Kartoffel-Ration, die Olli brav auf der Waldwiese abgestellt hat, sind die
kalten Tage für Mathilde und ihre Truppe sogar erträglich gewesen.
Der Frühling kommt
auch diesmal wie so oft ganz plötzlich. Ein warmer Wind fegt durch die Bäume im
Wald, tagelang, und hoppala hop sind Schnee und Eis verschwunden. Mathilde hat
allen Wildschweinen eingetrichtert, sich von den Menschen fern zu halten. Das
bedeutet: Keine Müllkästen mehr nach Essbarem durchwühlen, sich nicht mehr von
den Zweibeinern füttern lassen. Auch zu Ringelpütz hat sie jeden Kontakt
vermeiden können, obwohl er ein paarmal laut im Wald nach Mathilde gerufen hat.
Das war schon peinlich genug. Vor allem, weil Herki mit schaurig lautem Knurren
versucht hat, Ollis Rufe nachzuahmen. Das hörte sich bei Herki an, als würden
die Walddämonen ein Fest veranstalten. Nur das Röhren der Hirschmänner, wenn
sie sich zum Zweikampf stellen, um ihre Hirschfrauen zu erobern, klingt noch
gruseliger.
Und dann, eines
Tages, sind die Geometer, die Männer mit den grellen roten Jacken, wieder im
Wald. Mit weiß-roten Bändern markieren sie einige Waldstücke. Das sieht beunruhigend
aus. Auch Mathilde kann nur rätselt, was das zu bedeuten hat. Bis sie, gut
versteckt zwischen jungen dichten Tannen, eines Morgens einige Zweibeiner
belauscht, die vor einer Bauhütte, die neuerdings mitten im Wald auf einer
kleinen Lichtung steht, ihr Frühstück verzehren.
„Eigentlich schade
um den schönen Wald“, sagt der Kleinste der vier Männer. Er sitzt auf der
Treppe, die in das Innere der Bauhütte führt und streckt sein Gesicht in die
ersten warmen Strahlen der Frühlingssonne.
„Na, ein paar
Bäume werden wohl noch bleiben“, sagt ein anderer kauend.
„Da bin ich mir
nicht so sicher“, widerspricht ein Dritter und nimmt einen Schluck aus der
großen Cola-Flasche, die neben ihm steht. „Ich habe gehört, dass wird hier
alles asphaltiert. Asphaltstraßen, Asphalt vor den Häusern, Asphalt hinter den
Häusern. Asphalt im Kopf.“
„Immer nur
meckern“, sagt der Vierte, der sich statt zu essen, schon die zweite Zigarette
anzündet, „Seid froh, dass überhaupt gebaut wird und wir unseren Job nicht
verlieren.“
Dem ist nichts
hinzu zu fügen. Deshalb schweigen alle, bis der Kleine erzählt: „Bei uns gab es
früher auch viel Wald. Selbst die Berge waren voller Bäume. Doch eines Tages
kamen die Leute auf die Idee, aus den Stämmen der Bäume prächtige Schiffe zu
bauen, um mit diesen Schiffen die weite Welt kennen zu lernen. Dafür brauchte
man viel Schiffe. Denn manche sind ja auch untergegangen. Also, wurde der Wald
weiter abgeholzt. Jeder Baum musste dran glauben.“
„Und wo war das?“
„Am Mittelmeer.
Überall.“
„Und wann soll das
passiert sein?“
„Vor vielen
Jahrhunderten“.
„Das gilt nicht“,
sagt der mit der Zigarette in der Hand, „Da ist doch längst ein neuer Wald
gewachsen.“
„Eben nicht. Der
Wind hat die Erde weggefegt. Und deshalb ragen dort nur nackte Felsen in den
Himmel.“
„Hier aber ragen
bald die Häuser in den Himmel“, sagt der mit der Cola und lacht.
