Sunday, July 15, 2018


Matilde Teil 4


 
SOMMERGEDANKEN IM WINTER

Heute scheint die Sonne warm in den Herbstwald und verlockt die Menschen noch einmal zu ausgiebigen Spaziergängen, zum Joggen oder stundenlangen Radfahren auf den Waldwegen. Manche lassen ihre Hunde frei laufen, die laut bellend durch das Unterholz jagen, als müssten sie sich selbst Mut machen. Mathilde amüsiert sich jedes Mal, wenn solch ein kleiner Kläffer mit seinem hysterischen Bellen die anderen Tiere verschrecken will.
Richtig unheimlich sind ihr aber die mit Helmen und großen Sonnenbrillen verkleideten Zweiradfahrer, die über Stock und Stein rasen. Die urplötzlich auftauchen und schon wieder verschwunden sind, bevor man sie überhaupt wahrgenommen hat. Für die Jogger dagegen empfindet Mathilde oft Mitleid. Besonders, wenn man die Anstrengungen in ihren Gesichtern sieht.
Was sie überhaupt nicht versteht, sind die Schwärmereien der Menschen für die Natur. Gerade jetzt sammeln die Kinder die herunter gefallenen bunten Blätter der Bäume. Bestaunen und bewundern sie, als seien sie Kostbarkeiten. Für Mathilde sind sie Vorboten des kommenden Winters. Eines vielleicht noch strengeren Winters als der vergangene. Deshalb ist es wichtig, sich schon jetzt genug Speck anzufressen, um einigermaßen durch die kalte und karge Jahreszeit zu kommen. Mathilde und die ganze Wildschwein-Truppe betrachten deshalb den Esskastanienbaum mit seinen Früchten, zu dem sie jedes Jahr um diese Zeit aufbrechen, keineswegs als Wunder der Natur. Für sie ist der Baum nichts weiter als ein Futterlieferant.
Jetzt ist es wieder einmal soweit. Alle Wildschweine wissen, dass die Zeit reif ist für das Köstlichste im Jahr - für die Esskastanien. Nur eins hat sich verändert: Es gibt keinen alten Keiler mehr, der die Truppe sicher über die viel befahrenen Straßen in den Garten mit dem großen Baum führen kann. Boris zeigt kein Interesse, diese wichtige Aufgabe zu übernehmen. Er wühlt abseits vom Rudel im Waldboden herum, als wolle er sich verstecken. Herki vielleicht? Bloß nicht!
Alle gucken Mathilde an. Und Mathilde weiß, was die Stunde geschlagen hat. Jetzt ist sie dran, die Führung zu übernehmen. Aber bevor sie aufbrechen, wälzt sie sich noch einmal ausgiebig im Schlamm der Suhle. Um sich für die kommende Aufgabe zu entspannen. Aber auch, um sich zu tarnen. Denn mit der schwarzen Moorkruste wird sie nicht so schnell als Mastschwein von den Zweibeinern erkannt werden. Außerdem wird sie links und rechts von Boris und Herki flankiert, die freudig bereit sind, die „kluge Mathilde“ zu schützen und ansonsten froh sind, keine größere Verantwortung übernehmen zu müssen.
Die Bezeichnung „kluge Mathilde“ hat Boris erfunden, der inzwischen überzeugt ist, dass Mathilde mehr weiß, als sich ein normales Wildschweingehirn vorstellen kann. Und ist das nicht Beweis genug? Während der alte Knurri seine Rotte noch über belebte Straßen scheuchte, hat Mathilde sofort einen kürzeren Weg zu den Esskastanien gefunden. Zwei Grundstücke durchqueren, einen morschen Jägerzaun eindrücken, und schon ist man am Tatort. Genial!
Glücklich schlagen sich alle Wildschweine die Bäuche voll. Aber die nicht nur kluge sondern auch neugierige Mathilde interessiert sich wieder für das Haus. Steht darin immer noch das große Sofa, auf dem sie sich so gemütlich herum lümmeln konnte, weil die Terrassentür weit offen gestanden hatte?
Vorsichtig nimmt sie die steinernen Stufen, auf denen sie damals beinahe ausgerutscht wäre. Und, sie kann es nicht fassen: Die Terrassentür ist nur leicht angelehnt. Das Wohnzimmer sieht noch genau so aus. Und das Sofa steht an seinem alten Platz. Neu ist ein gewaltiger Fernseh-Apparat, der fast eine ganze Wand beherrscht. Mathilde kann es nicht lassen, sie hechtet auf das Sofa, zerwühlt die Kissenpracht.
Boris ist ihr aus Sorge gefolgt ist: „Und wenn dich die Menschen hier erwischen, Mathilde?“
„Es gibt keine Menschen hier.“
„Woher willst du das wissen?“ Noch immer ängstlich, nähert sich Boris dem Sofa.
„Es passiert nichts. Komm rauf! Die Zweibeiner, denen das Haus gehört, sind weit weg.“
Boris bleibt mißtrauisch.
„Du musst es mit einem Schwung probieren.“
Boris gehorcht und landet direkt neben Mathilde. So nahe ist er ihr noch nie gekommen. Aber Mathilde interessiert sich gar nicht für ihn. Sie hat den Einschalter für den Fernseher entdeckt.
„Überraschung!“ quiekt sie. Und tatsächlich, der große Bildschirm ist plötzlich gefüllt mit Menschen, die ganz laut durcheinander reden. Boris wälzt sich erschrocken vom Sofa, will in den Garten fliehen und die anderen Wildschweine warnen, weil das Haus voller Zweibeiner sei.
„Bleib hier, Boris. Sieh dir das an. Die Leute auf dem großen Bild sind nicht wirklich hier. Die haben sich zu einem Spiel getroffen, weit weg. Aber die Menschen haben etwas erfunden, womit wir jetzt diesem Spiel zuschauen können.“
Boris misstrauisch: „Woher weißt du das alles, Mathilde?“
„Ach, wie soll ich dir das jetzt erklären? Komm, gucken wir uns an, worüber die Zweibeiner sich amüsieren. So lernst du sie am besten kennen.“
So erlebt Boris seine erste Fernsehstunde. „Talente sind gefragt“ heißt die Show. Und man mag es glauben oder nicht: Darin tritt ein Mann auf, der behauptet, die Grunzsprache der Wildschweine zu verstehen. Deshalb grunzt er nun selber in allen Tonlagen in ein Mikrofon. Die Leute in dem Saal lachen, aber Boris und Mathilde verstehen kein Wort, was der Mann da im Fernsehen zusammengrunzt. Schließlich bringt der Moderator einen Experten ins Spiel, der die Sprache der Wildschweine studiert habe. Wer erscheint da auf der Bildfläche? Saubermann! Saubermann erzählt über sein Leben als Jäger und Heger. Und behauptet, er beherrsche die Sprache der Wildschweine.
„Sind die Wildschweine nicht eine Plage geworden?“ fragt der Moderator.
Saubermann: „In gewisser Weise ja. Aber der Mensch hat sich die Plage selbst geschaffen. Er füttert die Wildschweine inzwischen wie Haustiere. Das geht natürlich nicht.“
„Da hat er Recht.“ murmelt Mathilde. „Das sollte sich mal Herki hinter seine Wildschweinohren schreiben.“
Schließlich versucht sich auch Saubermann noch an ein paar Grunzgeräuschen, die angeblich „Achtung, Gefahr!“ bedeuten sollen. Aber der Moderator interessiert sich viel mehr für Saubermanns neuen Job. Und so erfährt auch Mathilde, dass der Biobauer seine Hof verkauft hat und demnächst als Schauspieler in der Daily-Soap „Camping-Schicksale“ zu bewunders sei.
Zack! Wie in einem magischen Zaubertrick verabschiedet sich das Bild.
„Das reicht!“ Mathilde hat den Ausschaltknopf gedrückt und schwingt sich elegant von der Sitzlandschaft als habe sie das mehrmals geprobt.
„Warum? Jetzt wurde es doch richtig interessant.“ mault Boris.
„Siehst du, dir geht's wie den Zweibeinern. Kaum sitzt du vor der Bildwand, bist du süchtig nach mehr. Schluss jetzt!“
Die Tage vergehen. Nacht für Nacht wird es nun ein bisschen kühler. Die abgeworfenen Blätter der Laubbäume bedecken den Waldboden und verwandeln sich langsam zu Humus, der im Frühjahr Nahrung für neue Pflanzen sein wird. Kahle Äste ragen jetzt wie die Vorboten des kalten Winters in den grauen Himmel. Und dann, eines Tages, ist es soweit. Ganz kurz hatte sich die Sonne noch einmal durch die dichte Wolkenwand geschmuggelt, nun aber tanzen schon winzige weiße Bällchen durch die Luft. Der leichte Wind wirbelt sie so durcheinander, dass man nicht weiß, wo sie landen werden: Auf der noch warmen Erde, auf der sie sofort in Wasser verwandeln? Auf den kalten Ästen der Bäume, auf denen sie ihre weiße Pracht entfalten dürfen? Oder auf Mathildes Zunge? Unbekümmert hat sie sich auf das Spiel „Schneeflocken fangen“ eingelassen, obwohl sie ja weiß, dass dem ersten Schnee schnell der Frost folgen wird.
Nun dauert es auch nur noch wenige Tage bis der Wald eines Morgens mit einem weißen Tuch überzogen ist. Mathilde schnuppert in die kalte Luft und fühlt, dass der Schnee noch nicht liegen bleiben wird. Und so kommt es auch. Eine Warmfront aus Südwest frisst die weiße Pracht noch einmal auf. Was den Wildschweinen sehr recht ist. Denn so haben sie noch eine Frist bekommen, leichter ihre Nahrung zu finden.
Nur noch wenige Spaziergänger stören jetzt die vorwinterlich gedämpfte Stimmung des Waldes. Nebel liegt auf der Waldwiese. Die Tiere schätzen die Ruhe in ihrem Revier. Bis zu dem Tag, als Menschen in roten Overalls aus mehreren Geländewagen klettern und sich mit Stangen und allerlei technischem Gerät in den Wald verteilen. Die Wildschweine sind ratlos. Jäger sind das nicht. Die Menschen stecken die Stangen in den Boden und starren durch Geräte, die auf Stativen stehen. Viele Stimmen hallen durch den Wald. Der Eichelhäher krächzt erschrocken auf.
Kein Tier – auch Mathilde nicht - kann sich erklären, was das nun wieder zu bedeuten hat.
Tage vergehen, und die Männer treiben sich noch immer im Wald herum. Stecken ihre rotweiß bemalten Stöcke mal hier hin mal dort hin. Unterhalten sich laut oder übermitteln per Handy Zahlen an einen anderen Trupp, der an einer anderen Stelle im Wald offenbar die gleiche Arbeit verrichtet.
Nur so viel weiß Mathilde: Diese Männer sind keine Waldarbeiter. Wie Bäume gefällt und mit Maschinen in Minuten für den Abtransport zerlegt werde, das hat sie schon einmal beobachten können. Hätte Knurri ihr erzählen können, dass diese Männer Geometer sind? Und dass man Geometer auch Landvermesser nennt? Und hätte Knurri ihr auch sagen können, was die Männer hier im Wald zu suchen haben?
Der Schnee fällt zum zweiten Mal und bleibt diesmal liegen. Dafür sorgt der Frost, der so überraschend gekommen ist wie die Geometer wieder verschwunden sind. Samt Geräten. Es ist, als wären sie nie dagewesen. Bald haben die Tiere das kurze Gastspiel der Eindringlinge in den dicken roten Overalls wieder vergessen. Auch Mathilde verdrängt diese außergewöhnliche Ruhestörung im Wald.
Es folgend die kalten Nächte, und Mathilde spinnt sich mal wieder ihr Schweine-Paradies zusammen. Halb träumt sie es, halb wünscht sie es sich herbei. Ihr Paradies, in dem es weder Frost noch Mangel an Nahrung gibt. Sie träumt von dem Land, von dem Curzio, der die Schweine in den Schlachthof fahren sollte, geschwärmt hat. Wie heißt es doch gleich - Apulien?
Wie das aber mit Träumen so ist, sie haben mit der Wirklichkeit nur wenig zu tun. Und so ist ihr Schweine-Paradies, das sie Apulien nennt, nur ein Gespinst aus lauter Wünschen. Ob die je in Erfüllung gehen könnten? Keiner weiß es. Aber hat Mathilde nicht einmal gehört, dass man nur fest daran glauben muss, damit sie eines Tages Wirklichkeit werden – die Wünsche?