Mathilde hat genug
gehört. Deprimiert schleicht sie sich weg. Wenn man eins und eins zusammen
zählt, kombiniert sie, wird der Wald kurz über lang verschwinden. Und das
bedeutet nicht nur für sie und die Wildschweine, sondern für alle Tiere hier im
Wald, dass sie bald kein Zuhause mehr haben werden.
Sie muss
nachdenken, und kommt zu dem Schluss, dass sie den anderen Tieren diese
traurige Nachricht nicht gleich weiter erzählen wird. Obwohl ihr klar ist, dass
die Zeit für eine Entscheidung näher rückt. Denn nach den Männern mit ihren
roten Overalls, den Geometern, die den Wald ausgemessen und parzelliert haben,
kreuzen plötzlich ganz andere Typen auf: Mehrere Männer und auch eine Frau
laufen aufgeregt kreuz und quer durch den Wald. Vertiefen sich dann wieder
minutenlang in Baupläne. Es sind die Architekten und Bauherren, die hier schon
Häuser und Straßen sehen, wo noch gewaltige Laubbäume stehen.
Was wird als
nächstes passieren? Eine große Jagd auf die Tiere im Wald? Denn die müssten ja
erst einmal, logisch, entfernen werden, wenn der Wald für immer verschwinden
soll. Aber über dieses Problem hat die Gruppe ganz sicher nicht nachgedacht.
Wer nicht hierher gehört, wird schon von alleine gehen.
Aufgeschreckt
werden die Tiere eines Morgens vom röhrenden Gebrumm großer Lastwagen, die bis
an den Rand des Waldes vorgefahren sind. Mit gewaltigen Anhängern, auf denen
riesige Maschinen mit Furcht einflößenden Schaufeln geladen sind, die sich mit
ächzendem Gedröhn von den Anhängern wälzen und dabei stinkig- schwarzen Rauch
in den Himmel blasen. Wie eine bedrohliche Panzerarmee stehen sechs dieser
Stahlriesen da, bereit, zu zuschlagen, sich in den Wald vor zu arbeiten, Bäume
unter sich zu zermalmen und, wenn es sein muss, auch jedes Tier, das sich ihnen
in den Weg stellt. Aber noch stehen sie ein paar Tage, ohne sich zu bewegen.
Mathilde ahnt, dass das die Ruhe vor dem Sturm ist.
Ihre Ahnungen
haben sie nicht betrogen. Die Sonne geht auf und verspricht einen wunderschönen
Frühlingstag. Die Knospen an den Bäumen und Sträuchern strecken sich nach der
ersten richtigen Wärme und wagen es, sich vorsichtig zu öffnen. Die Amseln
singen dazu ihr Morgenkonzert. Und Mathilde räkelt sich in ihrer Schlafmulde.
Ahnungslosigkeit liegt über der Natur.
Aber dann, mitten
in diese friedliche Stille, ein Ohren betäubendes Fauchen, Ächzen, Röhren,
Krachen und so etwas wie Seufzen. In breiter Front rollen die Maschinen in den
Wald vor. Es ist, als ob der Natur der Krieg erklärt worden ist. Bis zum späten
Nachmittag, also nur Stunden später, haben sich die stählernen Riesen schon
mehrere hundert Meter in den Wald vorgearbeitet. Das heißt, hinter den
Monster-Maschinen gibt es keinen Wald mehr. Zermalmt sind die Bäume,
zerstückelt das Holz, aufgewühlt die Erde, aus der sich gerade das erste Grün
herausgewagt hat.
Es dauert keinen
Monat, und hohe Kräne überragen den geschrumpften Wald. Immer kleiner wird der
Lebensraum für die Tiere. Mathilde und ihre Wildschweine haben es von Tag zu
Tag schwerer, von den Früchten des Waldes satt zu werden. Immer häufiger müssen
sie nun doch in die Gärten der Zweibeiner eindringen, um den Rasen und die
frisch angelegten Blumenbeete nach brauchbarer Nahrung zu durchwühlen. Darüber
sind die Menschen wütend und reagieren gereizt, aggressiv. Bürgerwehren bilden
sich, die mit Knüppeln und Reizgas gegen Mathilde und ihre Truppe vorgehen.
Schon zweimal ist Herki, der junge furchtlose Keiler, angeschossen worden. Zum
Glück nicht ernsthaft. Vorbei sind die Zeiten, als die Tiere noch von manchen
Zweibeinern sogar gefüttert wurde.
Dazu kommt, dass
es für die Tiere immer enger und enger wird. Gefräßig arbeiten sich die
Maschinen unerbittlich in den Wald. Und dort, wo sie ihre Arbeit verrichtet
haben, wachsen Häuser in atemberaubender Schnelle aus dem Boden. Zuerst wird
das Fundament gegossen. Dann entsteht der erste Stock, dann der zweite und so
fort. Bis zum achten Stockwerk hoch, dann ist Schluss. Frisch angelegte
Asphaltstraßen verbinden die Häuserblocks. An den Wald, der hier über
Jahrhunderte gewachsen war, erinnert bald nichts mehr. Es kommt vor, dass sich
manche Wildschweine überhaupt nicht mehr auskennen. Der Lokalteil der örtlichen
Zeitung berichtet von einer Begegnung der besonderen Art: Eine Bache mit ihren
vier Frischlingen wartet gemeinsam mit Menschen an einer Ampel. Als die Ampel
auf Grün springt, geht sie brav, der Nachwuchs hinterher, mit den Leuten über
die Straße. Wie reagieren die Menschen? Überhaupt nicht. Es ist frühmorgens,
und alle müssen zur Arbeit. Sie haben einfach keine Zeit, sich über die
Wildschweine aufzuregen. Einer, der das Geschehen miterlebt hat, berichtet
später: Ich dachte, dass ist so eine Art Reklame für den Zirkus, der gerade
sein Zelt auf dem Rest der Waldwiese aufgeschlagen hat.
„Alles läuft
durcheinander,“ seufzt Mathilde und sehnt sich in ihrer Not nach dem Rat des
alten Keilers. Doch den gibt es ja nun nicht mehr. Oder? Eines Nachts ist
Mathilde aus einem unruhigen Schlaf erwacht. Von einem grellen Licht, das sie
geweckt hat. Das Licht wird immer heller, deshalb glaubt Mathilde, ein Auto
nähere sich. Obwohl kein Motor zu hören ist. Dafür schält sich aus dem
Lichtkegel eine Gestalt: Nicht möglich, der gute, alte Knurri?
„Was machst du
denn hier?“, stottert sie.
„Ich will euch
warnen. Ihr müsst fliehen.“
„Es ist furchtbar.
Die Menschen klauen uns den Wald.“
„Das ist falsch
gedacht, Mathilde. Der Mensch ist wie wir. Wenn er eine Höhle zum wohnen
braucht, baut er sie. Und zwar dort, wo er sich zu Hause glaubt.“
„Aber im Wald sind
wir doch zu Hause.“
„Nicht mehr,
Mathilde. Nicht mehr. Ihr müsst euch ein neues Zuhause suchen.“
„Und kannst du uns
sagen, wo das sein soll?“
Aber in diesem
Moment ist Knurri verschwunden, hat sich aufgelöst in dem Lichtkegel ohne zu
antworten. Oder hat er doch etwas geknurrt? Hat Mathilde nicht so etwas wie
„Denk an das Dorf jenseits der Hügel!“ verstanden?
Erschöpft von dem
Stress, der letzten Wochen schläft sie wieder ein. Bis die Baumaschinen früh am
nächsten Morgen den Restwald mit ihrem nervigen Sound beschallen. Mathilde ist
sofort wach aber eigentlich noch todmüde. Wie eine Endlosschleife geht ihr im
Kopf Knurris Satz herum: Denk an das Dorf jenseits der Hügel! Damit kann er
doch nur den Ort gemeint haben, den ihr der alte Keiler gezeigt hat: Das Dorf
ohne Menschen.