Jetzt aber hat der Winter alles fest im Griff. Der Frost beherrscht den Wald. Viele Tiere hungern. Die Vögel plustern ihr Gefieder auf, weil die Luft zwischen den Federn die Kälte abhält. Einige Waldbewohner verkriechen sich zum Winterschlaf in ihren Höhlen. Und Mathilde wird erneut bewusst, dass ein Mastschwein nicht für die kalte Jahreszeit geschaffen ist. Obwohl sie reichlich Speck angesetzt hat, leidet sie unter den Minusgraden. Und je unbändiger der Frost zuschlägt, umso intensiver wünscht sie sich das Land, in dem die wärmende Sonne jeden Tag scheint. Ein Land, in der Schweine nicht geschlachtet und gegessen werden. Der Ort, in dem nicht das unheilvolle Klopfen der Treiber an den Bäumen die Lebens bedrohende Jagd ankündigen. Doch während Mathilde noch zu träumen glaubt, hallt genau dieses Klopfen durch den Wald. Und das bedeutet: Nicht allein der kalte Winter, auch der Mensch ist ein Feind aller Schweine.
Mathilde zwingt sich, Ruhe zu bewahren. Sie muss nachdenken. Schon treiben die Mütter ihre Jungtiere panisch zusammen. Die Keiler werden als Kundschafter ausgeschickt. Ihre Berichte klingen alle gleich: Es droht Gefahr! Am Rande des Waldes hat sich eine große Jagdgesellschaft versammelt. Ganz in der Nähe, wo sie damals von Boris und den anderen angehenden Keilern aus den Fängen von Saubermann und Ringelpütz befreit worden war. Von dort droht der Tod.
Mathilde überlegt: Also werde ich die Rotte in die andere Richtung führen müssen. Vielleicht in den angrenzenden Wald, der direkt zu Knurris letztem Aufenthalt führt. Eine kluge Entscheidung, wie sich später herausstellte. Denn erstaunt hatte die Jagdgesellschaft am Ende feststellen müssen, dass sie diesmal kein Wildschwein zur Strecke bringen konnten. Nach dieser Tat stieg Mathildes Ansehen unter den Wildschweinen gewaltig.
Aber das soll nicht ihre letzte Herausforderung in diesem Winter sein. Nach ein paar besonders eisigen Tagen - der kalte Wind hatte den Schnee zu großen Wällen aufgetürmt, in denen man rettungslos versinken konnte - steht auf der Waldwiese plötzlich ein großer Topf, gefüllt mit noch dampfenden Kartoffeln. Wie ist er dahin gekommen? Kein weiß es. Der Topf steht da und sein Inhalt umweht die Schnauzen der ausgehungerten Wildschweine. Am liebsten möchten sich alle sofort auf den warmen Kartoffeln gestürzt. Aber Mathilde kommt die ganze Geschichte nicht geheuer vor. Ihr Vorschlag: „Wir warten bis es dunkel ist. Dann nähern wir uns dem Topf von drei Seiten. Boris von der Seite, wo im Sommer die Bühne gestanden hat. Herki, du von der gegenüber liegenden Seite. Und ich werde mich gleichzeitig an mehreren Seiten zeigen, um die Zweibeiner zu verwirren.“
Herki: „Wie willst du das denn anstellen, gleichzeitig an mehreren Seiten auftauchen, Mathilde?“
„Das lass meine Sorge sein.“
Herki: „Der Plan hat einen großen Fehler.“
„Und der wäre?“
Herki: „Bis es dunkel ist, vergeht noch viel Zeit. Und bis dahin sind die Kartoffeln in dem Topf eiskalt und schmecken nicht mehr.“
Das ist wieder einmal eine typische Herki-Bemerkung. Mathilde muss eine Weile überlegen, was sie darauf antworten soll.
Aber dann erklärt sie ruhig: „Wir wissen nicht, wer den Topf hingestellt hat, Herki Vielleicht hat derjenige den Plan, dich für einen schönen Braten einzufangen.“
Herki knickt ein: „Okay, warten wir bis es dunkel ist.“
Mathilde wittert einen gefährlich ertrauten Geruch. Was sie riecht, das sind nicht nur die Kartoffeln. Verdammt, dass riecht doch auch nach...Sie zieht noch einmal die Luft ein. Genau, das riecht nach Olli Ringelpütz, der sich hier in der Nähe herum treiben muss.
Sie braucht nicht lange zu suchen, bis sie seinen verrosteten russischen Geländewagen, Baujahr Ich-weiß-nicht-mehr, in einer Waldschneise entdeckt. Also, doch eine Falle. Leise pirscht sie sich an das Auto und entdeckt Kahn, der im abgesperrten Auto auf dem Hintersitz hockt. Beide gucken sich eine ganze Weile erschrocken an. Bis in Kahn das Jagdfieber erwacht und er seine Fangzähne fletscht und gleichzeitig unbändig laut zu Bellen beginnt. Vorsichtshalber versteckt sich Mathilde hinter einem großen Haselnussstrauch, der dick mit Schnee beladen ist und sie dadurch fast unsichtbar macht. Sie wartet. Sie weiß, dass jetzt etwas passieren wird.
Und siehe, es dauert auch nicht lange, dass Ringelpütz durch den dichten Schnee gestampft kommt. Er schließt das Auto auf, um Kahn zu beruhigen. Aber der, der doch sonst auf jedes Kommando von Olli gehorcht, springt ihn geradezu an, um aus dem Auto zu kommen. Dabei bellt er weiter wie ein wild gewordener Hofhund an der Kette.
Ringelpütz hält ihn verärgert fest: „Halt die Schnauze, Kahn.“
Doch der Hund ist außer Rand und Band. Kahns Bellen ist im ganzen Winterwald zu hören. Wütend drängt ihn Olli in den Wagen, schließt seine „Rostlaube“ wieder ab und bleibt erst einmal ratlos und verloren im Schnee stehen. Das ist der Augenblick für Mathilde, um ihn leise von hinten anzusprechen. Sie hat sich ihm so genähert, dass Kahn sie nicht sehen kann und gleich wieder zu toben beginnt.