Die Tage vergehen
und, es wird wärmer. Die Häuser wachsen in einem atemberaubendem Tempo. Schon
stehen Möbelwagen auf den Straßen. Die ersten Menschen ziehen in ihre neuen
Höhlen. Mathilde begreift, dass sie eine Entscheidung treffen muss.
Wildschweine sind hier nicht mehr erwünscht.
Aber noch zögert
sie, ihrer Truppe die Wahrheit zu sagen. Obwohl die längst ahnt, dass ihre Tage
hier gezählt sind. Die Jagd auf die Wildschweine hat zugenommen. Die unkontrollierte
Jagd. Jeder fühlt sich im Recht, wenn er Wildschweine tötet, von denen er
annimmt, das sie ihn stören könnten. Ein ansteckendes Jagdfieber hat die
Menschen gepackt. Boris hat schon eine Ladung Schrot in sein rechtes Hinterbein
abgekriegt. Seitdem hinkt er wochenlang. In der Rotte verbreitet sich Panik,
und je weniger Mathilde etwas dagegen tut, desto mehr schwindet ihre Autorität.
Obwohl doch der alte Keiler so viel Hoffnung in sie gesetzt hat, weiß sie
nicht, wie sie sich in dieser Situation verhalten soll.
Aber das ist klar:
Knurri wäre von ihr enttäuscht. Sie ist eine Versagerin. Punkt!
In ihren hilflosen
Gedanken spielt plötzlich die Vergangenheit wieder ein Rolle. Ringelpütz, der
Mathilde überreden wollte, auf seinem Gnadenhof für alte Tiere ihre Tage zu
verbringen, taucht darin auf. Schon ein wenig verblasst, aber immerhin. Was ist
aus seinem Gnadenhof geworden? Haben nicht auch ihn die Bagger längst erreicht
und überrollt?
Was Mathilde nicht
ahnt - dass auch Ringelpütz oft an Mathilde denkt. Und sich sorgt, ob sie
überhaupt noch lebt. Fast täglich geht er die Zeitung durch, ob da nicht
folgende Meldung steht: Schlachtreifes Hausschwein im Wald zur Strecke
gebracht. Aber vergebens, oder glücklicherweise, keine Zeile über Mathilde.
Im Revier der
Wildschweine spitzt sich inzwischen die Lage zu. Jeden Morgen dröhnen die
Maschinen wieder los. Und sie dröhnen immer lauter, weil die Maschinen immer
näher kommen. Jeden Tag verschwindet ein Stück Wald.
Trotz der
unruhigen Zeit beschließt Mathilde eine Reise in ihre Vergangenheit. Ihr ist
klar geworden, da muss noch etwas bewältigt werden. Immer wieder quält sie die
Frage: Wer bin ich?
Sie teilt ihrem
Rudel mit, dass sie für ein, zwei Tage verschwinden muss. Boris, der
umsichtige, ihr treu ergebene Keiler, wird sie auf dieser kurzen Reise
begleiten.
Gewissermaßen als
Faustpfand, dass sie wieder zurück kommen wird.
EIN LETZTER BESUCH
Mathildes erstes
Ziel ist die Schweinemästerei von Ringelpütz, aus der sie einst der alte Keiler
Knurri befreit hat. Als sie mit Boris durch das Gelände streift, hat sie den
Eindruck, dass ihre Flucht schon eine Ewigkeit her sein muss. Auch das Gelände
erweckt dieses Gefühl. Was sie sieht, sind leere, verfallene Hallen. Das
Futtersilo, aus dem die Schweine einst gemästet wurden, hat ein Sturm oder die
Zeit schief in die Landschaft gesetzt. Der Wind spielt mit dem Blech auf dem
Dach, von dem sich einzelne Teile aus den Verankerungen gelöst haben. Jede
Windböe erzeugt ein lautes, knallendes
Geräusch, als müsse danach die restlichen Gebäude in sich zusammen krachen. Aber
nichts passiert. Nur immer wieder dieses fast rhythmische aneinander Schlagen
von Blech.