„Olli Ringelpütz?“
Ringelpütz fährt herum, verliert das Gleichgewicht und landet im dicken Schnee. Was er sieht, glaubt er nicht. Mathilde steht vor ihm. Beide jetzt auf gleicher Augenhöhe, weil Olli sich noch nicht aufgerappelt hat. Und wieder spricht Mathilde mit ihm. Nein, diesmal ist er nicht besoffen.
Mathilde fragt: „Ist das wieder eine Falle?“
Ringelpütz, der versucht, aufzustehen, aber immer wieder zurück in den Schnee fällt, versucht sich zu erklären „Nein. Ich dachte...“
Wieder will er aufzustehen. Wieder klappt das nicht. Seine dicke Winterkleidung macht ihn so unbeweglich, als stecke er in einem Weltraumanzug.
Mathilde genießt seine Hilflosigkeit: „Du dachtest...was?“
Jetzt bleibt Olli im Schnee sitzen: „Keine Falle. Ich schwöre. Ich will Kontakt mit dir aufnehmen.“
Sie mustern sich beide stumm. Fast eine Ewigkeit.
„Dünn bist du geworden“, beginnt Olli wieder das Gespräch. „Es ist sicher nicht leicht, im Winter“, er macht mit seinem rechten Arm eine ausladende Geste in die weiße Landschaft, „hier zu leben.“
Mathilde argwöhnisch: „Und deshalb stellst du uns hier die dampfenden Kartoffeln hin? Aus Nächstenliebe?“
Olli: „Nicht ganz aus Nächstenliebe. Oder..na,ja... doch aus Nächstenliebe.“
Mathilde: „Was denn nun?“
Olli: „Ich will dir einen Vorschlag machen.“
Mathilde: „Ach ja?“
Olli: „Ja! Ich hab nämlich den Biohof von Saubermann übernommen. Keine Schweinezucht mehr und so. Verstehst du?“
Mathilde: „Und was hat das mit mir zu tun?“
Olli: „Uschi, meine Frau, die du wohl nur flüchtig kennst, will einen Gnadenhof für arme alte Tiere einrichten. Und da habe ich gedacht, wir könnten mit dir anfangen. Du bekommst bis an dein Lebensende bei uns Futter und Unterkunft. Na, was sagst du dazu?“
Mathilde ist zwar einerseits gerührt über Ollis Wandel vom Saulus zum Paulus. Andererseits hat sie aber über ihr Alter noch nie nachgedacht. Ist sie denn auch schon so weit, dass sie wie Knurri bald abtreten muss? Nein, eigentlich fühlt sie sich so, als habe ihr Leben gerade erst begonnen.
„Ab wann gilt dein Angebot?“
„Wenn du willst, sofort.“
Mathilde überlegt. Sie ist sich sicher, dass sie Ollis verlockende Angebot nicht annehmen wird. Aber sie möchte ihm das auch nicht so direkt ins Gesicht sagen. Außerdem hat sie noch einen listigen Hintergedanken.
„So schnell kann ich das nicht entscheiden. Das verstehst du doch, Olli?“
„Der Winter soll noch strenger werden, Mathilde.“
Mathilde seufzt: „Wem sagst du das. Deshalb wäre es prima, wenn du uns jeden Tag so einen Topf voll mit warmen gekochten Kartoffeln auf die Waldwiese stellen könntest.“
„Und wie lange soll das gehen?“
„Bis ich eine Entscheidung getroffen habe? Ist das fair, Olli?“  
Ringelpütz weiß nicht recht, ob das fair ist. Aber er willigt ein. Und so bekommen die Wildschweine nun jeden Tag wohlschmeckende, warme Kartoffeln von Olli. Den ganzen Winter über. Denn Mathilde kann und kann sich nicht entscheiden. Sagt sie. Gnadenhof oder Wald? Zootier oder Freiheit? Mathilde hat längst ihre Wahl getroffen: Auch wenn sie ihre Herkunft als Mastschwein nicht verleugnen kann, sie gehört jetzt zu den Wildschweinen. Eine für alle – alle für eine!



FRÜLING, SOMMER, HERBST UND WINTER

Es gibt Zeiten im Leben, da plätschern die Tage dahin. Und es gibt Zeiten, da überschlagen sich die Ereignisse. Ohne es zu wissen, steht Mathilde vor turbulenten Veränderungen. Und auch bei Olli Ringelpütz und Siggi Saubermann spielt das Schicksal verrückt. Die beiden wissen natürlich ebenfalls nicht, was die Zukunft mit ihnen vor hat.
Der Winter war nicht so hart wie in den vergangenen Jahren. Und dank der täglichen Kartoffel-Ration, die Olli brav auf der Waldwiese abgestellt hat, sind die kalten Tage für Mathilde und ihre Truppe sogar erträglich gewesen.
Der Frühling kommt auch diesmal wie so oft ganz plötzlich. Ein warmer Wind fegt durch die Bäume im Wald, tagelang, und hoppala hop sind Schnee und Eis verschwunden. Mathilde hat allen Wildschweinen eingetrichtert, sich von den Menschen fern zu halten. Das bedeutet: Keine Müllkästen mehr nach Essbarem durchwühlen, sich nicht mehr von den Zweibeinern füttern lassen. Auch zu Ringelpütz hat sie jeden Kontakt vermeiden können, obwohl er ein paarmal laut im Wald nach Mathilde gerufen hat. Das war schon peinlich genug. Vor allem, weil Herki mit schaurig lautem Knurren versucht hat, Ollis Rufe nachzuahmen. Das hörte sich bei Herki an, als würden die Walddämonen ein Fest veranstalten. Nur das Röhren der Hirschmänner, wenn sie sich zum Zweikampf stellen, um ihre Hirschfrauen zu erobern, klingt noch gruseliger.
Und dann, eines Tages, sind die Geometer, die Männer mit den grellen roten Jacken, wieder im Wald. Mit weiß-roten Bändern markieren sie einige Waldstücke. Das sieht beunruhigend aus. Auch Mathilde kann nur rätselt, was das zu bedeuten hat. Bis sie, gut versteckt zwischen jungen dichten Tannen, eines Morgens einige Zweibeiner belauscht, die vor einer Bauhütte, die neuerdings mitten im Wald auf einer kleinen Lichtung steht, ihr Frühstück verzehren.