Auch das alte
Bauernhaus, in dem Olli mit Uschi wohnten, ist leer und verwahrlost. Nur ein
paar Ratten fühlen sich vom Besuch der beiden Fremdlinge gestört und huschen
Schutz suchend hinaus aus dem Haus, über den Hof in die Scheune. Mathilde kann
nicht glauben, dass sie hier einen Teil ihres Lebens verbracht hat. Und als sie
Boris von dem Schicksal der vielen Schweinen erzählt, die hier eng zusammen
gepfercht ihr kurzes Leben erleiden mussten, will er das gar nicht glauben.
Erleichtert, dass Ollis Schweinemästerei den Weg der Vergänglichkeit gefunden
hat, nimmt sie endgültig Abschied von diesem Ort. Boris jagt noch übermütig
einer Ratte hinterher, ohne sie zu erwischen. Die Ratten kennen jedes Versteck.
Sie sind jetzt die Herren auf dem Gelände. Zu gern hätte Mathilde noch gewusst,
warum hier nur noch der Wind durch leere Hallen pfeift. Aber wer soll ihr diese
verrückte Geschichte erzählen?
Eines Tages fuhr
ein großer schwarzer Wagen bei Ringelpütz vor. Ein Wagen mit getönten Scheiben,
der wie ein Leichenwagen aussah. Ihm entstiegen zwei Männer, die mit ihren
feinen dunklen Anzügen so gar nicht zu einem Schweinemastbetrieb passten. Olli
ignorierte den ungewöhnlichen Besuch und blieb missmutig und einsam in seiner
Küche hocken, denn Uschi schmollte noch immer irgendwo im Sauerland. Die Männer
kamen in seine Küche und ohne Umschweife auf den Punkt: Ob Olli nicht das
gesamte Gelände verkaufen wolle? Um den Preis nicht unnötig in die Höhe zu
treiben, erklärten sie ihm, dass ein Schweinemastbetrieb doch heute keinen
Gewinn mehr mache aber viel zu viel Arbeit.
Olli wurde
hellhörig. Da steckt doch etwas anderes dahinter, sagte er sich. Er fragte die
beiden deshalb knallhart, was der wahre Grund ihres Angebotes sei. Und
schließlich ließ einer der beiden die Katze aus dem Sack: Der üble Geruch
seiner Schweinemästerei passe nicht so ganz zu einem angrenzenden Neubaugebiet.
Darüber hatte Olli Ringelpütz überhaupt noch nicht nachgedacht. Aber er
witterte plötzlich Geld, viel Geld.
„Wie viel?“ hatte
Olli gefragt.
„Was haben Sie sie
denn gedacht, Herr Ringelpütz?“
„Ich habe zuerst
gefragt“ erwiderte Olli. Die Herren zogen sich zur Beratung zurück, und nach
einer halben Stunde nannten sie eine Summe im fünfstelligem Bereich.
Olli lächelte sie
an und sagte: „Nein!“
Und so ging das
eine ganze Weile weiter. Die Verhandlungen zogen sich hin. Die Herren nannten
eine Summe und Olli schüttelte den Kopf. Nach einer Woche sagte Olli: „Ja!“
Da waren sie bei
sage und schreibe einer Million Euro angekommen. Die Herren zahlten, Olli war
seinen ungeliebten Schweinemastbetrieb los, kaufte Saubermann den Biohof ab und
behielt noch eine Menge Geld für schwierige Tage. Das Wichtigste aber: Uschi
erschien wieder, so rasch, wie sie eines Tages verschwunden war. Ollis
schriftlicher Lockruf mit Bioladen, Ponyreiten und Gnadenhof hatte seine
Wirkung nicht verfehlt.
Wie gesagt: Diese
Geschichte kennt Mathilde nicht. Sie weiß nur, dass Olli sich neuerdings als
Biobauer versucht. Auf Saubermanns überschaubaren Ländereien. Und die sind ihr
nächstes Ziel. Sie will wissen, wie es Ringelpütz mittlerweile ergangen ist.