„Eigentlich schade um den schönen Wald“, sagt der Kleinste der vier Männer. Er sitzt auf der Treppe, die in das Innere der Bauhütte führt und streckt sein Gesicht in die ersten warmen Strahlen der Frühlingssonne.
„Na, ein paar Bäume werden wohl noch bleiben“, sagt ein anderer kauend.
„Da bin ich mir nicht so sicher“, widerspricht ein Dritter und nimmt einen Schluck aus der großen Cola-Flasche, die neben ihm steht. „Ich habe gehört, dass wird hier alles asphaltiert. Asphaltstraßen, Asphalt vor den Häusern, Asphalt hinter den Häusern. Asphalt im Kopf.“
„Immer nur meckern“, sagt der Vierte, der sich statt zu essen, schon die zweite Zigarette anzündet, „Seid froh, dass überhaupt gebaut wird und wir unseren Job nicht verlieren.“
Dem ist nichts hinzu zu fügen. Deshalb schweigen alle, bis der Kleine erzählt: „Bei uns gab es früher auch viel Wald. Selbst die Berge waren voller Bäume. Doch eines Tages kamen die Leute auf die Idee, aus den Stämmen der Bäume prächtige Schiffe zu bauen, um mit diesen Schiffen die weite Welt kennen zu lernen. Dafür brauchte man viel Schiffe. Denn manche sind ja auch untergegangen. Also, wurde der Wald weiter abgeholzt. Jeder Baum musste dran glauben.“
„Und wo war das?“
„Am Mittelmeer. Überall.“
„Und wann soll das passiert sein?“
„Vor vielen Jahrhunderten“.
„Das gilt nicht“, sagt der mit der Zigarette in der Hand, „Da ist doch längst ein neuer Wald gewachsen.“
„Eben nicht. Der Wind hat die Erde weggefegt. Und deshalb ragen dort nur nackte Felsen in den Himmel.“
„Hier aber ragen bald die Häuser in den Himmel“, sagt der mit der Cola und lacht.
Mathilde hat genug gehört. Deprimiert schleicht sie sich weg. Wenn man eins und eins zusammen zählt, kombiniert sie, wird der Wald kurz über lang verschwinden. Und das bedeutet nicht nur für sie und die Wildschweine, sondern für alle Tiere hier im Wald, dass sie bald kein Zuhause mehr haben werden.
Sie muss nachdenken, und kommt zu dem Schluss, dass sie den anderen Tieren diese traurige Nachricht nicht gleich weiter erzählen wird. Obwohl ihr klar ist, dass die Zeit für eine Entscheidung näher rückt. Denn nach den Männern mit ihren roten Overalls, den Geometern, die den Wald ausgemessen und parzelliert haben, kreuzen plötzlich ganz andere Typen auf: Mehrere Männer und auch eine Frau laufen aufgeregt kreuz und quer durch den Wald. Vertiefen sich dann wieder minutenlang in Baupläne. Es sind die Architekten und Bauherren, die hier schon Häuser und Straßen sehen, wo noch gewaltige Laubbäume stehen.
Was wird als nächstes passieren? Eine große Jagd auf die Tiere im Wald? Denn die müssten ja erst einmal, logisch, entfernen werden, wenn der Wald für immer verschwinden soll. Aber über dieses Problem hat die Gruppe ganz sicher nicht nachgedacht. Wer nicht hierher gehört, wird schon von alleine gehen.
Aufgeschreckt werden die Tiere eines Morgens vom röhrenden Gebrumm großer Lastwagen, die bis an den Rand des Waldes vorgefahren sind. Mit gewaltigen Anhängern, auf denen riesige Maschinen mit Furcht einflößenden Schaufeln geladen sind, die sich mit ächzendem Gedröhn von den Anhängern wälzen und dabei stinkig- schwarzen Rauch in den Himmel blasen. Wie eine bedrohliche Panzerarmee stehen sechs dieser Stahlriesen da, bereit, zu zuschlagen, sich in den Wald vor zu arbeiten, Bäume unter sich zu zermalmen und, wenn es sein muss, auch jedes Tier, das sich ihnen in den Weg stellt. Aber noch stehen sie ein paar Tage, ohne sich zu bewegen. Mathilde ahnt, dass das die Ruhe vor dem Sturm ist.
Ihre Ahnungen haben sie nicht betrogen. Die Sonne geht auf und verspricht einen wunderschönen Frühlingstag. Die Knospen an den Bäumen und Sträuchern strecken sich nach der ersten richtigen Wärme und wagen es, sich vorsichtig zu öffnen. Die Amseln singen dazu ihr Morgenkonzert. Und Mathilde räkelt sich in ihrer Schlafmulde. Ahnungslosigkeit liegt über der Natur.
Aber dann, mitten in diese friedliche Stille, ein Ohren betäubendes Fauchen, Ächzen, Röhren, Krachen und so etwas wie Seufzen. In breiter Front rollen die Maschinen in den Wald vor. Es ist, als ob der Natur der Krieg erklärt worden ist. Bis zum späten Nachmittag, also nur Stunden später, haben sich die stählernen Riesen schon mehrere hundert Meter in den Wald vorgearbeitet. Das heißt, hinter den Monster-Maschinen gibt es keinen Wald mehr. Zermalmt sind die Bäume, zerstückelt das Holz, aufgewühlt die Erde, aus der sich gerade das erste Grün herausgewagt hat.
Es dauert keinen Monat, und hohe Kräne überragen den geschrumpften Wald. Immer kleiner wird der Lebensraum für die Tiere. Mathilde und ihre Wildschweine haben es von Tag zu Tag schwerer, von den Früchten des Waldes satt zu werden. Immer häufiger müssen sie nun doch in die Gärten der Zweibeiner eindringen, um den Rasen und die frisch angelegten Blumenbeete nach brauchbarer Nahrung zu durchwühlen. Darüber sind die Menschen wütend und reagieren gereizt, aggressiv. Bürgerwehren bilden sich, die mit Knüppeln und Reizgas gegen Mathilde und ihre Truppe vorgehen. Schon zweimal ist Herki, der junge furchtlose Keiler, angeschossen worden. Zum Glück nicht ernsthaft. Vorbei sind die Zeiten, als die Tiere noch von manchen Zweibeinern sogar gefüttert wurde.
Dazu kommt, dass es für die Tiere immer enger und enger wird. Gefräßig arbeiten sich die Maschinen unerbittlich in den Wald. Und dort, wo sie ihre Arbeit verrichtet haben, wachsen Häuser in atemberaubender Schnelle aus dem Boden. Zuerst wird das Fundament gegossen. Dann entsteht der erste Stock, dann der zweite und so fort. Bis zum achten Stockwerk hoch, dann ist Schluss. Frisch angelegte Asphaltstraßen verbinden die Häuserblocks. An den Wald, der hier über Jahrhunderte gewachsen war, erinnert bald nichts mehr. Es kommt vor, dass sich manche Wildschweine überhaupt nicht mehr auskennen. Der Lokalteil der örtlichen Zeitung berichtet von einer Begegnung der besonderen Art: Eine Bache mit ihren vier Frischlingen wartet gemeinsam mit Menschen an einer Ampel. Als die Ampel auf Grün springt, geht sie brav, der Nachwuchs hinterher, mit den Leuten über die Straße. Wie reagieren die Menschen? Überhaupt nicht. Es ist frühmorgens, und alle müssen zur Arbeit. Sie haben einfach keine Zeit, sich über die Wildschweine aufzuregen. Einer, der das Geschehen miterlebt hat, berichtet später: Ich dachte, dass ist so eine Art Reklame für den Zirkus, der gerade sein Zelt auf dem Rest der Waldwiese aufgeschlagen hat.
„Alles läuft durcheinander,“ seufzt Mathilde und sehnt sich in ihrer Not nach dem Rat des alten Keilers. Doch den gibt es ja nun nicht mehr. Oder? Eines Nachts ist Mathilde aus einem unruhigen Schlaf erwacht. Von einem grellen Licht, das sie geweckt hat. Das Licht wird immer heller, deshalb glaubt Mathilde, ein Auto nähere sich. Obwohl kein Motor zu hören ist. Dafür schält sich aus dem Lichtkegel eine Gestalt: Nicht möglich, der gute, alte Knurri?
„Was machst du denn hier?“, stottert sie.
„Ich will euch warnen. Ihr müsst fliehen.“
„Es ist furchtbar. Die Menschen klauen uns den Wald.“
„Das ist falsch gedacht, Mathilde. Der Mensch ist wie wir. Wenn er eine Höhle zum wohnen braucht, baut er sie. Und zwar dort, wo er sich zu Hause glaubt.“
„Aber im Wald sind wir doch zu Hause.“
„Nicht mehr, Mathilde. Nicht mehr. Ihr müsst euch ein neues Zuhause suchen.“
„Und kannst du uns sagen, wo das sein soll?“
Aber in diesem Moment ist Knurri verschwunden, hat sich aufgelöst in dem Lichtkegel ohne zu antworten. Oder hat er doch etwas geknurrt? Hat Mathilde nicht so etwas wie „Denk an das Dorf jenseits der Hügel!“ verstanden?
Erschöpft von dem Stress, der letzten Wochen schläft sie wieder ein. Bis die Baumaschinen früh am nächsten Morgen den Restwald mit ihrem nervigen Sound beschallen. Mathilde ist sofort wach aber eigentlich noch todmüde. Wie eine Endlosschleife geht ihr im Kopf Knurris Satz herum: Denk an das Dorf jenseits der Hügel! Damit kann er doch nur den Ort gemeint haben, den ihr der alte Keiler gezeigt hat: Das Dorf ohne Menschen.
Die Tage vergehen und, es wird wärmer. Die Häuser wachsen in einem atemberaubendem Tempo. Schon stehen Möbelwagen auf den Straßen. Die ersten Menschen ziehen in ihre neuen Höhlen. Mathilde begreift, dass sie eine Entscheidung treffen muss. Wildschweine sind hier nicht mehr erwünscht.
Aber noch zögert sie, ihrer Truppe die Wahrheit zu sagen. Obwohl die längst ahnt, dass ihre Tage hier gezählt sind. Die Jagd auf die Wildschweine hat zugenommen. Die unkontrollierte Jagd. Jeder fühlt sich im Recht, wenn er Wildschweine tötet, von denen er annimmt, das sie ihn stören könnten. Ein ansteckendes Jagdfieber hat die Menschen gepackt. Boris hat schon eine Ladung Schrot in sein rechtes Hinterbein abgekriegt. Seitdem hinkt er wochenlang. In der Rotte verbreitet sich Panik, und je weniger Mathilde etwas dagegen tut, desto mehr schwindet ihre Autorität. Obwohl doch der alte Keiler so viel Hoffnung in sie gesetzt hat, weiß sie nicht, wie sie sich in dieser Situation verhalten soll.
Aber das ist klar: Knurri wäre von ihr enttäuscht. Sie ist eine Versagerin. Punkt!
In ihren hilflosen Gedanken spielt plötzlich die Vergangenheit wieder ein Rolle. Ringelpütz, der Mathilde überreden wollte, auf seinem Gnadenhof für alte Tiere ihre Tage zu verbringen, taucht darin auf. Schon ein wenig verblasst, aber immerhin. Was ist aus seinem Gnadenhof geworden? Haben nicht auch ihn die Bagger längst erreicht und überrollt?
Was Mathilde nicht ahnt - dass auch Ringelpütz oft an Mathilde denkt. Und sich sorgt, ob sie überhaupt noch lebt. Fast täglich geht er die Zeitung durch, ob da nicht folgende Meldung steht: Schlachtreifes Hausschwein im Wald zur Strecke gebracht. Aber vergebens, oder glücklicherweise, keine Zeile über Mathilde.
Im Revier der Wildschweine spitzt sich inzwischen die Lage zu. Jeden Morgen dröhnen die Maschinen wieder los. Und sie dröhnen immer lauter, weil die Maschinen immer näher kommen. Jeden Tag verschwindet ein Stück Wald.
Trotz der unruhigen Zeit beschließt Mathilde eine Reise in ihre Vergangenheit. Ihr ist klar geworden, da muss noch etwas bewältigt werden. Immer wieder quält sie die Frage: Wer bin ich?
Sie teilt ihrem Rudel mit, dass sie für ein, zwei Tage verschwinden muss. Boris, der umsichtige, ihr treu ergebene Keiler, wird sie auf dieser kurzen Reise begleiten.