Und sie will wissen, wie so ein Gnadenhof aussieht. Also, auf zur neuen Adresse
von Olli Ringelpütz. Boris trottet hinter Mathilde her. Er weiß nicht, um was
und wohin es geht.
Auf dem Weg
dorthin fragt sich Mathilde, ob Ringelpütz einen Biohof überhaupt
bewirtschaften kann. Olli. der von der Natur keine Ahnung hat. Im Gegensatz zu
Mathilde, die im Wald von den Wildschweinen inzwischen viel gelernt hat. Aber
sie erinnert sich auch an den Tag, als sie nach ihrer Befreiung unwissend und
ahnungslos im Wald stand, keine Pflanze kannte, die Bäume nicht unterscheiden konnte.
Nicht wusste, wie sie ihren Hunger stillen sollte. Boris hat ihr damals
geholfen. Boris war immer zur Stelle, wenn sie Hilfe brauchte. Und Boris ist
auch jetzt wieder an ihrer Seite.
Das alles geht ihr
durch den Kopf, während sie mit ihrem Freund dort ankommt, wo sie als Ferkel
noch so richtig schweinemäßig - nämlich im Dreck herum zu wühlen – benehmen
konnte. Doch nur bis zu dem Tag, als sich ihr Leben furchtbar änderte: Als
Saubermann sie an Ringelpütz weiter gab, der sie kurzerhand in seinen Schweinemastbetrieb
steckte. Und ihre Lebenszeit von da an so schrecklich kurz sein sollte.
Während sie und
Boris am Rande des kleinen Tannenwaldes vorsichtig an den Biohof heran
pirschen, um nicht gesehen zu werden, desto vertrauter wird ihr die Umgebung,
um so mehr erinnert sie sich: An das Mädchen, das sie auf den Arm genommen hat,
worauf sie, Mathilde, aus Angst jammervoll zu quietschen angefangen hatte. Und
selbst an die großen Gemüsebeeten um den Biohof herum, an die Zweibeiner, die
hier einkauften und ihren Kindern die Schweine zeigten, muss sie jetzt denken.
Aber je sie näher
sie kommt, um so fremder wird ihr nun das einst vertraute Terrain. Denn hier
gibt es keine Gemüsebeete mehr. Und das kleine Steinhaus, vor dem an manchen
Tagen die Leute Schlange standen, um frisches Gemüse zu kaufen, ist verriegelt.
Boris drängt auf Rückzug und deutet zum Gatter auf der Wiese, in dem seltsame
Tiere grasen. Mit erhobenem Haupt beobachten sie die Umgebung und haben längst
gewittert, das sich zwei Fremde auf dem Gelände herumtreiben.
Nie zuvor haben
sowohl Boris als auch Mathilde diese Art Tiere, die groß wie Kühe sind,
gesehen. Doch was bedeuten die Höcker auf ihrem Rücken? Warum hängt ihr Fell so
zottig unordentlich an ihnen herunter? Und diese Haltung. Mathilde findet sie
überheblich.
Was sie und Boris
nicht wissen können: Ringelpütz hat die seltsamen Tiere von einem pleite
gegangenen Zirkus übernommen. Sozusagen als Grundstock für den Gnadenhof, den
Uschi unbedingt haben wollte. Und so grasen jetzt Kamele, Dromedare und Lamas
dort, wo bei Saubermann früher biologische Salate, Mohrrüben und gewaltige
Kürbisse wuchsen. Ringelpütz hat daraus einfach eine Wiese entstehen lassen,
auf der auch weiß und rot gestrichene Gatter stehen, die auf Uschis
ausdrücklichem Wunsch aufgestellt worden sind. Hier in den Gattern leben die
Ponys, auf deren Rücken meistens Mädchen mit erregt freudigen Gesichtern
sitzen. Hier hat sich Uschis Traum erfüllt: Ein Ponyhof!