Gewissermaßen als Faustpfand, dass sie wieder zurück kommen wird.



EIN LETZTER BESUCH

Mathildes erstes Ziel ist die Schweinemästerei von Ringelpütz, aus der sie einst der alte Keiler Knurri befreit hat. Als sie mit Boris durch das Gelände streift, hat sie den Eindruck, dass ihre Flucht schon eine Ewigkeit her sein muss. Auch das Gelände erweckt dieses Gefühl. Was sie sieht, sind leere, verfallene Hallen. Das Futtersilo, aus dem die Schweine einst gemästet wurden, hat ein Sturm oder die Zeit schief in die Landschaft gesetzt. Der Wind spielt mit dem Blech auf dem Dach, von dem sich einzelne Teile aus den Verankerungen gelöst haben. Jede Windböe erzeugt ein  lautes, knallendes Geräusch, als müsse danach die restlichen Gebäude in sich zusammen krachen. Aber nichts passiert. Nur immer wieder dieses fast rhythmische aneinander Schlagen von Blech.
Auch das alte Bauernhaus, in dem Olli mit Uschi wohnten, ist leer und verwahrlost. Nur ein paar Ratten fühlen sich vom Besuch der beiden Fremdlinge gestört und huschen Schutz suchend hinaus aus dem Haus, über den Hof in die Scheune. Mathilde kann nicht glauben, dass sie hier einen Teil ihres Lebens verbracht hat. Und als sie Boris von dem Schicksal der vielen Schweinen erzählt, die hier eng zusammen gepfercht ihr kurzes Leben erleiden mussten, will er das gar nicht glauben. Erleichtert, dass Ollis Schweinemästerei den Weg der Vergänglichkeit gefunden hat, nimmt sie endgültig Abschied von diesem Ort. Boris jagt noch übermütig einer Ratte hinterher, ohne sie zu erwischen. Die Ratten kennen jedes Versteck. Sie sind jetzt die Herren auf dem Gelände. Zu gern hätte Mathilde noch gewusst, warum hier nur noch der Wind durch leere Hallen pfeift. Aber wer soll ihr diese verrückte Geschichte erzählen?
Eines Tages fuhr ein großer schwarzer Wagen bei Ringelpütz vor. Ein Wagen mit getönten Scheiben, der wie ein Leichenwagen aussah. Ihm entstiegen zwei Männer, die mit ihren feinen dunklen Anzügen so gar nicht zu einem Schweinemastbetrieb passten. Olli ignorierte den ungewöhnlichen Besuch und blieb missmutig und einsam in seiner Küche hocken, denn Uschi schmollte noch immer irgendwo im Sauerland. Die Männer kamen in seine Küche und ohne Umschweife auf den Punkt: Ob Olli nicht das gesamte Gelände verkaufen wolle? Um den Preis nicht unnötig in die Höhe zu treiben, erklärten sie ihm, dass ein Schweinemastbetrieb doch heute keinen Gewinn mehr mache aber viel zu viel Arbeit.
Olli wurde hellhörig. Da steckt doch etwas anderes dahinter, sagte er sich. Er fragte die beiden deshalb knallhart, was der wahre Grund ihres Angebotes sei. Und schließlich ließ einer der beiden die Katze aus dem Sack: Der üble Geruch seiner Schweinemästerei passe nicht so ganz zu einem angrenzenden Neubaugebiet. Darüber hatte Olli Ringelpütz überhaupt noch nicht nachgedacht. Aber er witterte plötzlich Geld, viel Geld.
„Wie viel?“ hatte Olli gefragt.
„Was haben Sie sie denn gedacht, Herr Ringelpütz?“
„Ich habe zuerst gefragt“ erwiderte Olli. Die Herren zogen sich zur Beratung zurück, und nach einer halben Stunde nannten sie eine Summe im fünfstelligem Bereich.
Olli lächelte sie an und sagte: „Nein!“
Und so ging das eine ganze Weile weiter. Die Verhandlungen zogen sich hin. Die Herren nannten eine Summe und Olli schüttelte den Kopf. Nach einer Woche sagte Olli: „Ja!“
Da waren sie bei sage und schreibe einer Million Euro angekommen. Die Herren zahlten, Olli war seinen ungeliebten Schweinemastbetrieb los, kaufte Saubermann den Biohof ab und behielt noch eine Menge Geld für schwierige Tage. Das Wichtigste aber: Uschi erschien wieder, so rasch, wie sie eines Tages verschwunden war. Ollis schriftlicher Lockruf mit Bioladen, Ponyreiten und Gnadenhof hatte seine Wirkung nicht verfehlt.
Wie gesagt: Diese Geschichte kennt Mathilde nicht. Sie weiß nur, dass Olli sich neuerdings als Biobauer versucht. Auf Saubermanns überschaubaren Ländereien. Und die sind ihr nächstes Ziel. Sie will wissen, wie es Ringelpütz mittlerweile ergangen ist. Und sie will wissen, wie so ein Gnadenhof aussieht. Also, auf zur neuen Adresse von Olli Ringelpütz. Boris trottet hinter Mathilde her. Er weiß nicht, um was und wohin es geht.  
Auf dem Weg dorthin fragt sich Mathilde, ob Ringelpütz einen Biohof überhaupt bewirtschaften kann. Olli. der von der Natur keine Ahnung hat. Im Gegensatz zu Mathilde, die im Wald von den Wildschweinen inzwischen viel gelernt hat. Aber sie erinnert sich auch an den Tag, als sie nach ihrer Befreiung unwissend und ahnungslos im Wald stand, keine Pflanze kannte, die Bäume nicht unterscheiden konnte. Nicht wusste, wie sie ihren Hunger stillen sollte. Boris hat ihr damals geholfen. Boris war immer zur Stelle, wenn sie Hilfe brauchte. Und Boris ist auch jetzt wieder an ihrer Seite.
Das alles geht ihr durch den Kopf, während sie mit ihrem Freund dort ankommt, wo sie als Ferkel noch so richtig schweinemäßig - nämlich im Dreck herum zu wühlen – benehmen konnte. Doch nur bis zu dem Tag, als sich ihr Leben furchtbar änderte: Als Saubermann sie an Ringelpütz weiter gab, der sie kurzerhand in seinen Schweinemastbetrieb steckte. Und ihre Lebenszeit von da an so schrecklich kurz sein sollte.