Etwas abseits, auf
einem letzten übrig gebliebenen Ackerstück, auf dem noch der sich selbst wieder
ausgesäte Roggen wild zwischen Unkraut wuchert, ragt ein eigentümliches Gebilde
aus Stroh, das mehrere Meter hoch ist. Mathilde muss mehrmals hinschauen, um
aus dieser „Skulptur“ schlau zu werden. Strohballen sind hier so zusammen gefügt
worden, dass sie mit viel Fantasie eine Schwein erkennen kann. Boris, das merkt
Mathilde, sieht nur aufgetürmte Strohballen. Weiter nichts.
Als Mathilde sich
noch näher an dieses Gebilde heran wagt, wird ihr klar, was das zu bedeuten
hat: Eine Botschaft! Und als sie dann noch das Spruchband liest, dass sich quer
über den Stroh-Schweine-Bauch spannt, ist ihr alles klar. Peinlich, peinlich!
Ein Glück, dass Boris nicht lesen kann. MATHILDE, KOMM ZURÜCK! Wirklich, das
steht da. Und jeder der lesen kann, soll es wohl lesen. Mathilde ist klar, wer
auf diesen dämlichen Einfall gekommen ist: Ringelpütz!
„Wir hauen ab. Ich
habe genug gesehen.“ Mathilde drängt auf Rückzug, bevor Boris neugierige Fragen
stellt...
Aber plötzlich
lautes Gekläffe. Kahn, der Hund von Olli Ringelpütz, schießt wie eine Rakete
auf Boris zu. Und wenn er das Tempo einhält, dann wird er den Keiler glatt
umhauen, denkt Mathilde. Näher und näher hechtet Kahn in wilden Sprüngen. Oh,
oh, das sieht nicht gut für Boris aus. Mathilde ist hin und her gerissen, ob
sie verschwinden oder Boris zur Hilfe kommen soll. Aber wie gelähmt bleibt sie
stehen.
Boris jedoch hat
die Gefahr längst erkannt. Seine Rückenhaare stellen sich kerzengerade auf. Ein
Zeichen: Der Kampf kann beginnen. Kahn fletscht schon ihm Laufen seine
Fangzähne und rennt blindlings Richtung Boris. Ein taktischer Fehler! Denn in
dem Augenblick, in dem er auf den fremden Gegener trifft, vollführt das
Wildschwein einen großen Schwung, und Kahn prallt mit voller Wucht auf die
harte Flanke des Keilers.
Mathilde sieht,
wie Kahn durch die Luft fliegt und ein paar Meter neben Boris auf dem harten
Boden landet.
Zuerst Stille.
Dann ein leises Bellen aus Kahns Schnauze. Und schließlich ein Winseln.
Mathilde ist
erschrocken und voller Mitleid mit Kahn. Sie fühlt aber auch so etwas wie
Stolz. Stolz auf Boris, den Tapferen, der ihr schon mehrmals das Leben gerettet
hat. Wie, zum Beispiel, damals, als sie hilflos mitten auf der Straße zwischen
den Scheinwerfern zweier Autos stand. Damals hat er sich mit voller Wucht gegen
das dünne Blech der Autos geworfen. Heute hat er den wild gewordene Kahn
gebändigt.
Mühsam kommt Kahn,
Ollis geliebter Hund, wieder auf die Beine. Blickt sich benommen um und
erkennt, dass sein Gegner mit aufgestellten Nackenhaaren auf den nächsten
Angriff wartet. Aber Kahn ist kein dummer Hund. Er weiß, er hat keine Chance.
Und so schleicht er sich sachte davon. Richtung Wohnhaus.
Auch Boris
verlässt den Kampfplatz. Richtung Mathilde. Als er sie erreicht, haben sich
seine Nackenhaare wieder gelegt. Boris ist die Ruhe selbst. Mathilde wirft noch
einen letzten Blick auf das Strohgebilde mitten auf dem verwahrlosten Acker.
Das soll ein Schwein darstellen? Vielleicht sogar Mathilde? Was hat sich
Ringelpütz nur dabei gedacht?
Fortsetzung folgt.
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