Während sie und Boris am Rande des kleinen Tannenwaldes vorsichtig an den Biohof heran pirschen, um nicht gesehen zu werden, desto vertrauter wird ihr die Umgebung, um so mehr erinnert sie sich: An das Mädchen, das sie auf den Arm genommen hat, worauf sie, Mathilde, aus Angst jammervoll zu quietschen angefangen hatte. Und selbst an die großen Gemüsebeeten um den Biohof herum, an die Zweibeiner, die hier einkauften und ihren Kindern die Schweine zeigten, muss sie jetzt denken.
Aber je sie näher sie kommt, um so fremder wird ihr nun das einst vertraute Terrain. Denn hier gibt es keine Gemüsebeete mehr. Und das kleine Steinhaus, vor dem an manchen Tagen die Leute Schlange standen, um frisches Gemüse zu kaufen, ist verriegelt. Boris drängt auf Rückzug und deutet zum Gatter auf der Wiese, in dem seltsame Tiere grasen. Mit erhobenem Haupt beobachten sie die Umgebung und haben längst gewittert, das sich zwei Fremde auf dem Gelände herumtreiben.
Nie zuvor haben sowohl Boris als auch Mathilde diese Art Tiere, die groß wie Kühe sind, gesehen. Doch was bedeuten die Höcker auf ihrem Rücken? Warum hängt ihr Fell so zottig unordentlich an ihnen herunter? Und diese Haltung. Mathilde findet sie überheblich.
Was sie und Boris nicht wissen können: Ringelpütz hat die seltsamen Tiere von einem pleite gegangenen Zirkus übernommen. Sozusagen als Grundstock für den Gnadenhof, den Uschi unbedingt haben wollte. Und so grasen jetzt Kamele, Dromedare und Lamas dort, wo bei Saubermann früher biologische Salate, Mohrrüben und gewaltige Kürbisse wuchsen. Ringelpütz hat daraus einfach eine Wiese entstehen lassen, auf der auch weiß und rot gestrichene Gatter stehen, die auf Uschis ausdrücklichem Wunsch aufgestellt worden sind. Hier in den Gattern leben die Ponys, auf deren Rücken meistens Mädchen mit erregt freudigen Gesichtern sitzen. Hier hat sich Uschis Traum erfüllt: Ein Ponyhof!
Etwas abseits, auf einem letzten übrig gebliebenen Ackerstück, auf dem noch der sich selbst wieder ausgesäte Roggen wild zwischen Unkraut wuchert, ragt ein eigentümliches Gebilde aus Stroh, das mehrere Meter hoch ist. Mathilde muss mehrmals hinschauen, um aus dieser „Skulptur“ schlau zu werden. Strohballen sind hier so zusammen gefügt worden, dass sie mit viel Fantasie eine Schwein erkennen kann. Boris, das merkt Mathilde, sieht nur aufgetürmte Strohballen. Weiter nichts.
Als Mathilde sich noch näher an dieses Gebilde heran wagt, wird ihr klar, was das zu bedeuten hat: Eine Botschaft! Und als sie dann noch das Spruchband liest, dass sich quer über den Stroh-Schweine-Bauch spannt, ist ihr alles klar. Peinlich, peinlich! Ein Glück, dass Boris nicht lesen kann. MATHILDE, KOMM ZURÜCK! Wirklich, das steht da. Und jeder der lesen kann, soll es wohl lesen. Mathilde ist klar, wer auf diesen dämlichen Einfall gekommen ist: Ringelpütz!
„Wir hauen ab. Ich habe genug gesehen.“ Mathilde drängt auf Rückzug, bevor Boris neugierige Fragen stellt...
Aber plötzlich lautes Gekläffe. Kahn, der Hund von Olli Ringelpütz, schießt wie eine Rakete auf Boris zu. Und wenn er das Tempo einhält, dann wird er den Keiler glatt umhauen, denkt Mathilde. Näher und näher hechtet Kahn in wilden Sprüngen. Oh, oh, das sieht nicht gut für Boris aus. Mathilde ist hin und her gerissen, ob sie verschwinden oder Boris zur Hilfe kommen soll. Aber wie gelähmt bleibt sie stehen.
Boris jedoch hat die Gefahr längst erkannt. Seine Rückenhaare stellen sich kerzengerade auf. Ein Zeichen: Der Kampf kann beginnen. Kahn fletscht schon ihm Laufen seine Fangzähne und rennt blindlings Richtung Boris. Ein taktischer Fehler! Denn in dem Augenblick, in dem er auf den fremden Gegener trifft, vollführt das Wildschwein einen großen Schwung, und Kahn prallt mit voller Wucht auf die harte Flanke des Keilers.
Mathilde sieht, wie Kahn durch die Luft fliegt und ein paar Meter neben Boris auf dem harten Boden landet.
Zuerst Stille. Dann ein leises Bellen aus Kahns Schnauze. Und schließlich ein Winseln.
Mathilde ist erschrocken und voller Mitleid mit Kahn. Sie fühlt aber auch so etwas wie Stolz. Stolz auf Boris, den Tapferen, der ihr schon mehrmals das Leben gerettet hat. Wie, zum Beispiel, damals, als sie hilflos mitten auf der Straße zwischen den Scheinwerfern zweier Autos stand. Damals hat er sich mit voller Wucht gegen das dünne Blech der Autos geworfen. Heute hat er den wild gewordene Kahn gebändigt.
Mühsam kommt Kahn, Ollis geliebter Hund, wieder auf die Beine. Blickt sich benommen um und erkennt, dass sein Gegner mit aufgestellten Nackenhaaren auf den nächsten Angriff wartet. Aber Kahn ist kein dummer Hund. Er weiß, er hat keine Chance. Und so schleicht er sich sachte davon. Richtung Wohnhaus.
Auch Boris verlässt den Kampfplatz. Richtung Mathilde. Als er sie erreicht, haben sich seine Nackenhaare wieder gelegt. Boris ist die Ruhe selbst. Mathilde wirft noch einen letzten Blick auf das Strohgebilde mitten auf dem verwahrlosten Acker. Das soll ein Schwein darstellen? Vielleicht sogar Mathilde? Was hat sich Ringelpütz nur dabei gedacht?

Fortsetzung folgt.



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